Schlagwort: Teutonic Thrash Metal

DESTRUCTION – Neuer Song vom kommenden Album (Update)

Im Jahr 2022 machen die deutschen Thrasher von Destruction bereits 40 Jahre lange die Metal-Szene unsicher. Natürlich muss soll das gebührend gefeiert werden. Deswegen wird am 08. April 2022 eine neue Platte erscheinen, die auf de Namen „Diabolical“ hören wird, wie die Band nun bekanntgab. 13 Songs werden auf dem Longplayer enthalten sein. Um die…

Bombenhagel EP

Tom Angelripper gibt Gas! Bereits die vierte bzw. fünfte Veröffentlichung Sodoms, wird die Legacy-Promo-EP mitgezählt, seit dem Cut 2018, liegt auf dem Tisch. Drei Songs, zwei neue und eine aktualisierte Version des Evergreens ,Bombenhagel‘ beheimatet die gleichnamige EP (Steamhammer/SPV). Ein kreativer Overflow ist zu befürchten.

Rollen wir die EP von hinten auf: Das letzte Stück ist der Nachfolger von ,Tombstone‘, denn auch er dreht sich um Cowboys, im besonderen um die Schießerei am OK Corral. Wyatt Earp und Doc Holiday, Burt Lancaster und Kirk Douglas, ihr wisst Bescheid. Der Songs ist eine typische Thrash-Nummer der Ruhrpottler mit coolen Midtempo-Parts. Onkel Tom röchelt herrlich im Bleigewitter.

Ein Duell um das Ende der Welt

‚Coupe De Grace‘ zeigt einmal wieder die ernste Seite Sodoms. Den Todesstoß, den wir der Erde geben, beschäftigt Tom und seine Mannen. Dem entsprechend düster ist der Songs. Überraschend abwechlungsreich arrangiert ist er obendrein. Schleppende Passagen gehen im treibende Midtempo-Parts über, die im Uptempo im hohen Drehzahlbereich münden. Aber nicht einfach so als sich wiederholende Abfolge, sondern verschachtelt und in unterschiedlichen Anordnungen. Ganz starker Songs!

Reisen Aufruhr wegen der Kaiserhymne von Joseph Haydn, auch bekannt als deutsche Nationalhymne im letzten Abschnitt des Titel-Songs, gab es damals. Sodom mussten sich viel erklären, wieso, weshalb und warum. 31 Jahre später ist das Bass-Intro immer noch legendär, der rasend schnelle Thrash-Part stilprägend, die Solos damals wie heute einfach nur langweilig und nervtötend. Anno 2021 ist die Kaiserhymne ein wenig umgearbeitet, die Schärfe genommen und kann mit einem Schmunzeln hingenommen werden. Ja, in der Tat ein zwiespältiger Song. Aber Sodom sind noch nie einem guten Fettnäpfchen aus dem Weg gegangen.

Allein ‚Coupe De Grace‘ macht diese EP hörens- und anschaffenswert. Sodom sind auf dem Retrotrip, aber wie schon das Album „Genesis XIX“ verlieren sie sich nicht in der Selbstkopie. Tom schafft es immer wieder, in der Maschine Sodom neues Feuer zu entfachen. Erfreuen wir uns des ,Bombenhagels‘.

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Under the Guillotine

Manche Musikfans mögen sich Mitte der 1980er tatsächlich wie unter einer Guillotine vorgekommen sein als sich ein paar aus dem Ruhrgebiet stammende junge Männer mit roher und schneller Musik aufmachten, um die Musikwelt zu erobern. Diese definierten schließlich das, was später als Teutonic Thrash Metal in die Musikgeschichtsbücher eingehen sollte. An der Spitze der Bewegung standen neben Destruction und Sodom auch Kreator. Vor allem der düstere Gesang von Frontmann Mille ging durch Mark und Bein. Kein Wunder also, dass Kreator nicht nur als Wegbereiter des deutschen Thrash Metals gelten, sondern ebenso als Inspiration für die Entwicklung von Death und Black Metal gesehen werden. Um ihre frühen Jahre zu würdigen, haben die Essener nun ein LP-Box-Set mir ihren ersten sechs wegweisenden Alben unter Namen „Under the Guillotine“ (BMG) veröffentlicht.

Vor allem Vinyl-Fans werden sich freuen, dass endlich „Endless Pain“, „Pleasure to Kill“, „Terrible Certainty“, „Extreme Aggression“, „Coma of Souls“ und „Renewal“ wieder auf dem schwarzen Gold erhältlich sind. Besonders schön ist, dass die zwischenzeitlich bei Neuauflagen leicht veränderten Cover wieder das Originaldesign erhalten haben.

Daneben befinden sich in „Under the Guillotine“ ein paar nette Gimmicks für Fans: Eine Reproduktion des 1984 noch unter dem Bandnamen Tormentor veröffentlichten Demos „End of the World“ auf Kassette, ein 40-seitiges Buch mit Fotos und Lyrics sowie eine fast 60-minütige DVD mit unveröffentlichten Livevideos, Interviews und einigen Backstage-Szenen aus den 1980er Jahren. Außerdem sind alle Songs auch digital auf einem USB-Stick in Form eines Dämons beigelegt.

Trotz des saftigen Preises von über 120 € handelt es sich um ein wirklich gelungenes Box-Set. Denn über die musikalische Qualität und Bedeutung des Dargebotenen dürften in der Metal-Szene wohl keine zwei Meinungen herrschen. Was allerdings nach diesen sechs Alben mit Kreator passierte sorgt bis heute immer noch für unterhaltsame Diskussionen bei jedem Metal-Stammtisch. Der Einfluss der für den Metal schwierigen 1990er Jahre machte sich breit. Wobei der Autor dieser Rezension sich an dieser Stelle einmal outen und sagen möchte, dass er selbst einer Platte wie „Outcast“ etwas abgewinnen kann. Doch spätestens seit dem Jahr 2001 und ihrer „Violent Revolution“ sind Kreator zurück auf dem Pfad des Thrash Metals und wieder in der weltweiten Spitze angekommen. Hail to the Hordes!

Für alle, denen das Box-Set „Under The Guillotine“ zu viel des Guten ist, sich aber trotzdem noch nicht mit den bedeutsamen Jahren Kreators auseinandergesetzt haben, gibt es zwei andere Varianten: Eine Doppel-Vinyl mit 18 sowie eine Doppel-CD mit 30 Tracks aus den frühen Kreator Jahren. Nun existiert also keine Ausrede mehr, sich nicht mit dieser großartigen Ära zu befassen. Auf das der Schädel musikalisch gepalten wird!

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SODOM – Drummer Husky verläßt die Band

Schlagzeuger Andreas „Husky“ Hüsker verlässt nach zwei Jahren Sodom. Er wurde im Januar 2018 als Nachfolger von Markus Freiwald vorgestellt. Hüsker und die Band haben entsprechende Statements auf der Bandwebseite veröffentlicht. Andreas Hüsker gibt als Grund Veränderungen in seinem Hauptberuf sowie private Gründe an. Die verbleibenden Bandmitglieder nehmen ebenfalls in einem offiziellen Statement auf Facebook…

Deception Ignored

Dass die Band in den Linernotes dieses Rereleases kaum ein gutes Haar an „Deception Ignored“ lässt, zeigt deutlich, warum Deathrow im Endeffekt nie für den Erfolg geschaffen waren. Es handelt es sich dabei schließlich um eine kolossale Fehleinschätzung der eigenen Stärken und Schwächen, ist doch „Deception Ignored“ das eigenständigste, gelungenste und mit Recht auch erfolgreichste Album der Bandhistory – und überhaupt eines der besten Alben des sogenannten „Techno-Thrash“-Genre.

Ja, das Debüt „Riders Of Doom“ mag mit seiner Einfachheit und Naivität die beste Zeit gewesen sein, die die Band je hatte, und der Vorgänger „Raging Steel“ zeigte ja schon ansatzweise in die kontrolliertere Richtung des Drittwerkes. Doch mit „Deception Ignored“ entwickelten sich Deathrow – für fast alle Betrachter einigermaßen überraschend! – von der kultigen, aber auch etwas durchschnittlichen Knüppel-Combo zu einer hochoriginellen, progressiv orientierten Thrash-Band mit Klasse, die locker auf dem Niveau von Coroner, Hades oder Voivod (ohne deren psychedelische Kante, freilich) mitspielte. Die zu Debützeiten gerne einmal eher hilflos drauflospolternde Rhythmusgruppe lieferte plötzlich komplex-verspielte Breakmassaker auf höchstem Niveau, und auch die schon immer originelle Gitarrenarbeit der Band machte dank Neuzugang Uwe Osterlehner nochmals einen enormen Sprung nach vorne. Schon das von ihm alleine geschriebene, achtminütige Instrumental ‚Triocton‘ mit klassisch beeinflusstem Piano-Intro (!) dürfte allen Fans progressiv angehauchter Thrash-Klänge sofort das Blut in Richtung der primären Geschlechtsorgane treiben. Noch länger ist das – ebenfalls von Osterlehner komponierte – neuneinhalbminütige ‚Narcotic‘, das ohne Probleme auch im Jahr 2018 genauso erscheinen könnte. Sänger/Basser Milo zeigt sich gerade hier auch stimmlich deutlich abwechslungsreicher als auf den beiden Vorgängern und versucht sich durchaus überzeugend an hohem Gesang a la Joey Belladonna und sogar waschechten Sirenenvocals a la Watchtower oder Hades.

Im Gegensatz zu den erwähnten Watchtower oder auch Sieges Even übertrieben es Deathrow aber nie mit dem Gefrickel. Mit ‚N.I.Y.H.‘ oder ‚The Deathwish‘ gibt es auf „Deception Ignored“ auch kürzere, eingängige Songs, die vielleicht nicht unbedingt das musikalische Potenzial der progressiveren Songs haben, aber für Abwechslung innerhalb des Albums sorgen und auch den eher konventionellen Thrash-Fan ansprechen dürften. Auch das Artwork gehört zu den coolsten, die das Genre damals so zu bieten hatte: ganz ohne klischeehaften „Evil“-Faktor wirkt das Artwork als perfekte Abrundung und Repräsentation des musikalischen und textlichen Inhaltes – „thinking man’s Metal“ indeed.

Obwohl „Deception Ignored“ damals kommerziell durchaus erfolgreich war, löste die Band sich danach effektiv auf, nur um 1992 mit dem schwachen, vom damals trendigen Groove-Metal beeinflussten „Life Beyond“ ein zurecht erfolgloses Comeback zu versuchen. Was bleibt, sind drei coole Scheiben, die zwar allesamt reichlich unterschiedlich klingen, aber eben auch alle ihren besonderen Reiz haben.

Raging Steel (Remaster)

Mit ihrem zweiten Album „Raging Steel“ zeigten die Teutonen-Thrasher Deathrow eine durchaus beeindruckende Weiterentwicklung. Wo das Debütalbum „Riders Of Doom“ mit seiner Holterdipolter-Produktion und der auch eher zum Chaos tendierenden Performance nur die ganz Harten, denen „Pleasure To Kill“ schon zu kommerziell klang, begeistern konnten, lieferten sie mit ihrem Zweitwerk ein echtes Highlight ab, das auch heute noch zu gefallen weiß.

Das liegt gleich an mehreren Dingen. Einerseits hatte die Band sich musikalisch um Längen gesteigert. Das auf dem Debüt noch teilweise unterirdische Drumming von Markus Hahn zeigte sich auf „Raging Steel“ souverän, ja, über weite Strecken regelrecht originell, und das etwas gedrosselte Tempo sorgte dafür, dass auch die schon auf dem Vorgänger herausragende Gitarrenarbeit und die zahlreichen interessanten Gesangsharmonien weit besser zur Geltung kamen. Klar, Puristen werden sich daran stören, dass „Raging Steel“ eben nicht mehr so chaotisch-rumpelig klingt, Normalos werden aber schnell feststellen, dass Deathrow sich um mehr als 100% gesteigert hatten und „Raging Steel“ tatsächlich musikalisch auf einem ganz anderen Niveau angesiedelt war. Sogar vorm Einsatz von Akustikgitarren, Keyboards und zweistimmigen Gesängen schreckte man nicht mehr zurück und liess damit die erfolgreichere Teutonen-Thrash-Konkurrenz, die sich größtenteils erst ein paar Jahre später an solche Experimente wagen sollte, ganz schön eindimensional wirken. Man kann sich freilich streiten, ob ein Epos wie ‚Dragon’s Blood‘ mit seinem höchst eingängigen, bombastischen Refrain überhaupt noch als „echter“ Thrash-Song durchgeht. Doch keine Sorge, auch in clever arrangierten Songs wie ‚Scattered By The Wind‘ oder ‚The Thing Within‘ wird nach wie vor und oft genug das Gaspedal zum Anschlag durchgetreten, und der gewohnt rüde Titelsong gehört sowieso zum Besten, was in Sachen „Thrash Made In Germany“ je veröffentlicht wurde.

Nicht vergessen sollte man auch die deutlich bessere Produktion der Scheibe. Niemand Geringeres als Harris Johns hat Deathrow hier einen schön knackigen, druckvollen und trotzdem sauberen, durchsichtigen Sound hingedreht, der sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken braucht. Endlich war auch der Bass deutlich zu vernehmen, und das höchst fantasievolle Spiel von Sänger-Basser Milo verpasste den Songs eine zusätzliche Dimension. Die als Bonus angehängten Samhain-Demotracks sind klanglich hingegen maximal etwas für Liebhaber, ebenso wie der unveröffentlichte Livetrack ‚Ygaels’s Wall‘ – aus dokumentarischen Gründen okay, aber kaum vorzustellen, dass sich jemand das Ganze freiwillig mehr als einmal anhört. Trotzdem, für Alte-Schule-Metaller ein wichtiges Stück Grundlagenforschung, das im Gegensatz zum Debüt weitaus besser gealtert ist.

Riders Of Doom (Remastered)

Deathrow sind ohne Frage eine der im Metal-Underground am kultischsten verehrten Bands des „Teutonen-Thrash“-Zeitalters. Die Band erfüllt dabei die für Underground-Kult wichtigsten Merkmale: kein kommerzieller Erfolg, keiner der Musiker war später weiterhin aktiv und, ganz wichtig, aufgrund kleiner Auflagen sind die Alben natürlich alle saumäßig rar. Im Zuge der Noise Records-Wiederveröffentlichungen sind nun aber auch die ersten drei, bei ebenjenem Label erschienen Deathrow-Alben wieder problemlos für den Normalo-Metaller erhältlich. Wie schlagen sich die Kultalben also im Jahr 2018?

Dem Debüt „Riders Of Doom“ eilt ja der Ruf voraus, eines der besten deutschen Thrash-Alben überhaupt zu sein und vielleicht sogar das bessere „Endless Pain“. Der Vergleich mit dem Kreator-Klassiker hinkt aber ganz enorm – denn zwar gingen Deathrow auf ihrem Debüt genauso überdreht über’s Speedlimit wie Mille und Co im Teenager-Alter, doch „Riders Of Doom“ klingt deutlich weniger aggressiv und in Sachen Gitarrenarbeit auch bereits ausgefeilter als die Essener Konkurrenten. Tatsächlich bieten Deathrow auch richtige Gesangsmelodien, die Songs wie ‚Spider Attack‘, ‚Samhain‘ oder den Titelsong regelrecht mitgröhlbar machen. Dazu enthält fast jeder Song ausladende, meist mit zweistimmigen Gitarren und auflockernden Breaks ausgestattete Instrumentalpassagen, die Deathrow schon früh von der Konkurrenz abhoben und bereits in die zukünftige, technischere Richtung der Band weisen sollte. Die Schlagzeugarbeit kann da leider nicht hundertprozentig mithalten. Denn einerseits versprüht das Drumming durchaus enorme punkig-chaotische Energie, macht dieselbe aber mit holprigem Spiel, Temposchwankungen und wackligen Breaks bisweilen auch wieder selbst kaputt. Abstriche muss man auch bei der Produktion machen. Denn „Riders Of Doom“ klingt schlicht und einfach trotz Remaster ziemlich übel. Auch 1985 war man – selbst im Underground! – bereits Besseres gewohnt. Die Bassdrum ist beispielsweise nur dann zu hören, wenn niemand sonst spielt, und auch das Bassspiel ist eher zu erraten als zu hören. Die Gitarren und Vocals sind dafür ständig am Übersteuern – durch das höhenlastige Remaster wird dieser Effekt sogar noch verstärkt. Das dürfte Achtziger-Kult-Fetischisten kaum stören, wer das Album aber heute mit frischen Ohren hört, wird sich aber möglicherweise fragen, was zum Teufel wir alten Säcke denn daran so kultig finden.

Und das ist natürlich der große Knackpunkt. Für existierende Fans macht die Mucke immer noch genausoviel Laune wie damals, als man die Band, vermutlich als fünfzehnjähriger Nachwuchsmetaller, kennengelernt hat. Wem diese nostalgische Beziehung allerdings fehlt, der wird auf „Riders Of Doom“ eher mit einem Schulterzucken reagieren. Denn natürlich klingt das Ganze aus heutiger Sicht antiquiert, ja, unprofessionell, und natürlich haben Deathrows „Riders Of Doom“ im Vergleich zu, sagen wir mal, den jungen Kreator, Tankard, Destruction – oder den eigenen Folgealben! – einfach weniger eigenes Profil. Ohne rosa Fanbrille muss man also leider konstatieren, dass „Riders Of Doom“ im Vergleich zu seinen beiden Nachfolgern nicht besonders gut gealtert ist.

Die Aufmachung des Albums als Digipack mit Linernotes, Fotos und Texten kann man, wie bei den anderen Noise-Reissues nur als extrem gelungen bezeichnen. Die Bonustracks – Demos und Proberaummitschnitte – sind allerdings aufgrund des katastrophalen Sounds offen gesagt so gut wie ungenießbar und maximal aus dokumentarischen Gründen interessant. Dennoch, für alle Altmetaller ist natürlich schön, dass es das Album endlich wieder zu einem vernünftigen Preis und in guter Aufmachung zu kaufen gibt – und ich kann mein altes Tape (mit Running Wild auf der zweiten Seite…) endlich guten Gewissens entsorgen.

Outcast (Deluxe Edition)

Mit den vorangegangenen Alben „Renewal“ und „Cause For Conflict“ hatten sich Kreator fast alle Sympathien und den Erfolg, den sie sich in den Achtzigern hart erkämpft hatten, verspielt. Schwache Songs und halbgare Trendanbiederungen hatten nicht den erhofften Anschluss an die Mittneunziger-Elite gebracht, sondern die Band zur Randnotiz werden lassen. Umso verwunderlicher, daß Kreator sich mit ihrem achten Studioalbum „Outcast“ nicht nur weiter denn je vom Thrash Metal entfernen, sondern auch ihr bestes Album seit mindestens „Coma Of Souls“ abliefern sollten.

Schon der Opener ‚Leave This World Behind‘ machte deutlich, wo der Hase lief. Geradezu poppig anmutende Grooves, an Mittneunziger Megadeth erinnernde Gitarren, Industrialsamples und eine höchst eingängige, vom Gothic Rock beeinflusste Melodie – gar nicht viel anders als das, was die Kollegen von Paradise Lost im selben Jahr mit dem Meilenstein „One Second“ abliefern sollten. Und vor allem: Mille klang endlich nicht mehr nach NYHC, sondern so angepisst-hysterisch wie früher, was sowohl einen reizvollen Kontrast zur melodischen Komposition als auch ein gutes Stück „altes Kreator-Feeling“ zurückbrachte. Der Knackpunkt ist freilich das Wort „melodisch“: „Outcast“ ist das erste Kreator-Album, bei dem der Gesang und die Melodien im Vordergrund des Songs stehen statt, wie bislang, die Riffs. Auch wenn wie üblich Mille fast alle Songs komponiert hatte, war dennoch auch die Handschrift des jüngsten Neuzugangs im Bandlager klar herauszuhören: dank Ex-Coroner-Gitarrist Tommy Vetterli war auch die Gitarrenarbeit so abwechslungsreich ausgefallen wie selten zuvor. Auch wenn „Outcast“ für Thrash-Fans womöglich noch schwerer zu verdauen ist als die beiden Vorgänger, liefert die Band hier endlich wieder die Qualitätsarbeit ab, die bis „Coma Of Souls“ Trademark der Band war. Egal, ob das auch heute noch regelmäßig gespielte ‚Phobia‘, das getragene ‚Black Sunrise‘ oder das thrashige Schmankerl ‚Against The Rest‘, „Outcast“ kennt nicht einen Ausfall, dafür aber eine ganze Menge Höhepunkte. Nach langem Suchen hatte Mille endlich eine neue Richtung gefunden, in der Kreator sich wohlfühlten und ihre Stärken ausspielen konnten.

Hier gibt’s als Bonusmaterial gleich ne komplette CD mit dem vierzigminütigen Festivalauftritt vom Dynamo 1998. Das ist natürlich schon einmal hochinteressant, weil diese neun Songs (plus zwei Intros) die bislang einzigen offiziellen Liveaufnahmen des Vetterli-Lineups darstellen. Zwar muss man sich den Bass bisweilen eher hinzudenken (vermutlich handelt es sich um einen Soundboard-Mitschnitt), und mit ‚Pleasure To Kill‘ und ‚Extreme Aggression‘ sind nur zwei Achtziger-Klassiker vertreten. Das wird aber mit feisten Versionen von selten gespielten Songs wie ‚Whatever It May Take‘, ‚Terror Zone‘, ‚Lost‘, ‚Renewal‘ und ‚Leave This World Behind‘ ausgeglichen.

So oder so, „Outcast“ ist eines der essenziellsten Kreator-Alben. Mit „Outcast“ begann Mille, die Melodien in den Vordergrund zu stellen, was auch bei der vier Jahre später anstehenden musikalischen Rückkehr ins Thrash-Lager prägend bleiben sollte. Anders ausgedrückt: die modernen Kreator beginnen hier, und die Band sollte ab „Outcast“ nie mehr ein schwaches Album veröffentlichen.

Cause For Conflict (Deluxe Edition)

Nachdem die sehr an seinerzeit modernen Sounds orientierte Neuausrichtung auf „Renewal“ zwar bei der Kritik gut, bei den Fans und Plattenkäufern allerdings eher disaströs angekommen war, dauerte es drei Jahre bis zum nächsten Kreator-Album, und als Einstand für’s neue Plattenlabel G.U.N. versprach Mille ein Back-to-the roots-Album, das laut Ankündigungen das härteste Kreator-Werk seit „Pleasure To Kill“ sein sollte.

Nun, das kann man vollkommen diskussionsfrei so stehen lassen: „Cause For Comflict“ legt das Hauptaugenmerk tatsächlich auf ziemlich derbes Geprügel. Allerdings nach wie vor stark vom Hardcore und bisweilen auch, speziell in Sachen Riffs, vom amerikanischen Death Metal beeinflusst. Auch Groove-Metal-Einflüsse gibt’s eine ganze Menge, so daß „Cause For Conflict“ trotz der heftigen Ausrichtung bei den Thrash-Fans nur bedingt punkten konnte. Das liegt allerdings eher daran, daß Kreator diesmal nur wenige bemerkenswerte Songs eingefallen sind. Unter den Prügelnummern kann sich eigentlich nur das unter zwei Minuten ins Ziel laufende ‚Bomb Threat‘ mit den Klassikern messen. Songs wie ‚Prevail‘ oder ‚Hate Inside Your Head‘ verfügen zwar sehr wohl über gute Ansätze, wirken aber seltsam unfertig und hinterlassen leider auch nach mehrfachem Hören kaum bleibenden Eindruck. Zwei Klassiker hat das Album dennoch zu bieten: das treibende, eher im Midtempo angesiedelte ‚Lost‘ und das düstere, melodische ‚Isolation‘ mit leichtem Gothic-Touch ragen heute wie damals deutlich aus dem Material hervor und sollten als Wegweiser für die musikalische Zukunft der Band dienen.

Als Bonustracks gibt es das atmosphärische, Industrial-Metal-lastige ‚Suicide In Swamps‘ und die kurze Hardcore-Abrissbirne ‚Limits in Liberty‘ von der „Scenarios Of Violence“-Compilation und das Raw Power-Cover ‚State Oppression‘, das bislang nur auf der Erstauflage der CD enthalten war. Somit wird die Ära auf diesem Reissue quasi lückenlos aufbereitet. Das ändert aber freilich nichts daran, daß „Cause For Conflict“ eines der vernachlässigbaren Kreator-Alben ist und hauptsächlich für harte Fans und Mittneunziger-Metal-Nostalgiker relevant ist. Die werden aber dank der edlen Aufmachung, der Bonustracks und des deutlich weniger blechig klingenden Remasters bestens bedient.

Renewal (Deluxe Edition)

Bis zu „Coma Of Souls“ galten Kreator als qualitativ höchstwertige und unbeirrbare Vertreter des klassischen Thrash Metal. Schließlich hatten sie es geschafft, ihren Sound zwar technisch zu verfeinern, dabei aber nicht Aggression und Geschwindigkeit zu vernachlässigen. Mit „Renewal“ hatte das aber alles – vorerst – ein Ende: statt komplexer, anspruchsvoller Thrash-Kracher gab’s plötzlich simple Hardcore-Riffs, Grunge-Melodien und Industrial-Sounds – und die Reaktion der Fans war entsprechend. Knappe 26 Jahre später erscheint das lange vergriffene „Renewal“ nun endlich wieder, remastert und mit drei Bonustracks ausgestattet und bietet sich somit zur Neubeurteilung an – falsch beurteilter Klassiker oder zurecht vergessenes Experiment?

Nun, zunächst muss man auf jeden Fall das Remaster loben. Das hat zwar immer noch den miesen 1992er-Dosen-Snaresound a la Helmet, klingt aber deutlich kraftvoller als die dünne Originalfassung. Ansonsten waren die Jahre aber nicht unbedingt freundlicher zu „Renewal“. Noch mehr als im Veröffentlichungsjahr erweckt das Album nämlich den Eindruck, daß da eine Band nicht wußte, wo sie hinwollte. Denn natürlich ist „Renewal“ nicht das wegweisende, doch missverstandene Industrial-Metal-Album, als das es retrospektiv gerne bezeichnet wird. Besagte Industrial-Elemente beschränken sich nämlich auf ein paar Samples und die Klangcollage ‚Realitätskontrolle‘. Stattdessen klingt „Renewal“ ganz schlicht und ziemlich exakt wie eine – anno 1992 kommerziell in den USA schwer angesagte – Mischung aus Helmet und Biohazard, abgeschmeckt mit ein paar weiterer gerade angesagter Trendelemente. Da findet sich ein wenig Grunge, ein paar Pantera-Riffs und ein wenig Funk-Metal – und bei derm Beschriebenen handelt es sich nur um einen einzigen Song (‚Reflection‘)! Enttäuschend ist dabei, daß nur wenig auf dem Album tatsächlich nach Kreator klingt – stattdessen eben nach einer der vielen Bands, die im Fahrwasser der oben erwähnten Trendsetter schwammen. Mille versucht sich auch stimmlich in die Nähe von Page Hamilton und NYHC zu begeben – nur klingt er dabei leider, als müsse er dringend mehr Ballaststoffe zu sich nehmen.

Das könnte man als toleranter Musikhörer ja noch verschmerzen – und wer mag die alten Helmet nicht? Doch auch das Songwriting auf „Renewal“ zieht nicht unbedingt die Butter vom Brot. Der Titelsong ist natürlich klasse, auch ‚Europe After The Rain‘, ‚Depression Unrest‘ und das am Ehesten noch nach „alten“ Kreator klingende ‚Brainseed‘ gehen auch noch als hörenswert durch. Ansonsten regieren aber bisweilen erschreckend stumpfe und ziemlich einfallslose Riffs, kraftlose Vocals und beliebig klingende Songs. Die Originale machten diese Art von Musik eben allesamt besser als Mille und Co. Als Bonustracks gibt es eine frühe Liveversion und eine ‚Trauma‘ betitelte, deutlich anders (und traditioneller) klingende Demoversion von ‚Winter Martyrium‘ sowie einen weitaus aggressiveren Remix von ‚Europe After The Rain‘.

Es ist natürlich schön, daß das Album endlich wieder erhältlich ist und sich somit jeder Kreator-Fan selbst ein Urteil bilden kann. Das ändert aber nichts daran, daß „Renewal“ musikalisch betrachtet eines der schwächsten Kreator-Alben ist und seinen „legendären“ Ruf als experimentelles Meisterwerk eher seiner langjährigen Rarität verdankt. Dank des wie erwähnt exzellenten Remasters und der Bonustracks kann man das Rerelease objektiv betrachtet aber ohne Frage dennoch als hochwertig und gelungen bezeichnen.