Kategorie: review

Between The Stars

Auf dem vierten Album der einstigen Post-Grunge-Band Flyleaf gibt die neue Sängerin Kristen May ihr Debüt, nachdem Vorgängerin Lacey Sturm 2012 ihren Ausstieg bekannt gegeben hatte. Nachfolgerin May singt noch etwas glatter und juveniler als Sturm. Sie hat eine dieser Stimmen, mit denen man „American Idol“ gewinnt. Klanglich hat sich bei Flyleaf aber nur ein bisschen verändert.

Schon mit dem Opener „Set Me On Fire“ zeigt sich, dass Flyleaf ihrem Stil treu bleiben – mit dem teils schwermütigen, teils zerbrechlichem Gesang von May zwischen wuchtigen Refrains mit krachenden Hardrock-Riffs. Mitunter erinnert die Band dabei an Kollegen wie Halestorm oder Paramore.

Der Pop-Appeal ist auf „Between The Stars“ noch etwas höher als auf den ersten drei Alben. Mit Melodien wie bei „Magnetic“ oder „Sober Serenade“ hat man seinen Platz im US-Rock-Radio so gut wie sicher. Hingegen könnten „Blue Roses“ oder „Head Underwater“, in dem die Riffs fast abstinent sind, auch von einer Taylor Swift stammen. Das US-Radio liebt solche Songs. Von Post-Grunge kann natürlich längst keine Rede mehr sein.

Sängerin Kristen May ist der Star des Albums und wirkt, als wäre sie immer schon Frontfrau von Flyleaf gewesen. Die Band klingt durch den Neuzugang auch fast zehn Jahre nach ihrem Debütalbum immer noch frisch, aber auch jugendlicher. Die Marschroute scheint endgültig in Richtung Radio-Poprock zu gehen. Das klingt zwar gut, muss aber nicht jedem gefallen.

Randnotiz: Vor 40 Jahren veröffentlichten Supertramp ihr Meisterwerk „Crime Of The Century“. Zwischen dessen Albencover und dem von „Between The Stars“ gibt es erstaunliche Ähnlichkeiten. Zufall oder Absicht? Das ist nicht bekannt.

Throw Me In The River

Nomen est omen. The Smith Street Band ist quasi permanent auf den Straßen nicht nur ihres heimatlichen Kontinents Australien unterwegs. Gerade hat sie eine zum guten Teil ausverkaufte Europa-Tour inklusive mehrerer Deutschland-Gigs absolviert, zuvor durchquerte man gemeinsam mit Frank Turner Nordamerika. Äußerst bemerkenswert, was der Vierer aus Melbourne in den wenigen Jahren seit der Bandgründung 2010 erreicht hat. Immer on the road zum nächsten Keller-Club oder Festival-Gig war irgendwie auch noch Zeit, das dritte Album mit dem Titel ‚Throw Me In The River‘ aufzunehmen.

Mit dem Verweis, dass die Herren von The Smith Street Band gute Kumpel von Meister Turner sind, ist das Wesentliche eigentlich schon gesagt. Seine Fans werden die ihren sein. Wenn sie es nicht schon längst sind. Musikalisch sind sich beide Acts maximal nahe, teilen ihr Verständnis von Gitarrenrock und ihre Leidenschaft. Letztere ist Leitmotiv auf ‚Throw Me In The River‘. Dessen emotionaler Punkrock mit Folkattitüde geht direkt nach vorn und hat einen zwingenden Drive. Die Songs präsentieren sich in ganzer Fülle, für die alles rausgeholt wird, was in den Instrumenten und Verstärkern steckt. Ein jeder ist tongewordenes Herzblut. Allein beim Hören des Albums kann man die Schweißperlen der Musiker geradezu fließen sehen und die eigenen kaum zurückhalten. Vor allem Sänger Wil Wagner liefert bei Songs wie ‚East London Summer‘ richtig harte Arbeit ab, und wer bei Konzerten nicht mindestens so verschwitzt wie die Band vom Parkett geht, hat kein Herz.

‚Throw Me In The River‘ ist ein Album, dass die Lebensgeister beflügelt, Energien freisetzt, Menschen verbindet. Man möchte in Euphorie spontan den zufällig neben sich Stehenden umarmen und die alltägliche Gleichgültigkeit aus den Vorbeigehenden rütteln. Wenn sich also innerlich mal wieder das Gefühl der Abgestumpftheit breitzumachen droht – The Smith Street Band auflegen und Kraft tanken!

Derivae

‚Derivae‘ – das klingt ein wenig wie ein Verb aus dem Wortstamm des Derivats, des Abgeleiteten. Jedoch, wer hier wen oder was auf welche Weise ableitet, das ist ungefähr so greifbar wie das Albumcover oder die zugehörige Musik.

Schon auf ihrem Debutalbum veröffentlichten Nero Di Marte eine imposante Mischung, die wohl am Ehesten als progressiver Tech-Death bezeichnet werden kann. Komplexe Rhythmusstrukturen, sowie fast schon abwegig dunkle Harmoniegebilde, tiefst romantische Kadenzen, deren Düsterkeit sogar Sibelius hinterhergepfiffen hätte, wären sie an seinem verschneiten Café-Tisch im polarumnachteten Finnland vorbeigestöckelt. ‚Derivae‘ setzt diese Gangart fort; Abstrakte Songtitel wie ‚L’Eclisse‘ – die Schiene/ Verbindung, ‚Pulsar‘ – pulsieren oder ‚Il Diluvio‘ – die Flut kündigen surreale Lieder mit einer durchschnittlichen Spieldauer von acht Minuten an, deren Höreindruck bestens mit dem Albumcover harmoniert – einer schwarz-blauen Struktur, die ebenso einen Strudel im sturmgepeitschten Meer wie eine langgezogene Höhle in blau schimmerndem Licht darstellen könnte.

In jedem Fall eine runde Sache, ein Album, bei dem Cover, Texte und Musik, so surreal und schwer Greifbar sie auch sein mögen, eine saubere Einheit bilden und trotz allen Ablenkungen und Verwirrungen wunderbar harmonieren. Ein Album, das sich mit einigen bewussteinserweiteren Substanzen genauso kombinieren lässt, wie mit einem starken Kaffee im gemütlichen Sessel.

Pandemonium

Es ist der Musik gewordene Thor-Hammer aus dem brasilianischen Urwald, welcher dem Hörer seit der Beilegung der familiären Konflikte im Hause Cavalera schon zwei Mal mit Schwung übergezogen wurde. Sepultura und Soulfly sind wieder vereint, Thrash und Groove und eine ordentliche Portion Latin Vibes – das ist es, was diese Band, diese Familie zu einem einzigartigen Hörerlebnis macht.

Auch das neue Album ‚Pandemonium‘ reiht sich artig in diese Tradition ein, schon der Opener ‚Babylonian Pandemonium‘ greift dich an den Haaren und taucht dich in ein indigenes brasilianisches Klangerlebnis, mit lange nachhallenden basslastigen Trommeln und Stereo-Vollautomatik-Kreuzfeuer, das gekonnt in die Double-Base-Drum umschlägt, sobald der Hammer fällt und das für den paradoxen Titel recht geradlinige Gewitter losbricht. Ist Zeus-Lucifer Cavalera dann erst einmal am Blitze schmeißen, bringt ihn so schnell nemand davon ab mit seiner übermächtigen Vierseiter-ESP die Hölle zu heizen – in diesem Falle dauert es etwas über fünfzig Minuten und zwölf Tracks, bevor der gute Max und seine Krachmacher-Crew sich wieder beruhigt haben.

Kein Wunder, denn wer sein Album ‚Pandemonium‘ nennt, nach John Milton die Hauptstadt des Teufels, der muss Vollgas geben, um glaubwürdig zu bleiben. So klingt der Großteil der Lieder recht thrashig, auch wenn immer irgendwo ein unglaublich grooviges Riff durch den Kugelhagel bricht und daran erinnert, dass dieses Album trotz verstärktem Berimbau-Einsatz nicht das neue von den alten Sepultura ist. Apropos Berimbau: ‚Porra‘, als einziges Stück quasi semi-unplugged und entgegen des Titels überhaupt nicht scheiße, überzeugt durch den exzessiven Einsatz des eben genannten Einseiters, nebst den fetzigen Bongo-Beats und der Sitar-Hook. Ebenso zu erwähnen wäre noch der Track ‚Not Loosing The Edge‘, in dem sich der Midtempo-Refrain mit seinem klaren, brutalen Rhythmus auf den Ohren anfühlt wie die Takt-Pauke auf einer antiken römischen Galleere. Immer druff da!

Und weil ‚immer druff da‘ genau das ist, was die Cavaleras schon immer am Besten konnten, und weil ‚Pandemonium‘ zeigt, dass die Gebrüder es auch im Jahre 2014 noch drauf haben, muss man dieses Album einfach gerne haben, da gibt es gar keine Diskussion!

The Turn

Es ist schon eine Weile her, seitdem man etwas von der Formation Live gehört hat. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an Smash Hits aus MTV Zeiten wie „I Alone“ und „Lightning Crashes“, vom 95er Album „Throwing Copper“. Nun sind 8 Jahre seit dem letzten VÖ vergangen. Was ist derweil passiert? 2008 entschloss sich die Band eine längere Auszeit zu nehmen. Einige der Bandmitglieder gründeten andere Projekte, aber so ganz loslassen konnte keiner vom derweil vor 30 Jahren gegründeten Live-Projekt.

Das Problem der Band lag aber vor allem daran, dass der kompositorische Input der Songs von Live immer weniger von Chad Taylor (guitars), Chad Gracey (drums) und Patrick Dahlheimer (bass) beeinflusst wurde. Sänger und Frontman Ed Kowalczyk übernahm das komplette Songwriting und steuerte die Band in den Jahren weg von dem Sound, den Live eigentlich markant und einzigartig werden ließ. Dieser sehr einseitige Einfluss von Ed teilte die Fangemeinde in solche, die den eigentlichen Sound und Stil der 90er von Live liebten und die den Stilwechsel nicht verstanden und sich daher eher von der Band abkehrten und jenen, die einfach die Vocals von Kowalczyk liebten, ob nun die Solo-Kompositionen der 2000er oder die alten Stücke. Insgesamt führte das aber zu Differenzen innerhalb der Band, was darin endete, dass die Band Kowalczyk einfach rausschmiss.

Nunmehr überrascht die Band aber mit einem neuen Album und folglich mit einem neuen Sänger, dem Unified Theory Frontman Chris Shinn. Aber die Idee dazu kam schon früher. So entschloss sich die Band mit neuem Sänger schon 2012 Live wieder ins Leben zu rufen. Irgendwie schien nach Aussagen der Band „…die Magie alter Tage wieder da gewesen zu sein“. Es folgten Live Auftritte mit Everclear und Filter und in kürzester Zeit fand sich die Band samt neuem Sänger im Studio mit Produzent Jerry Harrison (The Talking Heads) wieder. Es begannen die Aufnahmen des achten Studioalbums.

„The Turn“ knüpft sowohl an alte Zeiten der Band an, überrascht aber mit einem doch eher anderen Stil. Insgesamt ist „The Turn“ als ein ordentliches Rock-Album zu betiteln. Tracks wie „Siren’s Call“, „The Strength to Hold On“ und „He Could Teach the Devil Tricks“ dominieren auf diesem neuen Album der Band und erinnern in der Melodielinie stark an das Vorgängeralbum „Throwing Copper’s“. Wer hier jedoch ein bomben starkes Comeback-Album erwartet, dem sei an dieser Stelle gesagt: Bitte nicht enttäuscht sein. „The Turn“ ist weder ein Album, dass an die 90er von Live anknüpft noch ein Album, welches wie damals durch Kowalczyk’s Stimme hervorsticht. Hit-Qualitäten fehlen dem Album genauso wie wirklich schlechte Songs. Es ist ein Durchschnittsalbum, welches von absoluten Rock-Profis komponiert und aufgenommen wurde.

Shinn’s Vocals sind markant hart, rauchig und erinnern an die gute alte Grunge-Ära. Dass hier ein neuer Sänger am Start ist wird vor allem bei „Siren’s Call“ und „The Strength to Hold On“ deutlich. Insofern könnte dieses Album durchaus in die 1995er Jahre transportiert werden und wäre dann sicherlich sehr erfolgreich auch ohne Kowalczyk.

Fazit: Live sind zurück, stilistisch an die Anfänge angelehnt, mit neuem Sänger, der zum neuen Stil passt, aber eben nicht Kowalczyk’s Vocals ersetzen kann. „The Turn“ ist für die heutige Zeit definitiv nicht gerüstet. Hörbar und eingängig aber auf jeden Fall. Den Tracks zu lauschen macht Spaß und wird nicht langweilig. Fans des Grunge-Sounds dürfen sich freuen, Fans von Live (nicht von Kowalczyk) ebenso. Live überrascht endlich wieder mit neuer Energie und wirkt härter und heavier als jemals zuvor.

The Eternal Rest

Durch eher einen Zufall in sozialen Netzwerken wurde whiskey-soda.de auf diese Band aus U.K. aufmerksam. Obwohl dies schon das zweite Album von Engraved Disillusion ist, ihr Debüt kam bereits 2011 raus mit dem Titel „Embers of existance“, scheint es so, als wenn die Metal-Welt bisher kaum Notiz genommen hätte. Doch tatsächlich ist das so, dass es in diesem Bereich zu viele Bands auf dem Markt gibt. Warum also jetzt? Weil sich der Stil dieser melodic death metal Band einfach mal geändert hat, und das so signifikant, dass der Stil einmalig in diesem Bereich ist.

Aber der Reihe nach: Produziert wurde die Scheibe vom Grammy nominierten Karl Groom (DragonForce & Threshold). Engraved Disillusion hielten sich ganze zwei Wochen im Juni diesen Jahres in den Thin Ice Studios in Surrey auf.

Das sensationelle Artwork des Covers von „The Eternal Rest“ wurde von keinem geringeren als Colin Marks vom Rainsong Design (Nevermore, Scar Symmetry and Sylosis) kreiert.

Das alles macht noch kein gutes Album aus, setzt aber schon einmal einen soliden Grundstein.

Engraved Disillusion haben aber seit ihrem Debüt-Album einen wichtigen Schritt getan, sie haben ihren Sänger ausgetauscht. Die Vocals der Band übernahm auf dieser Scheibe und vermutlich auch in Zukunft Matthew William Mead. Zudem kam ein neuer Bassist hinzu: Aaron Preston. Diese Änderungen hört man im Vergleich zum Debüt ganz deutlich. Die Band hat neue Soundelemente eingebracht und was für diese Scheibe entscheidend ist: Clean Vocals! Und das im Death-Metal?

Die Kombination von Clean Vocals gepaart mit Standard-Death-Metal-Riffs ist neu, ungewohnt, harmoniert aber in jeder Linie. Dazu kommen teilweise true metal Melodielinien sowie Songs, die wie im Progressive-Bereich sich bis zu 7 Minuten hinziehen können, und das, ohne langweilig oder nervend zu wirken. Diesen Effekt kennt man allerhöchstens von Fear Factory.

Guitarist Toby Stewart kommentiert das mal so:

„When we started writing the album we made sure to write exactly what we wanted to do even if it took us in some different directions to our other releases. We felt a bit tired of bands having to make the music people expect them to when they’re capable of a lot more. The initial word that we had in our heads when writing album was ‚epic‘. We wanted a huge melodic sound. We feel the songwriting has gone up another level and we’ve achieved exactly what we wanted to on this album.“

Kehren wir zurück zum Cover Artwork und hören uns im Vergleich die Songs an: Hier passt alles zusammen. Das Cover spiegelt die Gefühlslage der Songs perfekt wieder: Melancholisch, düster mit einem heavy aber melodischen Unterbau. Der Track „Lost“ sei hier als ein gutes Beispiel genannt. „Embrace the fire“ und „Into oblivion“ sind dafür typische mit power geladene death-metal Songs. Der letzte Song „The Eternal Rest“ ist das Highlight auf dem Album: 9 Minuten lang, startend leise mit Klavierelementen; beim Einsetzen der Gitarren fast schon ein unterschwelliges düsteres und depressives Musikfeeling, führt der Track einen zu einem soliden Metal-Song mit überwiegend Clean Vocals. Das ist dann kein death-metal mehr, das ist dann schon fast Kunst (würde der progressive Metal-Fan sagen).

The Eternal Rest ist sauber konzipiert und sehr gut produziert. Das Cover-Artwork passt zum Inhalt der musikalischen Atmosphäre. Mit diesem Album verwirklicht die Band ihren Namen und transportiert dem Hörer in eine Engraved Disillusion. Dieses Album hat Qualitätsmerkmale, die manch eine große und bekannte Band nicht aufweist. Zudem ist die Neuausrichtung so einzigartig, dass man die Band nicht in eine Genreschublade pressen kann. Eine Perle des Metals und es sollte nicht überraschen, wenn die Band demnächst einen Label-Deal bekommt.

The Forgotten And The Brave

Vor nicht ganz eineinhalb Jahren beglückten uns Owls By Nature mit ‚Everything Is Haunted‘, einem Album voller Herzblut und Schmiss. Das bediente zwar den gerade angesagten Folk-Hype, hatte aber seine persönliche Note und war überaus überzeugend. Wer sich, wie wir von Whiskey Soda, hat willig einnehmen lassen von dem munteren Fünfer, sah mit Vorfreude auf die Veröffentlichung des Nachfolgers ‚The Forgotten And The Brave‘.

Selbiger liegt nun vor und zunächst kommen uns Owls By Nature wieder mit ihrem energiegeladenen Folk’n’Roll entgegen. Der charakteristische Gesang von Ian McIntosh sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert und verfehlt seine Wirkung auch diesmal nicht. Darauf verlässt sich offenbar das ganze Erfolgskonzept der Kanadier. Die Stimme als Alleinstellungsmerkmal ist Strategie, ansonsten zielt das neue Werk auf Massenverträglichkeit ab. Folk bringt’s nicht mehr, also setzt man es jetzt auf einen möglichst radiotauglichen Sound an. Wenig überraschend, dass bei diesem Konzept der Sänger allein das Album nicht reißen kann.

‚The Forgotten And The Brave‘ hat einen wesentlich unpersönlicheres Kolorit als sein Vorgänger. Zunächst erregen Piano bzw. E-Orgel in ‚Darkness‘ nur ein wenig Irritation. Der Rockballaden-Anstrich von ‚Back Right Down‘ ist dann schon genauso anstrengend wie dessen Text mit seinem Versprechen, für die Herzensdame ein besserer Mann zu werden. Fast nahtlos zieht sich der schmachtende Pathos in ‚Honesty‘ hinein, der in einem arg gefühlvollen Hintergrundchor gipfelt. Sicher, auch das letztjährige Album war nicht nur im Galopptempo gehalten, aber die ruhigeren Tracks hatten da noch Tiefe und Charakter.

Hat man also das Schnulzental durchstanden, werden die Songs des neuen Albums zwar wieder zackiger, Piano und aufdringliche Melodielinien aber bleiben. Irgendwie wurden bei der Produktion die falschen Akzente gesetzt. Auch wenn im Gesang der gewohnte Elan zu verspüren ist, wird er doch konsequent ertränkt von schrecklich konventionellen E-Gitarren-Soli. Und auch in dem eigentlich so schön beruhigenden ‚Wrigley Field‘ stört das Gitarrengeklimper entlang des Strophengesangs und gibt dem Song eine unnötig nervöse Note.

Auf ‚Everything Is Haunted‘ überzeugten Owls By Nature noch durch Natürlichkeit. Die ist inzwischen einer Bemühtheit gewichen, die die Band eigentlich gar nicht nötig hat. Bleibt abzuwarten, ob sie mit dem nächsten Album auf der Suche nach dem nächsten angesagten Trend weiterschlingert. Oder es mit dem jetzt eingeschlagenen Weg ernst meint und ihm um ihre kurzzeitig verlorenen Zwanglosigkeit ergänzen kann.

Fumes

Ob sie das die nächsten Jahre durchhalten? Genau in Jahresfrist legen Lily & Madeleine mit ‚Fumes‘ den Nachfolger ihres Debütalbums vor. Freilich, es galt sich die zahlreichen Lobredner warmzuhalten, die den selbstbetitelten Erstling so wohlgesonnen aufgenommen hatten. Deren Zuspruch ist angesichts des beibehaltenen Produzententeams (Paul Mahern mit Hilfe von Kenny Childers) erneut so gut wie sicher. Und ja, wenn die beiden Schwestern aus Indianapolis jedes Jahr mit einem neuen Album aufwarten, ist für innere Wärme im Herbst gesorgt.

Denn sanft-süß geht es los auf ‚Fumes‘, mit dem einnehmenden Titelsong ganz in First Aid Kit-Manier. Allein der weibliche Doppelgesang dürfte Fans des schwedischen Schwesternduos aufhorchen lassen. Dann wird aber schnell klar, dass zum Timbre von Lily & Madeleine eine ganze Band-Instrumentalisierung gehört, die für einen sehr geradlinigen Country-Sound sorgt.

Der wirkt dank der bezaubernden Stimmen nicht angestaubt, aber doch recht herkömmlich. Wenige Tracks sind so atmosphärisch arrangiert wie ‚The Wolf Is Free‘ oder ‚Lips and Hips‘. Die beiden Sängerinnen könnten ihre Songs locker und viel besser allein tragen. Stücke wie ‚Can’t Admit It‘ zeigen das Potential, das in den reinen Kompositionen als akustische oder à capella steckt. Selbiges geht durch die Instrumentalisierung, wenn diese sich auch balladenhaft-zurückhaltend gibt, zu einem gewissen Grad verschütt.

Vielleicht ist dieses Urteil zu sehr My Bubba & Mi-beeinflusst. Aber ohne Bandbegleitung, mindestens aber ohne den oft nivellierenden Backbeat (auch, wenn er nur fingergeschnipst ist) wäre jeder einzelne Song der Platte ein viel stärkeres Stück Musik und durchaus aufsehenerregend. Somit ist ‚Fumes‘ dennoch ein gutes Album, wenn auch mit einer Tendenz zum Durchschnittlichen.

Scare Force One

Das Flugzeug des amerikanischen Präsident heißt „Air Force One“, das sollte jeder nicht erst seit dem gleichnamigen Harrison-Ford-Film wissen. Wenn eine Band also ein Album mit dem verballhornten Namen „Scare Force One“ veröffentlicht, auf dem sich zudem ein Titel namens „Sir, Mr. Presideath Sir!“ findet, sollte man dann USA-kritische Texte und Politik erwarten? Nein, natürlich nicht, denn bei der Band handelt es sich schließlich um Lordi, die finnischen Monsterrocker mit den spektakulären Bühnenoutfits, die sich auf ihrem achten Studioalbum wieder einmal zur Aufgabe gemacht haben, eingängigen Monsterrock zum Mitgröhlen unter die Leute zu bringen. Das ist das musikalische Equivalent zu einem Michael-Bay-Film: Hirn ausschalten und Spaß haben. Wer hier länger über Sinn oder Unsinn von Texten oder die doch überwiegend einfach gehaltenen Riffs und etwaigen musikalischen Anspruch nachdenkt, hat das falsche Album im Player. Lordi wollen mit ihrem Party- / Horror-Rock im Stil von Kiss oder Alice Cooper unterhalten, zum Mitgröhlen animieren und die abendliche Halloween-Party beschallen. Und das gelingt ihnen auch mit „Scare Force One“ wieder hervorragend. Dementsprechend ist die Veröffentlichung des Albums am 31. Oktober natürlich perfekt getimed: Mr. Lordi, „Amen“, „Ox“, „Hella“ und „Mana“ dürfen die Halloween-Nacht in ein buntes Gruselkabinett der Dämonen, Geister und untoten Rockstars verwandeln.

„Scare Force One“ beginnt nach dem Lordi-typischen Intro mit dem rockigen Titeltrack, und für einen Moment fragt man sich, ob das richtige Album eingelegt wurde, beginnt der Gesang doch mit aggressivem Schreien, das eher einer Deathmetal-Kapelle zu Gesicht stehen würde. Aber keine Angst, nach wenigen Sekunden setzt dann Mr. Lordis typischer Gröhlgesang ein, und vor weiteren Überraschungen ist der Fan dann auch die nächsten 50 Minuten gefeit. Das muss in diesem Fall nicht verkehrt sein. Lordi bleiben sich selbst treu: Schräge anspruchslose Texte über Dämonen-Freundinnen (‚She’s A Demon‘), das Zerstückeln bzw. Aufschlitzen gewisser Damen (‚Ten, nine, eight, seven / six, five, four / three, two, one, zero / that’s how you slice a whore‘ in ‚How To Slice A Whore‘), eingängige Rock’n’Roll- und Hardrock-Riffs mit ein paar Keyboard-Einlagen und preschenden Drums. Keine Experimente, keine innovativen Neuheiten. Aber wie gesagt, die braucht es für so ein Album auch nicht. Lordi ist keine Band für den anspruchvollen Progger oder Kulturliebhaber. Hier stehen Party und Spaß im Vordergrund, und beides bietet „Scare Force One“ zur Genüge.

Zwei kleine Instrumetalstücke lockern das ansonsten ohne wirkliche Balladen oder Softrocker auskommende Album auf, ansonsten wird von vorne bis hinten durchgerockt, gegröhlt und in die Saiten gedroschen, bis die Apokalypse vor der Tür steht und die Dämonen lautstark um Einlass bitten. Kein Song fällt besonders aus dem Rahmen, und das ist vielleicht der einzige wirkliche Kritikpunkt an Lordi und ihrem Monsterrock: Irgendwann zeichnen sich erste Abnutzungserscheinungen ab, irgendwann hat man das Gefühl, all das schon auf den vorherigen Platten genauso gehört zu haben. Aber hin und wieder möchten wir genau das haben. Wir sind als Kinder ja auch immer wieder mit der gleichen Geisterbahn gefahren. Beim Song über die unheimlichen Clowns (und mal ehrlich, wer findet Clowns [i]nicht[/i] unheimlich?) ‚Hell Sent In The Clowns‘ gibt es immer wieder kleine an den Zirkus erinnernde Keyboard-Einwürfe. Den Keys wird mit der seit dem letzten Album neuen „Hella“an den Tasten generell etwas mehr Platz eingeräumt, und so verfügt auch die eingängige Nummer ‚House Of Ghosts‘ über stimmungsvolle schaurig-schöne Keyboard-Passagen. ‚Who the hell you think you are, you fuckface?‘ fragt ‚My Name Is Monster‘, ein melodiöser Song, der nahtlos an alte Klassiker wie ‚Who’s Your Daddy‘ anschließt und sofort zum Mitsingen animiert. Fenster auf, Anlage aufdrehen und die Nachbarn wissen lassen, das Halloween ist!

Als Outtro nach dem letzten Song gibt es noch eine lustige Durchsage unseres Flugkapitäns, der uns aus gutem Grund zu Drinks einladen möchte. „Scare Force One“ beweist, dass nicht jedes Rock-Album innovativ sein muss, um Spaß zu machen. Lordi zeigen mit ihrem neuesten Streich wieder einmal, dass sie immer noch die „Erschrecker Macht Nummer Eins“ sind. Zumindest an Halloween.

Hang

Lagwagon – eine der vielen Skatepunk-Legenden aus dem Hause Fat Wreck Chords. So haben sich die Jungs schon vor Jahren fest in mein Musik-Hirn eingebrannt. ‚Überraschungen sind da wohl eher nicht zu erwarten‘, dachte ich, als ich vom neuen Album hörte. Neun Jahre sind seit dem letzten Album ‚Resolve‘ vergangen. Während sich viele ‚alte Helden‘ nach so langer Aufnahme-Pause oft an Altbewährtes halten, kündigte Lagwagon-Sänger Joey Cape im Vorfeld an, dass ‚Hang‘ anders klingen werde – dunkler, schwerer und insgesamt ernster. Siehe da, der gute Herr Cape hat nicht zuviel versprochen.

Lagwagon sind beinahe nicht wiederzuerkennen. Wie angekündigt klingen sie düster, irgendwie schwer, aber keinesfalls anstrengend. Vielmehr unternehmen die Skatepunker einen Ausflug in Rock- und Metalregionen á la Iron Maiden. Beim 6:11 Minuten langen (!) Song ‚Obsolete Absolute‘ gibt es zwar die typischen schnellen Skatepunk-Elemente, jedoch schweifen Lagwagon des Öfteren ab und lassen die Gitarren sprechen. Metalsoli, wie man sie sich nie von dieser Band hätte erträumen lassen. ‚The Cog In The Machine‘ ist auch so ein Song, der so gar nicht nach den Lagwagon klingt, die man bislang kannte, der den Amerikanern jedoch unglaublich gut steht. Eine Rocknummer mit fetten Gitarren und interessanten Drum-Akzenten, die jedoch noch immer irgendwie in jedes Tony-Hawk-Spiel passt. Beim Song ‚Drag‘ würde es mich nicht wundern, wenn Bruce Dickinson (Iron Maiden) beim nächsten gemeinsamen Festival mit auf die Bühne kommt. Gitarren und Gesangsmelodien sind genau seine Kragenweite.

Bei vielen starken Songs auf dem Album sticht einer wegen seiner immensen Bedeutung noch immer heraus. ‚One More Song‘ ist keinem Geringerem als Joey Cape’s besten Kumpel Tony Sly (No Use For A Name) gewidmet, der 2012 verstarb. Der Song ist jedoch nicht nur der Skatepunk-Ikone gewidmet, er selbst ist auch Teil des Songs. ‚One More Song‘ schöpft aus dem Schlussgesang von Sly’s Solotrack ‚LIVR Let Die‘. Tony habe ihn Joey Cape auf Tour vorgespielt und der nutzte die Stelle, die ihm im Kopf blieb, für seinen eigenen Song. Somit lebt Tony Sly auch auf diesem Album weiter und wird wohl nie in Vergessenheit geraten.

Lagwagon haben sich auf ‚Hang‘ viel getraut und das Experiment nach langer Pause ist geglückt. ‚Hang‘ ist ein Spagat zwischen Skatepunk und Metalnuancen. Entstanden ist ein Album, das frisch klingt und auch nach dem fünften Mal Hören nicht langweilig wird.