Schlagwort: Art Rock

Haydenspark

Die Finnen Overhead sollen auf früheren Alben noch relativ konventionellen Retroprog gespielt haben – es fällt mir allerdings anhand des neuen Albums „Haydenspark“ recht schwer, das zu glauben. Denn 2018 stehen Overhead für eine höchst eigenständige und originelle Mixtur, bei der konventionelle Prog-Elemente nur maximal ein Drittel des Ganzen ausmachen. Der Rest setzt sich aus modernen Rock-Elementen und einem extravaganten Pop-Verständnis zusammen, was in der Kombination ein wahrhaft unwiderstehliches Gebräu ergibt.

Dass das Album trotzdem klar im Prog-Bereich zu verorten ist, zeigt sich hauptsächlich in den abwechslungsreichen, verspielten Kompositionen und den Synthie- und Flötenpassagen, mit denen „Haydenspark“ gespickt ist. Dazu kommt eine sehr abwechslungsreiche Gitarrenarbeit, die in den Solopassagen immer wieder an Steve Vai (!) erinnert, aber auch bei Bedarf U2-mäßige Schwebesounds und Stoner-Rock-Wände liefert – meist im gleichen Song, siehe ‚Last Generation‘. Die typischen Progmetal-Klischeeriffs werden dabei allesamt vermieden, hier klingt nichts auch nur für einen Moment nach Dream Theater oder Tool. Dafür ist aber nicht nur Gitarrist Jaako Kettunen verantwortlich, sondern auch Alex Keskitalos exzellente und vielseitige Vocals, die nicht selten an Scott Weiland (Stone Temple Pilots) oder eine weniger campige Version von Waltaris Kärtsy erinnern.

Wer sich übrigens eine proggige Version von Herrn Weilands eklektischen Soloausflügen vorstellen kann, liegt schon mal gar nicht so weit von „Haydenspark“ entfernt. Denn auch Overhead packen stilistisch alles in die Waagschale, was ihnen zwischen die Finger kommt. ‚Count Your Blessing‘ ist ein radiotauglicher Alternative-Rock-Song mit Killerhookline und lateinamerikanisch inspiriertem Akustikgitarrensolo, ‚King Of The World‘ verbindet poppige Smashing Pumpkins mit einem lockeren Toto-Groove, und ‚Death By Tribulation‘ kommt mit Black Sabbath-Riff, Querflötensolo – und trotzdem purem Grunge-Feeling. All das fügt sich derart locker-flockig und ungezwungen zusammen, dass man sich unweigerlich fragt, warum noch niemand vorher auf die Idee gekommen ist.

Mit dem Titelsong und ‚Gone Too Far‘ gibt’s auch noch zwei Longtracks. Während ‚Haydenspark‘ ganz schamlos Neoprog und IQ-Flair in den Bandsound importiert, gibt es mit dem Rausschmeißer ‚Gone Too Far‘ noch einen Achtziger- und Synthpop-inspirierten, konsequenterweise auch vom traditionell pulsierenden Sequencer getragenen Song, der direkt von Devo-Boss Mark Mothersbaughs Soundtrack zu „Thor:Ragnarok“ stammen könnte – wenn es dort Bratgitarren, atmosphärische Querflöten und hochmelodische Killerrefrains gegeben hätte. Gab’s aber nicht, also 4:1 für Overhead.

Gerade jetzt, wo im Progbereich immer mehr Bands dazu tendieren, stilistisch auf einen erfolgreichen Zug aufzuspringen oder ausschließlich die Vergangenheit zu glorifizieren, sind Bands wie Overhead besonders wichtig. Denn sie zeigen, dass im progressiven Musikgeschehen immer noch eine ganze Menge Originelles möglich ist, wenn man sich nur traut – und die songschreiberischen Fähigkeiten hat, das Ganze auch umzusetzen. Wie vor zwei Jahren Pervy Perkin und im letzten Jahr Schooltree geben mir 2018 Overhead das Vertrauen in meine Lieblingsmucke zurück: da geht definitiv noch was, der Underground liefert auch, wenn’s der Mainstream nicht mehr schafft!

Zu beziehen im Webshop von Just For Kicks!

The Fold

Aus Kanada stammt das Artrock-Trio (plus Sessionkeyboarder) Karcius, welches mit „The Fold“ bereits ihr fünftes Album vorlegt. Die Vorgänger sind mir leider völlig unbekannt, aber auch außerhalb irgendwelchen Kontexts ist „The Fold“ ein sehr hörenswertes Album geworden.

Stilistisch ist die Scheibe quasi das Bindeglied zwischen Porcupine Trees „The Incident“, softeren Riverside und „The Second Hand“ von Anubis geworden. Sprich, düster bis klaustrophobische Atmosphäre, sphärische Synthies, Akustik- und Metalgitarren in dynamischem Wechsel, oft aggressive Drums und eindringliche Vocals, die trotz der oft zum Depressiven tendierenden Stimmung durchaus mit angenehmen, wenn auch kaum eingängigen Melodien aufwarten. „The Flow“ ist ein Konzeptalbum geworden, und auch wenn ich selbst nach Durchlesen der Lyrics und der Anmerkungen dazu nicht behaupten kann, die Story verstanden zu haben, passt die Musik definitiv zu den philosophisch-esoterischen Worten, die die Band sich hat einfallen lassen. Boss des Unternehmens scheint Gitarrist Simon L’Espérance zu sein, hat er doch das Album (teils mit Hilfe von Drummer Thomas Brodeur) produziert, gemischt und komponiert, lediglich das Konzept, die Texte und die Gesangsarrangements stammen von Basser/Sänger Sylvain Auclair. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass die Gitarrenarbeit oft im Vordergrund steht. L’Espérance vermeidet dabei aber allzu abgefahrenes Geschwurbel und bleibt angenehm melodisch. Auch die besagte Produktion ist ziemlich gelungen ausgefallen, auch wenn mir persönlich der arg nach Pappschachtel klingende Snaresound nicht sonderlich zusagt. Da aber für Jahresende eine 5.1-Version des Albums geplant ist, ist davon auszugehen, dass der Sound schon exakt so ausgefallen ist, wie die Band das wollte. Abgerundet wird das Album durch (echte!) Streicher, die dem Ganzen noch mehr Finsternis verpassen und bisweilen fast ins Gotische führen. Im abschließenden Titelsong wird denn auch für ein paar Takte auch mal so richtig die Alternative-Metal-Keule inklusive aggressiver Vocals rausgeholt – das klingt dann ein wenig, als ob Disturbed sich ’ne Hammond-Orgel gekauft und damit ’nen Doom-Metal-Song gecovert hätten. Ja, etwas seltsam, aber nicht unwillkommen!

Für den Durchbruch im Prog-„Mainstream“ fehlt „The Fold“ zwar ein wenig die Abwechslung, wird die düster-depressive Stimmung doch zu keiner Sekunde von anderen emotionalen Bildern durchbrochen. Das ermüdet das Ohr ein wenig und führt dazu, dass man die einzelnen Songs trotz fraglos schöner Melodien nur schwer auseinanderhalten kann. Für Fans der oben genannten Düster-Artrocker ist „The Fold“ aber ein ganz heißer Tipp und Karcius definitiv eine Band, die man im Auge behalten sollte. Zu beziehen über Just For Kicks!

Applause Of A Distant Crowd

Wenn man sich mit dänischem Prog-Metal beschäftigt, stösst man relativ schnell auf die aufstrebende Band Vola, die schon vor drei Jahren auf dem Euroblast Festival in Köln, dem Szenetreffpunkt für Freunde der härteren progressiven Klänge, durch ihre Performance viele neue Fans gewinnen konnten. Auch dieses Jahr lieferte die Band in Köln wieder eine hervorragende Leistung ab und ist derzeit mit Monuments live auf Tour.

Die Band hat nach dem Erfolg des Debüts „Inmazes“ ihre muikalische Mischung aus Electronica, Industrial, Metal und Progressive Rock hörbar verfeinert und legt mit „Applaus Of A Distant Crowd“ jetzt den Nachfolger vor, jetzt unter dem Vertrag beim niederländische Mascot Label. Aufgenommen haben Vola die Songs wieder in Kopenhagen, und herausgekommen sind zehn äußerst unterschiedliche, kontrastreiche Titel, die aber dennoch wie aus einem Guß wirken. Jeder einzelne ist von hoher Qualität beim Songwriting gekennzeichnet. Aggressive Gitarren, verschachtelte Synthie-Parts und grollende Bässe laden uns auf eine spannende Reise ein, die verschiedene Genres streift, mal Metal, mal Ambient, mal Industrial und mal minimalistische Ballade ist. Auch wenn die Musik im Grunde immer „progressiv“ ist, finden sich doch Vola-typisch markante wiederkehrende Parts.

Die Klangcollagen der Dänen erinnern an Vorbilder wie Steven Wilson oder Anathema, die lauteren Parts könnten auch einem Devin Townsend gut zu Angesicht stehen. Zwischendurch überraschen die vier Skandinavier mit Retro-Keyboards wie im zweiten Song ‚Ghosts‘ oder ätherischen, atmosphärisch dichten elektronischen Basteleien in ‚Ruby Pool‘. An den Tasten und zuständig für das Programming der Sampleparts: Martin Werner. Die prägnante Stimme von Frontmann Asger Mygind, der auch Gitarre spielt, bindet alle Tracks, so unterschiedlich sie auch sind, fest zusammen, sorgt für Wiedererkennungswert und lässt den Hörer in wunderbare Musikfluten eintauchen so wie es die Schwimmerin auf dem Covermotiv tut.

Vola verbinden auf „Applause Of A Distant Crowd“ immer wieder geschickt die Genres. Harte Gitarren treffen immer wieder auf faszinierende Synthiepassagen, trotz der verschachtelten Rhythmen werden die Songs nicht sperrig und bleiben alle in überschaubaren Längen. Vielleicht hätten hier ein oder zwei Longtracks noch ihren Platz gefunden, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Aggressivität und Melancholie sind hier stets dicht beisammen und sorgen für eine relaxte Stimmung, so als tauche man selbst in Wasser ein wie die Dame auf dem Cover.

Nach dem Titelsong und dem metal-lastigen ‚Whaler‘ klingt das Album mit dem Song ‚Green Screen Mother‘ leise und fast intim aus. Wir wünschen Vola, dass der für dieses Werk garantiert geerntete Applaus nicht nur von einer weit entfernten Menge, sondern laut und dicht, direkt vor der Bühne tosen wird. Verdient haben sie es auf jeden Fall. Mit diesem Album zeigen die dänischen Progger, dass sie zu den Bands gehören, die man auf jeden Fall im Auge behalten muss. Und das nicht nur aus der Ferne.

Vaxis I: The Unheavenly Creatures

Alle wahren Coheed & Cambria Nerds frohlocken. Frontmann und kreatives Bandgehirn Claudio Sanchez kehrt wieder in seine Science-Fiction-Comic-Welt Heavens Fence zurück. Der Exkurs oder die Auszeit von den Armory Wars mit „The Color Before The Sun“ ist damit beendet und für manchen möglicherweise auch vergessen. Sanchez hat sein Gehirn wieder ans fiktive Keywork angeschlossen, frisch ausgestattet mit einem Major-Label-Plattenvertrag bei Roadrunner Records.

Und weil Coheed & Cambria nun mal die ungewöhnliche Konzept-Band sind die sie sind, ist natürlich die Frage: Worum geht’s? Die Geschichte setzt die Geschehnisse der Armory Wars in „No World for Tomorrow“ (2007) fort und ist gleichzeitig der Erste eines fünfteiligen (!) neuen Handlungsstrangs namens „Vexis“. Im hier besprochenen ersten Teil „The Unheavenly Creatures“ geht es um zwei neue Charaktere (‚Creature‘ und ‚Sister Spider‘), die von einem Gefängnisplaneten namens ‚The Dark Sentencer‘ fliehen wollen.

Mit einem zarten Piano-Intro eröffnet das neue Kapitel der Geschichte, und einem „spacigen“ Monolog eines Erzählers, der den „Dark Sentencer“ vorstellt. Und klingt natürlich so cinematisch, wie es sich für eine Geschichte dieses Ausmasses gehört: Riffs, Soli und Sanchez eigentümliche Stimme geben das Startschuss für das neue musikalische Abenteuer. ‚Unheavenly Creatures‘ thematisiert die dramatische Flucht unserer beiden Progagonisten, etwas schwülstig, aber dennoch mit einem Refrain, der absolut ins Ohr geht.

‚Black Sunday‘ flirtet mit Screams und Growls des Post-Hardcore, zieht seinen Reiz aber aus einem spannenden Crescendo, das unterwegs mit Electro und Pop flirtet. ‚True Ugly‘ hämmert zu mit einem gnadenlosen Drum-Beat auf den Zuhörer ein, Chaos verschmilzt mit dem liebreizend-quälenden Narrativ von Sanchez Stimme. ‚Love Protocol‘ ist eine Pop-Ballade erster Güte, ‚The Pavilion‘ verbeugt sich vor den ganz grossen Rock-Hymnen von Europe oder Queen. Bei ‚The Gutter‘ vereinigen sich melancholischer Alternative Rock mit schwermetallischen Gitarren und wütenden Screams, ein kleines Kunstwerk, diesen Bogen innerhalb weniger Takte zu spannen.

Natürlich sind die ganzen nerdigen Science-Fiction-Geschichten wie eh und je von Sanchez persönlichem Leben inspiriert, und die Musik lässt sich nach wie vor so wenig in eine Genre-Schublade stecken wie kaum eine andere Rockband. Die Vielseitigkeit des Albums ist einmal mehr atemberaubend, auch wenn man der Band ankreiden könnte, dass sie sich vom Genie ihrer ersten Alben entfernt haben oder das alles zu pathetisch daher kommt. Doch Space-Operas waren ja seit eh und je etwas schnulzig. Das ist ja ein Grund, warum wir sie so lieben.

NIGHT OF THE PROG FESTIVAL 2018 – Das Sommerfest der Progmusik

Traditionell heißt es Mitte Juli im herrlichen Amphitheater an der Loreley bei St. Goarshausen am Mittelrhein immer wieder: Night Of The Prog. Es ist eines der weltweit größten Festivals, das sich ganz dem Progressiven Rock verschrieben hat. Die wunderbare Atmosphäre ist – neben dem Line-Up – jedes Jahr ein Grund für viele Fans aus ganz…

Saison 8

„Sad is happy for deep people“, proklamierte einst Sally Sparrow. Das könnte das Motto der Artrocker Lazuli sein: mit ihrem neuen Album „Saison 8“ kommen sie dem perfekten, traurig-schönen Wohlfühlalbum nämlich verflucht nahe. Auch wenn sich im Vergleich zum direkten Vorgänger „Nos Âmes Saoules“ musikalisch nicht viel geändert hat: vielleicht wurden die härteren Ausbrüche und die Pop-Elemente ein wenig in Richtung bodenständigerem, ja, „ungeschminkterem“ Rock verschoben, aber Lazuli bleiben sich ganz generell treu.

Wieso auch nicht? Die Mixtur aus Artrock, Alternative, Peter Gabriel-mäßigen World Music-Elementen und an jüngere Marillion (ca. ab ‚Marbles‘) angelehntem modernem Prog bietet genug Spielraum, dank dessen Langeweile oder Stagnation noch lange kein Thema sein dürften. So begeben wir uns diesmal zum Ende von ‚Un Linceul De Brume‘ gar in apokalyptische Opeth-Gefilde (post-„Heritage“, versteht sich), bevor ‚Mes Amis, Mes Frères‘ ein recht eingängiger Rocksong folgt, der in den Neunzigern wunderbar auf ein Live-Album gepasst hätte. Dem folgt ‚Les Côtes‘, ein seltsamer, atmosphärischer Walzer mit Danny Elfman-/Tim Burton-Flair – nein, über mangelnde Abwechslung oder fehlende Experimentierfreude dürfte sich hier niemand beschweren. Trotzdem schaffen es Lazuli, auf „Saison 8“ ein enorm kompaktes Gesamtbild abzugeben, das weder anstrengt noch verkopft wirkt. Neben den sehr eingängigen, aber nie platten Melodielinien ist auch das ein Verdienst von Sänger/Songwriter Dominique Leonetti. Der mag zwar aussehen, als sei er vor zwanzig Jahren bei einer Nu-Metal-Kapelle abgehauen, verfügt aber über eine höchst eindringliche, eher androgyn klingende Stimme, die genausoviel für den Wiedererkennungswert der Band tut wie das unkonventionelle Instrumentarium. Matt Bellamy, vielleicht auch Brian Molko könnte man als Vergleiche heranziehen, aber, gerade aufgrund der französischen Herkunft der Band naheliegend, auch die Folk-Avantgarde-Chanson-Sängerin Catherine Ribeiro. Die hat ihrerseits auch u.a. mit Peter Gabriel sowie der Band Alpes, welche wie Lazuli auch mit selbst erfundenen und gebauten Instrumenten experimentierte, gearbeitet – und wenn die Dame der Band beim atmosphärischen ‚Chronique Canine‘ nicht zumindest im Hinterkopf herumgespukt ist, wäre das schon ein kräftiger Zufall. Ja, und Marimbas und Waldhörner hört man auch nicht auf jedem Durchschnittsprogalbum – von der selbstgebauten Léode, optisch und soundtechnisch wohl eine Art Chapman Stick oder Touch Guitar, ganz zu schweigen.

Auch in technischer Hinsicht weiß „Saison 8“ durchweg zu gefallen. Die Produktion ist erstklassig ausgefallen, wunderbar warm, hochdetailliert, bei Bedarf aber enorm druckvoll, an anderer Stelle getragen, ohne zerbrechlich oder gar dünn zu wirken. Bedenkt man, wieviele mittelprächtige Produktionen bei Major-Labels herausgehauen werden, ist eine derart fantastisch klingende Eigenproduktion umso erfreulicher – und kommt ganz und gar ohne Surround-Schnickschnack aus. Auch das Artwork (die CD kommt als Digipack mit 18seitigem Booklet), für das ebenfalls Dominique Leonetti verantwortlich zeichnet, wirkt enorm hochwertig und unterstützt die Musik perfekt. Auch die Lyrics sind abgedruckt, doch ungeachtet der Tatsache, dass er gerade fünfzehn Kilometer von der französischen Grenze entfernt wohnt, versteht der ignorante Rezensent von denen kein Wort. So seltsam das klingt, das gibt der Musik nur noch mehr Reiz, da die Stimme zum reinen Instrument wird und die Emotionen rein von der Darbietung des Sängers ausgelöst werden.

Man könnte also sagen, ich bin ziemlich begeistert von Lazulis Neuer. Kurz, der Fünfer gehört zu den besten Prog-Bands unserer Zeit, gerade, weil sie sämtliche Genre-Klischees weiträumig umfahren. Ein Höhepunkt in einem an starken Releases wahrlich nicht armen Monat. Zu beziehen im Webshop der Spezis von Just For Kicks!

Roxy Music (Deluxe Edition)

Über die musikhistorische Bedeutung des Roxy Music-Debütalbums muss man definitiv nicht mehr streiten. Was Bryan Ferry, Phil Manzanera, Andy Mackay, Paul Thompson, Graham Simpson und natürlich Brian Eno mit ihrem ersten Album ablieferten, hatte nachhaltige Wirkung auf so ziemlich jeden, der in der Folge schrägen und eklektischen Pop anpackte. Klar, auch Roxy Music kochten nur mit Wasser, der „Hunky Dory“/“The Man Who Sold The World“-Bowie, das Frühwerk von King Crimson (deren Texter Peter Sinfield das Album auch produzierte), Jacques Brel, Minimalmusik im Sinne von Glass und Reich und die elektronischen Experimente von Stockhausen kann man klar als Vorläufer werten – doch seien wir ehrlich, wer wäre ansonsten damals noch auf die Idee gekommen, all diese widersprüchlichen Elemente durcheinanderzuwürfeln, mit einem guten Schuß harten Rock und einer Begeisterung für hochkonzeptionelle Ästhetik und den modischen Stil der 1930er in einem einzigen Gesamtkunstwerk zu vermengen?

Eine ausführliche Deluxe-Ausgabe macht somit bei kaum einer Band mehr Sinn. Aufgrund der – nicht nur damals – für viele Ersthörer eine klare Überforderung darstellenden Detailfülle der Musik macht auch die Verarbeitung als Surround-Mix (natürlich angefertigt von Steven Wilson) absolut Sinn. Die findet man allerdings nur im großen Box-set – Whiskey-Soda lag zur Rezension „nur“ die reguläre 2CD-Version vor. Aber auch die weiß vollkommen zu begeistern. Nicht nur, weil das Album mit Klassikern wie ‚Ladytron‘, ‚Re-Make/Re-Model‘ oder dem epischen ‚Sea Breeze‘ auch heute noch frisch und mitreißend klingt und das Album in seiner US-Version enthalten ist – also MIT der ersten Single ‚Virginia Plain‘, die in Europa fehlte. Auch, weil das fest gebundene Digibook sich auch im Regal durchaus schick macht und mit ausgiebigen Informationen über die Entstehung der Band und des Albums, einer ganzen Reihe Fotos und Informationen zu den Bonustracks punktet. Und, ach, diese Bonustracks! Eine komplette Sammlung der für die BBC zur damaligen Zeit gemachten Livesessions in absolut makelloser Qualität! Besonders interessant ist dabei die erste, fünf Songs umfassende Session, bei der es sich um Aufnahmen VOR den Sessions zum Album handelt und bei denen Phil Manzanera noch nicht Mitglied der Band war – stattdessen bediente Ex-The Nice-Gitarrist Davey O’List (!) die sechs Saiten. Nicht nur für Fans ist es höchst interessant, die Versionen von ‚If There Is Something‘ oder ‚The BOB‘ mit ihren späteren Takes zu vergleichen: obwohl die Arrangements weitgehend identisch sind, liegen doch Welten zwischen den beiden Gitarrenstilen und somit dem Endresultat. Ebenso begeisterungswürdig ist die „BBC In Concert“-Session, die den ersten offiziell veröffentlichten Konzertmitschnitt des Debüt-Line-Ups darstellt. Speziell bei Brian Enos wüsten und bislang ungehörten Synthie-Gequietsche und –Gefiepe kann man sich die Gesichter der Zuschauer auch heute noch lebhaft vorstellen – schließlich wurden Roxy Music aufgrund ihres flamboyanten Auftretens damals generell als Glamrock-Band gehandelt und gebucht… Sweet- oder Slade-Fans dürften sich mit Sicherheit ein wenig schwergetan haben.

Also, der ganz harte Fan greift natürlich zum fetten, großformatigen Boxset – das ist allerdings mit ca. 130€ ganz schön happig bepreist. Die 2CD-Version mit den BBC-Sessions hingegen sollte jeder, der sich für intelligente und eigensinnige Rockmusik interessiert, sofort auf den Einkaufszettel schreiben, auch wenn das Album bereits in der Sammlung steht: alleine schon die Qualität der BBC-Aufnahmen lohnt die Anschaffung in jedem Fall. So muss ein Reissue aussehen.

ROXY MUSIC-Debüt bekommt die Deluxe-Behandlung

„Wenn man Roxy Music gehört (und gesehen) hat, erklärt sich der Name von selbst“, verkündete das originale Albuminfo von 1972. Von den ersten Zeilen des Openers ‚Re-Make/Re-Model‘ – „I tried, but I could not find a way, looking back all I did was look away“ – bis zu „Should make the cognoscenti think“, der letzten…

FISCHER-Z gehen auf Tour und zeigen neues Video

Das im März diesen Jahres erschienen, aktuelle Fischer-Z-Album „Building Bridges“ macht seit seinem Erscheinen Ende März 2017 regelrecht Furore und gilt als Rückkehr zur Bestform für das Projekt von John Watts, das zusammen mit XTC als wohl wichtigster Vertreter des intellektuellen Arms der New Wave-Bewegung gilt. Exzellente Besprechungen, gefeierte Gigs und Festivalauftritte sowie inzwischen sogar…

Pink Floyd – Die definitive Biographie

Pünktlich zur neuen David Gilmour-DVD möchten wir Euch einen ganz besonderen Schmöker ans Herz legen. Der britische Journalist Mark Blake hat sich nämlich an das anstrengende Unterfangen gewagt, eine umfassende Biografie über die notorisch pressescheuen Herrschaften von Pink Floyd zu schreiben, die der österreichische Hannibal-Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht hat. Auf rund 550 Seiten bringt „Pink Floyd – Die definitive Biografie“ dank vieler Interviews, die Blake mit der Band und Zeitgenossen geführt hat, die wechselhafte Karriere der fünf Musiker, die trotz diverser Wechsel immer im Schicksal verbunden blieben, außerordentlich detailliert und nachvollziehbar an den Fan.

Im Gegensatz zur Autobiografie von Floyd-Drummer Nick Mason geht Mark Blake in seinem Buch weit methodischer zur Sache, Masons Humor sucht man hier vergeblich. Dafür bemüht sich der Autor um eine recht objektive Darstellung der Ereignisse. Gerade, wenn es um Syd Barretts Absturz oder den Kleinkrieg zwischen Roger Waters und David Gilmour geht, ergreift das Buch keine Partei, sondern lässt dank O-Ton-Kommentaren die Fakten wirken – oder zeigt die Diskrepanzen in den von verschiedenen Parteien abgegebenen Versionen der Geschehnisse auf, sodass jeder sich sein eigenes Bild machen kann. Als Aufhänger nutzt Blake die mittlerweile bereits legendäre Live8-Reunion 2005, bei der Roger Waters erstmals seit 25 Jahren wieder mit seinen Siebziger-Bandkollegen aufgetreten war. Daraus spinnt er den Faden in die Vergangenheit, die wohlbehütete Jugend der aus gutem Hause stammenden Musiker, die Rebellenpose der Clique von der Cambridge-Universität, die ersten musikalischen Gehversuche – und natürlich zum faszinierenden Charakter von Syd Barrett, der in diesem Klima regelrecht aufblühte.

Auch Weggefährten wie Aubrey Powell und Storm Thorgerson, die mit ihrer Design-Firma Hipgnosis später für ihre Uni-Kumpels ikonische Cover-Artworks wie „Dark Side Of The Moon“ oder „Meddle“ in Szene setzen sollten, werden ausführlich vorgestellt. Auch die schon frühen Verbindungen zwischen den Ur-Floyds und dem eigentlich erst zum zweiten Album hinzustoßenden David Gilmour werden schön aufgezeigt – so waren Gilmour und Barrett noch vor der Floyd-Gründung als Straßenmusiker-Team unterwegs, und Pink Floyd-Gründungsmitglied Bob Klose, der die Band vor ihrem ersten Plattendeal verließ, tauchte später auf David Gilmours Soloalben von 2006 und 2015 wieder auf. Willie Wilson, der Drummer von Gilmours Prä-Floyd-Band Joker’s Wild spielte später auf Syd Barretts beiden Soloalben und mit Pink Floyd während der „The Wall“-Tour – derlei Verbindungen sind zahlreich und bisweilen höchst verblüffend. Zwar ist die Fülle an Personen, die von der Cambridge-Phase bis zum Aufstieg zu den Helden des psychedelischen Underground auftauchen, beim ersten Lesen aufgrund ihrer Vielzahl ein wenig verwirrend, da allerdings fast alle später noch mehrmals auftauchen werden, haben natürlich auch alle ihre Berechtigung in der Story.

Das Buch handelt akribisch alle essenziellen Floyd-Meilensteine ab, ob der Zerfall von Syd Barretts Persönlichkeit, der Ausbruch von Roger Waters Paranoia, David Gilmours Übernahme und natürlich Anekdoten wie das fliegende Schwein über Battersea Power Station (das auch das Cover ziert), das Bespucken eines Fans und die angeblichen Beschädigungen der Kanäle von Venedig, die Tode von Rick Wright und Syd Barrett, alles wird von Mark Blake berücksichtigt und einige der Legenden auch erfreulich kritisch hinterfragt. Die Geschichte geht bis zur Veröffentlichung von David Gilmours letztem Soloalbum „Rattle That Lock“, und aufgrund der differenzierten Charakterzeichnungen der einzelnen Bandmitglieder schafft es Blake, die eigenwilligen Entscheidungen, die oft zu höchst seltsamen Geschehnissen innerhalb der Bandkarriere führten, weitgehend nachvollziehbar und verständlich zu machen. Der aggressiv-egomanische Konzeptionalist Waters, der ebenso egogetriebene, aber diplomatischere Gilmour, der „Regeln sind für Andere“-Bilderstürmer Barrett, der geniale, aber phlegmatische Wright und der locker-entspannte „alles mal ausprobieren“-Drummer Mason werden dank differenzierter Beobachtungen richtig schön nachvollziehbar gemacht.

Man kann Blake nur Respekt für die Arbeit zollen, die er in dieses Buch gesteckt hat – seinem Titel als „definitive“ Arbeit zum Thema wird es in jedem Fall gerecht. Ein Buch, das man nicht nur einmal liest, sondern sicher danach noch mehrfach zur Hand nehmen wird, um diverse Begebenheiten noch einmal häppchenweise Revue passieren zu lassen. Die Fotos sind zwar nicht allzu zahlreich, aber erfreulich stimmig ausgewählt, vieles hat man bislang so noch nicht gesehen. Da auch der Hardcover-Einband mit dem pinken Buchrücken durchaus ansprechend ausgefallen ist, kann man nichts Anderes als eine Empfehlung aussprechen: ohne Frage, für jeden, der sich mit dem Thema Pink Floyd beschäftigt, eine essenzielle Anschaffung.