|

Stage Four

Touché Amorés 2009 Debütalbum ‚…To The Beat Of A Dead Horse‘ klang genauso zerrissen und fragil wie es im Inneren von Sänger Jeremy Bolm aussah. Ein junger Mann mit Identitätsproblemen, auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz im Leben. Tragisch, zerhackt, hektisch und im positiven Sinne inkonsistent. Sieben Jahre später erscheint mit ‚Stage Four‘ das vierte Album der Kalifornier und zeigt eine ganz anderen Seite. Eine musikalisch stringentere, weniger experimentell wirkende aber gleichwohl emotionale mit einem Wechsel im thematischen Fokus. ‚Stage Four‘ bezieht sich nämlich nicht nur auf die Nummerierung der Alben oder die nächste Stufe in der musikalischen Entwicklung. Vielmehr beschreibt der Titel das Endstadium von Krebs. Der Krankheit, dem die Mutter des Sängers vor einigen Jahren erlag, während er mit seiner Band auf Tour war. Das Konzept des Albums ist demnach die Aufarbeitung vom Verlust und den eigenen Schuldgefühlen.

Wie bereits erwähnt wirkt das Album weit weniger verspielt und abstrakt als seine Vorgänger. Das Tempo ist bis auf den letzten Track durchgängig flott und schlägt punkigere Töne an, als man es von einer Post-Hardcore-Band wie Touché Amoré erwarten würde. Oftmals erinnert ‚Stage Four‘ vom Stil an Title Fight oder die letzte Veröffentlichung von La Dispute, ‚Rooms Of The House‘, die ebenfalls vom ursprünglich eigenwilligen Stil der Band abwich. Auf diese Weise entsteht ein überragender Kontrast aus energiegeladenen Gitarren-Riffs, Bolms vor Dramatik strotzender Stimme und den bewegenden Texten. Schon der erste Titel, ‚Flowers And You‘, stimmt den Hörer auf die Atmosphäre des Albums ein. Zu einem treibenden Schlagzeugtakt und schnellen aber bedrückenden Akkorden, offenbart Bolm seine Gefühlswelt und das ihn plagende Gewissen über verlorene Momente mit erschütternder Ehrlichkeit. ‚Just a simple conversation about nothing much at all, couldn’t keep me in the room, I just kept walking down the hall. But now I understand just what a fool I’d been. No matter what the context, I won’t have that time again (and I live with that).‘

Weiterhin beispielhaft für hohes Tempo und prägnante Texte steht ‚Palm Dreams‘, in dem Bolm sich fragt, was seine Mutter einst westwärts gezogen hat, während er ihren Nachlass durchgeht, wohl wissend, dass sie ihm die Antwort darauf für immer schuldig bleiben wird. ‚I dug through forty years all alone. On my own.‘ Ähnlich bewegend ist ‚Eight Seconds‘, das den Moment beschreibt, in dem Bolm die Nachricht über den Tod seiner Mutter erhält und diesen mit einem Auftritt vergleicht, für den er nicht geprobt hat. Der Song endet abrupt mit den Worten ‚She passed away an hour ago while you were on stage living the dream.‘ Die unmittelbare Wirkung dieser Worte und den daraus resultierenden Schuldgefühle dürfte niemandem verborgen bleiben. Einen anderen Weg geht ‚Benediction‘, das überwiegend auf cleanen Gesang und einen sehr eingängigen Refrain setzt. Hier hätten auch Bands wie Balance And Composure am Werk sein können. Der finale Track ‚Skyscrapers‘ weicht stilistisch vollkommen vom restlichen Repertoire und gänzlich allem ab, was die Band bisher abgeliefert hat. Statt harten Klängen und kreischender Stimme, untermalen hier ätherische Gitarren eine engelsgleiche Frauenstimme und einen mehr sprechenden als singenden Jeremy Bolm. Das Album endet mit der letzten Sprachnachricht der Mutter, kurz vor ihrem Tod, in der sie ihrem Sohn mitteilt, dass sie endlich das Krankenhaus verlassen durfte. Gänsehaut.

‚Stage Four‘ schafft es, mit seinen eingängigen Melodien und einem durchgängigen Narrativ über eine sehr emotionales Thema sowohl zu unterhalten als auch zu berühren. Zwar klingen die Songs weniger ausgefallen als noch zu Anfangszeiten der Band und weisen überwiegend eine klare Struktur auf, trotzdem fehlt es Touché Amoré auch bei ihrer vierten Veröffentlichung nicht an Kreativität und Originalität. Das beweisen nicht zuletzt Songs wie ‚Water Damage‘ und ‚Skyscrapers‘, die neue Wege einschlagen und auch beim Gesang vom Gewohnten abweichen. ‚Stage Four‘ ist in jeder Hinsicht ein großartiges Album und eine Elegie an einen geliebten Menschen, der plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Keine leichte Kost für einen Nachmittagsspaziergang, schließlich dürfte dieses Thema einen jeden bewegen, unabhängig davon, ob er ähnliches bereits durchlebt hat oder nicht. Doch der Herbst greift bereits um sich und schlägt mit seine grau-in-grauen Nägel in die Gemüter. Touché Amoré liefern mit ‚Stage Four‘ den passenden Soundtrack dazu.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar