Kategorie: review

LP3

Mit ihrem zweiten Album aus dem vergangenen Jahr vermochten Restorations noch nicht wirklich zu überzeugen. Zu unausgereift und unstet war der Sound von ‚LP2‘, auch wenn ein größeres Potential durchaus erkennbar war. Das scheint jetzt, nur eineinhalb Jahre später, ausgeschöpft worden zu sein. Denn was hörte man im Vorfeld des neuen Albums? Restorations seien mit Produzent Jonathan Low (u.a. The National, Surfjan Stevens) und der Vision ins Studio gegangen, ‚jedes Instrument größer, lauter und wagemutiger aufzunehmen‘.

So weit, so verheißungsvoll. Gar nicht wagemutig zeigt sich die Band aus Philadelphia wieder einmal mit der Benennung ihres neuen Werkes – ‚LP3‘ dürfte wohl nur die Statistiker unter uns entzücken. Aber ja, das kann als nebensächlich gelten, denn schließlich ist wichtig, was drin steckt. Und das, liebe Statistiker und Nicht-Statistiker, kann sich hören lassen. Mehr noch als auf ihrem zweiten Album pflegen Restorations hier die große Geste. Sie stricken dicke Soundteppiche, die voller Elan und – naja, klar – Emotionen stecken. Wieder prägt etwas sehr Urbanes ihren Sound. Besonders Tracks wie ‚Tiny Prayers‘ sind für lange, wache und bedeutende Nächte in den quirligen Straßen hell erleuchteter Großstädte gemacht. Für die Momente, wo alles plötzlich Sinn macht und die Zeit stillzustehen scheint.

Auf ‚LP3‘ legen Restorations ein wesentlich ausgefeilteres Songwriting an den Tag, das einen Hang zum Perfektionismus zeigt und von den bekannten Einflüssen zehrt: alles, was man zwischen Post-Hardcore und Indie-Rock zu umfassen vermag. Die rauchige Stimme sorgt für den nötigen Ausgleich, der Orgel, Hall und ausladende Riffs nicht in Kitsch abdriften lässt. Sänger Jon Loudon bringt eine angenehm dunkle Komponente in die sonst so offenherzigen Songs. Diese umarmen den Hörenden geradezu und werden umso intensiver in ihrer Wirkung, mit je mehr Seelenverwandten man sich das Album zu Gemüte führt.

Kommet also zusammen, Ihr Propheten des Rock, seid ausgelassen und amüsieret Euch und traget die Botschaft der Restorations in die Welt, dass Musik das Leben verändern kann!

Fistful Of Hollow

Die Punkrock-Euter aus Kalifornien schwingen wieder. Nur ein Jahr nach der Veröffentlichung von ‚Poorly Formed‘ legen die Swingin‘ Utters mit ‚Fistful Of Hollow‘ nach. Beim hören der neuen Scheibe wird mir schnell klar, dass ich diesen ersten Satz jedoch korriegieren muss: Swingin‘ Utters legen weniger nach, als dass sie anknüpfen, weitermachen, fortführen… Als Opener fliegt dem Hörer mit ‚Alice‘ ein klassischer Punkrocksong entgegen. Beim Sound scheint Star-Produzent Chris Dugan nicht viel verändert zu haben. Swingin‘ Utters sind laut, dreckig und vor allem eins: unterhaltsam. Gewohnt verwaschener Gitarrensound mit coolen, rock’n’rolligen Soloparts, treibende Drumbeats ohne viel Tam Tam und die rotzige Röhre von Sänger Johnny ‚Peebucks‘ Bonnel. Erstes Highlight der Platte ist Song Drei: ‚Tell Them Told You So‘. Johnny Bonnel versucht sich in den Strophen an Rap-Parts á la Tim Timebomb (Rancid). ‚From The Towers To The Tenements‘ ist der harmonischste Song des Albums und würde auch Bands wie No Use For A Name oder Lagwagon gut stehen. Das Album läuft so lang hin und ist zu keiner Sekunde aufdringlich oder unverständlich. Manche mögen diese Eigenschaften als Indizien für Langeweile ausmachen. Bei Swingin‘ Utters ist das Gegenteil der Fall. Diese Beständigkeit macht die Band aus. Swingin‘ Utters klingen roh, nicht überproduziert. Sie klingen ehrlich.

Auch ein weiteres Markenzeichen der Band ist schnell erkennbar: ‚Napalm South‘ schlägt in die Country-Kerbe, ohne die Eigenschaften eines Oldschool-Punkrocksongs zu verlieren. Quasi ein Punker mit Hut und Cowboyboots, deren Sporen ein Moped mit Fuchsschwanz antreiben. Lustige Vorstellung, aber bei den Gute-Laune-Songs auf der Scheibe sind solche Gedanken gar nicht mal abwegig, und was soll man bei dem Bandnamen auch unnötige Ernsthaftigkeit an den Tag legen!? Immer wieder verbinden Swingin‘ Utters ihren typischen leichten und dennoch druckvollen Sound mit verschiedenen Einflüssen. ‚I’m Not Coming Home‘ erinnert zunächst an einen Johnny-Cash-Song. Die Gitarre klingt nach Western, nach Whiskey und Linedance.

Die Platte läuft und läuft. Schwer, unter den 15 starken Songs Höhepunkte zu erkennen. Einer wäre dann da aber doch noch. ‚End Of The Weak‘, der letzte Song. Der Cowboy-Punker aus ‚Napalm South‘ hat nun sein Moped gegen einen echten Gaul eingetauscht. Kontrabass, Banjo, Geige, Mandoline – zum Ende der Platte fahren die Swingin‘ Utters alles auf, was man für einen richtigen Country-Folk-Song braucht und lassen damit das Album ruhig aber nicht übertrieben kitschig ausklingen. Die Kalifornier haben sich im Vergleich zum letzten Album nicht groß verändert. Das macht aber auch nichts, denn durch de kurze Pause klingen sie noch immer frisch und noch nicht satt. Swingin‘ Utters scheinen nun ihren Sound gefunden zu haben.

Rock Meets Classic

„Rock Meets Classic“ ist die seit Jahren erfolgreiche Live-Verbindung von Classic-Rock-Stars und klassischem Orchester. Die jährliche Tour mit wechselnder Besetzung hat inzwischen schon fast Tradition. Unter den Teilnehmern sind jedes Jahr renommierte Musiker wie Alice Cooper, Ian Gillan (Deep Purple), Steve Lukather (Toto) oder Rick Parfitt (Status Quo).

Anders als erwartet und vor allem anders als gewünscht bietet die neue Doppel-CD-Compilation „Rock Meets Classic“ aber nicht die großen Hits im bombastischen Orchester-Gewand. Der Zusatz „The Original“ vor dem Schriftzug „Rock Meets Classic“ auf dem Cover bedeutet nämlich, dass hier einfach die Original-Songs der Original-Bands zusammengeworfen wurden: „Smoke On The Water“, „Whatever You Want“, „Eye Of The Tiger“ oder „Lady In Black“.

Die Interpreten braucht man hier gar nicht zu nennen, so obligatorisch ist die Trackliste. Das macht die Doppel-CD zu einem Standard-Sampler: „Classic Rock“ statt „Rock Meets Classic“. In dieser Hinsicht ist die Zusammenstellung der mehr als 30 Songs zwar gelungen und fast schon definitiv. Aber es wäre natürlich viel spannender gewesen, ein Best-Of der tatsächlichen Live-Shows zu veröffentlichen. Warum gibt es das bisher nicht? Woran scheitert das bisher?

Die „Rock Orchestra Version“ von „Love Hurts“, natürlich von Nazareth, ist die einzige Ausnahme, aufgezeichnet allerdings schon 1995 und auch nicht live. Die beiden klassischen Stücke „In der Halle des Bergkönigs“ und „Boléro“ wirken fast schon alibimäßig.

Von Etikettenschwindel zu sprechen ginge wohl zu weit. Aber der Eindruck entsteht, dass man zum Weihnachtsgeschäft auf die Naivität einiger Käufer setzt. Die sollten sich lieber bis Februar 2015 gedulden, dann ist das echte „Rock Meets Classic“ wieder in 14 deutschen Städten auf Tour. Und die Karten machen sich unterm Weihnachtsbaum definitiv besser als diese Doppel-CD.

(R)Evolution

Puh, Hammerfall machen es einem nicht leicht. Sie haben den traditionellen Heavy Metal wiederbelebt und danach weitere bockstarke Alben veröffentlicht. In den letzten Jahren gab es mehrere Besetzungswechsel und irgendwie schien die totale Energie aus der Band raus zu sein, obwohl die Songs immer noch Klasse hatten, aber ohne die Magie der Anfangstage.

So richtig kommt das wohlige Gefühl von früher bei „Hectors Hymn“ auf, das mit ordentlich Geschwindigkeit und dem unwiderstehlichem Gesang von Joacim Cans loslegt und sofort ins Ohr geht.

„(R)evolution“ drosselt das Tempo und bietet Melodic Metal, wie man ihn von den letzten Alben kennt, „Bushido“ gibt auch nicht Vollgas, geht aber durch den Refrain ordentlich ins Ohr, „Live Life Loud“ versprüht Stadion-Atmosphäre, „Ex Infernis“ integriert Mönchschöre und „Origins“ schraubt die Geschwindigkeit endlich wieder nach oben.

„(R)evolution“ ist wieder typischer Hammerfall als der Vorgänger „Infected“, kann aber nicht immer voll zünden. Zumindest für Hammerfall-Verhältnisse, was bedeutet, dass wir hier über gute Songs reden, denen das letzte Quäntchen Magie fehlt.

Insgesamt ein gelungenes Werk, aber kein Höhepunkt im Bandkatalog.

Kiasmos

Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen sind nicht bloß Kiasmos, sondern machen’s konsequenterweise auch: Sie stellen sich überkreuz. Fast hätte man ahnen können, dass das nicht gänzlich glücken würde; schon dem Begriff nach fällt Überkreuzstellung doch unter die ungemütlicheren, wenig intuitiven Formen des Zusammenwirkens. Und das nicht nur in der Lyrik, wo Chiasmen zumeist Antithesen syntaktisch ausgestalten. Kennen wir ja noch aus dem Deutschunterricht. Hat daher ‚Kiasmos‘ wenigstens einen handfesten Spannungsbogen? Nein – stattdessen aber ziemlich viele viel zu kleine.

In einem Anflug von Ordnungswahn haben Kiasmos die Tracks ihres gemeinsamen Debüts ausnahmslos mit Verben im Partizip Perfekt betitelt. Was aber mundgerechte Futterhäppchen für die Vorstellungskraft hätten sein können, muss man sich erst passend denken, denn die nur sehr vage Differenziertheit der Stücke untereinander ist kaum mit einzelnen Schlagworten wettzumachen. ‚Held‘, ‚Dragged‘, ‚Burnt‘ – auch die kontrastierendsten Namen – beziehungsweise die minimalelektronischen Kompositionen dahinter – erweisen sich als zu beliebig und untereinander austauschbar. Sie täuschen Substanz, täuschen Vielfalt vor, die auf und mit diesem Album nicht erfahrbar, da zu stark verdünnt ist. Womit das Duo rein begrifflich dem Trance im Grunde alle Ehre macht. Worin sonst sollten die Überlängen der bis zu rund neun Minuten langen Tracks begründet sein als im Erstreben eines Dämmerzustands?

Na also. Kiasmos servieren in acht nur marginal variierenden Darreichungsformen etwas, das sich auf eine bescheidene Menge an Ideen eindampfen ließe, halten sich streng an den Waschzettel, ohne sich Ausfallschritte zu erlauben. Dabei waren es doch immer ebenjene Ausfallschritte, die zumindest Ólafur Arnalds bislang auf Höchstleistung eichten. Ausgerechnet der zeigt sich hier geradezu erschreckend uninspiriert. Mag die Entscheidung gegen ausführlichere kammermusikalische Anbauten auch sehr bewusst getroffen sein: Kiasmos-Album Nummer eins zieht nicht; sein Groove drückt sich an der ihn vom Hörer trennenden dicken Eisschicht die Nase platt. Kiasmos paddeln bis auf einige grimmige, forschere Passagen gegen Ende der Platte in sich selbst vertieft vorüber und lassen ihre HörerInnen so weitestgehend in Frieden. Seelenbalsam geht so, kongenial geht anders.

Was bleibt sind solide, nordisch-nüchterne Texturstreifen und Auslaufbahnen für „echte“ Tracks – siehe das unter der Oberfläche verheißungsvolle, aber bis zuletzt unerfüllt brodelnde ‚Swayed‘ – oder auch standesgemäße Untermalung für die Umbauphasen während der nächsten Tour eines Labelkollegen. Ein zweifellos nettes Gimmick für Diskographietreue (zumal das von Torsten Posselt gestaltete Cover zu den Artworks des Jahres zählen dürfte!) und Freunde des autogenen Trainings, mehr aber mangels Dynamik nicht. Leider.

Don’t Kill The Magic

Eine Plattenkritik trennt nicht selten ein schmaler Grat von einer platten Kritik. Ungefähr so schmal wie ein Leerzeichen, vielleicht aber auch noch schmaler. Es gibt Alben, die lassen einem schlichtweg die Lust vergehen, diesen Grat zu beschreiten. Hier kommt das nächste Beispiel.

Würden Magic! doch durch alle ihre Songs so hasten wie durch ‚Paradise‘. Wie entzückend schnell diese quietschgelbe Scheibe dann ausgelaufen wäre! Die Realität sieht anders aus, denn Magic! machen Reggae-Fusion. Reggae-Fusion ist metrisch ähnlich lame wie Reggae, allerdings mit noch bedeutend lameren „Rock“- und Pop-Elementen anbiedernd verzehrfertig aufbereitet, um ins Pokern um fette Platzierungen mit einzusteigen. Schwabbelige Hooks und an Belanglosigkeit kaum mehr zu überbietende Texte über Frauenhaar, Autofahren und pubertäre Anwandlungen. Gib ihm! Für immer dann, wenn die Musik egal ist. Montagmorgens mit Müsliresten zwischen den gebleachten Zähnen. Springbreak für Spießer und Ahnungslose. Hier rein, da raus. Aussteigen, vergessen, abperlen lassen. Malochen. Alles kaum der Rede wert.

‚Don’t Kill The Magic‘ ist nicht allein musikalisch anspruchslos, sondern noch dazu Ventil für die sexistische Ader seiner primitiven Schöpfer, für die eine Frau ein Gerät ist, dessen Knöpfe man lediglich in der richtigen Reihenfolge bedienen muss, um zu bekommen, was man will. Ein Butterbrot zum Beispiel.

‚All I wanted was a home-cooked sandwich / But your greedy little fingers couldn’t manage‘

, singt Nasri Atweh in ‚Little Girl Big World‘ und disqualifiziert sich sowohl künstlerisch als auch charakterlich. Nicht, dass seine Texte im Übrigen geistreicher wären. Nur: So tun sie besonders weh.

‚If I was your father I would spank you till you know what you did!‘

Und so doppelt. Ich möchte nicht Nasri Atwehs Vater sein wollen müssen.

In unermüdlichem Anwanzton fingert der Sänger immerfort wahllos nach seinen Hörern, will sie auf Teufel komm raus in seine kleine musikalische Plastikbutze locken, wo die Decken so tief hängen, dass der Kopf schon im Vorgarten vorm Anstoßen vom Anstoßen schmerzt. Die ehrbarste Mühe gibt sich auf dieser Platte Bassist Ben Spivak. Als hätte das noch einen Zweck.

‚Don’t Kill The Magic‘ will erhalten wissen, was längst verloren scheint. Nicht mehr als eine leblose Hülse setzen uns Magic! hier vor – Zombie-Pop ohne Botschaft, ohne Stil, ohne Substanz. Und ungefähr so magisch wie der Hotbutton bei 9Live. Ein Armutszeugnis.

Unravelling

We Were Promised Jetpacks haben sich bei mir vor allem mit einem Song als Kombination aus Feinfühligkeit à la Radiohead und die Energie von Queens Of The Stone Age eingebrannt: ‚Quiet Little Voices‘. Dieser Song hat Höhen und Tiefen und strotzt in beiden Teilen nur so vor Power. Beim neuen Werk ‚Unravelling‘ beweisen die Schotten erneut, dass sie sowohl dahinplätschern als auch energiegeladen durchdrehen können. Über dem Ganzen steht in dicken Lettern ‚Atmosphäre‘. Die Band legt sehr viel Wert auf feine Akzente und hat das Gespür für den richtigen Moment, um im scheinbaren Chaos zu versinken und den Hörer mit in den Strudel zu reißen. Das klingt alles sehr spannend und ist es auch … zumindest bis zu Song vier oder fünf. Ab da wird es nämlich berechenbar. Die Schotten spielen mit Emotionen. Die Strophe meist spartanisch mit wunderschönen Gitarrenparts und der Charakterstimme von Sänger Adam Thompson, der Refrain hingegen läasst die in der Strophe zurückgehaltene Energie los. Dieses Wechselspiel endet dann doch sehr oft in einem kontrollierten Ausrasten aller Bandmitglieder.

Es ist wirklich bemerkenswert, wie es We Were Promised Jetpacks schaffen, eine gewollt düstere Atmosphäre aufzubauen und immer wieder den Schalter auf Power umlegen. Leider passiert das in nahezu jedem Song des Albums. Zugegeben: Die Band bemüht sich, dies auf ausgetüftelte und intelligente Weise zu variieren, jedoch zieht sich ein dünner roter Faden der Eintönigkeit durch die eigentlich starken Songs. Dieser Effekt entsteht durch das Tempo, das in jedem Stück fast dasselbe ist. Für sich steht jeder Song für Atmosphäre, Energie und Abwechslung. Im Flow des Albums gehen diese Effekte leider immer wieder unter, da sie vorhersehbar sind. Dadurch sind auch keine wirklichen Hits, die besonders herausstechen, auszumachen. Einzig der Opener ‚Safety In Numbers‘ und das düstere ‚Night Terror‘ bringen die Charakterstimme von Adam Thompson besonders gut zur Geltung.

Insgesamt haben sich die Schotten da ein paar starke Songs gebastelt, die vermutlich auch live überzeugen werden. Im Kontext der ganzen Scheibe verschenken die Jungs jedoch durch Eintönigkeit die Gesamtwirkung von ‚Unravelling‘.

Adrian Thaws

Potpourri – was auf französisch ‚verfaulter Topf‘ bedeutet und ursprünglich einen Pflanzenkübel bezeichnet, steht in der Musik für eine Komposition aus vielen verschiedenen Musikstilen, die in der Gänze eine harmonische Einheit ergeben. Potpourri ist das treffende Wort, um Trickys elftes Studioalbum ‚Adrian Thaws‘ auf den Punkt zu bringen: Soul, Reggae, HipHop, Electro, Pop und sogar ansatzweise Rock vereinen sich darauf.

Adrian Thaws alias Tricky aus dem englischen Bristol gilt als Mitbegründer der TripHop-Bewegung Mitte der Neunziger Jahre. Durch seine Beteiligung bei Massive Attack, wo er allerdings nie echtes Mitglied war, wurde er weltbekannt und verdiente sich auch in der Folge mit seinen Soloplatten höchste Lorbeeren der Kritiker. Für den 46-Jährigen war dies jedoch eher Belastung als Ehre. So lehnte der vermeintliche Pionier des TripHops diese Bezeichnung seiner Musik sogar gänzlich ab und verwies darauf, dass er selbst keine Noten lesen zu können und auch musiktheoretisch eher Novize als Experte zu sein. Viel mehr verließe er sich im Studio auf Intuition und Emotion.

Das aktuelle Werk ist sehr vielschichtig geworden. Tricky eröffnet es mit seinem gewohnt tief-brummigen Sprechgesang und fragt im ersten Track ‚Sun Down‘ beinah apathisch ‚Where is the fun?‘ Die Frage wird auf Albumdistanz nicht beantwortet. Launig und ausgelassen wird Tricky zu keiner Sekunde. Die Songs rollen getragen von derben Beats, süßem Piano und souligen Frauenstimmen in die Ohren; düster, hintergründig, basslastig, aber nicht ausbrechend. Mitunter aufwühlende Breaks verleihen den wabernden Bässen unheimliche Spannung.

Das wirkt frisch und innovativ. Zudem spricht Tricky auch aktuelle weltpolitische Themen an. ‚My Palestine Girl‘ beschreibt zwischen Sirenen und Bombeneinschlägen die Tragödie einer nicht zu erfüllenden Liebe im Gazastreifen. Nachdenklichkeit und Tiefe in den Texten sind die Folge. Ob das nun TripHop ist oder nicht – hörenswert ist es allemal!

Citadel

Ne Obliviscaris („Niemals Vergessen“) aus Melbourne in Australien erschienen mit ihrem Debütalbum „Portal of I“ vor zwei Jahren auf der internationalen Musikbühne. Mit einem bombastischen Knall. Denn die Band fällt nicht nur was das Line-Up, sondern auch was die vielfältigen musikalischen Einflüsse ihres Progressive Extreme Metal betrifft aus dem Rahmen der üblichen, „konventionellen“ Metal-Band. Ne Obliviscaris sind ein Sextett, zu dem ein Violinist als festes Bandmitglied gehört. Geiger Tim Charles steuert neben mal klassisch-neogothischen, mal obskur-schrillen und häufig langen Streicherpassagen auch den klaren Gesang als Gegenpart zu den Screams und Growls des „eigentlichen Sängers“ Xenoyr bei. Im Kern können die Australier ihre musikalische Herkunft aus dem Black Metal nicht verleugnen – wollen sie wohl auch nicht. Sehr vieles bei den metal-lastigen Parts erinnert daran: Über weite Strecken das Drumming, teilweise der Gesang, der zwischen Growls und eher Black-Metal-typischen Screams pendelt. Das Label Season of Mist vermarktet Ne Obliviscaris als „Melodic Black Metal“. Einen beinahe gleichstarken Anteil am Gesamterlebnis Ne Obliviscaris haben jedoch klassische oder neoklassische Elemente, hinzu kommen Melodic-, Death- und Thrash-Metal, aber auch Avantgarde und sogar Jazz.

Den Auftakt zum neuesten, progressiven Black-Metal-Klassik-Reigen bildet das 23-minütige ‚Painters Of The Tempest‘ in drei Akten. ‚Wyrmholes‘ setzt mit Violinen und Pianoklängen einen verstörend-gruseligen Beginn, der in ‚Tryptych Lux‘ mit Growls und fetzenden Stakkato-Drums gesteigert wird. Nach dem reduzieren des Tempos darf der Hörer mit klarem Gesang und stimmungsvollen Gitarren durchatmen – aber zunächst nur kurz. Das 16-Minuten-Stück zelebriert den Wechsel zwischen hart und ruhig geradezu. Und weiß damit durchaus zu gefallen, die Stimmung ist unbeschreiblich. Mit ‚Reveries‘ und einer Mischung aus Flamenco- und Klassikklängen endet der schaurig-aufregende Dreiakter. ‚Phyrric‘ ist deutlich von Death-Metal geprägt, doch die Violine und klarer, opernhafter Gesang wechselt nicht mit Härte und Growls, sondern geht Hand in Hand miteinander. Mit dem Zweiakter ‚Devour Me, Colossus‘ einem brachialen und gleichzeitig melodiösen und sanften Kracher läutet bereits das Ende dieses spannenden Albums ein. Growls und Klargesang umschlingen sich, während die Drums knüppeln, die Gitarren schrille Riffs spielen und ein einsames Cello im Hintergrund bedrohlich brummt. Was für ein Song! Der zweite Teil von ‚Colossus‘ ist eher ein schaurig-schöner Piano-und Violinenabschluss, der den Kreis zu ‚Wyrmholes‘ vom Beginn schließt.

Ne Obliviscaris beschreiten den begonnenen Weg konsequent weiter und haben dabei ein sehr stimmungsvolles Progressive-Metal-Album geschaffen, das deutlich aus dem Rahmen dessen fällt, was man darunter üblicherweise versteht. So gesehen hat das griffige Etikett des Labels durchaus seine Berechtigung um die Musik zu beschreiben. Die Musik spricht mit ihrer gruseligen Atmosphäre, die durch die Streicher und den Klargesang nur potenziert wird, mit Sicherheit die „Schwarze Szene“ an. Faszinierend ist der progressive Ansatz Black Metal zu spielen auf jeden Fall, zumal die Brillanz der Musiker bei Komposition und Umsetzung außer Zweifel steht. Dennoch steht zu befürchten, daß ‚Citadel‘ selbst in der offenen Progressive-Metal-Ecke nur eine Nische belegt, die nicht jedermann ansprechen wird. Und das ist bewunderswert und schade gleichermaßen.

Falling Home

Im internationalen Progressive-Metal-Zirkus sind Pain of Salvation um Frontmann Daniel Gildenlöw eine feste Größe und in ihrem Heimatland Schweden neben Opeth wohl DIE Band. Vielseitig und sehr potent haben die Mannen seit 1999 acht Studioalben herausgebracht, unter anderem die Meilensteine „Remedy Lane“ und die beiden Teile von „Road Salt“. Doch progressiv heißt ja zuerst und vor allem, neue Wege zu beschreiten und das tun Gildenlöw und Co. mit ihrem neuesten Werk „Falling Home“, einem akustischen Progressive-Rock-Album, das ursprünglich ein Live-Album eines Auftritts 2012 in Deutschland sein sollte. Der Weg des geringsten Widerstands war eben noch Pain of Salvations Ding. Und so wurde nach einem gescheiterten Mitschnitts des Konzerts ein neu-arrangiertes, live im Studio eingespieltes Semi-Studio-Album. Aufgemöbelt mit zwei exzellenten Cover-Songs von Dio und Lou Reed, neuen Versionen bisheriger und etlichen unvollendeten Songs, die Gildenlöw schon länger aufnehmen wollte.

Es geht heiter los mit einer locker-flockigen Version von ‚Stress‘ von „Entropia“, das im Original einiges düsterer und exzentrischer war. Gefolgt von ‚Linoleum‘, das die Band bereits vorab seinen Fans vorgestellt hatte. ‚To The Shoreline‘ von „Road Salt II“ klingt noch folkiger und mehr retro als im Original, genauso wie die wundervoll melancholische Ballade „1979“. ‚Holy Diver‘, das Cover von Dio hat natürlich deutlich weniger Metal-Kante als mit den Dio-Gitarren und Ronnie James Dios prägnanter Stimme. Dennoch ist es eine interessante, sehr gelungene Coverversion. Das gleiche gilt für den phänomenalen Love-Song ‚Perfect Day‘ von Lou Reed. Da hat Gildenlöw absolut treffsicher zwei wirklich große Lieder ausgewählt und mit der musikalischen Klasse seiner Band mehr als gelungen neu interpretiert. ‚Flame To The Moth‘ von „Scarsick“ hat den selben, gewissen roots-rockigen Touch wie viele Songs auf „Falling Home“, obwohl der Song auch den orientalischen Twist wie das Original hat. Das siebenminütige ‚Spitfall“ schließlich ist durch die akustische Neuinterpretation um einiges zahmer als das deftige Crossover-Original. Aber auch hier hat der Meister beispielsweise den prägnanten Sprechgesang beibehalten. Die Limited Edition umfasst mit ‚She Likes To Hide‘ und ‚King Of Loss‘ noch zwei Bonus-Tracks.

Gildenlöw ist Perfektionist, und das merkt man auch der Mischung aus Best-Of und Akustikalbum „Falling Home“ an. Interessant ist es natürlich vor allem für Fans, die die erwähnten Songs mochten und neugierig sind, wie sie als Akustik-Version klingen. Aber auch jeder Freund anspruchsvoller akustischer Rockmusik wird „Falling Home“ mögen. Es ist vielseitig, mitreißend und von exzellenten Musikern astrein produziert – obwohl es kein „richtiges“ Studioalbum ist. Die Vorfreude auf das nächste „vollwertige“ Album lässt es genau aus diesem Grund bei jedem PoS-Fan weiter ansteigen.