Schlagwort: Gothic

Let Us Burn

Eines hat das Jahr 2014 besonders gezeigt: Within Temptation kleckern schon lange nicht mehr, sie klotzen nur noch. Das aktuelle Album „Hydra“ ist ein Beweis dafür, die Bombast-Tour dazu ebenso. Und die Marke Within Temptation stand schon seit jeher für opulente Live-DVDs, die die aufwändigen Bühnenshows der Niederländer einfangen.

„Let Us Burn“ steht den Vorgängern wieder mal in Nichts nach und setzt als Basis zwei Konzerte: Die symphonische „Elements“-Show von 2012 im Sportpaleis in Antwerpen anlässlich des fünfzehnjährigen Bandjubiläums und das finale Konzert der europäischen „Hydra“-Arena Tour in der Heineken Music Hall vom Mai 2014 in Amsterdam. Beide Konzerte bieten eine spektakuläre Show mit fantasievollen Spezialeffekten, aufwändigen Kostümierungen, Dynamik, Video- und Lichtkunst sowie eine alles dominierende Sharon den Adel, eingefangen in dynamische Bilder und Ton.

Während „Elements“ natürlich einen höheren Klassikeranteil besitzt, zeigt „Hydra“ einen extrem hohen Hitgehalt, der beweist, dass die neuen Kompositionen mit zum besten gehören, was die Band bislang veröffentlichte. Evergreens wie „Mother Earth“ und „Ice Queen“, „Faster“ oder „Stand My Ground“ dürfen natürlich nirgends fehlen.

Neben den Konzertmitschnitten auf DVD oder Blu-Ray mit 34 audiovisuelle Livetracks in HD und in 5.1 Dolby Surround gibt es dazu noch eine Doppel-CD mit 32 Live-Audiotracks.

Da die DVD/Blue Ray hat eine Spielzeit von ca. 170 Minuten hat, stört auch fehlendes Bonusmaterial nicht weiter. Schließlich geht es um Musik und nicht um irgendwelche Backstage-Spielereien, die man bereits von anderen visuellen Veröffentlichungen kennt.

Dark Circus Festival 2014 – Goth in der Manege

Selten im Jahr ist der zeitliche Verwertungsdrang ein drängenderer als an Adventssonntagen – den vermeintlichen Inseln der Ruhe inmitten des hektischen Konsum- und Vorbereitungstrubels. Vor allem 2014. Und vor allem am zweiten. Die zweite Kerze anzünden, Plätzchen backen, über den Weihnachtsmarkt flanieren – die üblichen Verdächtigen unter den Freizeitaktivitäten biedern sich an. Was käme Freigeistern da gelegener als ein Zirkusbesuch? Vorausgesetzt, man möchte der Besinnlichkeit ein Schnippchen schlagen und macht sich nicht allzu viel aus Sägespänen, brennenden Reifen, Seiltanz und Elefanten, denn die gab’s im Leverkusener Gothic-Clubkleinod Shadow dann doch nicht. Dafür aber unvermindert erstaunliche Attraktionen sowie daneben auch den einen oder anderen Clown.

The Kingdom Field

Düster Metal–Bands mit elfenhaftem Gehauche am Mikrofon gibt es wie Sand am Meer. Weibliche Indie-Künstler mit einem intellektuellen Grundanspruch, die gern von der Zerstörung der Welt singen – wie Sand am Meer. Pseudodöseliger Postrock mit Joy Division-Anleihen? Sand am Meer.
Wenn aber nun Prophecy Productions eine Band signen, auf die irgendwie all diese Charakteristika zutreffen, dann darf man dennoch ein Ohr riskieren.

Und wie nicht anders zu erwarten ist die Debut-EP von Jayn Wissenberg a.k.a. Darkher zwar postrockiger Düsterkram, aber dennoch ist das absolut überzeugend, und nicht nur das: dunkle, schwermütige Musik war schon lange nicht mehr so spannend. Man macht nicht vor bestimmten Regeln halt, sondern packt alles in die Stücke hinein, das dunkle Freude bereitet und Atmosphäre schafft.

So ist zum Beispiel das langgezogene ‚Foregone‘ der erste Song seit langer Zeit, der einem Vergleich mit Massive Attack’s ‚Angel‘ absolut standhält. Lange, monotone Gitarren die über die unendliche Wiederholung mehrerer Töne eine geradezu grotesk wirkende Hypnotik entwickeln verbinden sich mit Jayns Gesang vom Chelsea Wolfe-Typ „steht im Nebenzimmer“: entfernt, leicht gruselig, mitreißend, aber nicht vordergründig und aufdringlich.

‚Hung‘ dagegen erinnert eher an die typischen Singer-Songwriter-Vertreter Marke Joanna Newsom, ein sanftes Cello begleitet eine Anathemaeske Gitarre von nachhaltiger Eintönigkeit.

Die Musik auf dieser EP ist wunderschön und verzaubernd, aber nicht kitschig; entrückt und träumerisch, aber nicht mit irgendwelchem naturmystischem Geschwurbel versetzt: Darkher liefert mit diesen 22 Minuten und lässt einen hoffnungsvoll zurück, bald mehr von dieser wunderbaren Dame zu hören – nächstes Jahr erscheint dann das Debütalbum.

Vervain

Liv Kristine ist zweifelslos eine Gothic Metal-Ikone. Mit Theatre Of Tradegy hat sie ein ganzes Genre geprägt, mit Leaves‘ Eyes den Weg fortgesetzt und auch bei ihren Atrocity-Beiträgen gepunktet. Anders sah es bei den Solowerken aus, die eher in poppigere Gefilde tendierten und die Gothic Metal-Fans meist wenig tangierten, auch wenn der Duett-Hit „3 A.M.“ mit Paradise Lost-Sänger Nick Holmes viel Beifall fand.

Das fünfte Soloalbum zeigt nun die Norwegerin von einer überraschend anderen und dennoch vertrauten Seite, denn „Vervain“ bietet keinen Pop, sondern Gothic Rock/Metal-Songs, die an „Aegis“ und noch ältere Sachen minus der Growls erinnern! Eine kleine Sensation…

„My Wilderness“ beginnt mit Lead-Gitarre und einem klassischem Gothic Metal-Riff, dazu diese engelsgleiche, immer wiedererkennbare Stimme, dass man denkt, man hat hier einen neuen Leaves‘ Eyes-Song im Ohr. Angenehm hart, dunkel-melodisch und erhaben, so will man Liv hören!

„Love Decay“ (feat. Michelle Darkness, End Of Green) überrascht nicht minder, dieses gefühlvolle Duett mit seiner prägnanten Bass-Linie versprüht einen derartigen Mittneunziger Gothic-Flair, dass man auf einmal diesen musikalischen Zeiten hinterher trauert. Ein effektives, traditionelles Gothic-Riff, schwarze Melodien und Klavierlinien lassen diesen Song zum nächsten Hit werden.

„Vervain“ beginnt elektronisch und wird zur flotten Gothic Rock-Hymne, „Stronghold As Angels“ feat. Doro lässt seelige „Velvet Darkness They Fear“-Zeiten aufleben und drosselt das Tempo. Beide Stimmen ergänzen sich und harmonieren überraschend gut, insgesamt eine schön dramatische, verzweifelte Atmosphäre.

„Hunters“ setzt den Fokus auf Bass und Elektronik, „Lotus“ auf schwere, balladeske Klänge, während „Two And A Heart“ wieder in alten TOT-Zeiten schwelgt. „Creeper“ klingt nicht minder Oldschool, aber weder verkrampft noch abgekupfert. Eine weitere tolle Nummer mit weiteren Elektronik-Tupfern.

Gedrosselt endet „Vervain“ mit „Oblivious“, dicke Moll-Gitarren, eine melancholische Lead-Gitarre, atmosphärische Keyboardwellen mit schwerem Bombast und die Überraschung ist perfekt.

„Vervain“ ist eine derartige Kehrtwende innerhalb der Solowerke, dass einem der Mund offen stehen bleibt, aber gleichzeitig auch der Sabber rausläuft. Ob die Solofans die „neue“ Ausrichtung befürworten? Keine Ahnung, die Fans der harten Sachen aber definitiv!