Schlagwort: Indie Folk

ME & REAS – „Können wir alle etwas weniger Wichser sein?“

Es ist ein sonniger Mittwochabend im Sommer 2022. Vor der Gartenbühne des Nürnberger Löwensaals finden sich aufgebaute Bierbankgarnituren. Doch Moment? Ist das nicht der Sommer, in dem solche Einschränkungen eigentlich passé sein sollten? Natürlich. Wenn dadurch aber ein solch wildromantischer Kulturort mitten im Grünen mit Teich, sanftem Natursound (Grillen! Libellen! Mist, Mücken!) und Lichterketten geschaffen…

Bittersweet

Das Nürnberger Indie-Folk-Quintett Me & Reas setzt mit dem Album „Bittersweet“ zum Höhenflug an. Die Combo hat bereits früh in ihrer Karriere erste Erfolgsluft geschnuppert, nur um recht bald festzustellen, dass sie sich im DIY-Kosmos doch bedeutend wohler fühlt. Back to the Roots, sozusagen. Nur selten hat man ein Album vor sich, welches die Seele…

ME & REAS – „Flucht ins DIY“

Flucht nach vorn bedeutet, durch eine überraschende Aktion das Gegenüber zu überrumpeln. Gerumpelt hat es auch bei Me & Reas ganz ordentlich, bis sie sich von den mitunter schweren Altlasten des eigenen Karrierestarts befreit haben und in der Wohlfühlzone angekommen sind. Natürlich nicht ohne das alles in großartige Songs zu gießen. Müssen ja für irgendwas…

ME & REAS – Neues Album im März

Die Indie-Folker von Me And Reas stehen schon in den Startlöchern, denn ihr neues Album „Bittersweet“ erscheint am 04.03.22. Damit das Warten bis zur Veröffentlichung nicht so lang ist, gibt es bereits die neue Vorab-Single „Confessions“ auf die Ohren, auf der Austin Lucas ein formschönes Feature beisteuert. Das Album „Bittersweet“, auf dem mit Matze Rossi…

Coral Island

Die Corona-Pandemie hat den Musikern und Fans viel genommen. Fehlende Live-Konzerte und persönliche Begegnungen sind da nur die offensichtlichste Lücke, die – vorübergehend – gerissen wurde. Mit einem Jahr Lockdown hinter uns und einem langsam heller werdenden Licht am Ende des Tunnels wird aber immer deutlicher, dass uns auch etwas gegeben wurde: Zeit. Zeit für uns selbst und für das, was wir lieben und sonst vernachlässigen müssen. Typische Lockdown-Alben sind nicht nur kontemplativ und introvertiert. Sie sind häufig auch lang und mit einem gut durchdachten Konzept ausgestattet.

„Coral Island“ (Run On Records) von The Coral ist so ein Konzeptalbum, in dem viel Arbeit und Zeit steckt. Es ist eine Art Hör-Musical und versetzt uns in das fröhlich-unbeschwerte Leben auf besagter Insel. Ein Erzähler führt in altmodischem Englisch und malerischer Sprache durch eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten. Weniger als ein Doppelalbum hätte es nicht sein können, dieses zehnte Werk der Band aus Merseyside im Nordwesten Englands. Es scheint die Unsitten der Vor-Corona-Welt überwinden zu wollen, in der Rockalben in der Regel kaum noch länger als eine halbe Stunde sind.

Mit leichtfüßigen Surf-Melodien, einem behaglichen Retro-Sound und einer blunigen Sprache ist das Album nur auf den ersten Blick leicht verdaulich. Der Psychedelic-Pop der Briten ist bewusst altmodisch aber nicht altbacken. The Coral beschwören eine Welt, die es lange nicht mehr gibt. Bar, Jukebox, Petticoats, Amüsierbetriebe, alles analog und in entschleunigtem Tempo – „the golden age has yet begun“. In allem schwingt die Melancholie des nahegelegenen Meeres mit. „Coral Island“ ist schwerst nostalgisch, aber nicht weinerlich. Ein bisschen zu sorglos vielleicht, aber so ist gelungenes Entertainment oft.

Es braucht Ruhe und Zeit, sich einem solchen Album zu widmen. Damit kehrt aber ein bisschen mehr Kunst ins Geschäft zurück Hier wird von der Hörerschaft mal wieder etwas gefordert – eben nicht nur ganze 54 Minuten seiner Zeit, sondern auch Aufmerksamkeit und vor allem die Phantasie, sich auf dieses Kopfkino-Erlebnis einzulassen. Dafür wird den Hörer*innen freilich auch etwas gegeben: gut durchdachte Unterhaltung nämlich und ein sinnliches Erlebnis, das eine längere Halbwertzeit hat als so viele andere, auf die Schnelle produzierte Erzeugnisse der Musikindustrie.

 

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Wagmüller PR

Saturday Moon

Das Video zum Song „Saturday Moon“ ist zwei lebenserfahrenen Frauen gewidmet, die – wie es im Abspann heißt – Chantal Acda durch ihre anmutige Art beeinflusst haben. Deren Würdigung ist visuell auf eine Art und Weise umgesetzt, die auch musikalisch das gesamte neue Album der Belgierin prägt: Spartanisch arrangiert und auf das Wichtigste reduziert, kommt eine starke weibliche Persönlichkeit zum Tragen.

Das passiert aber nicht extrovertiert, sondern fast wie durch die Hintertür. Mit ihrer sanften, aber bestimmten Art gewinnt Chantal Acda schnell das Vertrauen der Hörenden. Choreografisch perfekt platziert, wirkt der Opener hymnisch und schafft eine einlullende Stimmung. Die meisten Songs von „Saturday Moon“ (Glitterhouse Records) sind voll schöner Melodien. Gleichzeitig haben sie aber auch einen beunruhigenden Unterton. Acda erzählt starke Geschichten, die nicht immer gut ausgehen und oft von einer gewissen Besorgnis geprägt sind. Das kann dann schon mal in ein fast verzweifeltes Lamento von nur zwei Zeilen münden: „I can’t stay here, he said. He couldn’t recall the conversation anymore.“

Die folkig-jazzigen Arrangements auf „Saturday Moon“ sind von hervorragender Qualität. Das Album ist mit Hilfe von 18 Musiker*innen entstanden, unter anderem mit Mitgliedern der Band Low. Trotzdem folgt es Acbas Motto „weniger ist mehr“, das sie besonders dem Stück „Disappeare“ zuschreibt. Dessen Text hätte sie mit zwei gegensätzlichen Gefühlen geschrieben, fährt die Musikerin fort: auf der einen Seite Unglaube und Protest, auf der anderen Seite Hoffnung und Freude. Das gesamte Album vermittelt eine Ahnung davon, dass Acba genauso ihr Leben meistert.

Vor allem aber ist sie tief romantisch. „The Letter“ etwa erzählt die Geschichte zweier Liebenden, die Jahre lang auf sich warten – und das vergeblich. Das Bild dieser Beziehung wirkt wie aus einem anderen Jahrhundert und enthüllt eine eher konservative Sicht auf die Liebe, die von Treue, Zurückhaltung und viel Unausgesprochenem begleitet wird. Hinzu kommen spirituelle und naturreligiöse Motive, so wie in „Back Against The Wall“: „Another year has passed, still looking at the tree, and I think that it is looking back at me. This is what we forgot, touch the wooden skin, feel the warmth within.“ Der archaische Rückgriff auf „the ground th we held dear“ lässt Einen, eine gewisse historische Sensibilität vorausgesetzt, dann fast schon innerlich erstarren.

So berechtigt Acbas Sorge über den Zustand der Welt ist – ihre Fluchtszenarien müssen nicht für alle Hörer*innen als Lösungsansätze oder gar Lebensphilosophie taugen. „Saturday Moon“ bietet durchaus ein intensives Hörerlebnis, das die reale Welt außen vorlässt und hilft, sich auf sein Inneres zu konzentrieren. Ein solcher Rückzug kann für den Augenblick heilsam sein. Man scheint aber gut beraten zu sein, sich nicht ganz darin zu verlieren.


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Starkult

Sympathetic Magic

Ein hehres Anliegen haben Typhoon, mit ihrem fünften Album der Magie des Mitgefühls auf den Grund gehen zu wollen. Anlässe dafür gibt es allemal, allen voran das Trump-Erbe eines gespaltenen Amerikas und eine Pandemie, die die Menschen zusätzlich auf Abstand hält. Die Band aus Portland weiß sich in dieser Situation scheinbar nicht anders zu helfen, als eine überbordende Menge an Emotionalität auf die Hörer auszuschütten. Wer sich darauf einlässt, braucht starke Nerven.

And the waves of darkness fold over me
As the dying sun goes down

Das ist schonmal eine schwierige Ausgangslage. Begleitet wird das Gefühl der Verzweiflung von Bläsern und Glöckchen, mit denen der letzte Rest Weihnachten verklingt. Nur kurz brechen im betreffenden „Empire Builder“ die Verzerrer durch und sorgen für einen der wenigen starken Momente auf „Sympethetic Magic“ (Roll Call Records). Ansonsten herrscht ein sauberer, meist minimalistischer Sound vor, der sich einige Ausbrüche in den Pomp des Dreampop genehmigt.

Angesichts der Umstände, mit denen die einzelnen Bandmitglieder meist getrennt voneinander das Album in ihren Wohnzimmern und Kellern eingespielt haben, ist der Sound erstaunlich kohärent. Anders als so mancher der Songtexte, die nicht nur Mitgefühl, sondern oft auch Mitleid mit dem Verfasser hervorrufen. Kyle Morton zeigt Mut zur Unsicherheit. Das ist menschlich und schafft Nähe. Irritierend hingegen ist die pure Unentschlossenheit, die sich in den Texte zunehmend Ausdruck verschafft, sowie die Unfähigkeit, aus nicht allzu ungewöhnlichen Problemlagen einen anderen Ausweg zu finden als die Hoffnung auf das nächste Leben:

And so I held my breath and listened
To my own beating heart
Fucking time bomb ticking
And fantasized about the next life
Come back as a rocking chair
Just want to hold you in the rhythm

Es ist durchaus bewundernswert, offen vom eigenen Versagen zu singen – wenn es nicht durchweg auf so weinerliche Art und Weise passieren würde. Mit sentimentalen Melodien und einer glattpolierten Produktion schießt das Ganze ein ums andere Mal weit über das Ziel hinaus. Bei vollem Bewusstsein allerdings. „Sympethetic Magic“ soll zerbrechlich klingen und verfolgt daher akustisch wie textlich ein konsequentes Konzept. Die sehr intimen Geschichten von Verlust und Selbstzweifel geben Hörern in ähnlichen Situationen sicherlich Halt. Beim Selbstmord-Song „Room Within the Room“ könnte sich dieser Effekt aber schon ins Gegenteil umkehren, und mit „Masochist Ball“ verliert sich dann jedes Verständnis.

You deserve to die
You deserve painful burning needles in your eyes (…)
Don’t be angry
Don’t raise your hand like Cain (…)
When I get too comfortable 
I just start imagining a world where
Everybody wants me 
Then I’m imagining a world where
Everybody hates me
And I just try to split the line

Wer sich an der Stelle innerlich nicht verabschiedet, kann offenbar viel aushalten und dem ewigen Lavieren von Typhoon etwas abgewinnen. Das bisschen Hoffnung, das Kyle Morton in seinen Texten zu transportieren versucht, ist in diesen Zeiten einfach nicht ausreichend. Zu tief wird der Hörer in das Leid von „Sympethetic Magic“ hineingezogen, und so Mancher wartet im letzten Drittel des Album nur noch sehnlichst auf dessen Ende. Das kommt – sehr bezeichnend – mit „Welcome to the End Game“ und der Zeile „there’s not a Savior left in sight“. Unter anderen Umständen könnte das Album vielleicht als interessant durchgehen. Jetzt gerade sorgt es aber für noch mehr Verwirrung, als tragbar ist.

 

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Fleet Union

Breach

Fenne Lilly hat ganz besondere Fähigkeiten. Zum Beispiel kann sie mitten in Berlin Ruhe und Besonnenheit finden. Jawohl, die junge Frau hat sich aus dem beschaulichen Bristol in die quirlige deutsche Hauptstadt zurückgezogen (!), um für sich zu sein. Und kam hier über die Einsamkeit nach einer Trennung hinweg.

Dieser Zustand bringt bekanntlich die besten Popsongs hervor. Und damit sind wir bei den anderen Fähigkeiten, wegen denen wir uns aber überhaupt mit der Sängerin und Songwriterin beschäftigen. Selbige finden sich in dem sehr entspannten Song zu besagter Stadt und Katharsis. Und in allen anderen elf Stücken auf „Breach“ (Dead Oceans). Jedes einzelne ist Grund genug, warum Fenne Lily eine ganz besondere Vertreterin ihrer Zunft zu nennen ist.

I’m a ghost sometimes“ singt sie in dem Song mit dem Phantasietitel „Alapathy“. Durchaus hat ihre Musik etwas Schwebend-Durchlässiges. Lilys Stimme ist filigran, oft nur ein Hauchen. Und „Breach“ ist im Ganzen so introvertiert wie eine einsame Seele, die melancholisch, aber frei durch die Welt wandelt.

Es mag an einer gewissen Altklugheit liegen, oder an der neugierigen Erwartungshaltung, die Menschen mit Anfang Zwanzig zu eigen ist. Jedenfalls fühlt man sich unglaublich gut aufgehoben in der Musik von Fenne Lily. Sie geht mit großer Vorsicht mit ihren Songs um und erschafft so zerbrechliche Strukturen wie die von „Elliott“, „Birthday“ oder dem zarten „Someones Else’s Trees“. Obwohl hier viel geträumt werden darf und auch auf Streicher nicht verzichtet wird („Laundry and Jetlag“), geht es niemals kitschig zu.

Fenne Lily ist sehr stark, ohne jeglichen Druck auszuüben. Das Geheimnis liegt in ihrer Ehrlichkeit und Selbstreflexion. Im Video zu „Solipsism“ etwa hat sie den „erschreckenden Gedanken“ verarbeitet, „dass ich mein ganzes Leben mit mir selbst verbringen muss“. „Breach“ präsentiert herrliche zwölf Songs, von denen jeder einzelne die wunderbare Gabe hat, sich ein wenig besser zu fühlen.

 

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Cargo Records

Kennt ihr schon… TIM TIEBEL & DIE TIERE DER EINSAMKEIT?

Man könnte es fast prophetisch nennen, dass Tim Tiebel & Die Tiere der Einsakeit ihr Album „Die Party ist so ziemlich vorüber“ genannt und mitten in die weltweite Quarantäne-Zeit veröffentlicht haben. Keine Parties vorerst, keine Konzerte, mit denen dieses schöne Album gefeiert werden könnte. Aber eins bleibt unerschütterlich, und das ist die Liebe. Die, von…

Die Party ist so ziemlich vorüber

Vielleicht hast du noch niemals geliebt
und du weißt nicht, dass es so etwas gibt,
dass man sich tief in die Augen sieht
und dann so etwas wie Liebe geschieht,
eh man sich versieht.

Die Liebe. Ein so großes, schier unerschöpfliches und für jede/n Musikschaffende/n ein gänzlich unvermeidliches Thema. Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit sind fürwahr nicht die Ersten, die ihm einen Großteil ihres Albums widmen. Aber sie tun es auf die kluge und entwaffnende aller Arten.

Auf „Die Party ist so ziemlich vorüber“ (Lonely Rabbit) singt der Berliner Liedermacher mit Maß, Muße und Inbrunst. Von Freundschaft, Leidenschaft und menschlichem Versagen. Er beglückt uns mit einer berührenden und lebendigen Sprache mit starken Bildern, die zunächst verblüffen und dann doch so vertraut zu sein scheinen. So ins Schwarze treffend, dass man sie glattweg auswendig kennen und inständig mitsingen will.

Zum Verücktwerden unprätentiös sind die Texte des Albums, voller Erkenntnis und wahrer Geschichten. Tim Tiebel & Die Tiere der Einsamkeit leben die großen Gefühle aus – und bleiben dabei doch gelassen. Weil sie wissen, dass man an einem gebrochenen Herzen eben nicht stirbt und es voller Lust immer wieder verlieren kann. Nein, sollte. Sie können ein so unendlich trauriges Lied von einer vergangenen Liebe wie „Der 13. Juli“ singen, die „Schatten von Schatten“ beschwören und trotzdem mit unerhörter Lässigkeit auf das Leben anstoßen.

Eins und Eins gibt halt nicht immer Zwei,
manchmal kommt die Liebe zu uns als große Offenbarung.
Ganz offenbar geht sie auch vorbei,
na und, dann war es halt Erfahrung.

Beim Hören von „Die Party ist so ziemlich vorüber“ kann man unglaublich melancholisch werden . Und froh. Und schwach. Und stark. Die Platte ist wie ein neuer Freund, der Eine/n sofort versteht.

Und eben weil der uns jederzeit über den Lebensweg laufen kann, gilt es, nicht zu verzagen und immer weiter voraus zu gehen. Denn:

Irgendwo brennt noch immer ein Licht.