Schlagwort: Gothic

Minor Sun – Live In Zürich

Wenn das Gothic Rock-Genre tatsächlich so tot ist, wie das ein Kollege vor kurzem verkündete, hat das noch niemand Michael Sele gesteckt. Denn der präsentiert mit The Beauty Of Gemina das 2016er Jubiläumskonzert in Zürich auf CD, DVD und BluRay und macht dabei einen nach wie vor quicklebendigen und frischen Eindruck – alten Szeneklischees zum Trotz.

Ob man nun das visuelle Format oder ganz traditionell die CD bevorzugt, ist gleich. „Minor Sun – Live In Zürich“ bietet 100 Minuten düsteres, aber nie kitschiges Liventertainment, das sich eher am düsteren Arm des Postpunk in den frühen Achtzigern, also Joy Division respektive New Order (der Peter Hook- Bass!), frühe The Cure, Killing Joke oder gar alten The Cult (‚Close To The Fire‘!) orientiert als an Schlagergoth, Düsterdance oder Moll-Metal. Durch den Kontrast der noch recht elektronisch eingefärbten Klassiker wie ‚Suicide Landscape‘ und ‚The Lonesome Death Of A Goth DJ‘ und den eher rockigen Songs vom letzten Album „Minor Sun“, das dem Albumtitel entsprechend bis auf drei Songs komplett im Set enthalten ist, gibt es auch ordentlich Abwechslung. Die hypnotisch-minimalistischen Kompositionen gehen sofort ins Ohr, und die Band spielt dynamisch und stimmungsvoll. Ein großes Plus der Band ist natürlich Seles Gesang, der nicht selten an Bowie zu Berlin- und Scary Monsters-Zeiten erinnert, und mit Songs wie ‚Down On The Lane‘ und ‚Crossroads‘ ist die Entfernung zu dessen Spätwerk auch stilistisch nicht mehr allzu groß.

Die DVD-Version bietet neben einem Making Of natürlich den Vorteil, daß man Seles Charisma und die stimmungsvolle Lichtshow noch genießen kann. Aber auch ohne diese Komponente zündet das Hitfeuerwerk bestens. The Beauty Of Gemina haben mit ihrem aktuellen Livealbum (der letzte Livemitschnitt war eine reine Akustik-Show) eine tolle Bestandsaufnahme abgeliefert, die durchaus auch außerhalb der Szene Freunde finden könnte. Feine Sache.

Second Age

Wer zum Geier ist Odoric? Und wo liegen seine Reiche? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. In Belgien. Im Rheinland. Aber eigentlich auf den Schatteninseln. Odoric ist ein mystischer Krieger, der als Deux Ex Machina im Zentrum der Fantasygeschichte „The Wall of Doom“ steht, dessen Grundidee der bekannte belgische Metal-Artwork-Künstler Kris Verwimp sich bereits Mitte der 1980er Jahre erdacht hat. 1996 erschien eine Graphic-Novel, die Verwimp mit dem Co-Autoren Filip Keunen selbst veröffentlichte. 2013 kam Verwimp auf Arkadius Antonik (den Bandleader der deutschen Melodic-Death-Folk-Band Suidakra) zu, um „sein Baby“ zu vertonen. Und so gelangte die Geschichte von Odoric schliesslich ins rheinische Monheim, wo Antonik lebt und arbeitet. Antonik komponierte einen gänzlich metallfreien, instrumentalen Soundtrack als Nebenprojekt seiner Metalband Suidakra.

Das selbstbetitelte erste Album erschien als reines Studioprojekt 2015, Verwimp lieferte die künstlerische Illustration in einem 28-seitigen A5-Booklet. Nun liegt mit „Second Age“ der zweite Teil der noch lange nicht abgeschlossenen Geschichte vor, zu dem dieses Mal ein 80-seitiges A4-Buch mit Bildern von Verwimp gehört. Dazwischen hat Antonik das Thema in diesem Frühsommer sogar mit Suidakras zwölftem Album „Realms of Odoric“ (dieses Mal mit Stromgitarren und Gesang) vertieft, ohne die eigentliche Handlung weiter zu erzählen.

Ein Metalmusiker also, der anstatt Metal einen Soundtrack komponiert und ein Illustrator, der statt Metal-Artworks seine selbst erdachte, epische Fantasygeschichte illustriert. Doch wer sind die Musiker bei Realms of Odoric? Im Gegensatz zum Vorgänger, der komplett digital erschaffen wurde, konnte Antonik für „Second Age“ eine illustre Auswahl an klassischen Musikern verpflichten. Neben etlichen internationalen Solisten an Violine, Cello, Oboe, Harfe und Flöte ist auch das 66-köpfige Brandenburgische Staatsorchester sowie das Budapest Film Orchestra auf dem 44-minütigen Fantasy-Soundtrack zu hören. Und das gibt der ganzen Sache natürlich ordentlich Würze und klingt so nochmal um einiges dramatischer und organischer als der bereits gelungene Vorgänger. Auch musikalisch ist das Album nochmals vielseitiger und zeigt die Reifung von Antonik als Komponisten, der in der Zwischenzeit auch ein Kompositions-Studium abgeschlossen hat. Eine ganz klare Steigerung in jeder Hinsicht!

„Second Age“ beginnt mit jener Schlacht, die bereits zu Beginn des Vorgängeralbums wie ein Damoklesschwert über der dramatischen Fantasy-Geschichte hängt. Mit deutlich mehr Illustrationen kann man sich zu den Klängen des Auftakts ‚Odoric Overture‘ in die wunderbaren Bilder von Verwimp vertiefen. Odorics Sohn Alaric wird abseits der Schlacht von den Schergen des grausamen Magierkaisers Pisces-Ra gefangen genommen und entführt, der namensgebende Held der Geschichte fällt in der finalen Schlacht. Während er über Jahre zu einer Legende verblasst, hebt eine Rebellion der überlebenden Verbündeten von Odoric an, die Schatteninsel zurück zu erobern. Doch natürlich sind auch im zweiten Teil der Geschichte Tränen und Verlust nicht weit von Blut und Ehre entfernt. Aber womöglich stimmen ja die Legenden um Odoric über die Eroberung des Schlangenturms? Mit dem zauberhaften ‚Aenea‘ gibt Arkadius Antonik den Liebhabern seines Projekts einen vielversprechenden Ausblick auf die Fortsetzung „Third Age“.

Vorausgesetzt, man kann mit instrumentaler Soundtrack-Musik etwas anfangen, kriegt man hier ein wunderbares audiovisuelles Erlebnis direkt nach Hause geliefert. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, aber ehrlich: In Zeiten von „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ und dem Aufstieg von sowohl Graphic Novels als auch Netflix & Co ist doch heute jeder ein potentieller Fantasy-Konsument. Wenn da ein künstlerisch so hochwertiges Projekt keine Berechtigung hat, wann dann? Zumal es wirklich hervorragend umgesetzt ist und sehr viel Leben in sich hat. Das Album ist wie bereits der Vorgänger als CD nur über den Onlineshop des Labels MDD und wenige ausgewählte Einzelhändler erhältlich. Bis Weihnachten auch in einer limitierten Sammler-Edition, danach in einer Standard-Edition mit oder ohne Buch.

Realms of Odoric – Ein Abenteuer zwischen Metal und Klassik

Ein Metalmusiker, der anstatt Metal einen Soundtrack für ein Symphonie-Orchester komponiert und ein Illustrator, der statt Metal-Artworks seine selbst erdachte, epische Fantasygeschichte illustriert. Das sind die beiden Personen, die die Eckpfeiler des Soundtrack-Artwork-Projekts Realms of Odoric sind. Arkadius Antonik (SuidAkrA, Fall of Catharge) ist der Komponist, sein malender Parter bei diesem Projekt der belgische Künstler Kris Verwimp. Der ist nicht nur für Albencover von Antoniks Band bekannt, sondern seit einigen Jahren auch für die Texte von SuidAkrA zuständig. Wir fanden diese Idee in Zeiten eines Überangebots an Fantasyfilmen und -serien mutig, aussergewöhnlich und sehr interessant, weshalb wir Antonik zum Interview gebeten haben. Dabei nahm er nicht nur zur Entstehunggeschichte des Projekts und dessen Umsetzung Stellung, sondern gab auch einen sympathischen und persönlichen Ein- und Ausblick auf das Projekt und die damit verbundenen Träume.

Fantasy-Soundtrack von REALMS OF ODORIC gewinnen

Arkadius Antonik von den deutschen Celtic-Death-Metallern Suidakra und Artwork-Künstler Kris Verwimp (Marduk, Manegarm, Thyrfing, Arkona) werden in wenigen Tagen das zweite Realms of Odoric Album „Second Age“ über MDD Records veröffentlichen. Wie bereits der Vorgänger bietet das Projekt eine spannende crossmediale Erfahrung Klassische Musik und Fantasy-Artworks. Mit freundlicher Unterstützung des Labels MDD Records verlosen wir…

REALMS OF ODORIC – Fortsetzung des crossmedialen Projekts von Suidakra-Bandleader

Arkadius Antonik von den deutschen Celtic-Death-Metallern Suidakra und Artwork-Künstler Kris Verwimp (Marduk, Manegarm, Thyrfing, Arkona) werden im Dezember das zweite Realms of Odoric Album „Second Age“ über MDD Records veröffentlichen. Der Vorgänger mit dem stimmigen Namen „First Age“ war vor knapp 2 Jahren erschienen und bietet eine spannende crossmediale Erfahrung Klassische Musik und Fantasy-Artworks. Das…

The Lover, The Stars & The Citadel

Deleyaman, die amerikanisch-französische Verbindung von Melancholie, Träumerei und Folk veröffentlichen mit „The Lover, The Stars & The Citadel“ ihr neues Album pünktlich zum Herbst – passender geht es wohl kaum. Die wunderschönen, ruhigen Lieder von Aret Madilian und Beatrice Valantin sind der perfekte Soundtrack für dunkle Zeiten. Man verzichtet nie auf Melancholie, hat aber immer Hoffnungsschimmer vor Augen während Songs wie „Autumn Sun“ oder „La Mer Et L’Amour“ vorbeiträumen.

Ruhige, leicht folkloristische Klänge vermengen sich mit hypnotischen Percussions, einem immer tragenden Klavier und vielen Elementen des Shoegaze und des Post-Rock zu einer faszinierenden Klangmischung die man vermutlich am Besten mittig zwischen dem lyrischen Singer-Songwritertum von Leonard Cohen und dem ätherischen World Folk von Dead Can Dance verorten kann. Die tiefe, sehr einlullende Stimme von Aret Madilian ähelt der eines Hynotiseurs, während der Gesang von Beatrice Valantin alle Register der klassischen französischen Chansonkunst zieht. Dezente Blechinstrumente, sehr viel Variabilität – Deleyaman ziehen einem einen Schleier vor Augen, auf dem in jedem neuen Moment Assoziationen auftauchen und wieder verblassen – seien es orientalische Basare, staubige Wüsten, dunkle Höhlen, das weite Meer oder einsame Berge.

Hier vertont jemand das Leben, versucht aber dabei, dasselbe anzuhalten, zu entschleunigen. Jim Jarmusch hätte vermutlich seine helle Freude an dieser Musik. Ein Album zum Fortdriften, zum Dahingleiten. Mit einem Track wie „Summer Flower“ verbeugt man sich auch noch tief vor dem Post Punk und dem Dark Wave der 80er, es gibt tatsächlich Groove und Rhythmus, aber generell ist das Album eher ein langgezogener schöner Traum. Uneingeschränkt empfehlenswert für diejenigen, die eine wohlige, verträumte melancholische Stimmung von monotoner Langeweile unterscheiden können.

The Blinding Dark

Covenant – Innovatoren, Vorbilder; bei allen, die eher düsterer elektronischer Musik zugeneigt sind gelten die Schweden als absolute Inspiration. Das lag zum einen am distinguierten, gebildeteten und immer äußerst beeindruckenden Auftreten in Kombination mit oft zutiefst persönlichen oder philosophischen Texten und elektronischer Musik jenseits jedweger Konventionen. Covenant konnten hart, schnell, rhythmisch, düster, tanzflächig aber auch vertrackt, verspielt, mit zynischem Augenzwinkern oder dem Blick für die ganz breiten Klangwälle. Alben wie „United States Of Mind“ oder „Northern Light“ waren dicht gepackt mit Hits, Melodien für die Ewigkeit und Floorfillern einer Güteklasse die sonst selbst VNV Nation nicht erreichen. In Kombination mit den zutiefst faszinierenden Texten sind Covenant somit immer schon in gewisser Form Vorreiter und Speerspitze des Genres gewesen.

Mit „The Blinding Dark“ haben Covenant nun einen Weg eingeschlagen, der nicht unbedingt vorherzusehen war. Das Album wirkt beim ersten Hören sperrig, besonders düster, zelebriert ein gewisses Unwohlsein. Joakim Montelius hat über das neue Album etwas gesagt, das dieses wirklich perfekt beschreibt:

„Es ist die dystopische Musik der Schatten, die wir alle in uns tragen, bei denen wir aber so oft nicht stark genug sind, sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen.“

Das ist eine ziemlich exakte Beschreibung der sehr introvertierten Musik und der nicht minder düsteren Texte, die so gar nichts mit Rausschmeißern wie „Dead Stars“ oder „We Stand Alone“ gemein hat. Die Musik sei „

eher durch kalten Zorn als durch sengendes Feuer angetrieben

„. Mit „Dies Irae“ wird die litaneiartige Konzeption des Albums Klang. Immerhin gibt es mit dem fast radiotauglichen und nichtsdestotrotz sehr komplexen „I Close My Eyes“ und dem unterkühlten, aber getriebenen „Cold Reading“ auch tanzbare Stücke, diese sind im Gegensatz zu früher aber in der Minderheit. Verschiedene Einleitungen und Zwischenspiele lassen das Album eher als homogenes Ganzes daherkommen denn als ein Sammelsurium von Tanzflächenfüllern.

Vollkommen und endgültig aus der Reihe tanzen Covenant dann mit der eindringlichen Elektro-Ballade „Rider On A White Horse“ – eine Coverversion des Lee Hazlewood-Klassikers aus den Siebzigern. Ganz zu Ehren des Künstlers, der so viele berühmte Duette, unter anderem mit Nancy Sinatra („Summer Wine“), geschrieben hat, haben Covenant aus dem einstimmigen Original ein Duett gemacht und damit einen der seltsamsten, grossartigsten elektronischen Tracks seit langem vollbracht.

Neben instrumentalen Klangteppichen die der Bezeichnung „Song“ überhaupt nicht mehr entsprechen sondern eher psychedelisch anmutende Vertonungen von Stimmungen sind („Summon Your Spirit“) gibt es viel Nachdenkliches, Düsteres, der Zynismus und der Sarkasmus der Band wird immer finsterer, ein Spiegelbild der Welt, in der die vorherrschende Dunkelheit einen blind macht.

„There is no Berlin Wall to defiantly dance on any more.“

Covenant waren schon immer Koryphäen der anspruchsvollen elektronischen Kunst, mit „The Blinding Dark“ gehen sie aber gleich drei Schritte vorwärts. Der Mangel an Groove mag dem einen oder anderen vor den Kopf stoßen, wer aber hinter diese Vordergründigkeit sieht, erhält einen Blick auf die Welt dahinter. Am Besten mit Kopfhörer, dumpfen Licht und gutem Wein.

„The Blinding Dark“ ist ein Meisterwerk anspruchsvollster elektronischer Musik das keinerlei der üblichen Kompromisse eingeht, sondern seine psychedelische Düsternis voll kühler Wärme verbreitet.

Runaljod – Ragnarok

Wardruna dürften mittlerweile einem jede Grenzen sprengenden Publikum bekannt sein: Egal ob Metaller, Folker, Weltmusiker, Mittelalterfreak oder Fernsehserienjunkie; Einar und Wardruna, die ja mittlerweile fest zu einer live performenden Band angewachsen sind, sind in verschiedensten Kreisen fester Bestandteil, und Jubelstürme kommen überallher.

Mit „Runaljod – Ragnarok“ beenden Wardruna ihre Runaljod-Trilogie, und wie schon die beiden ersten Teile ist auch „Ragnarok“ ein Werk voller Magie. Kopfhörermusik zum Abheben ist das, ein Geistestrip von einer Intensität, die ihresgleichen sucht. Von Baumstämmen über Feuer und Wasser bis hin zu originalen oder original nachgebauten Instrumenten reicht das Sammelsurium, das Einar, Graahl und Lindy eingesetzt haben, um eine mystische, alte Welt wiederzuerwecken – [i]A Demon from the Ancient World[/i].

Im Dunklen dem Beginn von „Urur“ über den Kopfhörer zu lauschen ist wohl das Gruseligste, was seit langem in Klang gefasst wurde. So ist der Trip durch die letzten acht Runen des älteren Futhark eine Reise, die von massiver, spiritueller, ritueller, hypnotischer Macht ist. Ziegenhautschlagwerk, Hörner, tranceähnlicher Gesang – „Ragnarok“ ist wie die beiden anderen Werke von Wardruna eine spiritistische Meisterleistung.

Anders als das vor kurzem erschienene, so brillante Album von Skuggsja, das sich tatsächlich noch Songstrukturen beugt ist die Musik von Wardruna ein Ganzes, ein Etwas, das lebt, knurrt, sich windet und schlängelt und durch die Nacht geistert wie der Rauch eines Feuers in der kalten Morgenbrise auf dem Fjord – mal filigran wie ein Irrlicht, mal so brutal wie ein riesiger Bär. Viele der langgezogenen Passagen sind instrumental, werden von Schlagwerk dominiert, aber nicht zerstört und der ausschließlich in altnorwegisch gehaltene Gesang ist ebenfalls „nur“ ein Instrument. Das sehr anklagend wirkende ‚Pertho‘ ist das einzige Stück, das wirklich von der Stimme getragen wird.

In keiner Weise ist dieses Album dafür da, zerrissen zu werden, in Teilstücken auf Iphones zerhackt. Das ist ein grandioses Gesamtwerk für die Dunkelheit, geschlossene Augen, für die Nacht und die mentale Reise in eine Anderswelt. Das ist mitnichten Weltmusik, hat mit weinerlichem Folk nichts zu tun und Metal ist es schon einmal gar nicht. Am ehesten passt, falls eine Kategorisierung nötig ist, diese Musik wohl am besten unter das Urfolk-Label, Drone/Dark Ambient mit rein natürlichen Instrumenten, ein düsteres, maximal atmosphärisches, extrem archaisches Etwas. Wardruna sind wohl der originellste, herausragendste Nischenfüller seit langer Zeit und für dunkle Herbsttage die mit Abstand beste Muik die man sich vorstellen kann.

WARDRUNA – Videopremiere zu ‚Raido‘

Wardruna bereiten die Hörerschaft auf „Runaljod-Ragnarok“, das letzte Album ihrer Trilogie über nordischen Runen vor. Jede einzelne Rune wurde damit vertont, bei „Raido“ handelt es sich um die R-Rune, Schutzrune der Reisenden, „Raido“ übersetzt bedeutet dementsprechend auch soviel wie „Reise“. Die Interpretation des finnischen Fotographen Tuuka Koski vermittelt dies mit epischen Ausmaßen. Das Album selbst…

Zero Soldier Army

Fangen wir diese Rezension mal unkommentiert mit einer Äußerung von Torben Wendt, Chef von Diorama an:

„Die Songs sind in einer Zeit immer vertrackter werdender globaler Krisen bei gleichzeitigem Erstarken zunehmend fanatischer Nationalismen und anderer Wahnvorstellungen entstanden. Der Fassungslosigkeit angesichts des Fiaskos, auf das wir langsam aber sicher hinsteuern, wollten wir einen Begriff entgegensetzen, der gleichzeitig Wehrlosigkeit und Wehrhaftigkeit verkörpert – die ZERO SOLDIER ARMY“. Wir haben keine Waffen. Aber wir haben Liebe, Freiheit und Musik. Und Gin.“

Der Gin ist sicherlich das Wichtigste dabei…

…aber zumindest was das neue Album angeht, scheinen Diorama dem Alkohol wenig zugesprochen haben. Denn die Songs sind genauso vertrackt wie die von der Band angesprochenen globalen Krisen. Schon auf dem letzten Album „The Shape Of Things To Come“ haben Diorama die straighten, dem EBM nahestehenden Stücke der früheren Bandgeschichte ad acta gelegt, und im Gegensatz zu vielen Musikerkollegen scheint bei Diorama nicht der Retrozwang ausgebrochen zu sein. Gleich der Opener „Stay Undecided“ stellt klar, dass hier in den nächsten 67 Minuten absolute Kopfhörermusik vorherrschen wird.

Die Vielschichtigkeit und die Verspieltheit ist enorm, auch wenn immer in exakt richtigem Timing die klassischen, wunderschönen Diorama-Melodien hervorkommen und die Stücke plötzlich eine Geradlinigkeit an den Tag legen, die zu den vielen, vielen Klangspielereien einen wunderbaren Gegenpol bilden. Mache Songs bieten ausufernde Träumereien, die ein Neider möglicherweise als kitschig bezeichnen würde – aber genau diese intensiven, melancholischen Melodien mit dem mehrstimmigen Gesang waren schon immer Trademark von Diorama und sind es noch. Mittlerweile ziehen Torben Wendt & Co. an der Spitze der deutschen elektronischen Musik einsam ihre Kreise. Keiner vermag es derart, Melancholie und Elektronik zu verbinden – mal abgesehen vielleicht von den Königen des Genres, Covenant und VNV Nation. Manchmal, wie bei „Nebulus“, funktioniert das sogar instrumental, und manchmal, wie bei „Comfort Zone“ ist es fast deinelakaienesk sperrig und unzugänglich.

Aber auch auf „Zero Soldier Army“ dominieren die wunderschönen Tracks wie der abgekürzte Titeltrack „Zsa“ oder „Reality Show“. Der kritische Unterton der Texte versteckt sich stellenweise in dieser Melancholie wie ein Wurm im Pilz: Ungesehen, aber ekelhaft. Andere würden Texte dieser Art mit Punkshouts hinausschreien, Torben Wendt vermummt sie in elektronischen Spielereien und traurigen Melodien. Ein – mal wieder – ganz großes Werk und ganz große Kunst der absoluten Könige des nachdenklichen, verkopften (positiv gemeint!) Elektro. Darauf einen Gin.