Schlagwort: Americana

Take The Ride

Enttäuschung.  

Nicht, weil die EP „Take The Ride“ (Eigenproduktion) schlecht wäre, sondern weil es eben nur eine EP mit lediglich vier Songs ist.

Kingsborough stammen aus der Nähe der kalifornischen Metropole San Francisco und versprühen mit ihrer Musik Westcoast-Flair. Relaxter Vintage-Blues für lange Autofahrten – nicht nur über die kalifornischen Highways. Schon der Opener ‚So High‘ macht extrem viel Laune mit seiner stimmungsvollen Mischung aus Southern Rock, bluesigem Rock’n’Roll und Roots. Die folgende balladenhafte Nummer ‚Open Invitation‘ explodiert nach verhaltenem Beginn im Verlauf mit groovenden Gitarren.

Frontmann Billy Kingsborough überzeugt mit seiner markanten Stimme, die amerikanische Kritiker schon mit Joe Cocker verglichen haben. Gitarrist Alex Leach liefert Großartiges: Riffs irgendwo zwischen ZZ Top, The Black Keys und Led Zeppelin.

Die Boogie-Nummer ‚Only Light‘ wird von ausgezeichneten Jam-Passagen dominiert, nicht ganz so eingängig wie die ersten beiden Songs, aber hier zeigt sich das breite songwriterische Spektrum der Amerikaner. Der vierte und leider schon wieder letzte Track ‚Across The Headlights‘ hat dann noch einmal Ohrwurmqualitäten. Mit seiner Mischung aus treibendem Rock, dezentem Country-Blues und Gute-Laune-Vibes lädt er uns Europäer ein, zumindest ein bisschen „California Dreaming“ zu betreiben. Diese EP macht Lust auf mehr Kingsborough und das nächste Studioalbum – und  natürlich auf die angekündigte Tour, wenn die Kalifornier auch bei uns ihren Roadtrip starten im Auftrag des Rock’n’Blues.

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Skeleton At The Banquet

Nach den letzten Alben waren die Erwartungen an eine neue Veröffentlichung des amerikanischen Singer-Songwriters Gill Landry sehr hoch. Das aus Louisiana stammende ehemalige Mitglied der Truppe Old Crow Medicine Show überzeugte uns zuletzt 2017 mit „Love Rides A Dark Horse“, einem der besten Dark-Country-Alben des Jahres.

Der Sänger und Gitarrist legt jetzt mit „Skeleton At The Banquet“ (Loose Music ) seinen nunmehr fünften Longplayer vor. Das leicht morbide Cover verrät direkt, was den Hörer erwartet: düster-melancholische Stimmung auf künstlerisch hohem Niveau. Neun eher zurückhaltend instrumentalisierte Songs, bei denen Landrys Stimme und Gitarre klar im Vordergrund stehen, sorgen in gewohnt hoher Qualität für relaxte, melancholische Stimmung. Country, Blues und folkige Americana verschmelzen zu einem eleganten Mix. Egal, ob die Violine in ‚A Different Tune‘ starke Akzente setzt oder ‚Nobody’s Coming‘ mit seinem dezenten Rhythmus und den eingestreuten Bläsern im Hintergrund für leicht morbide Western-Atmosphäre sorgt, Gill Landry schafft es immer wieder, Gänsehaut zu erzeugen.

‚Wicked winds are blowing‘, singt Landry im jazzigen ‚The Refuge Of Your Arms‘, einer starken Dark-Country-Ballade. Man hört ihn förmlich, diesen Wind, der über die einsame Prärie streift und dem Hörer durch die Ohren direkt in die Seele fährt. Gute Musik schafft so etwas, und dieser Musiker versteht etwas davon. Teilweise kann man seine möglichen Vorbilder gut heraushören: Die in ‚Angeline‘ prägnant eingesetzte Mundharmonika erinnert immer wieder an Bruce Springsteen.

Wer den späten Johnny Cash, Leonard Cohen und Tom Waits mag, wird Gill Landry lieben. Wer im Januar 2020 auch nur ein Genrealbum kaufen möchte, sollte hier zuschlagen. Das Bankett ist eröffnet.

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Love

Nicht verwechseln: Die Liebe ist zwar oftmals rot, und Waldemar ist ein deutscher Vorname, aber hier bekommt diese Liebe schon auf dem Cover mit den vielen Kreuzen einen irritierenden Beigeschmack. Waldemar ist der Nachname des norwegischen Künstlers, der mit „Love“ (Jansen Records  / Noisolution ) seinen dritten Longplayer veröffentlicht.

Torgeir Waldemar, groß und bärtig, sieht vielleicht aus wie der Frontmann einer norwegischen Black Metal-Kapelle, ist aber Singer / Songwriter und liefert entspannten Folkrock mit US-Westcoast-Einflüssen, Americana-Attitüden und einer Prise 70er-Rock ab. Fünf Songs sowie ein Intro und zwei „Interludes“ finden sich auf „Love“, das musikalisch eine Mischung aus dem melancholischen, ruhigen Erstling von 2014 und dem 2017er „No Offending Borders“ ist, auf dem es lauter und ziemlich fuzzy zuging. So lädt der Opener ‚Leaf In The Wind‘ den geneigten Folkrocker zum eleganten Schunkeln ein, während ‚Heart And Gold‘ musikalisch der Sprung aus den Fjorden über den großen Teich gelingt und mit countrylastigem Americana-Rock wohlig überzeugen kann. Wer The Band oder Neil Young mag, fühlt sich hier gut aufgehoben.

Ganz egal ob Folk, Rock oder Country: Allen Tracks gemein ist die hohe Qualität des Songwritings sowie das hörbare Herzblut, das in die Interpretation geflossen ist. Waldemar wird gegen Ende sogar experimentell, wenn er im viertelstündigen Longtrack ‚Black Ocean‘ fast schon psychedelisch-progressiv zu Werke geht. Wabernde, simple Rhythmusfiguren steigern sich hier zu einem letzten spektakulären Song, der einen passenden Schlusspunkt für ein großartiges Album setzt.

So klingt es also, wenn ein Norweger amerikanischen Southern-Folk spielt: ausgezeichnet. Für Genrefans liefert Torgeir Waldemar schon nach zwei Wochen des neuen Jahres ein kleines Highlight ab, das wir hiermit gerne weiterempfehlen.

Einen Song aus dem neuen Album gibt es leider derzeit nicht als Video, aber hier ist ein neuer Clip zu einem alten Song:

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Guts

Nur Menschen mit Herz haben die Fähigkeit, etwas zu verändern.

Sagt Eamon McGrath mit Bezug auf sein Video zur Single „Guts“. Und meint die Notwendigkeit, Probleme zu thematisieren und an ihnen zu arbeiten, als sie einfach hinzunehmen. Das erfordert guts, also einen Arsch in der Hose, und mit dem ist McGrath die Produktion seines siebten Studioalbums angegangen.

Einen Schritt weg vom direkteren Rocksound (gern auch mit avantgardistischen Nuancen), öffnet der Kanadier nun also sein Herz und gibt „Guts“ (Uncle M) mit Ansage einen introvertierten folkigen Sound, den man so von ihm nicht unbedingt kennt. Der hat zum Beispiel in „Givin Up“ eine große Dichte, dank des harmonischen Kanongesangs. Überhaupt tragen McGrath’s Co-Sänger/innen („To Drink Only Water“, „In Like A Lion“) zu einer Tiefe mancher Songs bei, die der Sänger allein nicht erzeugt. Aber genau diese Stücke zeigen sein Potential, dass er natürlich das Zeug zu sanften und dunklen Tunes hat.

Dennoch, auch die Balladen von „Guts“ haben eine prägnante Dynamik (siehe Titeltrack), die sich am altehrwürdigen Country orientiert und aus der sich McGrath offenbar nicht gänzlich befreien kann oder will. Die neuen Songs sind allesamt sehr traditionell und eher üppig als sparsam arrangiert. Das verhüllt ihren rührenden Kern, anstatt ihn freizulegen. „City By The Lake“ etwa bekommt durch einen Energieschub zum Ende hin einen Stadionrock-Sound, der den eigentlich träumerischen Modus des Songs unnötig unterbricht. Und sogleich in den recht konventionellen Folkrock-Track „Yellow Sticker On An Empty Fridge“ weiterleitet.

Es scheint, als entdeckte der doch eigentlich so erfahrene Eamon McGrath seine folkige Seite erst langsam. Auf „Guts“ hat er jedenfalls noch nicht wirklich Vertrauen in die leisen, von ihm selbst beschworenen düsteren Töne. Natürlich beweist er gutes Handwerk. Aber paradoxerweise braucht es auf diesem neuen Weg noch mehr Zurückhaltung, um den Hörer wirklich zu fesseln.

 

eamonmcgrath.bandcamp.com

uncle-m.com

Dog In A Manger

American Roots, kerniger Rock’n’Roll, eine Prise Blues und etwas Alternative Country: Diese üblichen Zutaten und die Mischung sind nicht neu, und doch frisch serviert immer wieder lecker. So auch in diesem Fall.

Smooth Hound Smith, das ist das Duo Zack Smith (Gitarre, Gesang, Schlagwerk, Harmonica, Banjo) und dessen Ehefrau Caitlin Doyle-Smith (Gesang, Percussion) aus der US-Musikmetropole Nashville. Die beiden machen seit 2012 Musik und haben mit Foot Percussion, fuzzigen Finger-Pick-Gitarren, Harmonicas und ein paar groovigen Percussions ihren ganz eigenen unverkennbaren Sound erschaffen, in dem Rock, Folk und klassischer Blues stimmungsvoll verwoben werden. Mit „Dog In A Manger“ legen SHS ihr drittes Album vor. das durch die geschickt spärliche Instrumentierung sehr persönlich und beinahe intim wirkt. Obwohl beide Eheleute Gesangsparts übernehmen, steht doch eindeutig die Männerstimme im Vordergrund. Smith lässt seine bessere Hälfte meistens nur als Begleitung auftreten – dass sie es auch alleine kann, zeigt der beschwingte Country-Song ‚Waiting For A Spark‘. Vielleicht hätte noch mehr weiblicher Leadgesang dem Album mehr Abwechslung verschafft.

Dennoch ist „Dog In A Manger“ ein wunderbar relaxtes Americana-Kleinod geworden, das sich besonders gut bei langen Autofahrten durch das offene Land machen wird. Interessant ist neben dem excellenten Songwriting auch die Tatsache, dass Zack Smith eben nahezu alle Instrumente im Alleingang eingespielt hat. Wabernd, groovig, fragil: So präsentiert sich nicht nur der Titelsong. Zehn musikalische Entdeckungen gilt es hier zu machen, und mit dem guten Gesamtergebnis sticht Smooth Hound Smith klar aus der Masse der gegenwärtigen Americana-Welle heraus. Smith und seine Ehefrau beweisen hier, dass man auch als Duo packende und vor allen Dingen sehr stylische Musik machen kann.

Down To The River

Auf einem seiner berühmtesten Alben sang Bruce „The Boss“ Springsteen ‚We’d go down to the river…‘. Ähnlich wie Springsteen haben auch die Väter der auf „Down To The River“ vertretenen Musiker ebenfalls Rockgeschichte geschrieben. Ist die Allman Betts Band darum eine Supergroup? Die Truppe sieht sich selbst als klassische Band mit sieben Migliedern, aber aufgrund der berühmten Abstammung ihrer beiden Gründer könnte man sie fast als Supergroup bezeichnen. 

Devon Allmann ist der Sohn des berühmten Gregg Allman, Duane Betts der Sohn von Dickey Betts, und Bassist Berry Duane Oakley schließlich der Sohn von Berry Oakley. Allmann, Betts und Oakley waren natürlich Gründungsmitglieder der berühmten Allman Brothers Band, einer der Legenden des amerikanischen Southern Rocks, die nachhaltig ein ganzes Genre beeinflusst hat.

Nach Gregg Allmanns Tod im jahrer 2017 (Betts und Oakley sind bereits Anfang der 70er gestorben) brauchte sein Sohn Devon einige Zeit, um sich von dem Verlust zu erholen, aber jetzt startet er mit der Allman Betts Band richtig durch. Bei diesem großen Erbe muss man natürlich zunächst einmal den Vergleich mit der Allman Brothers Band heranziehen, aber schon schnell wird klar, dass hier nicht einfach gecovert wird, sondern dass die Jungs ihr ganz eigenes Ding durchziehen, sicher vom Spirit ihrer Väter inspiriert, aber dennoch unverwechselbar eigenständig: Bluesrock und Americana mit feinen Nuancen, einer jederzeit frischen Note, ehrliche, bodenständige Musik, die immer wieder in fast improvisiert wirkende Jampassagen rutscht, so zum Beispiel im neunminütigen Longtrack ‚Autumn Breeze‘, das ist etwas, auf das sich die Fans bei diesem Album freuen dürfen. Die Musik ist die logische Weiterentwicklung des Erbes ihrer Väter. Allman und Betts bringen die Allman Brothers in das neue Jahrtausend und fügen nebenbei ihren eigenen Spirit und neue Träume der alten Rezeptur hinzu.

Der Titelsong ‚Down To The River‘ ist eine sehr soulige Bluesnummer mit klassischem Flair. Wunderbar auch die intime Piano-Ballade ‚Southern Accent‘. Aber auch die anderen Nummern überzeugen, wie zum Beispiel das groovende ‚Try‘ mit den kernigen Hammond-Parts, die beste Bluesrock-Stimmung verbreitet. Johnny Stachela ergänzt Allman und Betts an den Gitarrren, der Keyboarder John Ginty sorgt unter anderem für die erwähnten Orgelparts und coutryeske Pianolicks. Das Album wurde in den berühmten Muscle Shoals Sound Studios in Alabama aufgenommen, wobei viel Wert auf Vintage-Sounds und analoge, klassische Aufnahmetechnik gelegt wurde. Herausgekommen ist mehr als nur eine Visitenkarte, mit der The Allman Betts Band auf sich aufmerksam macht. „Down To The River“ ist zweifelsohne eins der besten Bluesrock-Alben des Jahres.

Live The Love Beautiful

Der einsame Astronaut treibt irgendwo im Weltraum, aber er sieht die roten Rosen in irgendeiner Form von musikalischer Poesie. So verspricht es das Cover der neuen Scheibe der amerikanischen Southern-Rocker Drivin N Cryin. Poetisch geht es auf dem Album dann auch zu, außerdem wird’s politisch, groovig und definitiv hörenswert. Aber der Reihe nach.

Drivin N Cryin gibt es schon fast 35 Jahre, spielte die Band doch 1985 ihren ersten Gig im heimischen Atlanta / Georgia. Die Gründungsmitglieder Kevn (ohne i) Kinney und Tim Nielsen sind auch heute nach dabei, wenn das Quartett seinen ersten neuen Longplayer seit zehn Jahren präsentiert. Musikalisch ist dabei eine Mischung aus Southern Rock, Americana, Country und einer Prise Garage- und Psychedelic-Rock herausgekommen. Inhaltlich drehen sich die elf überwiegend direkt live im Studio und ohne Overdubs aufgenommenen Songs um schwierige Zeiten sowohl in persönlichen Krisen als auch in der aktuellen amerikanischen Politik. Da passen die teils eingeworfenen Folkrock-Attitüde genauso gut wie die Retro-Passagen, die im 60er-Jahre-Psych-Rock verwurzelt sind und ein wenig old school punk’n’roll. Der Opener ‚Free Ain’t Free‘ gibt die Marschrichtung vor und ist eine zornige Abrechnung mit den eigenen Landsleuten und dem Kapitalismus, der immer breiter werdenden Kluft zwischen Arm und Reich. Wer Drivn N Cryin noch nicht kennt, wird zunächst etwas überrascht sein, den Kevn Kinneys Stimme ist wahrlich sehr markant in ihrer Mischung aus Sprechgesang und zornigem Alternative-Rock-Timbre. Aber man hat sich schnell an die Vocals gewöhnt und muss feststellen: Es passt. Natürlich passt es.

Mit dem Song ‚Spies‘ wird es später noch einmal politisch,
Neben dem charakteristischen Gesang bleiben vor allen Dingen auch die Gitarrenparts im Ohr hängen, die Laur Joamets gekonnt aus diversen Sechssaitern herausholt. Kernige Riffs, melodische Soli und ein paar hübsche Slides wechseln sich immer wieder ab und entzücken den Southern-Folkrock-Fan. Die Gastmusiker Aaron Lee Tasjan und Matt Rowlands sorgen mit ihren eingestreuten Piano-, Hammond-Orgel- und Synthie-Parts für die richtige Stimmung. Im Song ‚If I’m Not There I’ll Be Here‘ (schöne Logik!) wird es richtig retro mit den erwähnten 60er-Vintage-Sounds und einigen sehr psychedelischen Parts, die sich dennoch harmonisch ins Gesamtbild fügen.

Leider gibt es auch zwei oder drei Ausrutscher, wenn man sie denn dann so nennen mag, denn insgesamt liefern die Amerikaner ein sehr gutes Album ab. Im Gegensatz zum Rest bleibt aber gerade der Titelsong etwas zurück und ist der erste des Albums, der nicht länger im Ohr hängenbleibt. Und ganz am Ende wird’s dann etwas arg poppig mit ‚Over And Over‘ und ‚Sometimes I Wish I Didn’t Care‘, die beide ein wenig die hohe Energie des restlichesn Albums vermissen lassen und ein wenig in der Durchschnittlichkeit versinken. Schade drum, aber unterm Strich bleibt dennoch ein sehr gutes Album, das Spaß und überwiegend auch richtig Laune macht. „Live The Love Beautiful“ ist wirklich beautiful.

Take Me Higher

Die Südkalifornier Robert Jon & The Wreck haben wir euch schon mehrfach live und im Studio vorgestellt. Da horchen wir natürlich auf bei einer neuen Veröffentlichung. Die Jungs, die 2013 in ihrer Heimat Orange County einen Award als beste Live-Band gewonnen haben, melden sich mit Nachschub in Sachen Folk’n’Roll, Southern Rock und Countryrock-geschwängerter Americana zurück. Das Rezept ist nicht neu, aber das Ergebnis schmeckt immer wieder hervorragend. Der vollbärtige Rober Jon Burrison und seine Truppe schaffen es auch auf ihrem vierten Studiolongplayer  wieder, eine perfekt abgestimmte Mischung abzuliefern, die nicht nur durch die groovenden Hooklines und hohen Wiedererkennungswert überzeugen kann. Bluesrock, Funk, eine kleine Prise Alternative Rock, alles ist mit an Bord.

„Take Me Higher“ enthält acht Tracks. Stellvertretend für das ganze Album: Gleich der eröffnende Titelsong. Erdig-kernige Gitarrenriffs, eine leicht ölende Orgel, treibender Bass. Daüber Robert Jon Burrisons markante Stimme, glücklich ist der Southern-Rocker. Das setzt sich so über die ganze Scheibe fort, sei es im groovenden ‚Going Down‘ oder dem Rock’n’Roller ‚Makes Me Wanna Yell‘ bis hin zur gelungenen Schmuseballade ‚Coming Home‘. Etwas aus der Reihe fällt schließlich die instrumentale Nummer ‚Cannonball‘, die durch klasse Gitarrenarbeit und fast schon progressiven Charakter überzeugt. Robert Jon & The Wreck schaffen es, verschiedene Stile und Genres zu einem stimmungsvollen Ganzen zu verschmelzen und dabei zu jeder Sekunde ihr eigenes Ding durchzuziehen. Respekt!

„We are a Southern Rock band out of Southern California. We travel the nation, drink whiskey, and play the music we love.“So beschreibt sich das Quintett selbst, und das können wir mal genauso unterschreiben. Robert Jon & The Wreck spielen die Musik, die wir mögen. Zumindest wir alle, die wir auf Country-Rock mit südkalifornischem Flair stehen.

The Traveler

In den USA ist Bluesrocker Kenny Wayne Shepherd ein Mainstream-Superstar, der Millionen preisgekrönte Platten verkauft hat. Der 41-jährige Autodidakt, der in seiner Jugend von Stevie Ray Vaughan gefördert wurde, ist bescheiden, auch wenn er durchaus in eine Kategorie mit dem viel bekannteren Joe Bonamassa gehört. Erst in den letzten Jahren hat er auch im deutschsprachigen Raum eine gewisse Bekanntheit erlangt, nun legt der Gitarrenmeister sein neuntes Album „The Traveler“ vor.

Natürlich geht es um die Liebe, die Heimat und den Blues. Trotzdem zeigt sich der Musiker, der seit seinem letzten Werk die 40 überschritten hat, gereift:

„‚The Traveler‘ hält sich auf gewisse Weise etwas zurück.“, erklärt er. „Als ich älter wurde, wurde mir klar, dass weniger manchmal mehr ist. Ich spiele jetzt um des Songs Willen. ‚I Want You‘ oder auch ‚Turn To Stone‘ bauen sich immer weiter auf und drehen sich letztendlich um das Gitarrensolo. Bei ‚Woman Like You‘ steht hingegen der Rhythmus im Vordergrund. Ein geradliniger Les Paul Sound, dessen Riff sich wie von selbst dem Gesang unterordnet.“

‚Long Time Running‘ dagegen ist eine deutliche rockigere Nummer mit straightem Gitarrengeklimper. ‚Tailwind‘ kratzt als schmachtige Ballade ordentlich am akustischen Pathos, der ohrwurmige Chorus versöhnt den Skeptiker jedoch. ‚Gravity‘ ist eine weitere gemächliche Nummer, die aber eher nachdenklich als melancholisch daher kommt. ‚We All Right‘ und ‚Take it on Home‘ sprechen den countryaffinen, amerikanischen Fan an und ‚Mr. Soul‘ flirtet mit den Riff von ‚Satisfaction‘ der Stones – in Wirklichkeit ist der Song aber ein Cover von Buffalo Springfield:

„Stephen (Stills) wollte mich und Neil Young gemeinsam bei einer Autismus-Benefizshow auf die Bühne bringen. Ich hatte ‚Mr. Soul‘ im Hinterkopf und es wurde ein spektakulärer Moment. Auf dem Album möchte ich diesem besonderen Moment und dieser Erfahrung Tribut zollen.“

Kenny Wayne Shepherd deckt mit seinem Album „The Traveler“ eine grosse Bandbreite innerhalb des Genres ab. Von klassischem Blues, über rockige Nummern bis zu countryesk-balladeskem US-Pop-Rock ist alles dabei. Das dürfte wohl auch das bewährte Rezept sein, mit dem der Musiker in seiner Heimat so erfolgreich punktet . Für den Blues-Puristen ist das eventuell etwas zu halbherzig – wobei die Potenz des Albums sowie die Fähigkeiten Shepherds unbestritten sind.

Ozone Park

Sweet Home. In diesem Fall nicht Alabama (obwohl sich das beim Southern Rock ja aufdrängt), sondern der New Yorker Stadtbezirk Queens. Es geht auch gar nicht (nur) um Southern Rock, sondern um zeitlosen Blues, gewürzt mit Americana, Garagerock und einer großen Southern-Attitüde. Aber ganz von vorne: Das New Yorker Quartett Hollis Brown benennt sich nach dem Bob-Dylan-Song ‚The Ballad Of Hollis Brown‘ und spielte nach einem Lou Reed-Tribut das komplette Velvet-Underground-Album „Loaded“ sehr erfolgreich neu ein. 2013 folge die erste Europatour. Die Band versteht sich selbstbewusst als „letzte der großen amerikanischen Rockbands“ und hat ihr neues Album nach dem Stadtviertel „Ozone Park“ eben im heimischen Queens benannt.

Schon das Cover im herrlichen 60er-Jahre-Retro-Look überzeugt und weckt Assoziationen an die große Zeit des Blues und der Americana. Man möchte am liebsten sofort in den nächsten, natürlich oben offenen amerikanischen Straßenkreuzer klettern und über die Highways cruisen, an Diners und Motels halt machen und abends in kleinen Rock- und Bluesclubs seinen Lieblingsbands lauschen. Genau dieses Gefühl verbreiten Hollis Brown mit ihrer Musik auf „Ozone Park“. Soulig-beschwingter Rock trifft hier auf hin und wieder breite Keyboard-Flächen, groovige Pianopassagen, gitarrengetriebene Americana-Songs und ab und zu auch waschechten Kuschelpop. In der Tat ist die oben stehende Aussage des Sängers und Gitarristen  Mike Montali mit der letzten großen amerikanischen Rockband nicht so ganz falsch, denn hier werden Erinnerungen an Bands wie die Eagles oder an das frühe Songwriting eines Bruce Springsteen wach. Dabei verschmelzen die New Yorker gekonnt immer wieder die Genres. Der Opener ‚Blood From A Stone‘ kommt überraschend funkig daher, und während man sich noch fragt, wohin das Album musikalisch führen wird, folgt mit ‚Stubborn Man‘ ein klassischer, leicht bluesiger Rocksong.

Das Album kreuzt gekonnt und auch sehr mutig zwischen den Genres, driftet streckenweise sogar überraschend weit in den Pop ab, so hätte ‚Forever In Me‘ auch von Prince geschrieben sein können. Passend zum Albumcover versprühen die Songs immer wieder 60er-Jahre-Vibe und den derzeit so angesagten Retro-Charme. Zwischendurch gibt es noch einen Cover-Song: ‚She Don’t Love Me Now‘ stammt im Origianl von Jesse Malin, und die Interpretation der New Yorker ist mehr als nur gelungen: Sie krempeln den Song um und drücken ihm ihren dicken Stempel auf – genau so muss sich ein Cover anhören.

„Ozone Park“ ist ein sehr abwechslungsreiches Album geworden, und genau das ist der einzige wirkliche Kritikpunkt: Vielen kann man’s recht oft machen, doch allen eben nie. Hollis Brown haben ihre Stärken im Bluesrock, im garagigen Americana, im straigthforward Rock. Die Pop-Elemente sind für sich genommen schön und bilden ebenfalls tolle Songs, aber hin und wieder fragt man sich doch, ob nicht noch Platz für mehr Bluesrock gewesen wäre. Wer es aber so abwechlungsreich mag und auch mal poppige Momente erträgt, für den sollte diese Scheibe fast schon zum Pflichtprogramm gehören.