Kategorie: review

Once in a Deathtime

Seit 1983 und neuen Studio-Alben gehen Flotsam And Jetsam unbeirrt ihren Weg. Sie spielen Thrash Metal mal lupenrein, mal mit progressiven Elementen, mal mit einer Industrial-Kante. Hauptsache sie sind mit sich selber im Reinen. Darüber hinaus hauen die Jungs aus Phoenix eigentlich auf jeder Scheibe ein oder zwei wirklich gute Songs raus und auf der Bühne lohnt sich die Zeitreise meistens auch. So auch im Fall der Live-DVD „Once in a Deathtime“ (Metal Mind Productions) – welch blöder Titel.

Die zwölf Songs sind auf einem Festival in Katowicz in Polen 2008 aufgenommen und präsentieren sich in einem druckvollen Live-Sound, der keine Fragen aufkommen lässt, ob er wirklich live ist. Die Bildqualität ist real, keine Fakes, keine technisch unsinnigen Spielereien sind auszumachen. Die Performance um die beiden verbliebenen Originalmitgliedern Eric A.K. und Edward Carlson ist manchmal ein wenig hüftsteif, kommt mit Ausnahme von Schlagwerker Craig Nielsen ohne übermäßig viel Action aus. Dafür ist der spielerische Moment umso präziser. Man merkt, warum sich Flotsam And Jetsam mit ihren ersten beiden Alben einen Namen im Thrash Metal gemacht haben. Die Antwort, warum sie nicht so durchgestartet sind, wie viele ihrer Kollegen und inzwischen als Kult-Band gehandelt werden, bleiben sie schuldig.

Ein Kult namens Flotsam And Jetsam

Neben den alten Klassikern wie „No Place for Disgrace“ und „Doomsday for the Deceiver“ fallen die neueren Kompositionen klar ab, aber nicht ins Bodenlose. So bleibt das musikalische Niveau gleichmäßig hoch. „Me“ kommt ebenso energiegeladen rüber, wie das Lard-Cover „Fork Boy“ oder „I Live, You Die“.  Vor der Bühne recken doch eine Menge Metalheads die Fäuste in Richtung Band und bei „Hammerhead“ gibt es sogar so etwas ähnliches wie einen Circle Pit.

Im Großen und Ganzen ist „Once in a Deathtime“ ein gelungener und vor allem authentischer Live-Mitschnitt einer Band, die nie aufgeben hat, an sich zu glauben und dabei nicht einen einzigen Trend mit gemacht hat. Dafür ein großes Lob an Flotsam And Jetsam. Eine lohnende DVD, die es auch in der Kombi mit CD gibt.

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The Last Sucker

Ist mit „The Last Sucker“ (12th Planet Records) das Kapitel Ministry jetzt endgültig abgeschlossen? Spuckt Waldschrat Al Jourgensen nie wieder Gift und Galle, verhöhnt Politiker und das reaktionäre Amerika? Man kann es gar nicht glauben. Zum Glück kommen Ministry im Sommer noch ein letztes Mal auf Tour, damit wir Unwürdigen einstimmen können in den Abgesang des Morgenlandes.

Seit dem Anti-Bush-Statement „House of the Molé“ von 2004 geht Jougensen mit Ministry den sicheren Weg weiter, er greift auf Versatzstücke und Sound aus den guten Tagen zurück. An allen Ecken und Kanten ist „The Mind Is a Terrible Thing to Taste“, „Psalm 69“ und „Filthpig“ heraus zu hören. Ministry bewegen sich in Schallgeschwindigkeit und wenn man mal eine Pause braucht, dann walzen sie in ihrer Hasskampagne einfach alles nieder. So im Vorgänger „Rio Grande Blood“ wie auch auf „The Last Sucker“

War beim letzten Album noch Tommy Victor von Prong noch stark ins Songwriting integriert, ist es jetzt Sin Quirin. Victor stellt mit fünf Ausnahmen meist nur seine Gitarrenarbeit zur Verfügung. Dasselbe gilt für Killing Jokes Paul Raven, der letzten Oktober überraschend das zeitliche segnete (R.I.P.). Fear Factorys Burton C. Bell gesellt sich für drei Kooperationen ebenfalls noch dazu. Highlights sind das punkig hymnische ”Die in A Crash“ und das manische ”End of Days Pt.2“.

„The Last Sucker“ ist ein typisches Ministry-Album geworden, schneidende, manchmal fette Gitarren, Stakkato-Drumming und Jourgensens Hasstiraden. Manch einer wird es für langweilig halten, aber was von Ministry erwartet wird, das wird geliefert. Mit diesen elf Songs wird Ministry in sehr guter Erinnerung bleiben, sofern dies wirklich das letzte Wort Al Jourgensens ist.

Dynamo Classic Concerts 1991

Auf den Höhepunkt der Karriere sollte eine Band abtreten, um in guter, unvergesslicher Erinnerung zu bleiben. Diese Weisheit gilt besonders dann, wenn Auflösungserscheinungen den Stern zum Sinken zwingen. Wer will schon enden wie die Heavy Metal-Klapse Metallica? Leider ist der Name Metal Church auf dem besten Weg dorthin.

Nach der peinlichen „Masterpeace“-Reunion, zwei weiteren enttäuschenden Reanimationsversuchen seitens Kurdt Vanderhoof und noch peinlicheren Konzerten in 2007, sind die zwölf Songs vom Dynamo 1991 eine Wohltat für die Ohren und für das Herz. Denn dieses schlägt für Metal Church, wenn es um authentischen, energiegeladenen Heavy Metal geht. Auf der Höhe ihres Schaffens servierte das Power Metal Quintett aus Seattle einen Auftritt, der beweist, das Metal Church einer der großen Metal Bands waren.

Mit der wohl besten Rhythmusmaschinerie, Kirk Arrington und Duke Erickson, und einem der besten Metal-Sänger, Mike Howe, feiern Metal Church die Highlights ihrer ersten vier großartigen Alben ab, die allesamt zu Klassikern geworden sind. Ob der Power-Song „Date with Poverty“, das ausdrucksstarke „Fake Healer“ oder der Speed-Kracher „Ton of Bricks“ als auch die absoluten Klassiker „Beyond the Black“ und „Metal Church“, alle zwölf Songs sorgen für Gänsehaut. Unterstützt wird das Video-Dokument durch einen guten bis sehr guten Sound und eine spannende Regie. Die sorgt dafür, dass die vortreffliche Live-Action, soweit das überhaupt möglich ist, im Wohnzimmer ankommt. Das i-Tüpfelchen ist die Authentizität der Band: Stretch-Jeans, weiße Turnschuhe, tupierte Harre und Lederjacken. Das ist Heavy Metal!

Einzig die Aufmachung der DVD ist ziemlich mau, eigentlich nicht vorhanden und das Artwork ist so uninspiriert wie es nur geht. Dass beim letzten Song „Metal Church“ fast nur das überflüssige Feuerwerk gezeigt wird, ärgert ungemein und sorgt für einen Punktabzug. Ansonsten ist dieser Live-Mitschnitt ein Must-have für jeden Headbanger.

Homepage von Metal Church

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Heirat aus Hass/Scheidung aus Spass

Welch ein Lärm bricht mit Poostew aus den Lautsprechern, Grindcore der ganz heftigen Sorte. Ohne Platz zum Atmen zu lassen, rasen sie durch die vier Lieder der Split-MCD namens „Heirat aus Hass/Scheidung aus Spass“ mit den Japanische Kampfhörspielen. In sechs Minuten sind Poostew fertig, womit sie fast 60 Prozent des Songmaterials für sich einnehmen. Poostew gehen wie die Kollegen technisch versiert zur Sache, lassen aber die Originalität ein wenig außer Acht. Nicht so schlimm, wäre da nicht der nervtötende Snare-Sound, der sich wie der Boden eines 20-Liter-Farbeimers anhört. Zum Glück fällt das bei dem Geprügel nicht so auf. Trotzdem sind Poostew nicht der Gewinner dieser Split-Veröffentlichung, sind aber wegen der Abwechslung unabdingbar.

In den acht Jahren des Bestehens der Japanische Kampfhörspiele sind aus den zwei Lärmfetischisten Christof und Klaus eine sechsköpfige Familie geworden. Immer wieder begeistern JaKa mit technischem als auch eingängigem Lärm. Ihre Songs sind kurz und prägnant und bleiben ausnahmslos im Gehör hängen. Wild drauf los prügeln ist nicht die Sache JaKas, sondern originelle Ideen in ihre Musik einzubauen, um ja nicht ein Teil der Masse zu sein ist ihr Ding. Auf der einen Seite möchte man sofort alles in Schutt und Asche legen, doch dann würde man die vielen kleinen Dinge, die JaKa ausmachen, nicht mitkriegen. Also den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufdrehen und konzentriert lauschen. Der wieder mal absolut großartige Sound erlaubt dies ohne weiteres. Nur so entfalten die Kompositionen ihr facettenreiches Licht.

http://www.japanischekampfhoerspiele.de

http://www.silentstagnationrecords.com/

From Mars to Sirius

Mächtig stampfend und bombastisch kommt das dritte Album „From Mars to Sirius“ (Listenable Records) der Franzosen Gojira daher. Wie eine Mischung aus Achtziger-Jahre Progressive Metal und Fear Factory gehen Gojira 66 Minuten lang zu Werke. Dem fetten und harten Sound ist es zu verdanken, dass sich das Qaurtett aus Frankreich über dem Metal-Durchschnitt positionieren können.

Abenteuerlich ist das richtige Wort, um die Strukturen der zwölf Songs zu beschreiben. Ihr eigenes Strickmuster wenden Gojira sehr konsequent an, verlieren dabei oft an Spannung, da zu oft das Gefühl aufkommt, es wiederholt sich vieles. Das Double-bass Geballer geht einem nach dem fünften Song ziemlich auf die Nerven. Da müssen die Jungs flexibler werden. Sie können es ja besser, wie sie bisweilen unter Beweis stellen. Als positiv ist ebenfalls zu vermerken, dass sie sich zwar esotherischen und science fiction-mäßigen Inhalten hingeben, dies aber nicht zu einem Image stilisiert. Deshalb wirken Gojira relativ frei von Klischees, bodenständig und sympathisch. Dasselbe gilt auch für das etwas andere Artwork.

„From Mars to Sirius“ ist ein Album, dass nicht die vorgearbeiteten Pfade der Musikindustrie beschreitet, sondern versucht, etwas eigenes darzustellen. Dies klappt zwar nicht immer, ist aber immer noch besser als der derzeitige Metalcore-Einheitsbrei.

Homepage von Gojira

 

Anomalies

Highspeed, Breaks und Akustikgitarren sind die Bestandteile des Cocktails, den uns Relapse Records regelmäßig anpreisen. Oft bedeutet dies aber außer Hektik und fehlenden Songstrukturen nicht viel mehr. Cephalic Carnage bedienen sich zwar genau dieser Versatzstücke, doch schaffen sie es, auf „Anomalies“ (Relapse Records) richtige Songs daraus zu machen

Insgesamt bedeutet das, dass der Hörer die zwölf Songs ohne weiteres auch unterscheiden kann. Dabei fallen sogar Parts auf, die man als sehr gelungen bezeichnen kann. So haben zwei, drei Stücke richtig gute Riffs, mal hyperschnell, dann langsam, aber treibend. Das andere Mal sind diese hoch musikalisch, aber selten übertrieben hektisch oder gar aufgesetzt. Weniger ist halt doch meistens mehr. Bestes Beispiel ist „Piecemaker“ mit seinem treibenden Riffs

Herausragend strukturiert ist der letzte Track „Ontogony of Behavior“, der eine bedrohliche Atmosphäre mit passend abgestimmten Blast-parts verbindet. Hier haben Cephalic Carnage ihre Lektion bei Neurosis gelernt. Death hört man ebenfalls des öfteren heraus. Allgemein nervt aber das verzerrte, gutturale Grunzen. Das passt nicht zum ansonsten hohen Niveau von Cephalic Carnage. Dafür ist das Cover-Artwork recht gelungen und fängt die musikalisch Stimmung bestens ein und kommt doch ohne Blut und Kadaver aus.

Als gelungen kann ist der vierte Longplayer von Cephalic Carnage trotzdem bezeichnen. Er spielt mit vielen Versatzstücken des Extreme Metals, bleibt aber nachvollziehbar und genießbar. „Anomalies“ ist anstrengend, im positiven Sinne.

Homepage von Cephalic Carnage

Offer Resistance

Mit fünf Longplayern und einer Split-Single mit der New Yorker Hardcore-Legende Cause For Alarm sind Miozän einer der langlebigsten und aktivsten Hardcore-Bands in diesem Land gewesen. Musikalisch stark vom US-Hardcore der frühen Tage beeinflusst, wussten die Jungs aus der Lüneburger Heide nicht nur Szene-immanente Kritik in ihre Musik einzubinden. Politik und der Kampf gegen Ungerechtigkeiten wie Rassismus, Sexismus und Speziesmus waren Selbstverständlichkeiten.

Zur Vervollständigung der Geschichte der Hardcore-Kämpfer wird posthum das „Offer Resistance“-Demo-Tape auf Vinyl mit Klappcover veröffentlicht. Die acht Hardcore-Kracher von 1992 bedeuten gleichzeitig das Highlight im Schaffen von Miozän, das nur noch von der „Nothing Remains“-10-Inch wieder erreicht wird. Nachfolgende Kapitel wie I Defy, Souls On Fire oder About Face können diesen Aufnahmen nicht das Wasser reichen. Die kämpferische und positive Ausstrahlung des Demos mündet in fast grenzenlose Energie, wie sie nur wenige Bands einfangen können.

Die Wiederveröffentlichung beinhaltet auf der ersten Seite die Demo-Tracks in sehr guter Soundqualität und auf der zweiten Seite präsentieren Miozän ihre Live-Qualitäten in adäquaten Sound. Die neun Live-Stücke sind roh und gehen ausschließlich nach vorne los. Darunter zwei Cover-Songs von Uniform Choice und Minor Threat, die verdeutlichen, was Miozän ausmachte und worum es ihnen ging. Sie wollten die einmalige Atmosphäre etlicher großartigen Hardcore-Bands der frühen Achtziger einzufangen.

Choice Cuts

Mit „Choice Cuts“ (Earache Records) gibt es acht Jahre nach der Auflösung und fünf Jahre nach der von der Band nicht autorisierten Wiederveröffentlichung ihres Back-Katalogs, das Vermächtnis der Grindcore/Gore Metal Ikone Carcass in Form einer Best of-Compilation. So wegweisend und genial die Liverpooler um den ehemaligen Napalm Death Gitarristen Bill Steer auch waren, so nichts sagend und lieblos ist dieser Sampler.

13 typische Carcass-Songs von den insgesamt fünf Longplayern und zwei EPs werden in ursprünglicher Form präsentiert, die eh schon jeder Fan von Exhumed und Co. haben dürfte. Bis hierhin man diese Veröffentlichung man überflüssig abtun, wenn es nicht die beiden BBC Radio 1 Peel Sessions von 1989 und 1990 in Form von acht wüsten Krachern mit dazu geben würde, die den einzigen Reiz dieser CD ausmachen. Auf der Kaufvariante soll es noch Interviews geben, was leider nicht zu verifizieren ist. Das Artwork wirkt ebenso ein wenig einfallslos hingeschustert und erreicht nicht den schlecht-genialen Geschmack der offiziellen Carcass-Cover-Artworks.

Das ganze Projekt ist dann auch mehr Leichenflätterung durch Earache als ein adäquates Vermächtnis der englischen Trendsetter. Besser hätte man daran getan, alle Carcass-Alben mit Bonustracks, Liner-notes und noch mehr wieder zu veröffentlichen. Hoffen, das dies noch irgendwann in die Tat umgesetzt wird.

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Fertigmensch

Wer im Presseinfo Slayer und A-ha als Einflüsse angibt, kann nicht ganz richtig im Kopf sein. Und siehe da, dort steht es doch in derselben Mitteilung, der Junge nahm Drogen und hat Probleme im Kopf. Und was kommt dann dabei heraus, wenn man solchen Typen Instrumente in die Hände gibt? Na? Ganz richtig! Ziemlich fieser, metallischer Grindcore mit einen komischen Namen: Japanische Kampfhörspiele.

Gerade aber das macht die Japanische Kampfhörspiele aus. Ihre kaputte Psyche, mit der sie bestes Verständnis für die Neurosen dieser Gesellschaft haben, setzen sie in höllischen Lärm um. Konsumwahn, Leistungsdruck und der tägliche Gruppenzwang, den unsere Gesellschaft auf uns ausübt, machen uns krank. Unsere Gesellschaft ist krank! Genau diese Auswüchse reflektieren die Japanische Kampfhörspiele mit atemberaubend, heftigem Grindcore, der niemals in sinnloses Prügeln abgleitet.

Ablehnung wird zur Bestätigung und symbolisiert Zuneigung. Zerstört eure Spiegel und holt euch den „Fertigmensch“ von Ikea oder gebt euer selbsteigenes Ich zugunsten von Boy Groups auf. Werdet „Fan von gar nichts“! Denn „Alle Wollen Gut Aussehen (Und Tun Es Nicht)“! Dann holen wir aus zum „Amokschlaf“! Und zum guten Schluss „Verbrennt Euer Geld“!

Die Japanische Kampfhörspiele stehen für kranke Genialität, ohne Kompromisse, sei es musikalisch, textlich oder beim genialen Artwork. Wenn Lärm, dann nur so!

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Batsardized Records bei Bandcamp