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„There Must Be A Place – The Official Documentary“

2018 beendet die schottische Band Runrig nach 45 Jahren eine durchaus erfolgreiche Karriere. Drei Jahre später erscheint mit „There Must Be A Place – The Official Documentary“ eine Dokumentation, welche die Höhen und Tiefen der Band von den Anfängen bis zum „Last Dance“ sehr detailreich beschreibt.

Die 100-minütige Retrospektive ist in sechs Kapitel aufgeteilt. „At the Edge of The World“ beginnt bereits im Jahr 1956 und zeigt zahlreiche Bilder der Macdonald-Brüder aus ihrer Jugend. Rory und Calum beschreiben, wie sie zur Zugang zur Musik bekommen und im Jahr 1973 die „Run Rig Dance Band“ gründen. Sehr detailliert beschreiben die  Gründungsmitglieder die Anfänge der Band. Untermalt werden die Erzählungen mit vielen Videos und Fotos aus den Gründerjahren von Runrig.

Von der Tanzband zum ersten Plattenvertrag

Auf einem alten Tape von Rory sind die ersten Klänge von „Run Rig“ zu hören. Calum Macdonald sitzt zu dem Zeitpunkt am Schlagzeug, sieht sich selbst jedoch eher in der Rolle als Songwriter. Peter Hamilton, Gründer von Lismor Records erzählt, wie 1978 mit „Play Gaelic“ das erste Album der Band entstanden ist. Er ist unter anderem nicht amüsiert darüber dass Rory immer und immer wieder das Gitarrensolo noch mal neu einspielen möchte. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen auch schon damals speziell bei den Produktionen Welten.

Gälische Klänge und politische Statements

Die weiteren Kapitel wie „Young And Dairing“ und „Protect And Survive“ nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise durch Runrigs weiteren Werdegang und zeigen detailiert, dass die Band schon immer ein Verfechter ihrer schottischen Wurzeln war. Hier ist es hilfreich, dass Videos mit gälischen Songs englisch untertitelt sind. Alte Videos zeigen, dass Sänger Donnie Munro recht oft mit einem Bundeswehr-Hemd auf der Bühne stand. Die Band erklärt, dass sie sich durchaus als politische Band sehen.

Höhen und Tiefen

Neben dem Aufstieg der Band in den Anfangszeiten werden natürlich auch die Probleme der Band betrachtet. Zeigen diese doch, wie die Mitglieder zeitweise in ihre alten Berufe zurückkehren, da sie von der Musik alleine nicht leben können. Neben den Hauptprotagonisten Rory und Calum Macdonald kommen immer wieder auch ehemalige Mitglieder wie die Keyboarder Richard Cherns und Peter Wishart zu Wort.

Rocket To The Moon

Nicht nur Runrig-Fans werden sich an eine sehr spezielle Geschichte erinnern. Die Raumfähre Columbia brach am 1. Februar 2003 bei ihrem 28. Weltraumeinsatz beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinander, wobei alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Zu der Besatzung gehörte auch Laurel Clark. Clark, bekennender Fan von Runrig nahm eine CD der Band mit auf die Weltraummission. Auf der Bluray wird das Kapitel noch einmal teils sehr beklemmend, jedoch gefühlvoll in Erinnerung gerufen.

Ein Neuanfang mit einem Teamplayer

Donnie Munro verlässt Runrig 1997, um in der Polik eine neue Herausforderung zu finden. Das Kapitel „All Things Must Change“ beschreibt bildhaft die Suche nach einem vergleichbaren Sänger. Auch hier greift Gründungsmitglied Rory in sein Archiv. Es sind Beispiele einiger Auditions zu hören, bei denen sich Aspiranten auf die frei gewordene Stelle bewerben. Schnell wird deutlich, dass ein geeigneter Sänger auf diesem Weg nicht gefunden wird. Wie letzlich Bruce Guthro zur Band gestossen ist wird ausführlich erörtert. Auch die Mutter des neuen Sängers kommt zu Wort und erzählt, wie sie die ersten Auftritte ihres Sohns in einer Bar verfolgt hat.

The Last Dance

Das „Book Of Golden Story“ wird 2018 für immer geschlossen. Natürlich darf der letzte Weg der Band auf „There Must Be A Place“ nicht fehlen. Wieder kommen die Musiker zu Wort und man merkt ihnen deutlich an, dass sie ob des finalen Schrittes Zweifel hegen. Ist es wirklich richtig, hier den Schlussstrich zu ziehen?
Das Kapitel ist -obwohl drei Jahre her- immer noch sehr emotional und treibt nicht nur dem Riggie die Tränen in die Augen. Als Bonusmaterial gibt es noch 3 kleine Kapitel, in denen es unter anderem um die schottische Kultur geht und Runrigfans zu Wort kommen. Die deutschsprachigen Fans werden sich ganz besonders über die deutschen Untertitel der Hauptgeschichte freuen.

Regisseur Jack Cocker berücksichtigt nahezu alle bekannten und für viele Zuschauer unbekannte Phasen der Band und nimmt nicht nur den Fan der schottischen Band mit auf eine 45-jährige Reise. Neben fast allen Mitgliedern kommen zahlreiche Wegbegleiter zu Wort. Vom Schulfreund bis zur 2006 verstorbenen Managerin Marlene Ross, jedem wird genug Zeit gewidmet, um seinen Part der Runrig-Geschichte zu erzählen. Die Story ist sehr gefühlvoll in viele Videos, Fotos und alten Tonaufnahmen eingebettet. Selbstverständlich gibt es sehr viel Musik von der Band in der kompletten Geschichte. Als Dokumentation einer Bandgeschichte setzt „There Must Be A Place- The Official Documentary“ neue Maßstäbe.

Photo Credit: Andrew King

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A View From The Top Of The World

Eingeklemmt zwischen zwei Felswänden ruht der Stein über dem Abgrund, und wir möchten uns oben drauf stellen, das Fernglas benutzen, wollen einen wunderbaren Überblick und eine schöne Aussicht auf die Welt unter uns haben, aber vielleicht droht auch ein Absturz. Wir wissen nicht, ob dies eine Allegorie auf das neue Album des Traumtheaters oder die Karriere der New Yorker Prog-Könige ist.

„A View From The Top Of The World“ (Inside Out) heißt das fünfzehnte Studioalbum von Dream Theater, und schon der Opener macht deutlich: Angst vor dem Absturz muss hier niemand haben, und die Aussicht vom Gipfel der Welt ist durchaus spektakulär. „Wir lieben es einfach, unsere Instrumente zu spielen“, hat John Petrucci neulich festgestellt. Das glaubt man dem Quintett gerne, und genau das tun die Musiker natürlich auch ausgiebig auf ihrem neuen Longplayer. Sieben Songs bringen es auf rund 70 Minuten Laufzeit, dabei macht der 20 Minuten lange Titeltrack einen Großteil des Kuchens aus. Was für beinahe jede andere Band ein bahnbrechendes Meisterwerk wäre, klingt für Dream Theater Verhältnisse routiniert, elegant aus dem Ärmel geschüttelt, birgt aber auch keine wirklichen Überraschungen. Denn wer Innovationen oder völlig neue Ideen erwartet, wird enttäuscht. Dream Theater liefern ungefähr genau das ab, was die Fans erwarten. Dabei hält sich die Band im Prinzip an das Kontrukt des Vorgängers „Distance Over Time“, spart sich die süßlichen Sahnehäubchen eines „Astonishings“ und konzentriert sich ganz auf oben genanntes Instrumentenspiel. Souverän und über jeden Zweifel erhaben ist (natürlich) das komplexe Gefrickel. Schon auf dem Opener ‚The Alien‘ geht es knapp zehn Minuten lang und tellvertretend für alles, was noch folgt, zur Sache. Rhythmus- und Tempiwechsel, Gitarren- und Keyboardgefrickel, die wohl besten Drumparts zu Mangini-Zeiten.

Die Amerikaner zeigen, dass sie bei aller Härte und Komplexität immer noch tolle Melodien schreiben können. So lädt ‚Answering The Call‘ schnell zum Mitsummen ein, und der Song ‚Sleeping Giant‘ beschert uns eingängige Chöre und eher selten gehörte Mellotron-Sounds. Ein Highlight des Albums ist neben dem Titeltrack ganz sicher die Nummer ‚Transcending Time‘, die mit ihren fast schon poppigen Melodien und Sounds auch gut auf das Debütalbum oder das bahnbrechende „Images And Words“ gepasst hätte. Selbst Frontmann James LaBrie, von vielen oft als schwächstes Glied der Traumtheaterkette gescholten, klingt auf „A View From The Top Of The World“ stark wie selten zuvor, wobei man allerdings sagen muss, dass das Songwriting fast immer die Instrumentalparts klar in den Vordergrund stellt.  Beim epischen Titelsong darf der Fan nichts anderes als Bombast erwarten, und genau den bekommt er auch. Orchestrale Arrangements und lange Soli, die unverwechselbar nach Dream Theater klingen – Fluch und Segen zugleich. Nichts wirklich Neues im Progland, aber das, was geboten wird, ist perfekt zusammengebaut.

Dream Theater stehen auch mit ihrem neuen Werk weiterhin am Gipfel der Welt und blicken auf all die anderen Bands hinab, so könnte man das Covermotiv und den Albumtitel auch verstehen, denn der Fels ist so sicher eingekeilt, dass ein Absturz auch nach 15 Studioalben nicht zu befürchten ist.

Wer noch mehr Dream Theater will, greift zur Special Edition mit einer Blu Ray und den 5.1-Abmischungen.

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Tattoo You (40th Anniversary)

 

Wir schreiben das Jahr 1981. Die schon damals gefühlt uralten Stones (sie waren Ende 30!) sind auf Welttournee. Die Plattenfirma macht Druck – ein neues Album muss her. Aber wie? Ein Glück, dass in den Archiven noch unendlich viel Material schlummert, das nur gesichtet und gehoben werden muss. Dieser Schnüffelei verdanken wir „Tattoo You“ (Universal Music Group), das in diesen Tagen seinen 40. Geburtstag feiert und nun in einer frisch gemasterten Version veröffentlicht wird – in der Deluxe-Version angereichert mit weiteren Outtakes und einem Konzert-Mitschnitt der dazugehörigen Tour.

Das ikonische „Start Me Up“ eröffnet die Scheibe. Ein typisches Keith-Riff startet den Song und seither viele Konzerte. Klassischer kann eine Stones-Nummer kaum sein. „Hang Fire“ mit seinen DooDoo-Gesängen und einem minimalistischen Solo, für das die meisten Gitarristen in den meisten Bands ausgelacht worden wären, kommt in wenig mehr als zwei Minuten auf den Punkt.

Da die Worte „Tits“ und „Ass“ mindestens auf dem prüden amerikanischen Markt schwierig zu verkaufen gewesen wären und es mit Sicherheit zu schwarzen Balken auf dem Cover geführt hätte, nennt Keith Richards den knarzigen Rocker zur Sicherheit „Little T&A“, krächzt aber trotzdem auf seine unnachahmliche Art „The Bitch Keeps Bitching“.

Im Falsett singt Jagger das ruhige „Worried About You“, während er sich am Elektro-Piano begleitet. Einen klassischen 12-Takter inklusive Blues-Harp und schleppendem Gesang zeigt die Band auf „Black Limousine“ in ihrer Parade-Disziplin. Das Lied hätte auch auf das 2015´er „Blue & Lonesome“ gepasst.

Mit der herzzerreißenden Ballade „Waiting On A Friend“ endet „Tattoo You“. Hier zeigen sich Mick´n´Keef noch einmal von ihrer freundschaftlichen Seite, bevor die Band wenige Jahre später beinahe am Ego von Jagger und seiner Solo-Karriere zerschellt wäre. Fun Fact: Ex-Gitarrist Mick Taylor musste sich, sieben Jahre nach seinem Ausstieg, seine Credits (und die Zahlungen) mühsam nachträglich einholen.

Andere Truppen wären froh, wenn sie solche Werke überhaupt zu Stande bringen, die bei den Stones eigentlich Ausschussware waren.

Für langjährige Fans dürfte insbesondere die Bonus-CD „Lost & Found: Rarities“ der entscheidende Kaufanreiz sein. Neun verschollene Aufnahmen, z.T. erst im letzten Jahr fertiggestellt, lassen das Sammlerherz höherschlagen. Nicht alle Titel braucht es, teilweise erinnern die Tracks an Studio-Jams zum Warmspielen. Hervorzuheben sind aber „Living In The Heart Of Love“ und „Trouble´s A Comin“. Kurios ist eine Frühfassung von „Start Me Up“, die in dieser Version sicherlich kein Hit geworden wäre. Der Konzertmitschnitt ist auch eher für Jäger und Sammler geeignet, zwei andere Mitschnitte dieser Tour sind erst in den letzten Jahren veröffentlicht worden.

Wer „Tattoo You“ schon im Schrank hat und sich nicht für Absurditäten und Besonderheiten interessiert, kann sein Geld für das schon lange angekündigte neue Album sparen. Für alle anderen Fans gilt: dringende Kaufempfehlung!

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Safari Station

Auf die Idee, psychedelischen Folk mit Afrobeats zu verschmelzen, sind vermutlich noch nicht so viele Leute gekommen. Zeit dafür wurde es aber. Wer das nicht glaubt, hört sich mal „Safari Station“ (Rivertale Prod. / Noisolution) von Andrea Van Cleef und Diego „Deadman“ Potron an.

Beide Musiker bringen sehr unterschiedliche Inspirationen mit, die auf der „Safari Station“ zusammenkommen. Singer-Songwriter, Gitarrist und Bassist Andrea van Cleef ist ein vielbeschäftigter Live-Musiker und überwiegend im akustischem Folk, aber auch im Stoner-Doom zu Hause. Der in Mailand lebende Multi-Instrumentalist Diego „Deadman“ Potron mag dunklen Americana-Folk mit viel Percussion und relaxten Pianoparts. Das Ergebnis ist eine Mischung aus allem. Die beiden schufen gemeinsam ein abwechslungsreiches, sehr entspanntes Album irgendwo zwischen Folk, Pop, Experimental und Psychedelic.

Interessant ist hierbei immer wieder die Verschmelzung von akustischem Material mit elektronischen Tönen und Beats. Manches klingt ein bisschen nach Tom Waits oder dem späten Johnny Cash zu Zeiten der American-Recordings, unterlegt mit dezenten Effekten. Progressiver Pop trifft auf psychedelischen Folk. Ruhige Nummern wie ‚Mozuela‘ wirken sehr retro, beschwören Assoziationen an die goldenen 50er des letzten Jahrhunderts herauf, oder sie versetzen uns mit dunklen Sounds und emotionalen Momenten mitten in die Wüste. Manchmal ist der Gesang sehr hallig, was gewöhnungsbedürftig daher kommt, aber doch für mächtig Atmosphäre sorgt. Ein Cover gibt es auch: Johnny Wakelins Disco-Nummer ‚In Zaire‘ wird auf „Safari Station“ zu einem düsteren Trip mit Percussion und Beats vom Feinsten. 

„Safari Station“ ist ein Album der Stimmungen geworden, eine musikalische Reise in die Dunkelheit, in der es aber auch tanzende Lichter und Hoffnung gibt. Beide Musiker haben ihre eigenen Stile eingebracht und gemeinsam etwas erschaffen, das mehr als nur die Summe seiner Einzelteile ist.

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Speakin‘ Of The Devil

Acid Moon and the Pregnant Sun -ein ungewöhnlicher Bandname für eine ungewöhnliche Band. Dahinter stehen acht Musiker aus Israel, die mit „Speakin‘ Of The Devil“ (Soulfood / Noisolution) ihr Debütalbum vorlegen. Das Ehepaar Eden Leiberman und Aviran Haviv, das die Band gegründet hat, ist allerdings schon lange fester Bestandteil der Musikszene in Tel Aviv und in diversen Bands aktiv, so zum Beispiel bei den Stonerrockern von The Great Machine.

Auf „Speakin‘ Of The Devil“ geht es dem Bandnamen entsprechend ziemlich psychedelisch zu, aber es sind auch viele Anleihen beim Garagenrock, Folk und Classic Rock zu finden. Passend zur psychedelischen Grundausrichtung werden in sieben Tracks die klassischen Themen Freiheit, Liebe und Sex und Drugs und Rock’n’Roll heraufbeschworen. Dabei schwebt über allem stets greifbar der Geist von Woodstock. Ja, das ist moderne Hippie-Musik aber nicht nur darauf beschränkt. Im Song ‚Creatures Of The Abyss‘ sind nicht nur groovende Tribal-Percussions enthalten, sondern auch ein jazziger Mittelteil, der sich vor dem Standard ‚Take Five‘ verbeugt. Dezente elektronische Effekte setzen immer wieder Akzente, dazu kommen bis zur Unverständlichkeit durch die Effektprozessoren veränderte Vocals in einem Arrangement irgendwo zwischen Jazz, Gong und Frank Zappa. Viel psychedelischer kann es eigentlich gar nicht werden.

Darum wird auch der Classic Rock bedient in Nummern wie ‚Save Me‘, wo die Rolling Stones auf Jefferson Airplane treffen. In den langsameren Momenten wie bei ‚Bright Sky At Night‘ und ‚Sparrow‘ erinnert die Gesangsstimme in ihrer öligen, leicht nasalen Art oft an Bob Dylan. Mit dieser wunderbaren Mischung haben Acid Moon and the Pregnant Sun (wir müssen an dieser Stelle noch einmal betonen, wie cool der Bandname ist!) mit „Speakin‘ Of The Devil“ eins der spacigsten, psychedelischsten Alben des Jahres aufgenommen, das trotzt der „abgehobenen“ Parts auch Classic Rock Fans abholt und durch die Bank weg begeistern kann.

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Moral Hygiene

Zum Glück gibt es all die George W.s und Trumps, sonst hätte Al Jourgensen nichts, an dem er sich reiben könnte und Ministry wären schon längst Geschichte. Desinformation ist sein heutiges Thema, das er mit „Moral Hygiene“ (Nuclear Blast Records) intensiv beackert. Zwar sticht und schneidet Ministry musikalisch nicht mehr so genial wie zu Zeiten von „The Mind Is A Terrible Thing To Taste“, „ΚΕΦΑΛΗΞΘ“ oder „Filth Pig“. Trotzdem ist der gute Al eine zuverlässige Konstante, wenn es darum, das Maul aufzureißen und ätzendes Salz in offene Wunden zu streuen.

Ministry sind Don Quijote – Don Quijote ist Ministry

Seinen Nachbar muss man nicht lieben, ihn respektieren auf jeden Fall. Dieser Respekt vor dem Nächsten ist verloren gegangen. Lug und Betrug, Fake News und alternative Wahrheiten sind en vogue. Gegen diese Windmühlen kämpfen Ministry mit aller Macht an. Schon länger sind die Songs nicht mehr rasend schnell, sondern von Rhythmus und Kompaktheit geprägt. Der Einsatz von Sprach-Samples und vom Computer generierte Sounds nimmt immer mehr Platz ein. Damit sind die zehn Stücke auf „Moral Hygiene“ so tanzbar wie noch nie geworden. Jourgensens Mundharmonika findet ebenfalls ihren Platz. Schon der Opener ,Alert Level‘ groovt sich fett in die in den Bewegungsapparat und gibt somit die Richtung vor.

Wer Lard immer noch nachheult, kommt mit ,Sabotage Is Sex‘ voll auf seine Kosten. Jello Biafra gibt sich ein Stell-dich-ein, wie immer mit einem seinen subversiven, lyrischen Essays. EBM-Junkies werden mit ,Desinformation‘ befriedigt. Und wenn sich schon zwei der einflussreichsten Lästermäuler treffen, dann ist der Weg nicht weit zur Ikone der intensiven Live-Performance und großer, eigenwilliger Worte. Ministry legen – wiedermal – eine superfeine Coverversion von ,Search And Destroy‘ von den Stooges hin. Herrlich demontiert und wieder stilecht zusammengesetzt. Top!

Ministry auf dem Weg zu alter Stärke

Ein wenig ungewohnt ist eine Nummer wie ,We Shall Resist‘, das düster, fast ausschließlich mit gesprochenen Worten auskommend, viereinhalb Minuten durch die Gehör- und Gedankengänge wabert. Danach folgen dreieinhalb Minuten Hip Hop-groovige Samples zum Thema Covid-19 und Jourgensens unvergleichlich große Klappe, nur nicht verzerrt wie üblich. Den Abschluss macht eine aberwitzige Version von ,TV Song‘, ursprünglich von „ΚΕΦΑΛΗΞΘ“ stammend, als „Right Around The Corner“-Mix.

Auch wenn sich die letzten Ministry-Alben auf einem überdurchschnittlichen bis guten Niveau eingependelt haben, fehlt irgendwie mal wieder ein richtiges Hit-Album; Hit im Sinne von „Treffer ins Schwarze“. „Moral Hygiene“ ist dies wieder mal nicht, aber es musikalisch überraschender und vielseitiger als die Vorgänger. Vor allem sind die zehn Songs Ministry pur. Die Wahrheit ist obsolet! Und die Wahrheit heute ist, „Moral Hygiene“ ist ein ziemlich gelungenes Album. Mit einem genialen Artwork, das im Stil an Winston Smith erinnert.

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Sermons of the Sinner

Judas Priest haben eine neue Platte! Ach nee, doch nicht. Aber dann irgendwie schon, oder? So richtig beantworten lässt sich die Frage wohl nicht. Denn immerhin sind KK’s Priest die neue Band von K.K. Downing, der zwischen 1970 und 2011 mit seinem Gitarrenspiel (gemeinsam mit Glenn Tipton) den Sound der Metal-Legenden geprägt hat. Am Gesang findet sich mit Tim „Ripper“ Owens der Vertreter von Rob Halford zwischen 1997 und 2003. Hinzu gesellt sich am Schlagzeug Les Binks, der Ende der 1970er Jahre ebenfalls kurzzeitig bei den Briten trommelte. Allerdings fällt er bei KK’s Priest momentan gesundheitsbedingt aus und wird von Sean Elg ersetzt. Tony Newton (Voodoo Six) am Bass und A.J. Mills (Hostile) komplettieren das Quintett. K.K. Downing hat also eine ganze Menge musikalische Kompetenz (samt Judas-Priest-Vergangenheit) für das erste Album „Sermons of the Sinner“ (EX1) um sich geschart.

Dass K.K. Downing das Rad nicht neu erfinden möchte, war vorherzusehen. „Hellfire Thunderbolt“, „Sermons of the Sinner“ und „Sacerdote y Diablo“ sind krachende Heavy-Metal-Stücke, die auch von Judas Priest sein könnten.

Nach diesem ordentlichen Beginn bekommt „Sermons of the Sinner“ jedoch eine Delle. Während „Raise Your Fists“ und „Brothers of the Road“ eher im belanglosen MidTempo verweilen, ist man froh, dass „Wild and Free“ doch wieder stärker nach vorne bricht. Etwas mehr Abwechslung besitzt aus diesem Quartett lediglich „Metal Through and Through“. Nach langsamerem Start bekommt es mit seinen acht Minuten Spielzeit einen guten musikalischen Aufbau mit spannenden Wendungen.

Viel problematischer als die Musik sind die Texte: „We’re brothers of the road and we rock“, „Raise your fist in the air / let’s rock the nations everywhere“, „We’re breakin‘ free‚ cause we are wild and free“ oder „We’re are metal through and through“ sind dann doch eher etwas für Fans von pathetischer Metal-Folklore und Plattitüden (und Manowar…).

Zum Abschluss wird es wieder interessant. Sicherlich kommen bei Songnamen wie „Hail for the Priest“ und „Return of the Sentinal“ schnell Gedanken an K.K.s Ursprungsband auf. Allerdings sind die beiden Tracks die beiden besten auf „Sermons of the Sinner“. Erstgenannter ist nach atmosphärischem Start ein bockstarkes Brett mit super Riffing und großartigem Soloteil. Hier ist sofort zu merken, welch fantastischer Gitarrist K.K. Downing ist. „Return of the Sentinal“ schlägt mit seinen neun Minuten dagegen einen anderen Weg ein. Mit seinen unterschiedlichen ruhigen und harten Passagen setzt es auf einen viel größeren Spannungsbogen, der voll aufgeht.

Natürlich liegen Vergleiche von KK’s Priest zu Judas Priest auf der Hand. Diese würden aber wenig bringen. Eine Wiedervereinigung wie sie Helloween dieses Jahr gemacht haben, ist auch nicht in erreichbarer Nähe, obwohl die musikalischen Welten gar nicht so weit auseinander liegen. „Sermons of the Sinner“ dürfte vor allem diejenigen erfreuen, die klassischen Heavy Metal mit einem Schuss NWoBH mögen. Vor allem der Anfang und das Ende wissen dabei zu überzeugen.

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Dunkel

Zeit für etwas Neues? Zumindest besingen es Die Ärzte in der ersten Single zu „Dunkel“ so. Doch: Ist es wirklich schon wieder Zeit? Gerade einmal zwölf Monate sind seit dem Vorgänger „Hell“ vergangen. Das Album, das BelaFarinRod nach dem schwachen „auch“ wieder von ihrer besten Seite gezeigt hat. Die Gefahr, durch einen solchen Schnellschuss erneut schwach abzuliefern, ist natürlich hoch.

Wer bei „KFM“ an einen Radiosender denkt, kennt die Wortspiele von DÄ schlecht. Die lupenreine 1,2,3,4-Hau-Drauf-Nummer eröffnet den Reigen. Die uralte Frage, ob die Herren noch Punkrock sind, beantworten sie mit reichlich Selbstironie: Die Abkürzung und Genre-Einordnung steht nämlich für Karnickel-Fick-Musik.

Bei der zweiten Nummer will Farin von seiner Ex nicht „Wissen“, wie es ihr geht. Ein klassischer Rocker, wie man ihn vielleicht auch auf seinen FURT-Scheiben erwarten könnte.

Dass Die Ärzte Nazis „Doof“ finden, ist allseits bekannt. In diesem Stück erklärt Bela – unterstützt von Kuhglocke, Bläsern und einem Kinderchor – warum es sich nicht lohnt, überhaupt mit ihnen zu reden.

Highlight ist das druckvolle „Kraft“. Schlagzeug und Bass eröffnen und Farin haut seine Zeilen als Sprechgesang heraus. Um Worte, und was sie anrichten können („Worte bringen dich zum Lachen, Worte bringen dich zum Wein´n“), geht es in diesem Titel. Die Gitarre jault förmlich im Refrain und bekräftigt die Aussage.  

Ein richtiges Brett ist die Single „Noise“. Eine fette Gitarrenwand eröffnet das Lied. Das erste Mal seit „Schrei nach Liebe“ teilen sich Bela und Farin die Gesangsspuren. Ein klassischer Ärzte-Hit mit hohem Mitsing-Faktor.

In „Einschlag“ philosophiert das lyrische Ich von Bela, warum er seine Freundin erschlagen hat und wie er mit der Schuld leben kann. Der vielleicht stärkste Felsenheimer-Song seit Jahren.

„Nicht schon wieder Vampir-Musik“ denkt man dank Kirchenglocke und Wolfsgeheule unweigerlich in den ersten Sekunden von „Nachmittag“. Doch dann entwickelt sich eine country-ähnliche Nummer, in der – ausgleichende Gerechtigkeit – diesmal Bela von seiner Freundin umgebracht wird. Noch im Sterben wünscht er sich dennoch einen Kuss von ihr – „Liebe ist (halt) kompliziert“.

Gegen Ende der Platte wird es ein wenig flacher. Insbesondere „Danach“ erinnert in der Gesangslinie an das bessere „Ein Bier“ aus dem letzten Jahr.

Den Schlussakkord setzte eine Hymne an die Demokratie und dem Aufruf, „Dein Kreuz gegen Hakenkreuze“ zu machen. Wie die Band in Interviews erzählte, fand Rod diesen Text zu plump. Aber Die Ärzte wären nicht sie selbst, wenn sie das nicht direkt im Titel klarmachen würden: „Our Bass Player Hates This Song“.

Was bleibt nach über einer Stunde Spielzeit? Wenig ärzte-typischer Witz, dafür viele ernste Themen und politische Messages. Am Ende ein insgesamt gelungener Longplayer. Allerdings gilt „All Killer No Filler“ auf „Dunkel“ nicht. Ein paar Tracks weniger hätten einer durchgehenden Qualität gutgetan.

Über Die Ärzte und ihre Historie, die Alben, Konzerte und mehr wurde übrigens im Whiskey-Soda-Podcast diskutiert, den Ihr hier nachhören könnt.

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The Visit – The Definitive Edition

Muß man über „The Visit“ selbst noch Worte verlieren? Eigentlich nicht. Dieses Album ebnete den Weg von Loreena McKennitt zu Weltruhm. Eine folkloristische Künstlerin mit einem starken Drang zur Esoterik war nicht unbedingt die, von der man meinen könnte, sie sei für Weltruhm geschaffen. Zu wenig Popstar, zu wenig offensive Selbstinszenierung. Musikalisch und gesanglich sucht jedoch auch 30 Jahre später die Szene noch ihresgleichen. Zusammen mit Enya hat Loreena McKennitt ein Genre salonfähig gemacht, das üblichweise ein eher außenseiterisches Dasein geführt hat.

Die nun vorliegende „definitive“ Edition zum 30. Geburtstag des Originals ist ein nicht überladenes, aber dennoch feines Hardcover mit 4 CD’s, plus eine fünfte bluray Audio mit hervorragendem Dolby Atmos Sound. Neben dem 2004 remastertem Original von 1991 gibt es noch eine Interview-Disc und eine Disc mit den im Radio übertragenen Live-Konzert-Aufnahmen von 1992 mit einer veränderten Tracklist, die auch Stücke wie „Standing Stones“ enthält sowie ein Livemitschnitt eines Radioauftrittes in Philadelphia, der abwechselnd kürzere Interviewfetzen und solo interpretierte Songs enthält – ein wunderbares Zeugnis amerikanischer Radiokultur (ja! Die gab es! – und gibt es noch…) das als solches fasziniert, zum reinen Hörgenuss allerdings wenig beiträgt. Der schmale Grad zwischen Melancholie, Kitsch, Entrücktheit, Naturverbundenheit und Träumerei, den McKennitt in ihrer Musik so perfektioniert hat funktioniert dann am besten, wenn man sich mit geschlossenen Augen davontragen lässt – und Interviewfragen lassen diese Atmosphäre nicht aufkommen. Beim Abspielen der Live-CD einfach die Interviewantworten ausblenden, dann passt das.

Die vierte Disc enthält einen für (die richtigen) Kopfhörer optimierten 3D-simulierenden Surround-Mix, der durch seine Klarheit und den wirklich allumfassenden Klang die Musik noch einmal auf ein anderes Level hebt – die BinauralHeadphone Version von „Tango for Evora“ nimmt einen nach nicht einmal 2 Sekunden so mit, dass man alles um sich herum vergisst. Neben den Headphone Mixes gibt es noch Soundboard-Trio Aufnahmen aus dem Jahr 2016, auf Wesentliche reduziert, ebenfalls live, ebenfalls herausragend.

Hinzu kommen Textbeiträge von McKennitt selbst und ihren Wegbegleitern sowie Fotodokumentationen und Lyrics.

Daher ist diese Ausgabe ein Pflichtkauf für alle Fans des Genres, dazu ein interessanter Einblick für Leute, denen sie noch kein Begriff ist ( sollte es das geben…).  

Da Loreena McKennitt im Augenblick musikalisch kürzer tritt, um politisch aktiv zu sein kann man sich über dieses wunderschöne Stück Erinnerung freuen und hoffen, dass die Zeit der musikalischen Abstinenz nicht zu lang währen möge.

https://loreenamckennitt.com/

https://twitter.com/loreena