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Pandemonium

Es ist der Musik gewordene Thor-Hammer aus dem brasilianischen Urwald, welcher dem Hörer seit der Beilegung der familiären Konflikte im Hause Cavalera schon zwei Mal mit Schwung übergezogen wurde. Sepultura und Soulfly sind wieder vereint, Thrash und Groove und eine ordentliche Portion Latin Vibes – das ist es, was diese Band, diese Familie zu einem einzigartigen Hörerlebnis macht.

Auch das neue Album ‚Pandemonium‘ reiht sich artig in diese Tradition ein, schon der Opener ‚Babylonian Pandemonium‘ greift dich an den Haaren und taucht dich in ein indigenes brasilianisches Klangerlebnis, mit lange nachhallenden basslastigen Trommeln und Stereo-Vollautomatik-Kreuzfeuer, das gekonnt in die Double-Base-Drum umschlägt, sobald der Hammer fällt und das für den paradoxen Titel recht geradlinige Gewitter losbricht. Ist Zeus-Lucifer Cavalera dann erst einmal am Blitze schmeißen, bringt ihn so schnell nemand davon ab mit seiner übermächtigen Vierseiter-ESP die Hölle zu heizen – in diesem Falle dauert es etwas über fünfzig Minuten und zwölf Tracks, bevor der gute Max und seine Krachmacher-Crew sich wieder beruhigt haben.

Kein Wunder, denn wer sein Album ‚Pandemonium‘ nennt, nach John Milton die Hauptstadt des Teufels, der muss Vollgas geben, um glaubwürdig zu bleiben. So klingt der Großteil der Lieder recht thrashig, auch wenn immer irgendwo ein unglaublich grooviges Riff durch den Kugelhagel bricht und daran erinnert, dass dieses Album trotz verstärktem Berimbau-Einsatz nicht das neue von den alten Sepultura ist. Apropos Berimbau: ‚Porra‘, als einziges Stück quasi semi-unplugged und entgegen des Titels überhaupt nicht scheiße, überzeugt durch den exzessiven Einsatz des eben genannten Einseiters, nebst den fetzigen Bongo-Beats und der Sitar-Hook. Ebenso zu erwähnen wäre noch der Track ‚Not Loosing The Edge‘, in dem sich der Midtempo-Refrain mit seinem klaren, brutalen Rhythmus auf den Ohren anfühlt wie die Takt-Pauke auf einer antiken römischen Galleere. Immer druff da!

Und weil ‚immer druff da‘ genau das ist, was die Cavaleras schon immer am Besten konnten, und weil ‚Pandemonium‘ zeigt, dass die Gebrüder es auch im Jahre 2014 noch drauf haben, muss man dieses Album einfach gerne haben, da gibt es gar keine Diskussion!

The Turn

Es ist schon eine Weile her, seitdem man etwas von der Formation Live gehört hat. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an Smash Hits aus MTV Zeiten wie „I Alone“ und „Lightning Crashes“, vom 95er Album „Throwing Copper“. Nun sind 8 Jahre seit dem letzten VÖ vergangen. Was ist derweil passiert? 2008 entschloss sich die Band eine längere Auszeit zu nehmen. Einige der Bandmitglieder gründeten andere Projekte, aber so ganz loslassen konnte keiner vom derweil vor 30 Jahren gegründeten Live-Projekt.

Das Problem der Band lag aber vor allem daran, dass der kompositorische Input der Songs von Live immer weniger von Chad Taylor (guitars), Chad Gracey (drums) und Patrick Dahlheimer (bass) beeinflusst wurde. Sänger und Frontman Ed Kowalczyk übernahm das komplette Songwriting und steuerte die Band in den Jahren weg von dem Sound, den Live eigentlich markant und einzigartig werden ließ. Dieser sehr einseitige Einfluss von Ed teilte die Fangemeinde in solche, die den eigentlichen Sound und Stil der 90er von Live liebten und die den Stilwechsel nicht verstanden und sich daher eher von der Band abkehrten und jenen, die einfach die Vocals von Kowalczyk liebten, ob nun die Solo-Kompositionen der 2000er oder die alten Stücke. Insgesamt führte das aber zu Differenzen innerhalb der Band, was darin endete, dass die Band Kowalczyk einfach rausschmiss.

Nunmehr überrascht die Band aber mit einem neuen Album und folglich mit einem neuen Sänger, dem Unified Theory Frontman Chris Shinn. Aber die Idee dazu kam schon früher. So entschloss sich die Band mit neuem Sänger schon 2012 Live wieder ins Leben zu rufen. Irgendwie schien nach Aussagen der Band „…die Magie alter Tage wieder da gewesen zu sein“. Es folgten Live Auftritte mit Everclear und Filter und in kürzester Zeit fand sich die Band samt neuem Sänger im Studio mit Produzent Jerry Harrison (The Talking Heads) wieder. Es begannen die Aufnahmen des achten Studioalbums.

„The Turn“ knüpft sowohl an alte Zeiten der Band an, überrascht aber mit einem doch eher anderen Stil. Insgesamt ist „The Turn“ als ein ordentliches Rock-Album zu betiteln. Tracks wie „Siren’s Call“, „The Strength to Hold On“ und „He Could Teach the Devil Tricks“ dominieren auf diesem neuen Album der Band und erinnern in der Melodielinie stark an das Vorgängeralbum „Throwing Copper’s“. Wer hier jedoch ein bomben starkes Comeback-Album erwartet, dem sei an dieser Stelle gesagt: Bitte nicht enttäuscht sein. „The Turn“ ist weder ein Album, dass an die 90er von Live anknüpft noch ein Album, welches wie damals durch Kowalczyk’s Stimme hervorsticht. Hit-Qualitäten fehlen dem Album genauso wie wirklich schlechte Songs. Es ist ein Durchschnittsalbum, welches von absoluten Rock-Profis komponiert und aufgenommen wurde.

Shinn’s Vocals sind markant hart, rauchig und erinnern an die gute alte Grunge-Ära. Dass hier ein neuer Sänger am Start ist wird vor allem bei „Siren’s Call“ und „The Strength to Hold On“ deutlich. Insofern könnte dieses Album durchaus in die 1995er Jahre transportiert werden und wäre dann sicherlich sehr erfolgreich auch ohne Kowalczyk.

Fazit: Live sind zurück, stilistisch an die Anfänge angelehnt, mit neuem Sänger, der zum neuen Stil passt, aber eben nicht Kowalczyk’s Vocals ersetzen kann. „The Turn“ ist für die heutige Zeit definitiv nicht gerüstet. Hörbar und eingängig aber auf jeden Fall. Den Tracks zu lauschen macht Spaß und wird nicht langweilig. Fans des Grunge-Sounds dürfen sich freuen, Fans von Live (nicht von Kowalczyk) ebenso. Live überrascht endlich wieder mit neuer Energie und wirkt härter und heavier als jemals zuvor.

The Eternal Rest

Durch eher einen Zufall in sozialen Netzwerken wurde whiskey-soda.de auf diese Band aus U.K. aufmerksam. Obwohl dies schon das zweite Album von Engraved Disillusion ist, ihr Debüt kam bereits 2011 raus mit dem Titel „Embers of existance“, scheint es so, als wenn die Metal-Welt bisher kaum Notiz genommen hätte. Doch tatsächlich ist das so, dass es in diesem Bereich zu viele Bands auf dem Markt gibt. Warum also jetzt? Weil sich der Stil dieser melodic death metal Band einfach mal geändert hat, und das so signifikant, dass der Stil einmalig in diesem Bereich ist.

Aber der Reihe nach: Produziert wurde die Scheibe vom Grammy nominierten Karl Groom (DragonForce & Threshold). Engraved Disillusion hielten sich ganze zwei Wochen im Juni diesen Jahres in den Thin Ice Studios in Surrey auf.

Das sensationelle Artwork des Covers von „The Eternal Rest“ wurde von keinem geringeren als Colin Marks vom Rainsong Design (Nevermore, Scar Symmetry and Sylosis) kreiert.

Das alles macht noch kein gutes Album aus, setzt aber schon einmal einen soliden Grundstein.

Engraved Disillusion haben aber seit ihrem Debüt-Album einen wichtigen Schritt getan, sie haben ihren Sänger ausgetauscht. Die Vocals der Band übernahm auf dieser Scheibe und vermutlich auch in Zukunft Matthew William Mead. Zudem kam ein neuer Bassist hinzu: Aaron Preston. Diese Änderungen hört man im Vergleich zum Debüt ganz deutlich. Die Band hat neue Soundelemente eingebracht und was für diese Scheibe entscheidend ist: Clean Vocals! Und das im Death-Metal?

Die Kombination von Clean Vocals gepaart mit Standard-Death-Metal-Riffs ist neu, ungewohnt, harmoniert aber in jeder Linie. Dazu kommen teilweise true metal Melodielinien sowie Songs, die wie im Progressive-Bereich sich bis zu 7 Minuten hinziehen können, und das, ohne langweilig oder nervend zu wirken. Diesen Effekt kennt man allerhöchstens von Fear Factory.

Guitarist Toby Stewart kommentiert das mal so:

„When we started writing the album we made sure to write exactly what we wanted to do even if it took us in some different directions to our other releases. We felt a bit tired of bands having to make the music people expect them to when they’re capable of a lot more. The initial word that we had in our heads when writing album was ‚epic‘. We wanted a huge melodic sound. We feel the songwriting has gone up another level and we’ve achieved exactly what we wanted to on this album.“

Kehren wir zurück zum Cover Artwork und hören uns im Vergleich die Songs an: Hier passt alles zusammen. Das Cover spiegelt die Gefühlslage der Songs perfekt wieder: Melancholisch, düster mit einem heavy aber melodischen Unterbau. Der Track „Lost“ sei hier als ein gutes Beispiel genannt. „Embrace the fire“ und „Into oblivion“ sind dafür typische mit power geladene death-metal Songs. Der letzte Song „The Eternal Rest“ ist das Highlight auf dem Album: 9 Minuten lang, startend leise mit Klavierelementen; beim Einsetzen der Gitarren fast schon ein unterschwelliges düsteres und depressives Musikfeeling, führt der Track einen zu einem soliden Metal-Song mit überwiegend Clean Vocals. Das ist dann kein death-metal mehr, das ist dann schon fast Kunst (würde der progressive Metal-Fan sagen).

The Eternal Rest ist sauber konzipiert und sehr gut produziert. Das Cover-Artwork passt zum Inhalt der musikalischen Atmosphäre. Mit diesem Album verwirklicht die Band ihren Namen und transportiert dem Hörer in eine Engraved Disillusion. Dieses Album hat Qualitätsmerkmale, die manch eine große und bekannte Band nicht aufweist. Zudem ist die Neuausrichtung so einzigartig, dass man die Band nicht in eine Genreschublade pressen kann. Eine Perle des Metals und es sollte nicht überraschen, wenn die Band demnächst einen Label-Deal bekommt.

The Forgotten And The Brave

Vor nicht ganz eineinhalb Jahren beglückten uns Owls By Nature mit ‚Everything Is Haunted‘, einem Album voller Herzblut und Schmiss. Das bediente zwar den gerade angesagten Folk-Hype, hatte aber seine persönliche Note und war überaus überzeugend. Wer sich, wie wir von Whiskey Soda, hat willig einnehmen lassen von dem munteren Fünfer, sah mit Vorfreude auf die Veröffentlichung des Nachfolgers ‚The Forgotten And The Brave‘.

Selbiger liegt nun vor und zunächst kommen uns Owls By Nature wieder mit ihrem energiegeladenen Folk’n’Roll entgegen. Der charakteristische Gesang von Ian McIntosh sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert und verfehlt seine Wirkung auch diesmal nicht. Darauf verlässt sich offenbar das ganze Erfolgskonzept der Kanadier. Die Stimme als Alleinstellungsmerkmal ist Strategie, ansonsten zielt das neue Werk auf Massenverträglichkeit ab. Folk bringt’s nicht mehr, also setzt man es jetzt auf einen möglichst radiotauglichen Sound an. Wenig überraschend, dass bei diesem Konzept der Sänger allein das Album nicht reißen kann.

‚The Forgotten And The Brave‘ hat einen wesentlich unpersönlicheres Kolorit als sein Vorgänger. Zunächst erregen Piano bzw. E-Orgel in ‚Darkness‘ nur ein wenig Irritation. Der Rockballaden-Anstrich von ‚Back Right Down‘ ist dann schon genauso anstrengend wie dessen Text mit seinem Versprechen, für die Herzensdame ein besserer Mann zu werden. Fast nahtlos zieht sich der schmachtende Pathos in ‚Honesty‘ hinein, der in einem arg gefühlvollen Hintergrundchor gipfelt. Sicher, auch das letztjährige Album war nicht nur im Galopptempo gehalten, aber die ruhigeren Tracks hatten da noch Tiefe und Charakter.

Hat man also das Schnulzental durchstanden, werden die Songs des neuen Albums zwar wieder zackiger, Piano und aufdringliche Melodielinien aber bleiben. Irgendwie wurden bei der Produktion die falschen Akzente gesetzt. Auch wenn im Gesang der gewohnte Elan zu verspüren ist, wird er doch konsequent ertränkt von schrecklich konventionellen E-Gitarren-Soli. Und auch in dem eigentlich so schön beruhigenden ‚Wrigley Field‘ stört das Gitarrengeklimper entlang des Strophengesangs und gibt dem Song eine unnötig nervöse Note.

Auf ‚Everything Is Haunted‘ überzeugten Owls By Nature noch durch Natürlichkeit. Die ist inzwischen einer Bemühtheit gewichen, die die Band eigentlich gar nicht nötig hat. Bleibt abzuwarten, ob sie mit dem nächsten Album auf der Suche nach dem nächsten angesagten Trend weiterschlingert. Oder es mit dem jetzt eingeschlagenen Weg ernst meint und ihm um ihre kurzzeitig verlorenen Zwanglosigkeit ergänzen kann.

Fumes

Ob sie das die nächsten Jahre durchhalten? Genau in Jahresfrist legen Lily & Madeleine mit ‚Fumes‘ den Nachfolger ihres Debütalbums vor. Freilich, es galt sich die zahlreichen Lobredner warmzuhalten, die den selbstbetitelten Erstling so wohlgesonnen aufgenommen hatten. Deren Zuspruch ist angesichts des beibehaltenen Produzententeams (Paul Mahern mit Hilfe von Kenny Childers) erneut so gut wie sicher. Und ja, wenn die beiden Schwestern aus Indianapolis jedes Jahr mit einem neuen Album aufwarten, ist für innere Wärme im Herbst gesorgt.

Denn sanft-süß geht es los auf ‚Fumes‘, mit dem einnehmenden Titelsong ganz in First Aid Kit-Manier. Allein der weibliche Doppelgesang dürfte Fans des schwedischen Schwesternduos aufhorchen lassen. Dann wird aber schnell klar, dass zum Timbre von Lily & Madeleine eine ganze Band-Instrumentalisierung gehört, die für einen sehr geradlinigen Country-Sound sorgt.

Der wirkt dank der bezaubernden Stimmen nicht angestaubt, aber doch recht herkömmlich. Wenige Tracks sind so atmosphärisch arrangiert wie ‚The Wolf Is Free‘ oder ‚Lips and Hips‘. Die beiden Sängerinnen könnten ihre Songs locker und viel besser allein tragen. Stücke wie ‚Can’t Admit It‘ zeigen das Potential, das in den reinen Kompositionen als akustische oder à capella steckt. Selbiges geht durch die Instrumentalisierung, wenn diese sich auch balladenhaft-zurückhaltend gibt, zu einem gewissen Grad verschütt.

Vielleicht ist dieses Urteil zu sehr My Bubba & Mi-beeinflusst. Aber ohne Bandbegleitung, mindestens aber ohne den oft nivellierenden Backbeat (auch, wenn er nur fingergeschnipst ist) wäre jeder einzelne Song der Platte ein viel stärkeres Stück Musik und durchaus aufsehenerregend. Somit ist ‚Fumes‘ dennoch ein gutes Album, wenn auch mit einer Tendenz zum Durchschnittlichen.

Scare Force One

Das Flugzeug des amerikanischen Präsident heißt „Air Force One“, das sollte jeder nicht erst seit dem gleichnamigen Harrison-Ford-Film wissen. Wenn eine Band also ein Album mit dem verballhornten Namen „Scare Force One“ veröffentlicht, auf dem sich zudem ein Titel namens „Sir, Mr. Presideath Sir!“ findet, sollte man dann USA-kritische Texte und Politik erwarten? Nein, natürlich nicht, denn bei der Band handelt es sich schließlich um Lordi, die finnischen Monsterrocker mit den spektakulären Bühnenoutfits, die sich auf ihrem achten Studioalbum wieder einmal zur Aufgabe gemacht haben, eingängigen Monsterrock zum Mitgröhlen unter die Leute zu bringen. Das ist das musikalische Equivalent zu einem Michael-Bay-Film: Hirn ausschalten und Spaß haben. Wer hier länger über Sinn oder Unsinn von Texten oder die doch überwiegend einfach gehaltenen Riffs und etwaigen musikalischen Anspruch nachdenkt, hat das falsche Album im Player. Lordi wollen mit ihrem Party- / Horror-Rock im Stil von Kiss oder Alice Cooper unterhalten, zum Mitgröhlen animieren und die abendliche Halloween-Party beschallen. Und das gelingt ihnen auch mit „Scare Force One“ wieder hervorragend. Dementsprechend ist die Veröffentlichung des Albums am 31. Oktober natürlich perfekt getimed: Mr. Lordi, „Amen“, „Ox“, „Hella“ und „Mana“ dürfen die Halloween-Nacht in ein buntes Gruselkabinett der Dämonen, Geister und untoten Rockstars verwandeln.

„Scare Force One“ beginnt nach dem Lordi-typischen Intro mit dem rockigen Titeltrack, und für einen Moment fragt man sich, ob das richtige Album eingelegt wurde, beginnt der Gesang doch mit aggressivem Schreien, das eher einer Deathmetal-Kapelle zu Gesicht stehen würde. Aber keine Angst, nach wenigen Sekunden setzt dann Mr. Lordis typischer Gröhlgesang ein, und vor weiteren Überraschungen ist der Fan dann auch die nächsten 50 Minuten gefeit. Das muss in diesem Fall nicht verkehrt sein. Lordi bleiben sich selbst treu: Schräge anspruchslose Texte über Dämonen-Freundinnen (‚She’s A Demon‘), das Zerstückeln bzw. Aufschlitzen gewisser Damen (‚Ten, nine, eight, seven / six, five, four / three, two, one, zero / that’s how you slice a whore‘ in ‚How To Slice A Whore‘), eingängige Rock’n’Roll- und Hardrock-Riffs mit ein paar Keyboard-Einlagen und preschenden Drums. Keine Experimente, keine innovativen Neuheiten. Aber wie gesagt, die braucht es für so ein Album auch nicht. Lordi ist keine Band für den anspruchvollen Progger oder Kulturliebhaber. Hier stehen Party und Spaß im Vordergrund, und beides bietet „Scare Force One“ zur Genüge.

Zwei kleine Instrumetalstücke lockern das ansonsten ohne wirkliche Balladen oder Softrocker auskommende Album auf, ansonsten wird von vorne bis hinten durchgerockt, gegröhlt und in die Saiten gedroschen, bis die Apokalypse vor der Tür steht und die Dämonen lautstark um Einlass bitten. Kein Song fällt besonders aus dem Rahmen, und das ist vielleicht der einzige wirkliche Kritikpunkt an Lordi und ihrem Monsterrock: Irgendwann zeichnen sich erste Abnutzungserscheinungen ab, irgendwann hat man das Gefühl, all das schon auf den vorherigen Platten genauso gehört zu haben. Aber hin und wieder möchten wir genau das haben. Wir sind als Kinder ja auch immer wieder mit der gleichen Geisterbahn gefahren. Beim Song über die unheimlichen Clowns (und mal ehrlich, wer findet Clowns [i]nicht[/i] unheimlich?) ‚Hell Sent In The Clowns‘ gibt es immer wieder kleine an den Zirkus erinnernde Keyboard-Einwürfe. Den Keys wird mit der seit dem letzten Album neuen „Hella“an den Tasten generell etwas mehr Platz eingeräumt, und so verfügt auch die eingängige Nummer ‚House Of Ghosts‘ über stimmungsvolle schaurig-schöne Keyboard-Passagen. ‚Who the hell you think you are, you fuckface?‘ fragt ‚My Name Is Monster‘, ein melodiöser Song, der nahtlos an alte Klassiker wie ‚Who’s Your Daddy‘ anschließt und sofort zum Mitsingen animiert. Fenster auf, Anlage aufdrehen und die Nachbarn wissen lassen, das Halloween ist!

Als Outtro nach dem letzten Song gibt es noch eine lustige Durchsage unseres Flugkapitäns, der uns aus gutem Grund zu Drinks einladen möchte. „Scare Force One“ beweist, dass nicht jedes Rock-Album innovativ sein muss, um Spaß zu machen. Lordi zeigen mit ihrem neuesten Streich wieder einmal, dass sie immer noch die „Erschrecker Macht Nummer Eins“ sind. Zumindest an Halloween.

Hang

Lagwagon – eine der vielen Skatepunk-Legenden aus dem Hause Fat Wreck Chords. So haben sich die Jungs schon vor Jahren fest in mein Musik-Hirn eingebrannt. ‚Überraschungen sind da wohl eher nicht zu erwarten‘, dachte ich, als ich vom neuen Album hörte. Neun Jahre sind seit dem letzten Album ‚Resolve‘ vergangen. Während sich viele ‚alte Helden‘ nach so langer Aufnahme-Pause oft an Altbewährtes halten, kündigte Lagwagon-Sänger Joey Cape im Vorfeld an, dass ‚Hang‘ anders klingen werde – dunkler, schwerer und insgesamt ernster. Siehe da, der gute Herr Cape hat nicht zuviel versprochen.

Lagwagon sind beinahe nicht wiederzuerkennen. Wie angekündigt klingen sie düster, irgendwie schwer, aber keinesfalls anstrengend. Vielmehr unternehmen die Skatepunker einen Ausflug in Rock- und Metalregionen á la Iron Maiden. Beim 6:11 Minuten langen (!) Song ‚Obsolete Absolute‘ gibt es zwar die typischen schnellen Skatepunk-Elemente, jedoch schweifen Lagwagon des Öfteren ab und lassen die Gitarren sprechen. Metalsoli, wie man sie sich nie von dieser Band hätte erträumen lassen. ‚The Cog In The Machine‘ ist auch so ein Song, der so gar nicht nach den Lagwagon klingt, die man bislang kannte, der den Amerikanern jedoch unglaublich gut steht. Eine Rocknummer mit fetten Gitarren und interessanten Drum-Akzenten, die jedoch noch immer irgendwie in jedes Tony-Hawk-Spiel passt. Beim Song ‚Drag‘ würde es mich nicht wundern, wenn Bruce Dickinson (Iron Maiden) beim nächsten gemeinsamen Festival mit auf die Bühne kommt. Gitarren und Gesangsmelodien sind genau seine Kragenweite.

Bei vielen starken Songs auf dem Album sticht einer wegen seiner immensen Bedeutung noch immer heraus. ‚One More Song‘ ist keinem Geringerem als Joey Cape’s besten Kumpel Tony Sly (No Use For A Name) gewidmet, der 2012 verstarb. Der Song ist jedoch nicht nur der Skatepunk-Ikone gewidmet, er selbst ist auch Teil des Songs. ‚One More Song‘ schöpft aus dem Schlussgesang von Sly’s Solotrack ‚LIVR Let Die‘. Tony habe ihn Joey Cape auf Tour vorgespielt und der nutzte die Stelle, die ihm im Kopf blieb, für seinen eigenen Song. Somit lebt Tony Sly auch auf diesem Album weiter und wird wohl nie in Vergessenheit geraten.

Lagwagon haben sich auf ‚Hang‘ viel getraut und das Experiment nach langer Pause ist geglückt. ‚Hang‘ ist ein Spagat zwischen Skatepunk und Metalnuancen. Entstanden ist ein Album, das frisch klingt und auch nach dem fünften Mal Hören nicht langweilig wird.

Honor Is All We Know

Rancid haben ein neues Album! Oder doch nicht? So richtig wollte ich nicht glauben, dass die Songs auf ‚Honor Is All We Know‘ nagelneu sind. Nun war eine Rancid-Platte noch nie eine Katze im Sack. Rancid sind so etwas wie die AC/DC des Punkrock: solide, rockt immer, obwohl nichts Neues. So verhält es sich auch mit dem ‚jüngsten‘ Werk, das gut und gerne auch der Nachfolger des 1994 erschienenen Albums ‚Let’s Go‘ hätte sein können. Typisches Rancid-Midtempo gepaart mit Sing-A-Longs und hier und da ein bisschen Ska zum tanzen. Der Opener ‚Back Were I Belong‘ drückt genau das aus, was die Platte ist: Rancid, wie man sie kennt und liebt. Punkige Tanzmusik mit groovigen Basslinien von Matt Freeman, der diesmal wieder mehr mitsingen darf, starken Backrounds von Lars Frederiksen und verschrobenen Gitarrensoli nebst lässigen Rap-Parts von Tim Armstrong, der mittlerweile lieber Tim Timebomb genannt wird. Die Scheibe hat alles, was sie braucht. Vom Hocker reißt sie jedoch nicht. Ein Effekt, der schon beim Album ‚Rancid 2000′ aufkam. Starke Songs, die zu 100% Rancid sind, dennoch poltern die Songs vor sich hin, ohne dass ich die Boots und die Lederjacke aus dem Keller holen will. Einzig ‚Malfunction‘ sticht ein wenig hervor. Ungewöhnlich brave ‚Yeah, Yeah’s‘ von Lars Frederiksen und ein Schellenkranz sorgen für einen kleinen Ausflug in die Rockmusik der 60er Jahre.

Bei der Produktion hat Brett Gurewitz (Bad Religion) womoglich lediglich den auf dem Mischpult schon markierten ‚Rancid-Knopf‘ gedrückt und der Rest läuft so wie es immer läuft. Die obligatorischen Ska-Songs des Albums sind auch eher Markenzeichen statt Innovation. Rancid klingen wie immer. Ob das nun gut oder schlecht ist, wird sich in der ältesten Musik-Debatte, seit es Alben gibt, wohl nie entscheiden. Wer ein Rancid-Album kauft, erwartet darauf echte Rancid-Songs. Die bekommt der- oder diejenige auch. Das ist so sicher wie die falschen Zähne von Dieter Bohlen. Wer Neues erwartet, sollte sich die Enttäuschung ersparen und sich woanders umsehen. Die alten Rancid-Platten werden immer rocken. ‚Honor Is All We Know‘ ist kein Pflichtkauf für Punk-Platten-Sammler.

Cobra Verde

Mit ihren Wurzeln in der Death-Metal-Szene in Rom entstanden Hideous Divinity nach dem Ausstieg von Bandgründer Enrico Schettino bei Hour of Penance, weitere Musiker in der Anfangsbesetzung waren Ex-Mitglieder der Science-Fiction-Metaller von Eyeconoclast. Mit ihrem Debütalbum setzen die Italiener Anfang 2012 ein Ausrufezeichen im Death-Metal-Untergrund. Das Konzeptalbum „Obeisance Rising“ basiert auf dem Science-Fiction-Film „Sie Leben!“ von John Carpenter, in dem Außerirdische unerkannt auf der Erde leben und Medien und Politik kontrollieren. Das interessante und in Zeiten von Wikileaks und NSA-Skandal mehr denn je aktuelle Thema überzeugte auch mit vielseitigen und ultraharten Technical-Death-Metal-Songs. Nach einer beinahe kompletten Umbesetzung nach der Veröffentlichung des Erstlings sind die Jungs nun mit dem erneut starken Nachfolger zurück am Start. Erneut hat das Quintett ein Konzeptalbum geschrieben, das auf dem Filmdrama „Cobra Verde“ von Werner Herzog beruht. In dem Film spielt Herzogs kongeniale Hass-Liebe Klaus Kinski den grausamen, in Ungnade gefallenen Gesetzlosen Cobra Verde und späteren Sklavenaufseher Manoel Da Silva, der zum Vize-König eines afrikanischen Stammes aufsteigt. Von dort aus plant er die Rache an seinen ehemaligen Weggefährten, letztlich scheitert er damit jedoch.

Die Songs orientieren sich an einzelnen Szenen, aber auch Stimmungen und Themen aus dem Filmdrama, ohne diesen im eigentlichen Sinne nachzuerzählen. Einzeln und sehr wirkungsvoll eingestreute Monologe aus dem Film unterstreichen Atmosphäre oder Thema. So beginnt ‚In My Land I Was A Snake‘ mit einem einblendenden Riff und einem Sample, in dem Kinski diesen Satz im Hinblick auf seine Vergangenheit als Outlaw sagt. Dann geht’s mit Vollgas mitten ins Geschehen, in ein technisch komplexes und äußerst vielseitiges Death-Metal-Album, das in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt und genau deshalb außergewöhnlich ist. „Cobra Verde“ ist schnell – aber nicht immer, das Album variiert das Tempo selbst innerhalb der einzelnen Songs sehr stimmig. „Cobra Verde“ ist ultrahart – aber keinesfalls einfallsloses Dauergeknüppel. ‚In My Land I Was A Snake‘ ist direkt ein sieben-Minuten-Kracher, bei dem das alles zutrifft und der am Ende mit einem düsteren Riff ausklingt, das in den nächsten Titel ‚The Sombre Empire‘ übergeht. Was auf dem ganzen Album ebenfalls sehr positiv heraussticht: ALLE Instrumente sind gleichberechtigt – und das merkt man vor allem auch an der Produktion. Selten haben auf einem Genre-Album wie diesem alle Musiker ihren Raum, den Bass von Stefano Franceschini hört man genauso wie die Lead-Gitarre von Antonio Poletti. Growler Enrico (abseits von der Musik Gesangslehrer) hält alles mit seiner variantenreichen Stimme zusammen. Der Titelsong ‚Cobra Verde‘ ist beinahe gruselig und baut mit wenigen, langsam gespielten Tönen auf der Gitarre, die von Blastbeats durchbrochen werden, eine unglaubliche Atmosphäre auf. „Cobra Verde“ ist der Banditenname von Da Silva aus seinem ersten Leben als Gesetzloser, einer skrupellosen Persönlichkeit, die der Song gelungen musikalisch reflektiert.

Der brutale 5-Minuten-Kracher ‚Sinister And Demented‘ ist ein weiterer Leckerbissen, technisch anspruchsvoll ohne prätentiös zu sein, mit ultra-brutalen Growls und Screams, Hammer-Riffs und Blastbeats, aber dennoch mit einem feinen Gespür für Melodik. Für die Gast-Vocals bei ‚The Alonest of The Alon‘ konnten die Italiener niemand Geringeren als Nile-Sänger Dallas Toler-Wade gewinnen. ‚Alonest Of The Alone‘ klingt bis auf die Wechselgesangs-Doppelspitze zunächst wie ein unscheinbarer, konventioneller Death-Metal-Song, was sich jedoch noch einigen Durchläufen ändert. Neben dem irrsinnigen Drumming und den düsteren Riffs bleibt vor allem der Text hängen, die auf die Einsamkeit da Silvas Bezug nimmt. Schnell ertappt man sich selbst dabei, unter der Dusche oder bei anderen Gelegenheiten „Alooooone“ vor sich hin zu growlen. ‚The Last And Only Son‘ ist ein Cover-Song von Ripping Corpse, der Untergrund-Legende aus der frühen US-Death-Metal-Szene der späten 80er. Ripping Corpse sahen ihren Kollegen von Morbid Angel und Immolation dabei zu, wie sie erfolgreiche Bands wurden, ohne selbst den gewünschten Durchbruch zu erleben. Bandleader Enrico ist ein großer Fan und holte sich bei Mitgliedern der nicht mehr existierenden Band persönlich den Segen ab, einen Song zu covern, der besonders von der Stimmung tadellos ins Album passt. ‚Adjinakou‘ ist einem afrikanischen Geisterwesen aus dem Film gewidmet und zeichnet eher ein musikalisches Bild als daß es eine Geschichte erzählt. Langsam, bedrohlich, dissonant – einmal mehr sehr stimmungsvoll. Die Stimmungen sind eine der großen Stärken des Albums, neben dem für ein Death-Metal-Album besonders lobenswerten Variantenreichtum. Trotzdem ist „Cobra Verde“ sehr homogen und hat einen sehr gelungenen Flow. Abgerundet wird das alles mit dem stimmigen Cover-Artwork, das eher aus dem Rahmen fällt. Mit dem geschwärzten Gesicht Da Silvas, Schlangen, Masken und zähnefletschenden Bestien weckt es aber dennoch Neugier auf das Album.

Wer seine tägliche Dosis Todesmetall also nicht zwingend mit Blut, Gedärmen und Pentagrammen braucht, sondern einen intelligenteren Zugang zu den Abgründen der menschlichen Seele schätzt, ist bei Hideous Divinity gut aufgehoben. Gore, Pentagramme und Zombies hat das derbe Quintett nicht nötig – ihre Musik und Message spricht auch ohne Klischees für sich! Fans der Todespharaonen von Nile, Suffocation, Hate Eternal oder den frühen Decapitated werden „Cobra Verde“ lieben. Auch gab Songwriter Enrico im Interview mit uns an, beim Schreiben des neuen Werks stark von Ulcerate aus Neuseeland inspiriert worden zu sein, mit der die Band wenn auch nicht den Post-Metal-Touch, so mit Sicherheit jedoch einen gewissen progressiven Ansatz bei ihrem Death-Metal teilt. Fazit: Absolut klischeefreier aber astrein-brachialrer Brutal-Death-Metal. Buon Appetito!

The Negatives

Cruel Hand sind wieder da. Die New Yorker eroberten in den vergangenen Jahren so manchen Club in Deutschland mit fiesem und schwerem Oldschool-Hardcore. Meist als Vorband für größere Namen überraschten die New Yorker mit ihrer Energie und machten sich schnell einen namen. Nun steht „The Negatives“ in den Läden. Das mittlerweile vierte Studioalbum überrascht jedoch mit punkigen Klängen. Keine Angst, Cruel hand werden nun nicht zu Pop-Punkern à la Simple Plan. Härte und schwerer Gitarrensound sind noch immer die Markenzeichen der Band. Allerdings versucht sich Shouter Chris Linkovich immer wieder als Sänger, was ihm durchaus gelingt. Er bringt Melodie in die Hardcore-Songs. Dabei bleiben Cruel Hand oldschoolig und versuchen nicht, durch ausschweifende Clearvocal-Parts ihr Image zu ändern. Die Gesangsparts bleiben rau und lassen einen das ein oder andere Mal sogar an einen James Hetfield denken. Auch die Gitarrensoli tun den ansonsten fiesen und brutalen Songs gut. Sie schwächen die Songs nicht ab, sondern lassen Zeit zum durchatmen und bereichern das Album. Die Hardcorer beweisen auch bei der Struktur der einzelnen Songs Qualität. Nun ist nicht alles auf dem Album virtuos und unvorhersehbar, jedoch können Cruel Hand den Hörer doch ab und zu überraschen. Punk, Hardcore und eine Prise Thrash Metal machen „The Negatives“ abwechslungsreich. Am meisten überrascht wohl der Song ‚Unhinged – Unraveled‘, der die genannten Elemente des Albums wohl am deutlichsten verbindet. Metal-Refrain, Punk-Melodien in der Strophe und harte Bridges, die den Song durchweg funktionieren lassen.

Cruel Hand klingen auf „The Negatives“ neu, frisch und alles andere als langweilig. Sie experimentieren, ohne sich selbst neu zu erfinden und unglaubwürdig zu werden. Cruel Hand sind heutzutage eine der authentischsten Bands der New-York-Hardcoreszene. Weil sie anders klingen als Agnostic Front, Madball und Co, weil Cruel Hand es nicht nötig haben zwischen jedem Song fünfmal darauf hinzuweisen, dass sie aus New York kommen, weil sie sich was trauen und sich dadurch weiterentwickeln, statt sich auf alten Lorbeeren auszuruhen und musikalisch zu stagnieren. Vielleicht ist es Zeit für ein neues, zusätzliches Aushängeschild des New-York-Hardcore. Cruel Hand haben das Zeug zu diesem Aushängeschild.