Kategorie: concertrev

Devin Townsend – Große Freiheit in der Nerdhöhle

Hamburg, St. Pauli, Große Freiheit. Nicht die berühmte von Freddy Quinn besungene Nummer Sieben, sondern ein paar Häuser weiter im traditionellen Rock- und Metalschuppen „Grünspan“. Nur unweit der berühmt-berüchtigten Reeperbahn ist ein Alien gesichtet worden. Es will nicht nach Hause telefonieren und auch keine schleimigen Eier legen – nein, eigentlich will es nur einen guten Kaffee trinken. Und danach die Weltherrschaft an sich reißen. Oder so ähnlich. Fans des leicht schrägen aber musikalisch höchst genialen kanadischen Prog-Metallers Devin Townsend wissen natürlich schon Bescheid: Die Rede ist von Ziltoid, dem kaffeesüchtigen Außerirdischen, den Townsend 2007 für sein gleichnamiges Album kreiert hat und der letztes Jahr mit dem Doppelalbum „Z2“ zurückkehrte. Devin Townsend also live in Hamburg im Rahmen von nur vier Shows in Deutschland, dazu noch zwei weitere Bands aus dem Bereich des extremen progressiven Metals – mehr als Grund genug für Whiskey-Soda, wieder einmal in die Hansestadt zu pilgern und Ziltoid unsere Ehre zu erweisen.

Neal Morse Band – Beobachtungen eines großen Experiments

The Grand Experiment lautet der Titel des aktuellen Albums der Neal Morse Band. Und ein Experiment ist es in der Tat, da die Songs ohne vorheriges Songwriting direkt im Studio entstanden sind. Im Rahmen der Alive Again-Tour präsentierte der amerikanischer Prog-Rocker, der in den 90ern mit seiner Band Spock’s Beard bekannt wurde und neben seiner Solo-Arbeit in Bands wie Flying Colors oder Transatlantic singt und spielt, nun sein Können in Hamburg. Man durfte gespannt sein, was für ein Experimentaufbau in der Markthalle auf die Fans warten würde: Schwarzmagisches Hexenhandwerk? Wohl kaum, dann Neal Morse ist ja bekennender Christ und verbreitet auf seinen Konzerten gerne die Botschaft des Herrn, ohne dabei aber zu aufdringlich zu werden. Wissenschaftliche Experimentierkunst? Nun, Progressive Rock ist mit seinen unzähligen Rhythmus- und Tempiwechseln und komplexen Songstrukturen sicher eine Wissenschaft für sich. Aber seelenlose Musik nach Formeln war es auf keinen Fall, die den Hamburger Fans das breite Grinsen auf die Gesichter lockte. Nein, eigentlich bestand das Experiment lediglich aus guter Laune, völliger musikalischer Hingabe und einem gelungenen Abend im Zeichen grandioser Musik.

Death – Reise in die Vergangenheit einer Legende

Nur selten hat man die Möglichkeit, eine legendäre Band, die offiziell gar nicht mehr existiert, live zu erleben. Es gibt ab und an einzelne Reunion Shows aufgelöster Bands. Noch viel häufiger werden berühmten Bands horrende Beträge für solche Konzerte angeboten, die dann aber nie zustande kommen. Metalheads sind in tiefstem Herzen Nostalgiker und Romantiker, und wenn ein Klassiker wie Death auf Tour kommt, dann ist Begeisterung vorprogrammiert. Die Death-Metal-Legende um den 2001 an Krebs verstorbenen Chuck Schuldiner gehört zweifellos zu dieser Kategorie. Die in Abgrenzung zur tatsächlichen Band unter dem Namen Death to All -DTA tourende Band wechselnder musikalischer Wegbegleiter Schuldiners sieht sich als Tribute-Band und ist seit 2012 auf Tour. Begleitet von anderen Genre-Veteranen wie Gorguts, Obituary oder den deutschen Obscura waren die Touren ein großer Erfolg im Underground. 2015 steht der 20. Geburtstag des sechsten Albums „Symbolic“ auf der Agenda. Die Gelegenheit, in der Besetzung Steve DiGiorgio (Bass), Gene Hoglan (Schlagzeug), Bobby Koelbe (Gitarre) und Max Phelps (Gesang, Gitarre) bzw. Steffen Kummerer (Gesang, Gitarre) eine weitere Tour zu zelebrieren.

Joe Bonamassa – Der König des Blues hält Hof in Deutschland

Am Bandbus vor dem Backstage-Bereich der Stuttgarter Liederhalle hört man einsames Gitarrenjaulen, es scheint Joe Bonamassa wärmt sich zwanzig Minuten vor seinem Auftritt an seinem Instrument auf. Welches es tatsächlich ist, weiß nur der Meister selbst. Der passionierte Sammler besitzt so viele Instrumente, daß er womöglich selbst bisweilen den Überblick verliert. Wer weiß, vielleicht es es sogar einer der Raritäten, die Bonamassa bei seinem Streifzug durch Stuttgart wohl ergattert hat, wie er noch in der gleichen Nacht per Facebook-Video-Gruß aus dem Backstage-Bereich erzählt. Der Beethoven-Saal der Stuttgarter Location ist mit rund 2000 Besuchern gut gefüllt – obwohl der Gitarrist am nächsten Abend nochmals spielen wird.

The Midnight Ghost Train – Bärte, Schweiß und Rhythmus

Ist auf Hochglanz polierter, makellos produzierter Rock das, was Bands und Fans ursprünglich fasziniert? Oder ist nicht doch in erster Linie die rohe, ungehemmte Energie, die fließt – aus Gitarren, aus Verstärkerboxen und aus dem Bauch? Von dort, wo sich Schmetterlinge breit machen, wenn man verliebt ist? Sicher möchte jeder Musiker und jeder Fan, daß seine Band anständig klingt – und trotzdem. In Punkto authentischer Ursprünglichkeit ist manchmal weniger mehr. Diese ungezähmte Energie, für die wir Rocker und Metalheads unsere Lieblingsmusik so lieben, braucht kein unbezahlbares Equipment, schicke Bühnenoutfits und eine perfekte Lightshow. Sie braucht eine Steckdose und passionierte Musiker, die ihre Musik aus dem Bauch spielen. Mit echten Gefühlen. Mit Schweiß und Leidenschaft.

The Subways mögen keinen prätentiösen Bullshit

Erst im September bespielten die britischen Garagen-Rocker das Berliner Lido, einen Club der grob geschätzt einen Viertel des Publikums aufnimmt, das sich am Freitag im ausverkauften Huxleys einfand. Doch ein großer Club bedeutet nicht einfach nur mehr Menschen, sondern auch mehr Platz der ausgefüllt sein will – und zwar nicht nur rein physisch. Doch obwohl die Subways sich dabei ein wenig schwer taten, kann man nicht sagen, dass es sich nicht gelohnt hätte mit dem Dreiergespann einen Abend zu verbringen…

In This Moment – Im Bann der schwarzen Witwe

Soziale Medien, dieses Internet, die Netzwerke der modernen Musikindustrie – sie alle sorgen dafür, dass ein nicht versiegender Strom musikalischer Veröffentlichungen die Menschheit umspült. Die Spreu vom Weizen zu trennen, die Gesamtheit zu erfassen und ausreichend zu evaluieren, ist dem Einzelnen unmöglich, und doch schaffen es hin und wieder einige Interpreten, sich aus dem Mainstream zu erheben und einen Teil der kostbaren Aufmerksamkeit zu erhaschen. Durch Eigenschaften, die sonst kein Interpert bietet. In This Moment sind einer dieser Interpreten und Maria Brink ist die schillernde Frontfrau, die tief aus dem Einheitsgrau der vorbeischwimmenden Musikwelt schimmert und vor Allem live Maßstäbe setzt, wie auch am vergangenen Samstag in Berlin…

Callejon verbreitet Angst in Berlin

Was ein Knallerabend! Aber fangen wir von vorne an. Callejon brachten Anfang des Jahres ihr neues Studioalbum “Wir sind Angst“ auf den Markt und landete damit prompt auf dem 5. Platz der Deutschen Charts. Was bietet sich da besser an, als die lieben Käufer mit einer Tour zu beglücken?

SweetKiss Momma – Liegt Texas mittten in Bremen?

Aus dem Nordwesten der USA stammt die Band, die an diesem kalten Februartag in Bremen zu Gast ist, das ja quasi auch im Nordwesten liegt. Grauer Himmel, Regen und Schneematsch sowie Temperaturen um den Gefrierpunkt sind vielleicht nicht die besten Voraussetzungen, um Southern Rock Fans unter der Woche in den Meisenfrei-Bluesclub zu locken, und so ist der kleine rustikale Club, dessen guter Ruf weit über die Grenzen der norddeutschen Hansestadt hinweg reicht, an diesem Abend auch leider nur spärlich gefüllt. Schade für den Club, schade für die Band, aber letztendlich auch schade für die Bremer, denn viele haben damit einen packenden Auftritt verpasst, dem man gerne ein größeres Publikum gewünscht hätte.

Pardon Ms. Arden – Sing zum Abschied leise ‚Servus!‘

Wenn die Lieblingsband nach langer Bühnenabstinenz endlich wieder ein Konzert spielt, ist die Vorfreude normalerweise riesig. Nicht so an diesem verschneiten Freitag Abend in der Münchner Kranhalle: Pardon Ms. Arden geben ihr Abschiedskonzert, die Combo löst sich aus diversen nachvollziehbaren Gründen auf – in aller Freundschaft, ohne Knatsch und einvernehmlich. Doch ein letztes Mal wollen sie sich selbst und ihre eingefleischten Fans noch gebührend feiern.