Schlagwort: Classic Rock

Blue Lightning

Ein Blues- und Classic-Rock-Tribute-Album von einem der besten Gitarrenspieler der Welt? Das Interesse vieler Gitarren-Fans dürfte dem Label Mascot sicher gewesen sein, als kürzlich bekannt wurde, dass Mr. Yngwie Malmsteen bald mit neuer Musik aufwarten wird.

„Ich habe schon immer an alten Songs herumgedoktert, sowohl live, als auch im Studio. 1996 entstand dadurch ein ähnliches Album namens „Inspiration“. Mascot kamen schliesslich zu mir und schlugen mir vor, ein Bluesalbum aufzunehmen. Die wenigsten Leute wissen, dass ich eine grosse Affinität für Blues habe. Als Mascot mir dann dieses Projekt vorschlug, war ich nicht überrascht. Im Gegenteil, es fühlte sich so natürlich an“, wird Malmsteen zur Entstehung des Albums zitiert.

Ausgesucht hat sich der 55-jährige Schwede absolute Klassiker von den bekanntesten Namen im Genre. Hendrix, Clapton, Beatles, Stones, Deep Purple. Die Creme de la Creme des Rock. Dazu kommen vier eigene, neue Songs. Der Titeltrack eröffnet das Album mit den insgesamt zwölf Stücken, auf LP und Special Editon CD kommen noch zwei Bonustitel dazu: Jimi Hendrix‘ Little Miss Lover‘ und ‚Jumpin‘ Jack Flash‘ von den Rolling Stones. Die drei weiteren Songs aus Malmsteens eigener Feder bieten das, was man erwartet. Blues-Songs mit ausgedehnten Soli – das kann der Mann zweifellos. Vor allem das vorab veröffentlichte ‚Sun’s Up Top’s Down‘ gefällt sehr.

Womit wir bei den Cover-Versionen wären. Die stehen natürlich immer im Spannungsfeld, nicht zu nah, aber auch nicht zu weit vom Original entfernt zu sein. Malmsteen hatte sich im Vorfeld auf die Fahnen geschrieben, die Songs nicht nur einfach nachzuspielen. Wenn man sich allerdings den heiligen Gral der Rockmusik wie ‚Smoke On The Water‘, ‚Paint It Black‘ oder ‚While My Guitar Gently Weeps‘ vornimmt, dann begibt man sich auf besonders dünnes Eis. Malmsteens Version vom vielleicht berühmtesten Gitarrenriff der Welt von Deep Purple deckt die Schwächen auf: Malmsteen mag ein Gitarrenvirtuose sein, er ist aber bestenfalls ein durchschnittlicher Sänger. Viel schlimmer noch ist allerdings etwas anderes: Die Produktion hat keinen Druck, klingt stellenweise gruselig amateurhaft und schwachbrüstig. Falls das so gewollt ist, macht es das noch schlimmer.

Es ist schade, das so deutlich sagen zu müssen. Aber dieses Album ist leider ein trauriges Beispiel dafür, dass epische Songs und ein Spitzenmusiker noch lange kein gutes Album garantieren. Neben dem amateurhaften Sound ohne Druck spürt man die Leidenschaft nur teilweise aufblitzen. Herr Malmsteen hätte gut daran getan, sich auf’s Gitarrenspielen zu konzentrieren und den Gesang und vor allem die Produktion jemand anderem zu überlassen. Bei seinem Namen ist die Mittelmässigkeit dieser Produktion nicht zu entschuldigen, das machen auch die soliden eigenen Songs und die ausgedehnten Gitarrensoli nicht wett.

Das hier ist nur für Fans. Und zwar von Yngwie und nicht von seinen Vorbildern. Deren Fans könnten teilweise nämlich richtig enttäuscht sein.

NAZARETH mit Vinyl-Reissues

Nachdem sie im letzten Jahr mit dem Mega-Box-Set „Loud And Proud“ (unser Review findet Ihr hier) und dem neuen Studioalbum „Tattoed On My Brain“ ihr fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert haben, legen die unkaputtbaren Nazareth nun eine Auswahl ihrer Klassikeralben wieder als LPs auf – erstmals in farbigem Vinyl und mit remastertem Sound. Den Anfang machen der…

Black Tropics

Grooves und Riffs aus der Schweiz? Gerne doch, da haben wir nämlich etwas für euch. Die Black Tropics wurden 2017 in Lausanne gegründet und wurden in ihrem Heimatland im vergangen Jahr bekannt, als sie beim M4Music Festival in Zürich für ihren Song ‚Dragon Blood‘ den Award „Bester Song“ in der Kategorie Rock gewinnen konnten.

Ein Jahr später legt das Trio nach und veröffentlicht jetzt sein Debütalbum, auf dem der preisgekrönte Song natürlich gleich passend als Opener mit dabei ist. Lockere Grooves werden hier mit treibenden Rhythmen und kernigen Gitarrenriffs gepaart: Allgemein anerkannte Zutaten für einen guten Rocksong. Und das funktioniert hier tatsächlich ausgezeichnet: ‚Dragon Blood‘ groovt sich schnell ins Ohr und streift dabei auch ein wenig den psychedelischen Bereich. Verzerrte Gitarren, verzerrte Vocals, treibende Rhythmen und ein tightes Zusammenspiel sorgen schnell für Begeisterung.

Damit legen die Black Tropics schon einmal sehr gut los. Die weiteren Tracks auf dem selbstbetitelten Debüt sind aber keineswegs Füllmaterial, sondern können das vorgelegte Niveau locker halten, teilweise sogar noch weiter steigern. ‚Devil’s Kings‘ und ‚Pacific Air‘ sind zwei weitere Anspieltipps. Black Tropics liefern insgesamt elf abwechslungsreiche, rockig-moderne Tracks ab, die gekonnt alle Klischees umschiffen und immer beinahe, aber nie so richtig ganz in eine bestimmte Genreschublade passen wollen. Gut so! Richtig gut ist auch die psychedelische Nummer ‚Light Years Away‘. ‚Blue Dot‘ wird dann schwerer, wandelt ein wenig in Stoner-Gefilden, bleibt aber dabei immer locker und vor allen Dingen sehr groovig-sphärisch.

Wer behauptet, Classic Rock im Zeppelin-Stil sei tot, der höre unbedingt mal bei Black Tropics rein. Hier kommt eine geballte kreative Ladung spannender Musik aus der Schweiz auf uns zu. Nach diesem tollen Debüt haben mir mit Sicherheit noch viel von den Jungs aus Lausanne zu erwarten. Wer also auf mitreißenden Groove mit psychedelischen Untertönen und knackige Riffs steht, der sei an dieser Stelle explizit dazu aufgefordert, sich einmal näher mit Black Tropics zu beschäftigen. Übrigens gerne auch live: Eine Tour zum Album-Release ist nämlich in Planung.

Bastards Of Beale

Tora Tora waren Ende der Achtziger knapp davor, den Durchbruch in den USA zu schaffen. Mit ihrem Debüt „Surprise Attack“ und der Single ‚Walkin‘ Shoes‘ knackten sie die Charts, und der boogie- und bluesbeeinflusste Hardrock der Band war auch live immer eine Bank. Wie fast alle traditionellen Hardrocker wurden sie vom Grunge-Hype aus dem Business gedrängt, was nicht dem neuen Mainstream entsprach, war für die „Suits“ nicht mehr existent. 1994 nahm die Band zwar noch ein drittes Album auf, da aber ihr Label ihne jegliche Unterstützung entzog und logischerweise noch kein Bandcamp oder ähnliche DIY-Vertriebswege existierten, fand es nie den Weg in die Plattenläden und die Band löste sich kurz danach frustriert auf.

2008 reformierten sich Tora Tora in Originalbesetzung als pures Hobby- und Spaßprojekt, und 2019 gibt es nun erstmals neues Material der Memphis-Truppe zu hören. Stilistisch hat sich, den Fan freut’s, rein gar nichts geändert. Zwischen den Eckpunkten Led Zeppelin, Grand Funk Railroad, Great White, Tesla und Blackfoot rockt das neue Album „Bastards Of Beale“ höchst sympathisch und vollkommen unprätenziös und basisch drauflos. Vielleicht sogar ein wenig zu basisch, denn die Produktion hätte durchaus mehr Schmackes vertragen können – statt im Hardrock positionieren sich Tora Tora heute soundtechnisch eher im knackigen Bluesrock. Aufgenommen wurde das Album im legendären Sam Phillips Studio, in dem seinerzeit Johnny Cash, Roy Orbison, Jerry Lee Lewis und andere den Rock And Roll miterfanden, und so klingt das Album: knochentrocken, basisch und definitiv analog. Auch wenn das den Hardrocker verstören könnte, sollte das keinen Fan der Band vom Erwerb der Scheibe abhalten. Denn man gewöhnt sich schnell an den neuen Sound, und die Songs stimmen allesamt. Mit ‚Silence The Sirens‘ ist sogar ein waschechter Ohrwurm enthalten, der auch auf den ersten beiden Scheiben fraglos ein Höhepunkt gewesen wäre. Auch das sumpfig groovende ‚Son Of A Prodigal Son‘, das wie eine Mischung aus CCR und Kingdom Come klingt, beeindruckt mit viel Atmosphäre und großartigen Gitarren. Die mit Country- und Soul-Elementen ausgestattete Ballade ‚Lights Up The River‘ dürfte allen Black Crowes-Fans der „Amorica“-Phase ebensoviel Freude bereiten wie den Tora Tora-Fans, ‚All Good Things‘ und ‚Rose Of Jericho‘ sind groovige Boogie-Monster und zum Abschluss gibt’s mit dem Titelsong noch ne launige Uptempo-Nummer, wieder mit leichtem CCR-/Fogerty-Einschlag. Sänger Anthony Corder klingt immer noch ziemlich genauso wie anno dunnemals, die ganz hohen Quietscher erspart er sich (und uns?) heutzutage aber, was Tora Tora durchaus gut zu Gesicht steht.

Fazit: hier gibt’s eigentlich nichts, aber auch gar nichts zu meckern. Freunde von bluesigem Rock’n’Roll/Hardrock werden sich über das Album-Comeback der Band eh einen Ast freuen, und auch Fans von Gov’t Mule oder den erwähnten Black Crowes sollten „Bastards Of Beale“ unbedingt einmal anchecken. Der sympathische Vierer hat mit dem Album so ziemlich alles richtig gemacht – wäre fein, wenn sich das auch in Verkäufen niederschlagen würde.

Gitarrenvirtuose YNGWIE MALMSTEEN verbeugt sich vor Rock-Klassikern

Das Time-Magazine bezeichnete ihn als einen der zehn besten E-Gitarristen aller Zeiten, von denen einige wie Jim Hendrix oder B.B. King gar nicht mehr am Leben sind. Nun hat Mr. „Neoclassic“ Yngwie Malmsteen für den 29. März ein ganz besonderes, neues Album angekündigt. Bei seinem neuen, niederländischen Label Mascot wird der Maestro, der nicht nur…

The Days Between

Kurdt Vanderhoofs Presto Ballet geht nun bereits in die sechste Runde. „The Days Between“ bringt uns überraschenderweise auch nicht das für die Band übliche „Bäumchen-wechsel-dich“-Spiel – mit Ausnahme von Neu-Drummer Charlie Lorme ist die gleiche Besetzung am Start wie beim Vorgänger „Relic Of A Modern World“, das ja auch schon satte sechs Jahre auf dem Buckel hat.

Die personelle Kontinuität tut der Sache mit Sicherheit gut. Denn gerade Sänger Chuck Campbell kann den exzellenten Eindruck des Vorgängers ausbauen und sorgt erstmals für einen wirklichen Wiedererkennungswert bei Presto Ballet. Auch das auf „The Days Between“ noch stärker betriebene Spiel mit AOR- und Melodic-Rock-Elementen steht den Songs sehr gut zu Gesicht. Natürlich, wer schon immer die fehlende Originalität der Band bemängelt, wird auch hier wieder Einiges finden. Presto Ballet sind eben nach wie vor ziemlich exakt zwischen Kansas, Styx, Yes, Supertramp und den bei Kurdt unumgänglichen Uriah Heep (Tendenz diesmal: Lawton-Ära) angesiedelt. Dazu gibt’s diesmal ein paar Momente, die vom epischeren Teil des Journey-Sounds beeinflusst sind. Das tolle ‚I Just Drive‘ beispielsweise hätte auch gut auf ein Album wie „Look Into The Future“ oder „Infinity“ gepasst. Wie aber schon immer bei Presto Ballet hilft die schiere Klasse der Songs wunderbar dabei, über etwaige Originalitätsfragen wegzusehen. Denn die Band schafft es, tatsächlich exakt den Geist der Jahre 1975-1980 wieder aufleben zu lassen und ihre Alben mit Songs zu füllen, die klingen, als seien sie lange vermisste Outtakes von „Point Of Know Return“, „Drama“ oder „Pieces Of Eight“, die den Originalen alles Andere als Schande bereiten. Dazu kommt die schiere Spielfreude, mit der die Band agiert – hier wirkt nichts konstruiert oder mit der Brechstange auf Modernität getrimmt, alles fließt locker dahin und versprüht soviel Lebensfreude und gute Laune, dass Presto Ballet als Gegengift für New-Artrock-Depressionen verschrieben werden sollten. Alleine das zehminütige ‚I Am Wire‘ enthält soviele „uplifting“ Momente, dass mir das aktuelle Mistwetter schon nur noch die Hälfte ausmacht.

Wer die bisherigen Alben der Band mochte, findet auch hier wieder jede Menge feinen Classic-Prog-Stoff, wer Presto Ballet hingegen schon immer zu retro/rockig/sonnig/uncool fand, wird auch diesmal wieder die Nase rümpfen. Mir gefällt’s jedenfalls, und ich hoffe eigentlich, dass sich Kurdt sich nicht wieder sechs Jahre für einen Nachfolger Zeit lässt – wäre aber bereit, das zu entschuldigen, wenn sich der lockere Charakter von Presto Ballet so noch lange Jahre erhalten lässt. Zu beziehen bei Just For Kicks!

OZZY nimmt Abschied – Tour startet in wenigen Wochen

Mit den Rock-Ikonen Black Sabbath hat er schon 2017 Abschied von seinen Fans genommen, nun kommt Metal-Legende Ozzy Osbourne auch als Solo-Künstler auf seine letzte Tour. Diese wird ihn ein letztes Mal zwei Jahre rund um den gesamten Globus führen. Der „Prince of Darkness“, der mit Sabbath und als Solokünstler im Laufe seiner Karriere über…

Distractions

Bock auf eine zünftige Mischung aus Humble Pie, Free, Hendrix, James Gang und einem Schuss Grand Funk Railroad? Bitteschön! Die Amerikaner Dirty Streets liefern auf ihrem fünften Album „Distractions“ ein Album mit enorm launigem Rhythm’n’Blues-infizierten späte-Sixties-bis-frühe-Seventies-Hardrock ab, der so ziemlich jeden Fan oben genannter Bands abgehen lassen dürfte wie Schmidts Katze.

Vom eher zu einer freakigen Stoner-Rock-Combo passenden Cover sollte man sich auf keinen Fall abschrecken lassen. Psychedelisch wird’s hier maximal beim Coda des ansonsten klar in Paul Rodgers Fussstapfen wandelnden ‚Dream‘, und Fuzz-Gitarren gibt’s auch nur im Opener ‚Loving Man‘ zu hören. Dirty Streets bevorzugen als klassisches Powertrio nachvollziehbares und eingängiges Songmaterial, das die tolle Stimme von Justin Toland in den Mittelpunkt stellt. Zurecht, klingt der doch wie eine Mischung aus erwähntem Rodgers, Mark Farner und dem jungen Sammy Hagar zur Montrose-Ära. Die Songs bleiben größtenteils unter der Dreieinhalb-Minuten-Grenze, irgendwelche progressiven oder exzessiven Extravaganzen gibt’s genausowenig wie musikalische Durchhänger. Die Gitarren kommen abgesehen vom unumgänglichen WahWah ohne Schnickschnack sehr direkt zum Tragen. Hier wurde auch nichts mit Gewalt auf LoFi getrimmt, man hört ’ne rustikale Klampfe über ’nen geilen, laut aufgerissenen Amp (vermutlich ein alter Fender und ’ne Les Paul) und gut iss‘! Das akustische ‚On The Way‘ erinnert mit seinem Country-Flair sogar an die ganz frühen Eagles – und, erneut, an Paul Rodgers‘ Akustiksongs auf den Free- und Bad-Company-Klassikern, Marke ‚Seagull‘ und ‚Soon I Will Be Gone‘. Das mag der Hipster-Fraktion unter den Classic-Rock-Fans vielleicht zu uncool klingen, wer aber statt Hollywood-Coolness-Faktor lieber ordentlich Schubkraft und authentische Rock’n’Roll-Vibes bevorzugt, wird in Dirty Streets einen neuen Favoriten finden. Das Album wurde in den Studios von Sun-Records-Legende Sam Phillips live eingezimmert, und so klingt das Ganze auch: laut, schwitzig, bodenständig und enorm beseelt. Und, nur mal so gesagt, eben auch uramerikanisch – das war, musikalisch gesehen, schließlich 1970 auch noch kein Schimpfwort.

Das Einzige, was dem Album noch fehlt, ist die Handvoll absoluter Killersongs, die sich so richtig in die Gehörgänge brennen und mit den Genre-Klassikern gleichziehen können. Das verzeiht man aber aufgrund der ungeachtet dessen durchweg hohen Qualität des Songwritings gerne, und außerdem hat auch die gehypte Konkurrenz immer noch keine Stücke am Start, die sich mit ‚Wishing Well‘, ‚Walk Away‘ oder ’30 Days In The Hole‘ messen lassen können. Wer die drei erwähnten Stücke nun ohne Nachdenken sofort den Interpreten zuordnen konnte, sollte sich aber „Distractions“ direkt ins heimische Regal stellen. Zu beziehen bei den Import-Spezis von Just For Kicks.

Devilish Folk

Retro ist ja bekanntlich derzeit ziemlich angesagt, und heute möchten wir euch einmal The Damn Truth aus Kanada vorstellen. Die sind gar nicht so richtig retro, klingen aber wie eine elektrisierende Mischung aus Robert Plant und Janis Joplin, und ihr zweites Album „Devilish Folk“ ist bereits am 08. Juli 2016 erschienen. Wir hatten die Band bisher jedoch noch nicht auf dem Schirm, doch das ändert sich jetzt, den The Damn Truth haben für Frühjahr 2019 eine Europatour angekündigt. Da wird man natürlich neugierig und horcht mal in diesen teuflischen Folk rein.

Frontfrau Lee-la Baum aus Montreal legt mit diesem Album im Prinzip genau das vor, was Titel und Cover schon erahnen lassen: Classic Rock trifft auf ungezügelte Alternative- und Indie-Energie. Das ist purer Rock im 60er und 70er-Jahre-Stil, schnörkellos, direkt, mit verzerrten Vocals, schimmerndem Spirit und der notwendigen Rotzigkeit. Vielleicht nicht neu, nicht innovativ, aber immer wieder gut und mit jeder einzelnen Note ehrlich und direkt. Vom geradlinigen Opener ‚White Lies‘ über Nummer wie ‚Plastic Flowers‘, den groovig-psychedelischen ‚Broken Blues‘ bis zum treibenden Titelsong: „Devilish Folk“ bietet Abwechslung, auch wenn einige Tracks doch sehr ähnlich klingen. Aber das soll auch heißen: Ähnlich gut. Denn das Niveau ist außerordentlich hoch. Mellotron und Hammond-Orgel setzen immer wieder genretypische Akzente, die Gitarren preschen und dreschen so, wie es sein soll, und der Classic-Rocker, der es gerne etwas psychedelisch, bluesig und auch mal aggressiv mitten in die Fresse mag, darf sich zurücklehnen und genießen.

Wem also Jack White, Jimi Hendrix  oder auch aktuelle Acts wie Greta Van Fleet gefallen, bekommt hier nicht wirklich Folk, sondern geballten Rock’n’Roll, der sofort in die Beine geht. Teuflisch (gut) in der Tat. Man fühlt sich einfach sofort heimisch, und damit dürfen wir uns jetzt auch ganz offiziell auf die 2019er Tour der Kanadier freuen. Das ist die verdammte Wahrheit.

The Story So Far – The Best Of

Eine Def-Leppard-Best-Of, die die komplette History der Band bis heute erzählt? Klingt nach einem diskussionsfreien Ideal-Weihnachtsgeschenk für alle Classic-Rock-Interessierten. Denn mit Ausnahme von Bon Jovi hat kaum eine im weiteren Sinne als „Hardrock“-Band zu kategorisierende Combo einen derart enormen Mainstream-Hitkatalog aufzuweisen wie die Hookline-Maschine aus Sheffield. Da ist es überhaupt kein Problem, zwei CDs randvoll zu packen.

Disc 1 widmet sich dabei den GANZ GROSSEN Hits der Jahre 1983-1993. ‚Pour Some Sugar On Me‘, ‚Photograph‘, ‚Foolin“, ‚Rock Of Ages‘, ‚Let’s Get Rocked‘, ‚Animal‘, ‚Two Steps Behind‘ – alles lückenlos vertreten, in den ungekürzten Albumfassungen noch dazu. Auf CD 2 folgen dann vornehmlich die Highlights respektive Singleauskoppelungen von „Slang“ bis zum selbstbetitelten und bislang letzten Studioalbum von 2015. Auch wenn Def Leppard in dieser Phase keine echten Singlehits mehr gelangen, finden sich dennoch auch hier überraschend viele Songs, die man dann doch dank Radio und MTV (jaja, in den 1990ern wurde dort immer noch Musik gespielt) wiedererkennt: ‚Slang‘, ‚All I Want Is Everything‘, ‚Promises‘ oder das Cover von David Essex‘ ‚Rock On‘, hier als Remix vertreten. Aber auch die Sachen, die man als Gelegenheitsfan nicht unbedingt kennt, machen sich sehr gut zwischen den Klassikern: die schamlose T.Rex-Hommage ‚C’mon, C’mon‘, das auch einem Katy-Perry-Album gut zu Gesicht stehende ‚Let’s Go‘ oder das elektrofunkige, wie ein verlorenes Outtake der umstrittenen Queen-Scheibe „Hot Space“ klingende ‚Man Enough‘ kleben sich genauso unweigerlich und hartnäckig im Ohr fest wie die großen Achtziger-Hits.

Allerdings fehlt zum ganz großen Wurf und offen gesagt zur Rechtfertigung des Titels „The Story So Far“ mindestens noch der eine oder andere Blick in die hart rockende Frühphase der Band. Die ersten beiden Alben, die Def Leppard damals noch in voller NWOBHM-Blüte stehend zeigten, werden nämlich mit Ausnahme der Ballade ‚Bringin‘ On The Heartbreak‘ außen vor gelassen. Zumindest ‚Let It Go‘ und ‚Wasted‘, die auch beide noch heute zum Liveset gehören, hätte die Tracklist schon noch vertragen, und der etwas rauere Ton hätte der Zusammenstellung insgesamt durchaus gutgetan. Ebenfalls auffällig, dass ‚Long Long Way To Go‘ ebenfalls übergangen wurde – die seinerzeit regelmäßig im Radio gespielte Ballade gehört zumindest hierzulande definitiv zu den bekannteren Songs der Def-Leppard-„Spätphase“. Dafür hätte man vielleicht nicht unbedingt gleich alle drei Studiosongs vom Livealbum „Mirror Ball“ draufpacken müssen – aber das ist wie alles im Leben Ansichts- und Geschmackssache, und man kann bekanntlich mit einer Best Of selten alle glücklich machen. Wie man’s dreht und wendet, die zweieinhalb Stunden laufen ohne Ausfälle oder Stirnrunzeln durch und machen jede Menge Laune.

Streitbar ist nur der einzige neue Track des Albums, ein Cover des Depeche-Mode-Klassikers ‚Personal Jesus‘. Einerseits schaffen es Def Leppard, das Flair des Originals ziemlich genau einzufangen und machen dem Song mit Sicherheit keine Schande. Andererseits gewinnen sie dem Song aber auch nichts Neues ab, und sie schaffen es auch nicht, den Song in den eigenen Bandsound zu übertragen. Die düstere Atmosphäre kollidiert auffällig mit dem lebensbejahenden Rest des Materials, so das ‚Personal Jesus‘ unterm Strich ein sehr wohl kompetentes, aber auch etwas unnötiges Cover bleibt.

Mit ein, zwei Abstrichen also eine gelungene Werkschau, die beweist, dass Def Leppard es auch geschafft haben, in den letzten zwanzig Jahren zeitgemäß und frisch zu klingen, ohne sich dabei ans Hausfrauen-Formatradio zu verkaufen oder in verzweifelter Verfolgung einer Hitsingle ins Peinliche abzugleiten wie der oben erwähnte Ex-Knackarsch aus New Jersey. Glaubwürdigkeit und Qualität heißen die Zauberworte bei Def Leppard – und genau deshalb können die ehemaligen NWOBHM-Helden eben im Bedarfsfall auch neben Teenie-Helden wie Taylor Swift und vor jugendlichem Publikum auf der Bühne bestehen, ohne sich zu verbiegen. „The Story So Far“ ist somit eine perfekte Erinnerung an die Qualitäten der Band und sowieso ein perfektes Autofahr-Album.