Schlagwort: Classic Rock

The Days Between

Kurdt Vanderhoofs Presto Ballet geht nun bereits in die sechste Runde. „The Days Between“ bringt uns überraschenderweise auch nicht das für die Band übliche „Bäumchen-wechsel-dich“-Spiel – mit Ausnahme von Neu-Drummer Charlie Lorme ist die gleiche Besetzung am Start wie beim Vorgänger „Relic Of A Modern World“, das ja auch schon satte sechs Jahre auf dem Buckel hat.

Die personelle Kontinuität tut der Sache mit Sicherheit gut. Denn gerade Sänger Chuck Campbell kann den exzellenten Eindruck des Vorgängers ausbauen und sorgt erstmals für einen wirklichen Wiedererkennungswert bei Presto Ballet. Auch das auf „The Days Between“ noch stärker betriebene Spiel mit AOR- und Melodic-Rock-Elementen steht den Songs sehr gut zu Gesicht. Natürlich, wer schon immer die fehlende Originalität der Band bemängelt, wird auch hier wieder Einiges finden. Presto Ballet sind eben nach wie vor ziemlich exakt zwischen Kansas, Styx, Yes, Supertramp und den bei Kurdt unumgänglichen Uriah Heep (Tendenz diesmal: Lawton-Ära) angesiedelt. Dazu gibt’s diesmal ein paar Momente, die vom epischeren Teil des Journey-Sounds beeinflusst sind. Das tolle ‚I Just Drive‘ beispielsweise hätte auch gut auf ein Album wie „Look Into The Future“ oder „Infinity“ gepasst. Wie aber schon immer bei Presto Ballet hilft die schiere Klasse der Songs wunderbar dabei, über etwaige Originalitätsfragen wegzusehen. Denn die Band schafft es, tatsächlich exakt den Geist der Jahre 1975-1980 wieder aufleben zu lassen und ihre Alben mit Songs zu füllen, die klingen, als seien sie lange vermisste Outtakes von „Point Of Know Return“, „Drama“ oder „Pieces Of Eight“, die den Originalen alles Andere als Schande bereiten. Dazu kommt die schiere Spielfreude, mit der die Band agiert – hier wirkt nichts konstruiert oder mit der Brechstange auf Modernität getrimmt, alles fließt locker dahin und versprüht soviel Lebensfreude und gute Laune, dass Presto Ballet als Gegengift für New-Artrock-Depressionen verschrieben werden sollten. Alleine das zehminütige ‚I Am Wire‘ enthält soviele „uplifting“ Momente, dass mir das aktuelle Mistwetter schon nur noch die Hälfte ausmacht.

Wer die bisherigen Alben der Band mochte, findet auch hier wieder jede Menge feinen Classic-Prog-Stoff, wer Presto Ballet hingegen schon immer zu retro/rockig/sonnig/uncool fand, wird auch diesmal wieder die Nase rümpfen. Mir gefällt’s jedenfalls, und ich hoffe eigentlich, dass sich Kurdt sich nicht wieder sechs Jahre für einen Nachfolger Zeit lässt – wäre aber bereit, das zu entschuldigen, wenn sich der lockere Charakter von Presto Ballet so noch lange Jahre erhalten lässt. Zu beziehen bei Just For Kicks!

OZZY nimmt Abschied – Tour startet in wenigen Wochen

Mit den Rock-Ikonen Black Sabbath hat er schon 2017 Abschied von seinen Fans genommen, nun kommt Metal-Legende Ozzy Osbourne auch als Solo-Künstler auf seine letzte Tour. Diese wird ihn ein letztes Mal zwei Jahre rund um den gesamten Globus führen. Der „Prince of Darkness“, der mit Sabbath und als Solokünstler im Laufe seiner Karriere über…

Distractions

Bock auf eine zünftige Mischung aus Humble Pie, Free, Hendrix, James Gang und einem Schuss Grand Funk Railroad? Bitteschön! Die Amerikaner Dirty Streets liefern auf ihrem fünften Album „Distractions“ ein Album mit enorm launigem Rhythm’n’Blues-infizierten späte-Sixties-bis-frühe-Seventies-Hardrock ab, der so ziemlich jeden Fan oben genannter Bands abgehen lassen dürfte wie Schmidts Katze.

Vom eher zu einer freakigen Stoner-Rock-Combo passenden Cover sollte man sich auf keinen Fall abschrecken lassen. Psychedelisch wird’s hier maximal beim Coda des ansonsten klar in Paul Rodgers Fussstapfen wandelnden ‚Dream‘, und Fuzz-Gitarren gibt’s auch nur im Opener ‚Loving Man‘ zu hören. Dirty Streets bevorzugen als klassisches Powertrio nachvollziehbares und eingängiges Songmaterial, das die tolle Stimme von Justin Toland in den Mittelpunkt stellt. Zurecht, klingt der doch wie eine Mischung aus erwähntem Rodgers, Mark Farner und dem jungen Sammy Hagar zur Montrose-Ära. Die Songs bleiben größtenteils unter der Dreieinhalb-Minuten-Grenze, irgendwelche progressiven oder exzessiven Extravaganzen gibt’s genausowenig wie musikalische Durchhänger. Die Gitarren kommen abgesehen vom unumgänglichen WahWah ohne Schnickschnack sehr direkt zum Tragen. Hier wurde auch nichts mit Gewalt auf LoFi getrimmt, man hört ’ne rustikale Klampfe über ’nen geilen, laut aufgerissenen Amp (vermutlich ein alter Fender und ’ne Les Paul) und gut iss‘! Das akustische ‚On The Way‘ erinnert mit seinem Country-Flair sogar an die ganz frühen Eagles – und, erneut, an Paul Rodgers‘ Akustiksongs auf den Free- und Bad-Company-Klassikern, Marke ‚Seagull‘ und ‚Soon I Will Be Gone‘. Das mag der Hipster-Fraktion unter den Classic-Rock-Fans vielleicht zu uncool klingen, wer aber statt Hollywood-Coolness-Faktor lieber ordentlich Schubkraft und authentische Rock’n’Roll-Vibes bevorzugt, wird in Dirty Streets einen neuen Favoriten finden. Das Album wurde in den Studios von Sun-Records-Legende Sam Phillips live eingezimmert, und so klingt das Ganze auch: laut, schwitzig, bodenständig und enorm beseelt. Und, nur mal so gesagt, eben auch uramerikanisch – das war, musikalisch gesehen, schließlich 1970 auch noch kein Schimpfwort.

Das Einzige, was dem Album noch fehlt, ist die Handvoll absoluter Killersongs, die sich so richtig in die Gehörgänge brennen und mit den Genre-Klassikern gleichziehen können. Das verzeiht man aber aufgrund der ungeachtet dessen durchweg hohen Qualität des Songwritings gerne, und außerdem hat auch die gehypte Konkurrenz immer noch keine Stücke am Start, die sich mit ‚Wishing Well‘, ‚Walk Away‘ oder ’30 Days In The Hole‘ messen lassen können. Wer die drei erwähnten Stücke nun ohne Nachdenken sofort den Interpreten zuordnen konnte, sollte sich aber „Distractions“ direkt ins heimische Regal stellen. Zu beziehen bei den Import-Spezis von Just For Kicks.

Devilish Folk

Retro ist ja bekanntlich derzeit ziemlich angesagt, und heute möchten wir euch einmal The Damn Truth aus Kanada vorstellen. Die sind gar nicht so richtig retro, klingen aber wie eine elektrisierende Mischung aus Robert Plant und Janis Joplin, und ihr zweites Album „Devilish Folk“ ist bereits am 08. Juli 2016 erschienen. Wir hatten die Band bisher jedoch noch nicht auf dem Schirm, doch das ändert sich jetzt, den The Damn Truth haben für Frühjahr 2019 eine Europatour angekündigt. Da wird man natürlich neugierig und horcht mal in diesen teuflischen Folk rein.

Frontfrau Lee-la Baum aus Montreal legt mit diesem Album im Prinzip genau das vor, was Titel und Cover schon erahnen lassen: Classic Rock trifft auf ungezügelte Alternative- und Indie-Energie. Das ist purer Rock im 60er und 70er-Jahre-Stil, schnörkellos, direkt, mit verzerrten Vocals, schimmerndem Spirit und der notwendigen Rotzigkeit. Vielleicht nicht neu, nicht innovativ, aber immer wieder gut und mit jeder einzelnen Note ehrlich und direkt. Vom geradlinigen Opener ‚White Lies‘ über Nummer wie ‚Plastic Flowers‘, den groovig-psychedelischen ‚Broken Blues‘ bis zum treibenden Titelsong: „Devilish Folk“ bietet Abwechslung, auch wenn einige Tracks doch sehr ähnlich klingen. Aber das soll auch heißen: Ähnlich gut. Denn das Niveau ist außerordentlich hoch. Mellotron und Hammond-Orgel setzen immer wieder genretypische Akzente, die Gitarren preschen und dreschen so, wie es sein soll, und der Classic-Rocker, der es gerne etwas psychedelisch, bluesig und auch mal aggressiv mitten in die Fresse mag, darf sich zurücklehnen und genießen.

Wem also Jack White, Jimi Hendrix  oder auch aktuelle Acts wie Greta Van Fleet gefallen, bekommt hier nicht wirklich Folk, sondern geballten Rock’n’Roll, der sofort in die Beine geht. Teuflisch (gut) in der Tat. Man fühlt sich einfach sofort heimisch, und damit dürfen wir uns jetzt auch ganz offiziell auf die 2019er Tour der Kanadier freuen. Das ist die verdammte Wahrheit.

The Story So Far – The Best Of

Eine Def-Leppard-Best-Of, die die komplette History der Band bis heute erzählt? Klingt nach einem diskussionsfreien Ideal-Weihnachtsgeschenk für alle Classic-Rock-Interessierten. Denn mit Ausnahme von Bon Jovi hat kaum eine im weiteren Sinne als „Hardrock“-Band zu kategorisierende Combo einen derart enormen Mainstream-Hitkatalog aufzuweisen wie die Hookline-Maschine aus Sheffield. Da ist es überhaupt kein Problem, zwei CDs randvoll zu packen.

Disc 1 widmet sich dabei den GANZ GROSSEN Hits der Jahre 1983-1993. ‚Pour Some Sugar On Me‘, ‚Photograph‘, ‚Foolin“, ‚Rock Of Ages‘, ‚Let’s Get Rocked‘, ‚Animal‘, ‚Two Steps Behind‘ – alles lückenlos vertreten, in den ungekürzten Albumfassungen noch dazu. Auf CD 2 folgen dann vornehmlich die Highlights respektive Singleauskoppelungen von „Slang“ bis zum selbstbetitelten und bislang letzten Studioalbum von 2015. Auch wenn Def Leppard in dieser Phase keine echten Singlehits mehr gelangen, finden sich dennoch auch hier überraschend viele Songs, die man dann doch dank Radio und MTV (jaja, in den 1990ern wurde dort immer noch Musik gespielt) wiedererkennt: ‚Slang‘, ‚All I Want Is Everything‘, ‚Promises‘ oder das Cover von David Essex‘ ‚Rock On‘, hier als Remix vertreten. Aber auch die Sachen, die man als Gelegenheitsfan nicht unbedingt kennt, machen sich sehr gut zwischen den Klassikern: die schamlose T.Rex-Hommage ‚C’mon, C’mon‘, das auch einem Katy-Perry-Album gut zu Gesicht stehende ‚Let’s Go‘ oder das elektrofunkige, wie ein verlorenes Outtake der umstrittenen Queen-Scheibe „Hot Space“ klingende ‚Man Enough‘ kleben sich genauso unweigerlich und hartnäckig im Ohr fest wie die großen Achtziger-Hits.

Allerdings fehlt zum ganz großen Wurf und offen gesagt zur Rechtfertigung des Titels „The Story So Far“ mindestens noch der eine oder andere Blick in die hart rockende Frühphase der Band. Die ersten beiden Alben, die Def Leppard damals noch in voller NWOBHM-Blüte stehend zeigten, werden nämlich mit Ausnahme der Ballade ‚Bringin‘ On The Heartbreak‘ außen vor gelassen. Zumindest ‚Let It Go‘ und ‚Wasted‘, die auch beide noch heute zum Liveset gehören, hätte die Tracklist schon noch vertragen, und der etwas rauere Ton hätte der Zusammenstellung insgesamt durchaus gutgetan. Ebenfalls auffällig, dass ‚Long Long Way To Go‘ ebenfalls übergangen wurde – die seinerzeit regelmäßig im Radio gespielte Ballade gehört zumindest hierzulande definitiv zu den bekannteren Songs der Def-Leppard-„Spätphase“. Dafür hätte man vielleicht nicht unbedingt gleich alle drei Studiosongs vom Livealbum „Mirror Ball“ draufpacken müssen – aber das ist wie alles im Leben Ansichts- und Geschmackssache, und man kann bekanntlich mit einer Best Of selten alle glücklich machen. Wie man’s dreht und wendet, die zweieinhalb Stunden laufen ohne Ausfälle oder Stirnrunzeln durch und machen jede Menge Laune.

Streitbar ist nur der einzige neue Track des Albums, ein Cover des Depeche-Mode-Klassikers ‚Personal Jesus‘. Einerseits schaffen es Def Leppard, das Flair des Originals ziemlich genau einzufangen und machen dem Song mit Sicherheit keine Schande. Andererseits gewinnen sie dem Song aber auch nichts Neues ab, und sie schaffen es auch nicht, den Song in den eigenen Bandsound zu übertragen. Die düstere Atmosphäre kollidiert auffällig mit dem lebensbejahenden Rest des Materials, so das ‚Personal Jesus‘ unterm Strich ein sehr wohl kompetentes, aber auch etwas unnötiges Cover bleibt.

Mit ein, zwei Abstrichen also eine gelungene Werkschau, die beweist, dass Def Leppard es auch geschafft haben, in den letzten zwanzig Jahren zeitgemäß und frisch zu klingen, ohne sich dabei ans Hausfrauen-Formatradio zu verkaufen oder in verzweifelter Verfolgung einer Hitsingle ins Peinliche abzugleiten wie der oben erwähnte Ex-Knackarsch aus New Jersey. Glaubwürdigkeit und Qualität heißen die Zauberworte bei Def Leppard – und genau deshalb können die ehemaligen NWOBHM-Helden eben im Bedarfsfall auch neben Teenie-Helden wie Taylor Swift und vor jugendlichem Publikum auf der Bühne bestehen, ohne sich zu verbiegen. „The Story So Far“ ist somit eine perfekte Erinnerung an die Qualitäten der Band und sowieso ein perfektes Autofahr-Album.

Firewater

Fast hätte es dieses Feuerwasser überhaupt nicht gegeben. Die Truppe Slam & Howie And The Reserve Men stand nach zehn Jahren im Rock’n’Roll-Geschäft kurz vor der Auflösung, festgefahren und ideenlos verfolgten die Bandmitglieder erst einmal andere Projekte.

Schade wäre so eine Auflösung gewesen, denn Slam & Howie gelten mit ihrer energetischen und wilden Mischung aus Rock, Country und feiner Rockabilly als eine der besten Live-Bands der Schweiz. Glücklicherweise hat sich die Band nach einer Auszeit aber jetzt wieder besonnen und gemeinsam mit Sandro Lampartner vom Schweizer Promoter Blackpike Favorites das Album ‚Firewater‘ produziert. Das Quartett um Frontmann Lt. Slam legt elf relaxte und ziemlich starke Rocknummern vor, die sich gekonnt zwischen den erwähnten Genres bewegen. Dabei zeichnen sich schon die ersten Songs durch hohen Mitwipp-Faktor aus und legen sich mit mächtig viel Groove ins Zeug. Spätestens bei der stampfig-treibenden Nummer ‚Witness Of Dawn‘ muss man sich fragen, warum Slam & Howie hier nicht bekannter sind, denn wir haben es hier mit ausgezeichnetem Songwriting zu tun, das nicht nur exzellent produziert ist, sondern man merkt diesen vier Jungs bei jeder einzelnen Note den Spaß an der Sache an.

Groovender Countryrock trifft bei ‚Anywhere The Wind Blows‘ auf eine markante Stimme und kernige Gitarrenarbeit, die zeigt, dass das neue Nashville im schweizerischen Bern liegt. Exemplarisch sei hier auch der hervorragende Aufbau des Songs genannt, der sich immer weiter steigert und die rauchgeschwängerte Atmosphäre der nächsten Poolhall und Biertheke aus den Lautsprecherboxen springen lässt. Genauso muss ein handgemachtes Rockalbum klingen, und wenn dann noch stampfende Rockabilly-Elemente wie bei ‚Pretender‘ in den Mix geworfen werden, kann man sich nur zurücklehnen und glücklich sein. Im letzten Drittel des Albums sind die Songs zwar immer noch sehr gut, können aber nicht ganz an den Rest anknüpfen, was Eingängigkeit und Groove angeht. Das trübt die Freude am Gesamtwerk aber so gut wie gar nicht. Am Ende verbreitet der letzte Song ‚Pass The Die‘ mit seinem hymnenhaften Intro dann wieder gekonnt Italo-Western-Stimmung im Breitwandformat.

Feuerwasser: Whiskey, Rock’n’Roll und ganz viel Stimmung. Dieser hochprozentige Schluck gefällt uns nicht nur aufgrund seines Namens, ob mit oder ohne Soda. Alle Genrefans, die Slam & Howie noch nciht auf dem Schirm hatten, dürfen sich hier auf ein ganz großes Schmankerl freuen. Und alle anderen sind ohnehin glücklich, dass sich die Schweizer besonnen haben und der Auflösung entgegangen sind. Wie gesagt, das wäre mehr als schade gewesen.

Leftoverture Live And Beyond

Schön, das Kansas auf ihrer letzten Tour wenigstens ein ordentliches Doppel-Livealbum mitgeschnitten haben, wenn sie sich schon nicht zur Night Of The Prog auf der Loreley trauten. Aber, so gut der „Ersatzact“ Marillion natürlich war, „Leftoverture Live And Beyond“ stimmt mit Sicherheit die Kansas-Fans noch trauriger, diese Sause verpasst zu haben.

Dabei scheint das Ganze vordergründig gar nicht mal so was Besonderes zu sein. Ja, das komplette „Leftoverture“-Album wird gespielt, aber generell kommt ja eh keine Kansas-Show ohne mindestens die Hälfte des Klassikeralbums aus. So ist denn auch ‚Questions Of My Childhood‘ das einzige wirklich selten gespielte Stück aus dem „Leftoverture“-Set. Auch ansonsten gibt’s wenig, was nicht bereits auf anderen Kansas-Livescheiben drauf war. Auf das im Laufe der Tour durchaus regelmäßig gespielten ‚All I Wanted‘ aus der Steve Morse-Ära muss man leider ebenso verzichten wie auf Material der christlichen Phase. Auch vom bärenstarken letzten Album „The Prelude Implicit“ gibt’s nur drei Songs, und die fantastische Single ‚With This Heart‘ ist leider nicht dabei. Mehr noch, aus den vierzig Jahren zwischen „Point Of Know Return“ (1977) und dem letzten Album ist mit ‚Icarus II‘ gerade mal ein einziger Song vertreten. Mecker, mecker, mecker also?

Keineswegs. Denn „Leftoverture Live And Beyond“ hat – trotz der wenig originellen Setlist – einfach ungeheuer Schmackes. Die Band zelebriert die Klassiker mit Frische und jugendlicher Energie, daß es einfach Spaß macht, sich die zwei Stunden ums Ohr zu hauen. Daß dabei die beiden (!) Gitarren ganz deutlich heavier als in den Siebzigern tönen und das Hauptaugenmerk auf die Prog-Seite des Kansas-Sounds gelegt wurde, kommt dem Ganzen noch zusätzlich zugute. Und, sorry, liebe Walsh-Fans, so kraftvoll, beseelt und vor allem souverän wie Ronnie Platt hier hat der ausgeschiedene Steve Walsh das Material zuletzt in den Siebzigern gesungen. Ja, dieses Album bestätigt: die Neuzugänge Platt, Zak Rizvi (gtr) und David Manion (keys) sind das Beste, was der Band passieren konnte. Alles klingt verjüngt, voller Spielfreude und überraschend zeitgemäß – ohne das irgendein Ton an den klassischen Arrangements geändert wurde. Dazu passt auch der erfreulich unpolierte und alles Andere als klinisch sauber klingende Sound der Scheibe, für den einmal mehr Kansas-Stammproduzent Jeff Glixman verantwortlich ist. Audiophile Gemüter werden nun wieder den bösen „Loudness War“ verteufeln – aber hey, das hier ist trotz aller krummer Takte und komplexen Arrangements immer noch Rock’n’Roll, und der muss eben auch mal krachen. Gerade, wenn in der göttlichen Version von ‚Lamplight Syphony‘ von zarten Violinen zu krachendem Heavy Rock mit ekstatischem Drumming von Phil Ehart und zurück gewechselt wird, will man der kompletten Band ein High Five geben, zeigen Kansas doch hier: Prog Rock muss nicht statisch und zivilisiert sein, er wird gar umso besser, wenn man auch dem zweiten Teil des Wortes ordentlich Bedeutung beimisst.

Ich könnte jetzt noch Stunden weiterschwärmen, aber lassen wir’s einfach dabei: Kansas haben mit „Leftoverture Live And Beyond“ eine großartiges Livealbum veröffentlicht, das eine Band im zweiten Frühling zeigt und sich selbst im Vergleich zum – rattenscharfen! – Live-Klassiker „Two For The Show“ nicht zu verstecken braucht. Für alle Prog- und Classic Rock-Fans ein unumgänglicher Pflichtkauf – und für alle, die Kansas einfach mal kennenlernen wollen, ein perfekter Einstieg.

Live At Pompeii

Mit den Worten „Live At Pompeii“ verbindet man als Rockfan ja ganz spezifische Assoziationen. Der gleichnamige Film von Pink Floyd hielt doch die Band in ihrer vermutlichen Bestphase in Bild und Ton fest: nach der Fertigstellung von „Meddle“, kurz vor „Obscured By Clouds“ und „Dark Side Of The Moon“ und zum letzten Mal ohne Backgroundsängerinnen, Saxophonisten oder Ähnliches. Als Pink Floyd-Gitarrist David Gilmour mit seiner Soloband 2016 ins Amphitheater von Pompeii zurückkehrte, lag nahe, die Show mitzuschneiden und somit den Bogen zur legendären Performance 45 (!) Jahre zuvor zu spannen.

Nun, es hat sich Einiges geändert. Zuvorderst hat David Gilmour sein „Live At Pompeii“ nämlich vor Live-Publikum eingespielt, als ganz konventionelles Konzert. Und auch die Setlist enthält mit ‚One Of These Days‘ nur einen Rückgriff auf das Pink Floyd-Set von 1971. Auch wenn natürlich der Geist des kollektiven Genies von Gilmour, Barrett, Wright, Waters und Mason auch beim Solo-David immer über der Sache schwebt – dank der ikonischen, kreisrunden Leinwand, die seit 1974 bei fast allen Floyd-Shows in irgendeiner Form zum Einsatz kam, ganz buchstäblich. Aber auch durch Klassiker wie ‚Shine On You Crazy Diamond‘ (in der beseeltesten Version seit langem), ‚Time‘ oder das immer wieder unfassbare ‚Comfortably Numb‘ wird man als Floyd-Fan gerne nostalgisch. Bei letzterem gibt übrigens Rolling Stones-Keyboarder Chuck Leavell eine absolut überzeugende Roger Waters-Performance ab – abgesehen davon, daß er natürlich auch – vornehmlich – als Organist eine exzellente Figur macht, während Ex-Toto-Mann Gregg Philinganes hauptsächlich die Pianoparts übernimmt.

Doch auch das Solomaterial kann sich, vor allem im Vergleich zu den eher braven Studioversionen sehen lassen. Wo der Titelsong von „Rattle That Lock“ im Studio noch wie ein statischer 08/15-Mainstream-Rocksong geklungen hatte, kommt die Sache live tatsächlich spätestens bei Davids beherztem Gitarrensolo ins Rollen. ‚In Any Tongue‘ ist wie schon auf dem Album auch live ein Höhepunkt Die ersten beiden Gilmour-Soloalben bleiben einmal mehr komplett außen vor – eigentlich schade, denn nicht nur der Rezensent hätte sich mit Sicherheit über eine Performance von ‚There’s No Way Out Of Here‘ oder ‚Mihalis‘ gefreut. Aber echte Überraschungen bleiben hier aus: selbst das von Pink Floyd – mit Ausnahme einer einzelnen Performance anläßlich Manager Steve O’Rourkes Begräbnis – letztmalig anno 1971 gespielte ‚Fat Old Sun‘ war bekanntlich auf Gilmours letzter Solo-Tour bereits fester Bestandteil der Setlist. Eine Handvoll Sachen aus der Gilmour-geführten Spätphase wie ‚High Hopes‘ und das großartige ‚Sorrow‘ runden den Hitreigen dennoch perfekt ab – wenn auch einmal mehr das vermutlich beste Stück dieser Floyd-Ära, nämlich ‚On The Turning Away‘, fehlt. Dafür hatte sich David das ziemlich nervtötende Chor-Arrangement von ‚The Great Gig In The Sky‘ besser erspart – Unterhaltungswert hat da nur der Gesichtsausdruck der rechts stehenden Sängerin, die von Todesangst zu religiöser Verzückung alles durchzumachen scheint. Viel schöner und ein passenderes Rick Wright-Tribut das nachfolgende ‚A Boat Lies Waiting‘, das ebenfalls deutlich emotionaler als die „Rattle That Lock“-Version klingt.

Sound- und Vision-technisch ist… Moment, muß ich das überhaupt schreiben? Erwartet jemand ernsthaft, daß eine Gilmour-DVD in dieser Hinsicht nicht perfekt ausgefallen sein könnte? Eben. Also, David Gilmour– und Pink Floyd-Fans, solltet Ihr gezweifelt haben: natürlich könnt Ihr hier bedenkenlos zugreifen. Als ob das je eine Frage gewesen wäre…

Heavy Fire

Wo die anderen Classic Rock-Renten-Allstar-Truppen wie Chickenfoot oder Black Country Communion relativ fix wieder Geschichte waren, sind die Thin Lizzy-Nachfolger Black Star Riders immer noch außerordentlich umtriebig – trotz letztjähriger Thin Lizzy-Tour und einem Solo-Doppelabum von Frontman Ricky Warwick kommt pünktlich zum Jahresanfang das dritte Sudioalbum „Heavy Fire“.

Und den Titel „Heavy Fire“ trägt das Album definitiv zu Recht! Auf ihrem mittlerweile dritten Album lassen es die Black Star Riders unerwartet heftig krachen. Klar, die Thin Lizzy-Elemente sind nicht zuletzt dank Scott Gorhams prägender Gitarrenarbeit immer noch deutlich als Wurzel des Ganzen zu erkennen. ‚Dancing With The Wrong Girl‘ oder die angefolkte Halbballade ‚Cold War Love‘ atmen authentisch den Geist von Phil Lynott. Nicht selten erinnert das Energie- und Härtelevel diesmal aber auch an Ricky Warwicks deutlich metallischere Ex-Band The Almighty – ‚Who Rides The Tiger‘ oder der etwas sperrige und als Albumopener vielleicht etwas unglücklich gewählte Titelsong hätten auch auf deren Debütalbum keine stilistischen Ausreißer bedeutet. Die Mischung macht’s, und mit „Heavy Fire“ haben BSR nun endgültig ihre eigene Nische gefunden. Auch textlich gibt Warwick überzeugend den Geschichtenerzähler und präsentiert seine Stories über Außenseiter, Outlaws und Verlierer durchaus kritisch, ohne aber den mahnenden Zeigefinger zu bemühen. Die bei einigen Songs auftauchenden weiblichen Backing Vocals passen sich dabei ebenfalls gut in den Bandsound ein – auch, weil sie nicht mit dem Brecheisen überall hineingezwängt wurden, sondern eben da eingesetzt werden, wo’s passt. Und gerade die Harmoniestimme im poppigen ‚Testify Or Say Goodbye‘ hebt den ehedem coolen Song nochmal auf ein anderes Level. In ‚Ticket To Rise‘ kommt sogar authentisches Soulfeeling auf, ohne dabei das Energielevel zu vernachlässigen oder sich gar in Schmuseschlabbereien zu ergießen. Apropos Ballade: die Quotenballade, die auf jedem Hardrockalbum Pflicht ist, haben BSR auch verzichtet. Auch ohne bieten die zehn Songs aber definitiv genug Abwechslung, um 40 Minuten lang exzellente Unterhaltung zu bieten.

Kurz gesagt – die einmal mehr von Nick Rasculinecz exzellent produzierte Scheibe kommt komplett ohne Ausfälle und müßte eigentlich jedem Fan klassischen, zeitlosen Hardrocks bestens reingehen. Daumen hoch – für mich schon früh ein Highlight des Jahres 2017!

The Purple Album

Die Idee ist gut. Sie kommt nur ein paar Jahre zu spät. David Coverdale nimmt Songs aus seiner kurzen, aber intensiven Zeit bei Deep Purple (Mark III und IV) neu auf. Drei Alben hat er damals mit der Band eingespielt. Allesamt sind absolute Klassiker, die lange Zeit nicht die hohe Anerkennung bekommen haben, die sie ohne Zweifel verdienen.

Und wie klingen die Songs 2015? Fast allen wurde ein wuchtiges Hardrock-Gewand verpasst. Bei „Burn“ und „Stormbringer“ ist das keine große Veränderung, bei „You Fool No One“ oder „Love Child“ schon. Statt Rhythm’n’Blues und Funkrock regiert jetzt der fette Hardrock-Sound. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Ballade „Soldier Of Fortune“, die leider noch mal abgespeckt wurde. Damit ähnelt sie jetzt der Acoustic-Version auf „Starkers In Tokyo“ und ist eigentlich überflüssig.

Dann sind da noch Songs wie „Lady Double Dealer“ oder das grandiose „You Keep On Moving“. Die lebten damals von zwei Stimmen, Bluesmeister David Coverdale und Kopfstimme Glenn Hughes alias „The Voice Of Rock“. Hughes fehlt hier leider Seit Jahren fantasiert Coverdale öffentlich über eine Deep Purple-Reunion. Warum also hat er nicht einfach seinen alten Kumpel Glenn als Gast eingeladen? Das wäre ein Geniestreich gewesen! Chance vertan. Statt dessen sorgt die Band für einen trotzdem ordentlichen Background-Gesang.

Und Coverdale selbst? Auch oder gerade als beinharter Whitesnake-Fan musste man in den vergangenen Jahren feststellen, dass er zwar alt, aber nicht mehr der Alte ist. Seine Stimme hat über die Zeit leider stark gelitten. Das lässt sich auch auf dem neuen Album nicht ganz überhören, bei „Burn“, „Stormbringer“ oder „Lady Double Dealer“ klingt er angestrengt. Das Gefühlvolle ist einem Geschrei gewichen. Den Gesamteindruck stört es aber erstaunlich wenig.

Bei aller Kritik muss man auch betonen, dass die Liste der Songs hervorragend ist, insbesondere die Deluxe Edition mit den Bonus-Tracks „Lady Luck“ und „Comin Home“. Was hätte mancher Fan dafür gegeben, diese Songs einmal live zu hören? Die Chance ist groß, dass zumindest einige der alten Deep Purple-Songs jetzt einen Platz in der Whitesnake-Setlist finden. Nur eben leider ein paar Jahre zu spät. Für die anstehende Tournee sollte Coverdale mal in Los Angeles anrufen. Dort wohnt Glenn Hughes.