Audio

Eternal Flame

Gut zwei Jahre nach dem potenten Debüt „Welcome to Paradise“ legt die internationale Power-Metal-Truppe Northtale um den brasilianisch-amerikanischen Gitarristen Bill Hudson (Ex-Dirkschneider) den Nachfolger „Eternal Flame“ (Nuclear Blast) vor. Sänger ist neu der Brasilaner Guilherme Hirose, der Christian Eriksson ersetzt. So viel sei voraus geschickt: Gesangstechnisch sind die beiden Vokalisten gleichwertig, bei Eriksson war die Stimmfarbe etwas dunkler. Außerdem brachte sich Hirose beim Songwriting mit Texten und traditioneller brasilianischer Folklore ein.

Stilistisch bleibt sich das internationale Quintett treu. Man spielt eingängigen, melodischen Power Metal mit orchestralen, progressiven und thrashigen Elementen. Der Stil ist deutlich geprägt von frühen Stratovarius und Helloween, Angra, aber auch dem Wirken Hudsons in dessen bisherigen Bands (u.a. Transsiberian Orchestra, Cellador und David Vincents I am Morbid).

Der Uptempo-Opener „Only Human“ hat gleich alles, was man von einem schicken Metal-Song erwartet: Flinke Gitarren und typischen Power-Metal-Gesang. „Wings of Salvation“ entwickelt sich nach einem ruhigen Start in eine Midtempo-Power-Ballade mit Streicher-Samples und Duett-Gesang. Bei „Future Calls“ sind Tempo und Riffs wieder eine Nummer heftiger, fast thrashig. Zumindest, wenn die Streicher nicht wären. Als Gastsänger sind Helloween-Sänger Kai Hansen und dessen Sohn Tim mit von der Partie. „Eternal Flame – The Land of Mystic Rites“ ist eine dicke Überraschung. Mit südamerikanischen Rhythmen und teils portugiesischen Lyrics – und einer tiefen Verbeugung in Richtung der sehr verehrten Angra, fällt der Sechseinhalb-Minuten-Song aus der Reihe.

Die Vorab-Single „Midnight Bells“ bietet einmal mehr richtig gute Gitarren-Soli. „Eternal Flame“ und „In the Name of God“, sind eher klassisch-geradlinig, dafür hat „Ride the Storm“ den 1-Million-Euro-Refrain. Zwei fette Ausrufezeichen folgen zum Album-Abschluss. Zunächst mit dem 11-Minuten-Kracher „Nature’s Revenge“, der zwischen Pathos und epischer Prog-Power-Metal-Nummer oszilliert. „Ivy“ ist ein instrumentales Orchester-Stück, klassische Film-Soundtrack-Mucke mit Bläsern und Streichern. Mr. Hudson kann und will seine Herkunft vom Transsiberian Orchestra nicht verstecken – und als bombastischer Abschluss nach jeder Menge Gitarren ist das Stück überraschend passend.

Northtale legen mit ihrer Nummer Zwei ein richtig gutes, melodisches Metal-Album vor. Im direkten Vergleich zum Vorgänger fällt es eine Spur zurück, verdient sich aber immer noch für jedem Powermetal-Fan eine dicke Empfehlung!

Bandhomepage
Northtale bei Facebook
Northtale bei Nuclear Blast (Label)

Ambition Freedom

Heavy, stoned, angejazzt, überraschend, fast schon progressiv, all das und noch viel mehr ist „Ambition Freedom“ (Drabant Music), das neueste Werk von Thulsa Doom. Die 1999 gegründete Band (nach Auszeit und Rückkehr des Sängers immer noch in Originalbesetzung) ist schon lange eine große Nummer im heimischen Norwegen. Benannt nach dem Bösewicht in Robert E. Howards Conan bzw. Kull Geschichten haben die fünf Bandmitglieder lustige Namen wie Papa Doom, El Doom oder auch Doom Perignon.

Musikalisch wurde die Band aus Oslo beeinflusst durch die frühen Black Sabbath oder auch die Stoner-Rocker von Kyuss, man wird aber auch ein wenig Thin Lizzy oder frühe Deep Purple entdecken. Auf „Ambition Freedom“ kommen zusätzlich Einflüsse aus dem Jazz und Psychedelic Rock hinzu. Heavy Rock trifft Classic- und Stoner-Rock trifft nordisch-unterkühlten, aber ausgesprochen groovenden Alternative. Dabei schwingen oft 70er Jahre Attitüde mit, so im Opener ‚Endless, Unless‘. Zwischendurch wird es fast schon poppig mit dem energiegeladenen ‚Man With Ambition‘. Der Song ‚Die Like An Aviator‘, ein heimliches Highlight des Albums, das durch die Bank weg mit starken Songs aufwartet, hat einen ganz starken Refrain, der Erinnerungen an schwedischen Hard Rock weckt, aber auch mit jazzigen Parts aufwartet, die der Platte an dieser, aber auch an vielen anderen Stellen eine ganz besondere Note geben. Besonders spannend sind ohnehin die kleinen Details am Rande: Hier eine Slide Guitar, dort orgelnde Keys. Kleine Akzente lockern den schweren Rock auf und sind begeisternde Zeugen von großartigem Songwriting.

Bei manchen Titeln denkt man sich beispielsweise am Anfang, dass man genau weiß, was als nächstes kommt. Doch weit gefehlt! Das norwegische Quintett überrascht immer wieder mit dem Bruch sämtlicher Konventionen, mit unerwarteten Effekten auf den Vocals und einer dichten, modernen Produktion. Das Ergebnis: Acht faszinierende Songs, ein starkes Album für alle Heavy-Rock-Freunde.


Thulsa Doom bei Facebook

 

Auf Die Fresse Rock’n’Roll

Der Postmann hat wohl schon mal in das Debütalbum der Band „AngeEKELt“ reingehört, bevor er den Umschlag mit „Auf Die Fresse Rock’n’Roll“ in den Briefkasten eingeworfen hat. Das Jewelcase zerbröselt, das Booklet zerfetzt. Im Sprinter scheint es eine heftige Pogo-Party gegeben zu haben.

Kein Wunder, das Album lädt zum Tanzen, Gröhlen und Feiern ein. „Auf Die Fresse Rock’n’Roll“ erinnert an alte Zeiten, als mehr oder weniger begabte Bands Freitag Abend im Jugendzentrum um die Ecke den Schulalltag vergessen lassen. Marc Debus und „Börnie“ Sommer sind jedoch keine pubertären Jungs, sondern gestandene Männer in den besten Jahren. Songs wie „Lebensgefühl 89“ und „Du Geiles Stück“, letzterer eine Hommage an ein tolles Moped sind nur authentisch, wenn der Schreiber eine ordentliche Portion Lebenserfahrung auf dem Buckel hat.

Laut, rauh, minimalistisch und mit Vollgas kommen die 15 Tracks aus den Boxen. Balladen oder ausgefeilte Arrangements findet man nicht auf dem Silberling. Mit einem Augenzwinkern wird immer wieder mal ein Motörhead- oder Sodom-Riff in den Songs versteckt. Die Mischung aus treibenden Punkrock mit Metal-Einflüssen passt wie die Faust aufs Auge zum Titel des Albums.

Natürlich werden in dem einen oder anderen Song Klischees bedient. Aber wer kennt nicht diese Zeiten, die in „20 Bier“ oder „Lebenselixier“ besungen werden? Da sind sie wieder, die Erinnerungen an die Jugend. Mit „Und Ich Habe Kein Geld“ haben die Debütanten ein 60 Jahre altes Lied von Gus Backus gecovert. Der Schlager bekommt mit den Stromgitarren ein völlig neues Gesicht und zeigt, dass der zeitlose Text auch als Punksong funktioniert. .

Die Tracks haben definitiv Feierpotential und machen Bock auf ein Konzert der Band. Daher ein Aufruf an die Treffpunkte, die für uns Freitag Abend das Wochenende eingeläutet haben:
Hey, Ihr Jugendzentren dieser Welt. Stellt „AngeEKELt“ eine Bühne zur Verfügung und das Bier kalt. Das wird nicht nur für die älteren Semester eine geile Party werden.

 

beautifulgarbage

Wenige Wochen nach dem Terroranschlag vom 11.09.2001 veröffentlichten Garbage ihr drittes Album „beautifulgarbage“. Die Welt war in Aufruhr, neue Musik war in diesen Wochen absolut zweitrangig und Promotion nur sehr begrenzt möglich. Das alles allein ist aber nicht der Grund, warum die Scheibe vor 20 Jahren kommerziell deutlich hinter den Vorgängern zurückblieb. Die Truppe um Frontfrau Shirley Manson hatte sich teilweise an neuen Sounds versucht und ihre Fans mitunter ratlos zurückgelassen.

Nun zum Jubiläum legen Garbage -genau wie bei den ersten beiden Werken- eine frisch gemasterte Neuauflage mit zahlreichen Extras auf insgesamt drei Tonträgern vor.

Mit der klaren Ansage „Shut Your Mouth“ geht es los. Ein knackiges Gitarrenriff eröffnet, bevor in den Strophen Drum-and-Bass-Klänge den gerappten Text untermalen. Erst im Refrain wird es rockig und eine laute Gitarre ist zu hören.

„Androgyny“ war damals die erste Single – und wurde auch nun in einer Mix-Version vorab veröffentlicht. Wie die gesamte Platte hatte auch der Song nur begrenzten Erfolg. Aus heutiger Sicht kaum verständlich. Vereint das Lied doch die typischen Garbage-Klänge: Elektro-Pop mit Gitarre, die unverkennbare Stimme Mansons und einen eingängigen Refrain.

Bei „Till The Day I Die“ glaubt man bei den ersten Sekunden, dass versehentlich eine Nummer von Madonna sich untergemischt hat. Zu groß sind die Ähnlichkeiten und auch im Chorus werden die Anleihen deutlich. Zwei Jahre nach ihrem Beitrag zum Bond-Soundtrack hat man bei der Ballade „Cup Of Coffee“ den Eindruck, die Band bewirbt sich erneut für den Vorspann. Sehr elegisch und mit diesem eindringlichen Gesang, der auch „The World Is Not Enough“ in die Kinos brachte.

Mit einem Wechsel aus ruhigeren und rockigeren Songs geht es weiter, wobei die ruhigeren deutlich überwiegen. Das ist auch der einzige Vorwurf, den man „beautifulgarbage“ machen kann. Die damals ach so gewagten und mäßig beliebten Sounds überraschen und stören heute nicht mehr.

Die erste der beiden Bonus-CDs enthält B-Seiten, mit einigen wunderschönen Juwelen darunter – auch hier weitestgehend eher ruhig. Hervorzuheben sind eine Live-Fassung des Rolling-Stones-Hits „Wild Horses“, das durch Shirleys tiefe Vocals Gänsehaut verursacht, sowie das U2-Cover „Pride“.  Die zweite Zugabe enthält Remixe der Album-Tracks, die mal mehr und mal weniger gelungen, aber allemal spannend anzuhören sind.

Die übliche Frage bei Re-Releases ist, ob man sie braucht. Wer das Original im Schrank hat und sich nicht für Raritäten und Besonderheiten interessiert, kann sein Geld sparen. Wer die Gruppe mag und wem „beautifulgarbage“ noch fehlt -oder wer auch abseits der Standard-Auflage neugierig ist, sollte hier seine Sammlung auf jeden Fall vervollständigen.

Bandhomepage

Garbage bei Facebook

Garbage bei Instagram

Earthbound

Es ist das vierte Studioalbum innerhalb von vier Jahren Bandgeschichte. „Earthbound“ (Jansen Records) heißt der neue Output des norwegischen Trios Kanaan, das für alle Stoner- und Jazzheads mit unterschwelligem Hang zum psychedelischen Freejazz oder Fuzzgefrickel interessant sein dürfte. Die drei Musiker aus Oslo zaubern ganz klassisch mit Gitarre, Bass und Schlagzeug ein rein instrumentales Album aus dem Ärmel, das geschickt musikalisches Know-How und Spielfreudigkeit mit schwerem, teils improvisiert wirkenden Rock kombiniert. Gewichtige Bassläufe im Motorpsycho-Stil, wabernde, spacige Sounds im Hawkwind-Gewand, stampfende Stoner-Attitüde und einige nette Gitarrensoli erfreuen das psychedelische Herz.

Man merkt, dass die drei Bandmitglieder viel Erfahrung haben. In Norwegen sind sie Mitglieder diverser anderer Bands wie Mall Girl, Juno und Vegard & Ivar. Auf „Earthbound“ entwickeln sie ihren aus den Vorgängeralben bekannten eher jazzigen Stil konsequent weiter und steigen hinab in tiefe und ziemlich heavy daherkommende Krautrock- und Stoner-Gefilde. Nach einem Prelude geht es mit dem knarzenden ‚Return To The Tundrasphere‘ gleich in die Vollen. Manchmal fragt man sich, ob die Wirkung der Musik mit Gesang und düster-aggressiven Vocals vielleicht noch besser gewesen wäre, aber sei’s drum, auch instrumental überzeugen die Skandinavier und beschwören eben auch ohne Text stimmungsvolle, durch die Wolken wälzende Bilder im Kopf herauf.

Das ruhige ‚Mirage‘ lässt den Hörer Zeit zum Durchatmen, der Longtrack ‚Mudbound‘ verliert sich manchmal ein wenig auf der holperigen Wegstrecke. ‚No Star Left Unturned‘ beendet das Album mit einer Wand aus Noise. Wahrlich, die Sterne werden auf dieser Platte umgedreht, herumgewirbelt und neu angeordnet. „Earthbound“ ist ein treibendes, hin und wieder etwas sperriges Album geworden, das ein paar Durchgänge im Player benötigt, um den Hörer ganz einzufangen, aber wer Kanaan diese Chance einräumt, findet das Gelobte Land des Stoner-Psych-Jazz-Rocks, in dem zwar keine Milch und Honig, aber Gitarren, Bässe und Drums fließen.

Kanaan bei Bandcamp

Kanaan bei Facebook

Marzipan

Es gibt Künstler deren Namen kann man nicht aussprechen, ohne automatisch den langjährigen musikalischen Partner zur weiteren Einordnung beizusteuern. Wer Keith Richards nennt, muss auch Mick Jagger anführen, wer Sebel sagt, kommt nicht ohne Stoppok aus und wer Marco Schmedtje aufzählt, kann nicht an Jan Plewka (Selig) vorbei. Mit diesem arbeitet der Hamburger Musiker seit etwa 20 Jahren in verschiedenen Projekten eng zusammen. Ob bei den gemeinsamen Rio-Reiser-Abenden oder als Duo „Between The Bars“. Neben der Arbeit mit Plewka und Engagements an verschiedenen Theatern ist Schmedtje aber auch als Solokünstler im Singer/Songwriter-Genre unterwegs. Nun legt er mit „Marzipan“ sein drittes Album unter eigenem Namen vor.

Leise, beinahe flamenco-artige Gitarrentöne eröffnen „Meine Hand“, bevor die Band einsetzt und Marcos warme Stimme dazukommt und er von seinen Wünschen und Botschaften singt. Erst nur von der Gitarre untermalt, legen Bass und Schlagzeug etwas später bei „Für den Rest dieser Nacht“ einen leicht treibenden Teppich aus. Es entfaltet sich eine klassische Pop-Nummer, die -im positiven Sinne- auch bei den großen Radiostationen laufen könnte.

„Halt mich aus“ ist im ¾-Takt und erinnert damit unweigerlich an einen Walzer. Der Musiker fleht seine Angebetete an, ihn mitzunehmen und eben auszuhalten – so kann eine Liebe beginnen. Direkt im Anschluss beschreibt der Künstler im Titeltrack „Marzipan“ das (andere) Ende der Beziehung. „Du gehst in eine Richtung, die besser zu dir passt, ich wünsch Dir alles Gute und denk´ auch an den Spaß“, singt er wehmütig begleitet von Streichern.

Gänzlich anders und abseits der anderen Lieder kommt „Für Elise“ daher. Vielleicht genau deswegen das Highlight der Scheibe. Bewusst etwas schrammelig und eher gesprochen als gesungen, erinnert der Track ein wenig an die frühen Solo-Werke von Niels Frevert, mit dem sich Schmedtje auch schon die Bühne teilte. Im Refrain schimmert -wenn man genau hinhört- ganz sachte das Beethovensche Original durch.

Das ruhige „Länger bleiben“ beendet die Platte sanft und leise. Zunächst einzig mit akustischer Gitarre in bester Liedermacher-Manier begleitet, kann man dem lyrischen Ich sprichwörtlich auf dem Weg zu dem Fenster „in dem das Licht noch scheint“ in Gedanken folgen. Im zweiten Teil begleiten ein paar Blechbläser den gedanklichen Spaziergang am Fluss entlang und lassen „Marzipan“ nach 35 Minuten völlig entspannt ausklingen.

Im Interview mit Whiskey-Soda erzählte Marco von der deutlich erweiterten musikalischen Besetzung und den komplexeren Arrangements im Vergleich zum Vorgänger „18“. Diese größere Bandbreite tut dem Album gut und sorgt für reichlich Abwechslung. Wer auf deutsche Künstler wie die bereits genannten Herren Plewka und Frevert oder Ingo Pohlmann und Gisbert zu Knyphausen steht, kann (und sollte) hier auf jeden Fall zugreifen.

Künstlerhomepage

Marco Schmedtje bei Facebook

Marco Schmedtje bei Instagram

The Rage To Survive

Beim englischen Blues-Gitarristen Danny Bryant hat sich eine Menge Wut im Lockdown angestaut. Wut und Frustration. Verständlich, wenn von einem auf den anderen Tag die Ausführung des Berufes, der zugleich Berufung ist, faktisch verboten wird. Nur hat Bryant seine negativen Gefühle in ein positives Ergebnis umgewandelt und mit „The Rage To Survive“ sein ganz persönliche Corona-Überlebens-Album produziert.

 

„A Storm Is Coming, Deep And Wide“ sind die ersten Worte des titelstiftenden Tracks, mit denen das Werk unmittelbar -ohne jegliches Vorspiel- beginnt.  Ein wahrhaft stürmischer Blues, inklusive wehenden Blechbläsern, entfaltet sich in drei Minuten. Das ganze Unwetter wird garniert mit einem Gitarrensolo, dem man die Wut förmlich anmerken kann.

„Trouble With Love“ ist zwar deutlich langsamer, aber kein bisschen leiser. Ein knackiges Riff durchzieht die Nummer und lässt ein wenig an AC/DC erinnern.

Eine waschechte Ballade schließt sich mit „Invisible Me“ an. Der Song teilt sich in drei Akte mit jeweils zwei Minuten Spielzeit: Der Gesang wird zunächst ausschließlich vom Keyboard begleitet, im zweiten Teil kommt der Rest der Band hinzu und das letzte Drittel gehört einem ausgiebigen und elegischen Gitarrensolo.

In der Folge wechseln sich rockigere mit eher ruhigeren Nummern ab. Zwischendurch blitzt ein wenig Boogie-Woogie durch, stets liegt der Fokus auf Bryants Gitarre und seiner Stimme.

Hervorzuheben wäre noch das ausschließlich von einer Akustik-Klampfe begleitete „Falling Tears“. Man hat den traurigen Künstler förmlich am Lagerfeuer vor Augen, wie er mit den Zeilen „So Many Changes, So Many Years, True Love Is Dying, Among The Falling Tears“ betrunken vor sich hin leidet.

 

Was bleibt nach nicht einmal 35 Minuten Spielzeit aufgeteilt auf zehn Lieder? Einerseits die Erkenntnis, dass es im Blues nicht immer ausufernde Arien braucht, sondern dass man auch in weniger als drei Minuten auf den Punkt kommen kann. Andererseits ist das vielleicht älteste Gitarren-Genre immer noch nicht tot und kann nach wie vor frisch dargeboten und interpretiert werden.

Danny Bryant muss sich hinter Großmeistern wie Joe Bonamassa, Stevie Ray Vaughan oder Rory Gallagher nicht verstecken. Im Gegenteil: Herr Bonamassa persönlich hat sich schon mehrfach lobend über seinen Kollegen geäußert – und ganz ehrlich: Wer will diesem Mann schon widersprechen?

 

Künstlerhomepage

Danny Bryant bei Facebook

Danny Bryant bei Instagram

Bleed the Future

Es ist nicht leicht, im Extreme-Metal für Aufsehen zu sorgen oder aus der Masse herauszustechen. Egal ob Gore-Splatter-Texte oder Geschwindigkeits-Exzesse – gab es alles schon einmal! Vor vier Jahren sorgten die kanadischen Tech-Death-Metaller von Archspire mit ihrem dritten Album „Relentless Mutation“ dennoch für Staunen. Egal ob die Kombination von ultraschnellen Riffs und Drums in abgefahrenen Jazz-Taktarten, ein schier außerirdisch anmutender Gesang oder die überirdische Power, Fingerfertigkeit und Ausdauer. Scheinbar alles an der Musik und den Fähigkeiten dieser Jungs ließ die Fangemeinde mit heruntergeklappter Kinnlade zurück. Auch den Autor dieser Zeilen. Wenn man in einem Genre, in dem Extreme zum Standard gehören, ein Ausrufezeichen setzen kann, dann sagt das sehr viel aus.

Mit einer umfangreicheren Vorproduktion als je zuvor in ihrer Karriere gingen die kanadischen Virtuosen an ihr neues Werk heran. In das sollte auch das Feedback der Fangemeinde mit einfließen. Die Songs sollten zugänglicher werden, ohne beim Prädikat „extrem“ in irgendeiner Weise Abstriche zu machen. Der Lockdown der Corona-Pandemie mit abgesagten Live-Shows gab der bereits auf einem sehr hohen technischen Niveau agierenden Band zusätzlich die Möglichkeit, noch mehr an den Songs und der Produktion zu feilen. Es entstand eine völlig neue Arbeitsweise, ausgehend von Jam-Sessions nur die besten Ideen weiter zu verfolgen und alles andere gnadenlos auszusortieren. Diesen Perfektionismus merkt man dem Album absolut an. Es ist einmal mehr ein Album, das für sich selbst steht und sich mit nichts anderem vergleichen lässt.

Sicher, hier wird progressiver Death-Metal auf technisch anspruchsvollstem Niveau gespielt. Aber dieses Etikett wird dem Album nicht gerecht, denn es ist so viel mehr. Nicht nur wegen der Stimme von Growler Oli Rae Aleron, die in ihrer Unverwechselbarkeit einem weiteren Instrument wohl näher kommt als in jeder anderen Band. Der Mann ist immer noch sehr schnell, sehr exzentrisch und sehr dominant. Und doch ist er nur ein Meister unter seinesgleichen.

Ausgehend vom super-groovigen Monster „Drone Corpse Aviator“ entspinnt sich der tongewordene Wahnsinn von „Bleed the Future“ über etwas mehr als eine halbe Stunde. „Golden Mouth of Ruin“ glänzt mit einem unfassbaren Groove trotz exzentrischster Polyrhythmik. Die Jungs verbinden das dann mit einem Gitarrensolo, das an Barock-Kompositionen erinnert. Das Bass-Tapping punktet mit Fills, sich überlagernden, unterschiedlichen Harmonien und einer Wahnsinns-Ausdauer. Das setzt sich fort mit dem emotionsgeladenen „Abandon the Linear“ und dem Gemetzel des Titeltracks. „Drain of Incarnation“ hat ein wunderschönes, akustisches Flagolette-Gitarrenintro, das einmal mehr an klassische Klänge erinnert. „Acrid Canon“ ist der vermutlich brutalste Song des Albums – wenn man das bei einem solchen Stil überhaupt sagen kann. Die Growls sind besonders tief und die Riffs erreichen transzendente Sphären.

„Reverie on the Onyx“ verbeugt sich vor Mozart und Paganini – aber auch den modernen Vorbildern Necrophagist oder Cryptopsy. Mit „AUM“ hat die Band ihren bisher schnellsten Song geschrieben, der selbstironisch von einem Audiokommentar eingeleitet wird, der die Band als langweilige „Technik-Fetischisten“ abkanzelt. Danach gibt es nichts mehr zu steigern – weshalb das furiose Album nach 31 Minuten endet.

„Bleed the Future“ ist eines der stärksten Genre-Alben seit langem und wird die hohen Erwartungen der Fans und Musiker noch übertreffen. Dafür gibt es unseren Album-des-Monats-Award.

Archspire bei Bandcamp
Archspire bei Facebook
Archspire bei Youtube
Archspire bei Season of Mist (Label)

Satan’s Loss of Son

Satan hat seinen Sohn verloren! Heißt das, dass dieser weg gelaufen, ausgerissen ist oder sich im Labyrinth der Hölle verlaufen hat? Solch philosophische Fragestellungen erörtern Sólstafirs Aðalbjörn Tryggvason und sein Bruder im Verbrechen Birgir Jónsson in ihren Crustpunk-Projekt Bastardur. Schon viele nordländische Kader haben beweisen, dass Crust als Hobby sehr viel Spaß machen kann. Dem steht das isländische Duo mit ihrem Debütalbum „Satan’s Loss of Son“ (Season of Mist) in nichts nach.

Mit einer Menge Wucht und Wut im Bauch ballern Bastardur ohne Umschweife gekonnt los. Polternder D-Beat, niederwalzende Double-bass-Attacken, kratzende Gitarren, heisere und growlige Vocals wechseln sich ab, kurze Solos in Gendenken an Motörhead und dazu ein guter Schuss Death Metal – das klingt nach klassischen Crustpunk. Jawoll! So wie er einem Freude bereitet. Und ohne den gerade bei vielen Bands des Genres angesagten atmospährischen Post Metal-Kram auskommend. Pure icelandig crust!

Mit der Highspeed-Nummer ,Neonlight Blitzkrieg‘ ist mit der Unterstützung von Marc Grewe sogar ein mörderischer Smash-Hit entstanden. Im Übrigen haben sich viele Freunde und Bekannte der beiden Hauptprotagonisten auf „Satan’s Loss of Son“ verewigt. Den Spaß beim Zocken ist den acht Songs anzuhören. Selbst die monotonen Instrumentalpassagen haben Charme. Uptempo und massiver Midtempo-Beat wechseln schablonenhaftig ab, was den Punch Bastardurs aber nicht mindert. Fast alle Songs sind jenseits der Drei-Minuten-Grenze angesiedelt, was Platz für ein paar nette Spielereien lässt.

Nachdem das Ding zwischen den Ohren von Bastardur mal wieder gehörig durchgerüttelt und von all dem Müll, der da sonst so herum hallt, frei geblasen ist, kann man sich wieder voll der Pandemie widmen. Masken tragen, andere Menschen belehren und beschimpfen, der Pest anheim fallen und einen elenden Tod sterben. Vielleicht finden wir ja unterwegs den verlorenen Sohn. Oder sind wir das am Ende selber?

Bastardur bei Instagram

Bastardur bei Bandcamp

Hushed & Grim

Zwanzig Jahre Bandgeschichte haben Mastodon inzwischen auf dem Buckel. Nach jeder Menge journalistischer Lorbeeren und einer wachsenden Fangemeinde markierte „Emperor of Sand“ von 2017 den vorläufigen Höhepunkt der Populraität der Band. Das erste Mal war die Gruppe aus Atlanta auch in Deutschland in den Top 10 der Album-Charts. Und für den Titel „Sultan’s Curse“ gab es endlich den lange überfälligen Grammy. Nun folgt viereinhalb Jahre und eine weltweite Pandemie später das erste Doppelalbum der Bandgeschichte. Entsprechend hat das Studioalbum Nummer 8 mit dem Titel „Hushed & Grim“ (Reprise Records) auch eine beeindruckende Laufzeit von rund 90 Minuten. Das ist für Fans der Band erfreulich, für Neulinge im Universum der Band aber anspruchsvoll. Denn Mastodon machen keine harte Musik für Jedermann.

Das Opus beginnt mit „Pain With An Anchor“ und einem beeindruckenden Trommelwirbel. Drummer Bran Dailors Stil ist genauso unverkennbar wie der sich mal abwechselnde, mal vereinende Gesang von Troy Sanders und Brent Hinds. Letzterer sorgt mit seinem rauhen Organ dafür, daß der ein oder andere Hörer kurz an Lemmy denken dürfte. „Sickle and Peace“ leitet ein mit ruhigem Gesang und einer zurückhaltenden, arhythmischen Melodie, die vor allem von der Gitarre getragen wird. Es ist alles da, was Mastodon ausmacht.

Die beklemmenden Harmonien wie bei „The Crux“. Schaurige, beinahe gruselige Atmosphäre bei „Dagger“. Atemlose, in Noten gegossene Wut bei „Savage Lands“. „Sickle and Peace“ steht im 7/8-Takt und damit für die progressiven Elemente des originellen Quartetts. „Teardinker“ spielt mit berauschenden Crescendi, Eruptionen der Trauer. „Eyes of Serpents“ ist ein emotional-melodisches Juwel mit einem dissonant-überbordenden Gitarren-Solo. Und natürlich gibt es Tonnen von Riffs – gnadenlos und genial unter anderem bei „More Than I Could Chew“.

Doch die Band hat sich bei aller künstlerischer Innovation und musikalischer Meisterhaftigkeit auch entwickelt und schlägt an mancher Stelle ungewohnte, neue Töne an. Das verträumte, melancholische „The Beast“ hat keine Iron-Maiden-Anklänge, sondern erinnert an 90er-Grunge-Bands wie Pearl Jam oder Alice in Chains. „Skeleton of Splendor“ geht in eine ähnliche Richtung, ist aber deutlich eingängiger und melodiöser. Auch „Had It All“ qualifiziert sich als Ballade. Das ist sehr untypisch für die Band, auch wenn jeder Song 100% ihre Handschrift trägt. Es ist offensichtlich, daß der Tod des Bandmanagers und engen Freundes Nick John 2018 das Songwriting sehr stark geprägt hat. „Gobblers of Dregs“ ist der längste Song und ein Monster aus schleppenden Doom-Elementen und irre innovativem Drumming. Und das abschließende „Gigantium“ schließlich ist eine echte Stadion-Hymne im Stil der Band. Dem typischen Mastodon-Wahnsinn eben!

Wer leicht verdauliche, eingängige Stromgitarren-Mucke will, muss zu AC/DC, Volbeat oder Sabaton greifen. „Hushed & Grim“ ist mit seinen fünfzehn Songs sowohl quantitativ als auch qualitativ ein herausforderndes Album und sperriger als die beiden Vorgänger. Andererseits gibt es keine Band, die so klingt wie Mastodon! Wer sich auf den Marathon aus Power-Riffs und betörendem Gesang einlässt, wird mit einem akustischen Abenteuer in Spielfilmlänge belohnt.

Bandhomepage
Mastodon bei Facebook
Mastodon bei Youtube