Kategorie: review

Appetite For Democracy

Wer dachte, dass Guns N‘ Roses-Fans eine Menge Geduld brauchten, um 2008 nach 13 Jahren das (immer noch aktuelle!) Studioalbum „Chinese Democracy“ in den Händen zu halten, der wird mit „Appetite For Democracy“ eines Besseren belehrt. Denn der Konzertfilm aus dem Hard Rock Casino in Las Vegas wurde schon im November 2012 aufgezeichnet und ist der erste von Guns N’Roses seit über 20 Jahren. Zuletzt erschienen 1992, in dem Jahr, als Bill Clinton Präsident der USA wurde, die in Tokyo gefilmten „Use Your Illusion“-Konzertvideos.

Diese 22 Jahre sieht man in dem von Barry Summers produzierten Film vor allem Axl an. Tobte er damals als Posterboy im offenen Hemd und mit Schottenrock über die Bühne, wirkt er heute eher wie ein aufgedunsener Ex-Rockstar beim Fitnessprogramm. (In gewisser Weise trifft das ja auch zu.) Stimmlich aber ist er auf der Höhe, vielleicht sogar besser als ’92 in Tokyo. Störend sind allerdings die Soundeffekte, die seinen Gesang mitunter verstärken oder eher verzerren.

Die Setlist mit einer Netto-Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden enthält sämtliche Klassiker. Darunter sind Standards wie „Welcome To The Jungle“ und „Sweet Child O‘ Mine“, aber auch selten gehörte Meisterwerke wie „Estranged“ oder „Civil War“. Die furiose Version von „Live And Let Die“ gehört zu den Höhepunkten der Show, in denen nur die Covers von The Who („The Seeker“) und Pink Floyd („Another Brick In The Wall“) überflüssig sind.

Wer „Chinese Democracy“ nicht mochte, wird sich zwischen den alten Hits kaum an den „neuen“ Songs stören. Andernfalls sind besonders „Better“ und „Catcher In The Rye“ eine willkommene Ergänzung des Sets, das schließlich mit einem unbestreitbar hochklassigem Fünferpack endet: „Knockin‘ On Heaven’s Door“, „Nighttrain“, „Used To Love Her“, „Patience“ und „Paradise City“. Das sitzt!

Auf Slashs Rückkehr zu Guns N‘ Roses sollte niemand mehr warten. Angesichts seines großartigen Schaffens mit Myles Kennedy ist das auch nicht wünschenswert. Dass Slash ein integraler Bestandteil von Guns N‘ Roses war, wird insgeheim aber auch Axl einsehen. Vielleicht hat die Band deshalb inzwischen zwei Leadgitarristen. Auch ohne vergleichbaren Kultfaktor sind Ron „Bumblefoot“ Thal und DJ Ashba hervorragende Musiker. Nur Ashbas ständige Gesten in die Kamera nerven. (Auf BluRay gibt es „Appetite For Democracy“ in 3D, vielleicht war das der Anlass.)

Genau wie bei den Konzerten von Axl und Co., die regelmäßig mit deutlicher Verspätung beginnen, stellt sich nun bei der neuen DVD/BluRay die Frage: Hat sich das Warten gelohnt? Ja! Uumindest für Fans aufgeblähter, bombastischer Hardrock-Shows. Denn wenn es einen Abend gab, um die „neuen“ Guns N‘ Roses mit ihrem alten, extrovertierten Frontmann zu sehen, dann war es dieser. Das extralange Set lässt keine Wünsche offen und der Konzertfilm ist tatsächlich ziemlich unterhaltsam. Viva Las Vegas!

I Forget Where We Were

Was tut ein Newcomer, der ein einschlagendes Debütalbum rausgebracht hat? So schnell wie möglich – auf Druck der Musikkonzerne hin – eine zweite Platte rausbringen, solange der Hype um einen noch anhält. Und diese ist dann in der Regel kommerzieller als beim ersten Mal produziert. In der Regel. Eben diese Formulierung existiert nur dank solcher genialer, unverformbarer Künstler wie Ben Howard. Denn statt nach seinem Glanzstück ‚Every Kingdom‘ erwartungsgemäß noch eine Schippe Pop drauf zulegen, schaltet er mit ‚I Forget Where We Were‘ eher einen Gang zurück und widmet sich einer düsteren Seite, die wir bislang von ihm nicht kannten. Nun erscheint der Vorgänger eher wie eine poppige Antwort auf seine neue Perle, und irgendwie hätte die verdrehte Reihenfolge der Veröffentlichungen Musikmarkt-technisch mehr Sinn ergeben. Nicht so für Ben Howard, der in seiner Musik einfach macht, was er will. Genau dieses entscheidende Element des Songwritings merkt man jedem seiner zehn Titel an.

Bereits mit seinem im Trailer benutzten Opener ‚Small Things‘ erzeugt er mit viel Hall und Delay in der wimmernden Gitarre eine enorme mysteriöse Spannung. Trotz geringer instrumentaler Besetzung schafft sein unverwechselbarer Sound ein Volumen, welches sofort ganze Stadien füllt. Auch ‚Rivers In Your Mouth‘, das vom Tempo und Strumming stark an ‚Keep Your Head Up‘ erinnert, klingt im Vergleich dazu betrübter. Dennoch hat man auch hier das Gefühl, als würde man in kaltes Wasser springen und komplett abtauchen. Was noch charakteristischer für ‚Every Kingdom‘ war. Auch ist es kein Zufall, dass dessen Cover einen Mann – vielleicht auch unseren Ben – in einem See tauchend zeigt, über ihm das Sonnenlicht schimmernd. Nicht wie jetzt, wo eine schwarz-weiße Silhouette des Mannes aus London die Hülle prägt und thematisch diese etwas farblosere, trostlosere Welt von ‚I Forget Where We Were‘ stimmig aufgreift.

Nachdem er dann in ‚In Dreams‘ seine einzigartigen virtuosen Fähigkeiten offenbart, bei denen technisch höchstens ein John Butler mithalten kann, kommt an Stelle sieben eines der Highlights des Albums: nur mit zarter Gitarre begleitet beginnt das knapp achtminütige ‚End Of The Affair‘ als ruhigster aller zehn Songs, ehe er den Hörer nach der Hälfte aus seinem Trance ähnlichem Dämmerzustand auf einmal mit ratterndem Drumbeat und geslapt klingender E-Gitarre in eine neue, sich viel zu schnell drehende Welt weckt. Auch der Gesang verändert sich vom verträumten Spiel mit geschlossenen Augen zu einem zornigen Fluchen (

‚This is it?

[…]

What the hell love‘

).

Und obwohl Ben Howard schon so einen Hammer liefert, ist der beste Song von ‚I Forget Where We Were‘ der gleichnamige Titel. Schon lange gab es keine so schöne, zu Herzen gehende Akustik-Pop-Ballade. Mit anfangs reduzierten Mitteln, aber einer bewegenden Melodie rührt diese Nummer wirklich zu Tränen. Die emotionale Wucht wird im Nachhinein von verspielten, aber nicht überladenen Tom-Drums, mehreren Gitarren und einer sich aufbrausenden Bridge mit angenehm [i]nicht [/i]hervorstechendem Solo komplettiert.

Der momentan beste Singer Songwriter öffnete somit erneut seine Pforten. Statt eines naturverbundenen Abtauchens gibt es diesmal ein Versinken in eine nächtliche Melancholie. Jeder, der Ben Howard schon mal live erlebt hat, weiß, wie einfach es ist, in seiner Musik unterzugehen. Es ist wie ein akustisches Kissen, das dich weich von Song zu Song trägt. So auch hier, vor allem in intimen Momenten, wenn man ‚I Forget Where We Were‘ fast schon introvertiert genießt. Es ist nach ‚Stadtrandlichter‘ von Clueso bereits das zweite packende Nachtalbum innerhalb kurzer Zeit. Und zum Glück werden die Nächte immer länger.

Xen

Kanye West vertraute ihm ‚Yeezus‘ an, FKA twigs gab ‚EP2‘ und ‚LP1‘ in seine Obhut. Aktuell legt Björk die Geschicke ihres – offiziell noch unangekündigten – neuen Albums in die Hände des Produzenten, der gerade einmal halb so viele Lenze zählt wie sie selbst. Dass Alejandro Ghersi was kann, hat sich herumgesprochen – und wird sich aller Voraussicht nach noch bedeutend weiter herumsprechen, nachdem der Öffentlichkeit sein – mit Verlaub – vollkommen durchgeknalltes Debütalbum zu Ohren gekommen ist.

Arca nennt sich der venezolanische Sound-Guru, den wenige Monate zuvor noch niemand auf dem Zettel hatte, zu dem aufzuschauen aber offenbar nun das Gebot der Stunde ist. Mit ‚Xen‘ hat der erst 24-Jährige ein Debütalbum aufgenommen, das vor musikalischem Tatendrang geradezu strotzt und von seiner ersten Sekunde an so zukunftsweisend daherkommt wie sonst kaum ein Erstling. In anderen Worten: Wenn Arca nur wollte, könnte er die Gesamtheit seiner Ideen in einem großen Knall vereinen und damit alles stilistisch Dagewesene im Nu wegpusten. Das mehr oder minder strukturierte Kanalisieren seiner Einfälle jedenfalls scheint kaum mehr als ein nachsichtiges Zugeständnis an seine Hörer zu sein.

So ist also der letzte Schrei in Sachen Sounddesign polyphon, hält 40 Minuten an und hört auf den Namen ‚Xen‘. ‚Xen‘ ist das übergroße extraterrestrische, schillernde und zu allem Überfluss auch noch zirpende Insekt, das wir nie sehen wollten, das uns aber trotzdem in seinen Bann zieht. Seine futuristischen, den rhythmischen Gepflogenheiten entkoppelten Klangkaskaden türmen sich erhaben auf, um kurz darauf wieder in unzählige splittrige Elemente zu zerfallen, die sich ihrerseits ähnlich einer Sackfüllung Murmeln auf Marmorfliesen zu einer schwarmartigen Klangwolke vereinen. Die nächste Staffette wartet immer schon hinterm verkrüppelten Taktstrich an der nächsten Ecke, und mit ihr die nächste Ladung im wirklichen Leben nie gehörter Geräusche. Überhaupt schießt Arcas Repertoire an klanglichen Farben und Formen weit über das mit Worten Umschreibbare hinaus; seinen Architekturstil als ’spacig‘ zu bezeichnen, wäre schlechthin zu kurz gegriffen. Zumal ‚Xen‘ mit seinen androiden Nanosymphonien weitaus mehr als nur die Schwerkraft überwindet.

Anders als viele seiner Kollegen verzichtet Arca bei allem Avantgardismus recht weiträumig auf Knistern, Rauschen oder anderweitige klangliche Bindemittel; seine elektronischen Sounds stehen frei, verschaffen sich abstufungslos Raum und sind so spiegelblank wie das Glatteis, auf das sie ihren Rezipienten mit jeder neuen Sequenz weiter hinaustreiben. ‚Xen’s scheinbare Beliebigkeit gibt sich als durchtriebener Mechanismus zu erkennen. Heillos schlitternd gelangt man an einen Ort, an dem Arca einem die Naturgesetze einer anderen, kälteren Welt diktiert – und das so glaubhaft und echt, dass einem die Spucke wegbleibt, der Atem stockt und der Verstand aussetzt. Ein durch und durch – und das ist unter anderem auch wörtlich gemeint – fantastisches Album.

Black Moon Rising

Holla die Waldfee, was ist den bei Falconer los? Wurde auf dem letzten Album „Armod“ ausschließlich in schwedisch gesungen und etwas verhaltener gerockt, dafür mehr Wert auf Folk gelegt, setzt „Black Moon Rising“ beim Opener „Locust Swarm“ gleich ganz andere Akzente. Es regieren eindeutig die Gitarren, die die typischen Falconer-Melodien nach vorn peitschen. „2 Halls And Chambers“ setzt gleichartig nach und offenbart, dass sich Bandchef Stefan Weinerhall auf die harten, gitarrendominierten Wurzeln der Band orientiert und sogar hier und da die ein oder andere Referenz zu seeligen Mithotyn aufblitzen lässt.

Trotz aller Gitarrengewalt, Doublebass-Orgien und Melodieorkan thront der einzigartige Gesang von Mathias Blad über den Kompositionen, der den ohnehin fabelhaften Songs eine gewisse Magie verleiht.

„Scoundrel And The Squire“ versprüht den Charme des Debüts, „Wasteland“ knüppelt herrlich roh-melodisch wie die legendäre Altband des Meisters, noch nie zitierten Falconer so direkt in der eigenen Historie, ein perfektes Stück Nordland-Metal.

Selbstredend, das jeder Song, der hier aufgeführt werden könnte, Ohrwurmmelodien en masse bietet, musikalisch, kompositorisch und gesanglich über jeden Zweifel erhaben, mit majestätischen Refrains geschmückt und heroischer Atmosphäre ausgestattet.

Kurzum: „Black Moon Rising“ ist wohl das beste Falconer-Album seit dem Debüt resp. „Chapters from a Vale Forlorn“. Großes Kino!

Between The Stars

Auf dem vierten Album der einstigen Post-Grunge-Band Flyleaf gibt die neue Sängerin Kristen May ihr Debüt, nachdem Vorgängerin Lacey Sturm 2012 ihren Ausstieg bekannt gegeben hatte. Nachfolgerin May singt noch etwas glatter und juveniler als Sturm. Sie hat eine dieser Stimmen, mit denen man „American Idol“ gewinnt. Klanglich hat sich bei Flyleaf aber nur ein bisschen verändert.

Schon mit dem Opener „Set Me On Fire“ zeigt sich, dass Flyleaf ihrem Stil treu bleiben – mit dem teils schwermütigen, teils zerbrechlichem Gesang von May zwischen wuchtigen Refrains mit krachenden Hardrock-Riffs. Mitunter erinnert die Band dabei an Kollegen wie Halestorm oder Paramore.

Der Pop-Appeal ist auf „Between The Stars“ noch etwas höher als auf den ersten drei Alben. Mit Melodien wie bei „Magnetic“ oder „Sober Serenade“ hat man seinen Platz im US-Rock-Radio so gut wie sicher. Hingegen könnten „Blue Roses“ oder „Head Underwater“, in dem die Riffs fast abstinent sind, auch von einer Taylor Swift stammen. Das US-Radio liebt solche Songs. Von Post-Grunge kann natürlich längst keine Rede mehr sein.

Sängerin Kristen May ist der Star des Albums und wirkt, als wäre sie immer schon Frontfrau von Flyleaf gewesen. Die Band klingt durch den Neuzugang auch fast zehn Jahre nach ihrem Debütalbum immer noch frisch, aber auch jugendlicher. Die Marschroute scheint endgültig in Richtung Radio-Poprock zu gehen. Das klingt zwar gut, muss aber nicht jedem gefallen.

Randnotiz: Vor 40 Jahren veröffentlichten Supertramp ihr Meisterwerk „Crime Of The Century“. Zwischen dessen Albencover und dem von „Between The Stars“ gibt es erstaunliche Ähnlichkeiten. Zufall oder Absicht? Das ist nicht bekannt.

Throw Me In The River

Nomen est omen. The Smith Street Band ist quasi permanent auf den Straßen nicht nur ihres heimatlichen Kontinents Australien unterwegs. Gerade hat sie eine zum guten Teil ausverkaufte Europa-Tour inklusive mehrerer Deutschland-Gigs absolviert, zuvor durchquerte man gemeinsam mit Frank Turner Nordamerika. Äußerst bemerkenswert, was der Vierer aus Melbourne in den wenigen Jahren seit der Bandgründung 2010 erreicht hat. Immer on the road zum nächsten Keller-Club oder Festival-Gig war irgendwie auch noch Zeit, das dritte Album mit dem Titel ‚Throw Me In The River‘ aufzunehmen.

Mit dem Verweis, dass die Herren von The Smith Street Band gute Kumpel von Meister Turner sind, ist das Wesentliche eigentlich schon gesagt. Seine Fans werden die ihren sein. Wenn sie es nicht schon längst sind. Musikalisch sind sich beide Acts maximal nahe, teilen ihr Verständnis von Gitarrenrock und ihre Leidenschaft. Letztere ist Leitmotiv auf ‚Throw Me In The River‘. Dessen emotionaler Punkrock mit Folkattitüde geht direkt nach vorn und hat einen zwingenden Drive. Die Songs präsentieren sich in ganzer Fülle, für die alles rausgeholt wird, was in den Instrumenten und Verstärkern steckt. Ein jeder ist tongewordenes Herzblut. Allein beim Hören des Albums kann man die Schweißperlen der Musiker geradezu fließen sehen und die eigenen kaum zurückhalten. Vor allem Sänger Wil Wagner liefert bei Songs wie ‚East London Summer‘ richtig harte Arbeit ab, und wer bei Konzerten nicht mindestens so verschwitzt wie die Band vom Parkett geht, hat kein Herz.

‚Throw Me In The River‘ ist ein Album, dass die Lebensgeister beflügelt, Energien freisetzt, Menschen verbindet. Man möchte in Euphorie spontan den zufällig neben sich Stehenden umarmen und die alltägliche Gleichgültigkeit aus den Vorbeigehenden rütteln. Wenn sich also innerlich mal wieder das Gefühl der Abgestumpftheit breitzumachen droht – The Smith Street Band auflegen und Kraft tanken!

Derivae

‚Derivae‘ – das klingt ein wenig wie ein Verb aus dem Wortstamm des Derivats, des Abgeleiteten. Jedoch, wer hier wen oder was auf welche Weise ableitet, das ist ungefähr so greifbar wie das Albumcover oder die zugehörige Musik.

Schon auf ihrem Debutalbum veröffentlichten Nero Di Marte eine imposante Mischung, die wohl am Ehesten als progressiver Tech-Death bezeichnet werden kann. Komplexe Rhythmusstrukturen, sowie fast schon abwegig dunkle Harmoniegebilde, tiefst romantische Kadenzen, deren Düsterkeit sogar Sibelius hinterhergepfiffen hätte, wären sie an seinem verschneiten Café-Tisch im polarumnachteten Finnland vorbeigestöckelt. ‚Derivae‘ setzt diese Gangart fort; Abstrakte Songtitel wie ‚L’Eclisse‘ – die Schiene/ Verbindung, ‚Pulsar‘ – pulsieren oder ‚Il Diluvio‘ – die Flut kündigen surreale Lieder mit einer durchschnittlichen Spieldauer von acht Minuten an, deren Höreindruck bestens mit dem Albumcover harmoniert – einer schwarz-blauen Struktur, die ebenso einen Strudel im sturmgepeitschten Meer wie eine langgezogene Höhle in blau schimmerndem Licht darstellen könnte.

In jedem Fall eine runde Sache, ein Album, bei dem Cover, Texte und Musik, so surreal und schwer Greifbar sie auch sein mögen, eine saubere Einheit bilden und trotz allen Ablenkungen und Verwirrungen wunderbar harmonieren. Ein Album, das sich mit einigen bewussteinserweiteren Substanzen genauso kombinieren lässt, wie mit einem starken Kaffee im gemütlichen Sessel.

Pandemonium

Es ist der Musik gewordene Thor-Hammer aus dem brasilianischen Urwald, welcher dem Hörer seit der Beilegung der familiären Konflikte im Hause Cavalera schon zwei Mal mit Schwung übergezogen wurde. Sepultura und Soulfly sind wieder vereint, Thrash und Groove und eine ordentliche Portion Latin Vibes – das ist es, was diese Band, diese Familie zu einem einzigartigen Hörerlebnis macht.

Auch das neue Album ‚Pandemonium‘ reiht sich artig in diese Tradition ein, schon der Opener ‚Babylonian Pandemonium‘ greift dich an den Haaren und taucht dich in ein indigenes brasilianisches Klangerlebnis, mit lange nachhallenden basslastigen Trommeln und Stereo-Vollautomatik-Kreuzfeuer, das gekonnt in die Double-Base-Drum umschlägt, sobald der Hammer fällt und das für den paradoxen Titel recht geradlinige Gewitter losbricht. Ist Zeus-Lucifer Cavalera dann erst einmal am Blitze schmeißen, bringt ihn so schnell nemand davon ab mit seiner übermächtigen Vierseiter-ESP die Hölle zu heizen – in diesem Falle dauert es etwas über fünfzig Minuten und zwölf Tracks, bevor der gute Max und seine Krachmacher-Crew sich wieder beruhigt haben.

Kein Wunder, denn wer sein Album ‚Pandemonium‘ nennt, nach John Milton die Hauptstadt des Teufels, der muss Vollgas geben, um glaubwürdig zu bleiben. So klingt der Großteil der Lieder recht thrashig, auch wenn immer irgendwo ein unglaublich grooviges Riff durch den Kugelhagel bricht und daran erinnert, dass dieses Album trotz verstärktem Berimbau-Einsatz nicht das neue von den alten Sepultura ist. Apropos Berimbau: ‚Porra‘, als einziges Stück quasi semi-unplugged und entgegen des Titels überhaupt nicht scheiße, überzeugt durch den exzessiven Einsatz des eben genannten Einseiters, nebst den fetzigen Bongo-Beats und der Sitar-Hook. Ebenso zu erwähnen wäre noch der Track ‚Not Loosing The Edge‘, in dem sich der Midtempo-Refrain mit seinem klaren, brutalen Rhythmus auf den Ohren anfühlt wie die Takt-Pauke auf einer antiken römischen Galleere. Immer druff da!

Und weil ‚immer druff da‘ genau das ist, was die Cavaleras schon immer am Besten konnten, und weil ‚Pandemonium‘ zeigt, dass die Gebrüder es auch im Jahre 2014 noch drauf haben, muss man dieses Album einfach gerne haben, da gibt es gar keine Diskussion!

The Turn

Es ist schon eine Weile her, seitdem man etwas von der Formation Live gehört hat. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an Smash Hits aus MTV Zeiten wie „I Alone“ und „Lightning Crashes“, vom 95er Album „Throwing Copper“. Nun sind 8 Jahre seit dem letzten VÖ vergangen. Was ist derweil passiert? 2008 entschloss sich die Band eine längere Auszeit zu nehmen. Einige der Bandmitglieder gründeten andere Projekte, aber so ganz loslassen konnte keiner vom derweil vor 30 Jahren gegründeten Live-Projekt.

Das Problem der Band lag aber vor allem daran, dass der kompositorische Input der Songs von Live immer weniger von Chad Taylor (guitars), Chad Gracey (drums) und Patrick Dahlheimer (bass) beeinflusst wurde. Sänger und Frontman Ed Kowalczyk übernahm das komplette Songwriting und steuerte die Band in den Jahren weg von dem Sound, den Live eigentlich markant und einzigartig werden ließ. Dieser sehr einseitige Einfluss von Ed teilte die Fangemeinde in solche, die den eigentlichen Sound und Stil der 90er von Live liebten und die den Stilwechsel nicht verstanden und sich daher eher von der Band abkehrten und jenen, die einfach die Vocals von Kowalczyk liebten, ob nun die Solo-Kompositionen der 2000er oder die alten Stücke. Insgesamt führte das aber zu Differenzen innerhalb der Band, was darin endete, dass die Band Kowalczyk einfach rausschmiss.

Nunmehr überrascht die Band aber mit einem neuen Album und folglich mit einem neuen Sänger, dem Unified Theory Frontman Chris Shinn. Aber die Idee dazu kam schon früher. So entschloss sich die Band mit neuem Sänger schon 2012 Live wieder ins Leben zu rufen. Irgendwie schien nach Aussagen der Band „…die Magie alter Tage wieder da gewesen zu sein“. Es folgten Live Auftritte mit Everclear und Filter und in kürzester Zeit fand sich die Band samt neuem Sänger im Studio mit Produzent Jerry Harrison (The Talking Heads) wieder. Es begannen die Aufnahmen des achten Studioalbums.

„The Turn“ knüpft sowohl an alte Zeiten der Band an, überrascht aber mit einem doch eher anderen Stil. Insgesamt ist „The Turn“ als ein ordentliches Rock-Album zu betiteln. Tracks wie „Siren’s Call“, „The Strength to Hold On“ und „He Could Teach the Devil Tricks“ dominieren auf diesem neuen Album der Band und erinnern in der Melodielinie stark an das Vorgängeralbum „Throwing Copper’s“. Wer hier jedoch ein bomben starkes Comeback-Album erwartet, dem sei an dieser Stelle gesagt: Bitte nicht enttäuscht sein. „The Turn“ ist weder ein Album, dass an die 90er von Live anknüpft noch ein Album, welches wie damals durch Kowalczyk’s Stimme hervorsticht. Hit-Qualitäten fehlen dem Album genauso wie wirklich schlechte Songs. Es ist ein Durchschnittsalbum, welches von absoluten Rock-Profis komponiert und aufgenommen wurde.

Shinn’s Vocals sind markant hart, rauchig und erinnern an die gute alte Grunge-Ära. Dass hier ein neuer Sänger am Start ist wird vor allem bei „Siren’s Call“ und „The Strength to Hold On“ deutlich. Insofern könnte dieses Album durchaus in die 1995er Jahre transportiert werden und wäre dann sicherlich sehr erfolgreich auch ohne Kowalczyk.

Fazit: Live sind zurück, stilistisch an die Anfänge angelehnt, mit neuem Sänger, der zum neuen Stil passt, aber eben nicht Kowalczyk’s Vocals ersetzen kann. „The Turn“ ist für die heutige Zeit definitiv nicht gerüstet. Hörbar und eingängig aber auf jeden Fall. Den Tracks zu lauschen macht Spaß und wird nicht langweilig. Fans des Grunge-Sounds dürfen sich freuen, Fans von Live (nicht von Kowalczyk) ebenso. Live überrascht endlich wieder mit neuer Energie und wirkt härter und heavier als jemals zuvor.

The Eternal Rest

Durch eher einen Zufall in sozialen Netzwerken wurde whiskey-soda.de auf diese Band aus U.K. aufmerksam. Obwohl dies schon das zweite Album von Engraved Disillusion ist, ihr Debüt kam bereits 2011 raus mit dem Titel „Embers of existance“, scheint es so, als wenn die Metal-Welt bisher kaum Notiz genommen hätte. Doch tatsächlich ist das so, dass es in diesem Bereich zu viele Bands auf dem Markt gibt. Warum also jetzt? Weil sich der Stil dieser melodic death metal Band einfach mal geändert hat, und das so signifikant, dass der Stil einmalig in diesem Bereich ist.

Aber der Reihe nach: Produziert wurde die Scheibe vom Grammy nominierten Karl Groom (DragonForce & Threshold). Engraved Disillusion hielten sich ganze zwei Wochen im Juni diesen Jahres in den Thin Ice Studios in Surrey auf.

Das sensationelle Artwork des Covers von „The Eternal Rest“ wurde von keinem geringeren als Colin Marks vom Rainsong Design (Nevermore, Scar Symmetry and Sylosis) kreiert.

Das alles macht noch kein gutes Album aus, setzt aber schon einmal einen soliden Grundstein.

Engraved Disillusion haben aber seit ihrem Debüt-Album einen wichtigen Schritt getan, sie haben ihren Sänger ausgetauscht. Die Vocals der Band übernahm auf dieser Scheibe und vermutlich auch in Zukunft Matthew William Mead. Zudem kam ein neuer Bassist hinzu: Aaron Preston. Diese Änderungen hört man im Vergleich zum Debüt ganz deutlich. Die Band hat neue Soundelemente eingebracht und was für diese Scheibe entscheidend ist: Clean Vocals! Und das im Death-Metal?

Die Kombination von Clean Vocals gepaart mit Standard-Death-Metal-Riffs ist neu, ungewohnt, harmoniert aber in jeder Linie. Dazu kommen teilweise true metal Melodielinien sowie Songs, die wie im Progressive-Bereich sich bis zu 7 Minuten hinziehen können, und das, ohne langweilig oder nervend zu wirken. Diesen Effekt kennt man allerhöchstens von Fear Factory.

Guitarist Toby Stewart kommentiert das mal so:

„When we started writing the album we made sure to write exactly what we wanted to do even if it took us in some different directions to our other releases. We felt a bit tired of bands having to make the music people expect them to when they’re capable of a lot more. The initial word that we had in our heads when writing album was ‚epic‘. We wanted a huge melodic sound. We feel the songwriting has gone up another level and we’ve achieved exactly what we wanted to on this album.“

Kehren wir zurück zum Cover Artwork und hören uns im Vergleich die Songs an: Hier passt alles zusammen. Das Cover spiegelt die Gefühlslage der Songs perfekt wieder: Melancholisch, düster mit einem heavy aber melodischen Unterbau. Der Track „Lost“ sei hier als ein gutes Beispiel genannt. „Embrace the fire“ und „Into oblivion“ sind dafür typische mit power geladene death-metal Songs. Der letzte Song „The Eternal Rest“ ist das Highlight auf dem Album: 9 Minuten lang, startend leise mit Klavierelementen; beim Einsetzen der Gitarren fast schon ein unterschwelliges düsteres und depressives Musikfeeling, führt der Track einen zu einem soliden Metal-Song mit überwiegend Clean Vocals. Das ist dann kein death-metal mehr, das ist dann schon fast Kunst (würde der progressive Metal-Fan sagen).

The Eternal Rest ist sauber konzipiert und sehr gut produziert. Das Cover-Artwork passt zum Inhalt der musikalischen Atmosphäre. Mit diesem Album verwirklicht die Band ihren Namen und transportiert dem Hörer in eine Engraved Disillusion. Dieses Album hat Qualitätsmerkmale, die manch eine große und bekannte Band nicht aufweist. Zudem ist die Neuausrichtung so einzigartig, dass man die Band nicht in eine Genreschublade pressen kann. Eine Perle des Metals und es sollte nicht überraschen, wenn die Band demnächst einen Label-Deal bekommt.