Schlagwort: Grindcore

Surgical Steel

Kaum eine Untergrundszene war in der zweiten Hälfte der 80er Jahre so lebendig und innovativ wie die auf der Insel, die nur dann zu Europa gehören möchte, wenn es für sie von Vorteil ist. Was hat allein Napalm Death für einen Stammbaum: Carcass, Cathedral, Godflesh, Ripcord, Scorn, Uunseen Terror und viele mehr zählen zu den…

Utilitarian

Über 30 Jahre erklärter „Feind der Musikindustrie“ zu sein, ist ein Grund zu feiern, sollte man meinen. Aber wer die englischen Polit-Grinder Napalm Death kennt, weiß, dass für sie die Welt noch lange nicht in Ordnung ist und es noch viele Denkanstöße zu verteilen gibt. Napalm Death interessieren sich nicht für Lorbeeren oder Preise, für sie zählt nur die Musik – in Verbindung mit einer Aussage.
Utilitarismus ist die Lehre, Handlungen nach dem Nützlichkeitsprinzip zu bewerten. Ziel des Utilitarismus im gesellschaftlichen Kontext ist das größtmögliche Glück für alle, aber auch des Einzelnen. Also, erst Nachdenken und dann Handeln, was besonders für Napalm Death gilt, die mit Scheinmoral und Heuchelei noch nie etwas am Hut hatten.

Selbst ein großer Fan der englischen Lärm-Institution wird überrascht und sprachlos den ersten Durchgang von „Utilitarian“ hinnehmen. Das ist definitiv Napalm Death, aber irgendwie anders. Schon das bombastische Intro wirkt zuerst befremdlich, doch dann gibt es gewohntes Geknüppel, in welchem sich Barney und Gitarrist Mitch herrliche Wortduelle liefern Barney wirkt vielseitiger als sonst, er brüllt nicht nur guttural, sondern bringt auch tiefe Growls und Hardcore-mäßigen Sprechgesang ein. Selbst Shane Embury mischt sich in den mächtigen Wortschwall ein.

Grindcore allein ist nicht genug!

Wild wird es mit dem psychotischen „Everyday Pox“, in dem, wie schon bei Painkiller, John Zorn ganz zufällig Noten aneinanderreiht, die nicht zu passen scheinen. Neben dem Napalm Death-typischen Grindcore schafft sich die Band mit ungewohnten Einflüssen wie Noiserock, orchestralen Chören, Keyboards (zur Hölle damit!), Hardcore-(Cryptic Slaughter-mäßigen) und Industrial-(Fear Factory.mäßigen)Vocals und bombastischen Intros ein neues Gesicht. Das ist kein Facelift! Sondern Reife, Souveränität und noch mehr Wut, die die bekannte Visage inzwischen ausstrahlt. Kein Thema ist dem lauten Quartett zu heiß, keine Meinung zu unbequem, so lange sie ehrlich ist und dem Ziel dient, Aufmerksamkeit für das Thema zu schüren, welches ihnen unter den Nägeln brennt. 

Napalm Death spielen in ihrer eigenen Liga, die nicht durch die profitgeile Industrie und kriminelle Zocker korrumpiert wurde und auch nicht wird. Trotz der vielen Nebenprojekte ist die altehrwürdige Combo so perfekt aufeinander eingespielt, dass trotz aller Ideen und Egos immer wieder eindeutige Napalm Death-Songs zum Vorschein kommen. Nur mit „Utilitarian“ sind sie so sehr an die Grenzen ihrer Identität gegangen, wie noch nie. Napalm Death bleiben Napalm Death bleiben einfach Napalm Death.

Homepage von Napalm Death

Homepage von Century Media

Luxusvernichtung

Auf dem Weg zur großen Freiheit ist die Gründung des eigenen Labels ein großer Schritt in die richtige Richtung. Das sahen die Grinder der Japanische Kampfhörspiele ebenso und riefen Unundeux ins Leben. Inzwischen liegt die 01 und die 02 vor: Die 01 ist die eigene neue Kreation und die 02 die neue Scheibe der Hamburger Eisenvater.

Die drei mageren Songs auf der Spilt mit Eisenvater ließen Böses erahnen. Haben die Japanische Kampfhörspiele den Biss verloren? Kein bißchen! Satte 54 mal belehren uns JaKa eines Besseren: Grindcore ist der Herr im Land! 54 Musikfetzen und Textfragmente ergeben Grindcore-Spaß allererster Güte. Ganze ZWEI Songs sind länger als eine Minute. Scheiß Balladen! Die restlichen Songs liegen meist unter 30 Sekunden. Auf den Punkt produziert, heißt nur die wirklich nötigsten Regler angefasst, rattern die Songs wie einen Maschinengewehr los. Inhaltlich fassen sich JaKa ebenso kurz. Ein Beispiel: ,al quaida droht mit anschlag – oma hilde betreut auch ganztag’. Der Hit ist ganz klar ,Freitag’ mit diesem genialen Text: endlich freitag – endlich comedy – endlich lachen – nichts mehr machen – kopf bleibt aus – auch zuhaus! Fertig! Aus! Grandios! Noch genialer: Zum Abschluss gibt es eine musikalische Zusammenfassung der Songs ohne Worte.

Manchmal reichen einfach 19 Minuten, um aus dem Häuschen zu sein. Die letzte Scheibe von Maiden ist mit ihren über 70 Minuten stinklangweilig. Und noch mal das Ganze! Endlosschleife!

http://www.japanischekampfhoerspiele.de

http://unundeux.de/

Heirat aus Hass/Scheidung aus Spass

Welch ein Lärm bricht mit Poostew aus den Lautsprechern, Grindcore der ganz heftigen Sorte. Ohne Platz zum Atmen zu lassen, rasen sie durch die vier Lieder der Split-MCD namens „Heirat aus Hass/Scheidung aus Spass“ mit den Japanische Kampfhörspielen. In sechs Minuten sind Poostew fertig, womit sie fast 60 Prozent des Songmaterials für sich einnehmen. Poostew gehen wie die Kollegen technisch versiert zur Sache, lassen aber die Originalität ein wenig außer Acht. Nicht so schlimm, wäre da nicht der nervtötende Snare-Sound, der sich wie der Boden eines 20-Liter-Farbeimers anhört. Zum Glück fällt das bei dem Geprügel nicht so auf. Trotzdem sind Poostew nicht der Gewinner dieser Split-Veröffentlichung, sind aber wegen der Abwechslung unabdingbar.

In den acht Jahren des Bestehens der Japanische Kampfhörspiele sind aus den zwei Lärmfetischisten Christof und Klaus eine sechsköpfige Familie geworden. Immer wieder begeistern JaKa mit technischem als auch eingängigem Lärm. Ihre Songs sind kurz und prägnant und bleiben ausnahmslos im Gehör hängen. Wild drauf los prügeln ist nicht die Sache JaKas, sondern originelle Ideen in ihre Musik einzubauen, um ja nicht ein Teil der Masse zu sein ist ihr Ding. Auf der einen Seite möchte man sofort alles in Schutt und Asche legen, doch dann würde man die vielen kleinen Dinge, die JaKa ausmachen, nicht mitkriegen. Also den Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufdrehen und konzentriert lauschen. Der wieder mal absolut großartige Sound erlaubt dies ohne weiteres. Nur so entfalten die Kompositionen ihr facettenreiches Licht.

http://www.japanischekampfhoerspiele.de

http://www.silentstagnationrecords.com/

Choice Cuts

Mit „Choice Cuts“ (Earache Records) gibt es acht Jahre nach der Auflösung und fünf Jahre nach der von der Band nicht autorisierten Wiederveröffentlichung ihres Back-Katalogs, das Vermächtnis der Grindcore/Gore Metal Ikone Carcass in Form einer Best of-Compilation. So wegweisend und genial die Liverpooler um den ehemaligen Napalm Death Gitarristen Bill Steer auch waren, so nichts sagend und lieblos ist dieser Sampler.

13 typische Carcass-Songs von den insgesamt fünf Longplayern und zwei EPs werden in ursprünglicher Form präsentiert, die eh schon jeder Fan von Exhumed und Co. haben dürfte. Bis hierhin man diese Veröffentlichung man überflüssig abtun, wenn es nicht die beiden BBC Radio 1 Peel Sessions von 1989 und 1990 in Form von acht wüsten Krachern mit dazu geben würde, die den einzigen Reiz dieser CD ausmachen. Auf der Kaufvariante soll es noch Interviews geben, was leider nicht zu verifizieren ist. Das Artwork wirkt ebenso ein wenig einfallslos hingeschustert und erreicht nicht den schlecht-genialen Geschmack der offiziellen Carcass-Cover-Artworks.

Das ganze Projekt ist dann auch mehr Leichenflätterung durch Earache als ein adäquates Vermächtnis der englischen Trendsetter. Besser hätte man daran getan, alle Carcass-Alben mit Bonustracks, Liner-notes und noch mehr wieder zu veröffentlichen. Hoffen, das dies noch irgendwann in die Tat umgesetzt wird.

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Fertigmensch

Wer im Presseinfo Slayer und A-ha als Einflüsse angibt, kann nicht ganz richtig im Kopf sein. Und siehe da, dort steht es doch in derselben Mitteilung, der Junge nahm Drogen und hat Probleme im Kopf. Und was kommt dann dabei heraus, wenn man solchen Typen Instrumente in die Hände gibt? Na? Ganz richtig! Ziemlich fieser, metallischer Grindcore mit einen komischen Namen: Japanische Kampfhörspiele.

Gerade aber das macht die Japanische Kampfhörspiele aus. Ihre kaputte Psyche, mit der sie bestes Verständnis für die Neurosen dieser Gesellschaft haben, setzen sie in höllischen Lärm um. Konsumwahn, Leistungsdruck und der tägliche Gruppenzwang, den unsere Gesellschaft auf uns ausübt, machen uns krank. Unsere Gesellschaft ist krank! Genau diese Auswüchse reflektieren die Japanische Kampfhörspiele mit atemberaubend, heftigem Grindcore, der niemals in sinnloses Prügeln abgleitet.

Ablehnung wird zur Bestätigung und symbolisiert Zuneigung. Zerstört eure Spiegel und holt euch den „Fertigmensch“ von Ikea oder gebt euer selbsteigenes Ich zugunsten von Boy Groups auf. Werdet „Fan von gar nichts“! Denn „Alle Wollen Gut Aussehen (Und Tun Es Nicht)“! Dann holen wir aus zum „Amokschlaf“! Und zum guten Schluss „Verbrennt Euer Geld“!

Die Japanische Kampfhörspiele stehen für kranke Genialität, ohne Kompromisse, sei es musikalisch, textlich oder beim genialen Artwork. Wenn Lärm, dann nur so!

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