Schlagwort: Hardcore

Agnostic Front – Hipsters gonna Hop

Spätestens seit dem neuen Agnostic-Front-Album ‚The American Dream Died‘ wissen wir: Berlin und New York haben eine ganze Menge gemeinsam. Singt Roger Miret über seine Wahl-Heimat New York: ‚The greatest city of them all, but it just don’t feel the same – I miss the old New York‘, könnte ich dasselbe von Kreuzberg behaupten – der einst schäbigen, linken Hochburg Westberlins, wo besetzte Häuser und Billig-Bier durch kreativ-alternative Intellektualität in stilvollen Cafés mit Augustiner-Bräu und Chai-Soja-Latte im handgetöpferten Fair-Trade-Service ersetzt werden. Es versprach also eine interessante Mischung zu werden, die sich da beim Agnostic-Front-Konzert im Berliner SO36 die Klinke in die Hand gab, denn Agnostic Front sind nicht The Naked And Famous. Eine New-York-Hardcore-Band traf auf Berlin-Hardcore-Fans. Und jene, die mal gucken wollten, was da so los ist.

Peace In Our Time

Ganze neun Jahre mussten die Fans der Hardcore-Punker aus Kalifornien auf etwas Neues warten. In dieser Zeit sah man sie immer mal wieder auf Festivals und erfreute sich mit einer Träne der Nostalgie im Auge an alten Hymnen. Ihre Energie haben die Herren um Frontmann Russ Rankin über die Jahre nicht verloren. Wie ein paart angepisste Jungspunde rennen sie nach wie vor über die Bühnen der Welt und zeigen, dass sie zu den Ur-Vätern des Hardcore-Punk gehören. Auch auf dem langersehnten neuen Werk geht es wie gewohnt ordentlich nach vorne. Oldschoolige Hardcore-Passagen mit melodischen Refrains – dafür stehen Good Riddance wie schon Claus Hipp mit ihrem Namen.

Es gibt Bands, bei denen will man eine Entwicklung sehen. Diese Bands erfüllen die hochgesetzten Erwartungen nur, wenn die neue Scheibe anders ist, wenn sich etwas verändert. Die U.S.-Punker gehören definitiv nicht zu dieser Art von Bands. ‚Peace In Our Time‘ ist genau das, was man von Good Riddance erwartet. Pure Dynamik, kraftvolle Songs, die schon vor 20 Jahren ebenso eingeschlagen hätten. Sie tun es aber eben heute noch. Die Band klingt nach wie vor nach frischem Hardcore-Punk aus Kalifornien. Vor kurzem veröffentlichten die Kollegen von Strung Out auch ihr neues Album. Die Parallelen sind unverkennbar. Einziger Unterschied: Wo Strung Out immer mal in die metalige Richtung abdriftet, gibt es bei Good Riddance Punk direkt ins Gesicht. Es ist beeindruckend, wie viel Energie manche Bands auch in gesetzteren Jahren noch versprühen können. Sollten Good Riddance zusammen mit Sick Of It All auftreten, wäre das eine Lehrstunde für so manch junge Band, denen schon nach dem zweiten Album die Puste auszugehen droht. Gut, die Band erfindet sich auf ihrem mittlerweile zehnten Full-Lenght-Album nicht völlig neu. Die 14 Songs sind nicht mal besonders abwechslungsreich oder raffiniert arrangiert. Das gewisse Etwas ist jedoch immer noch vorhanden. Die Kalifornier waren und sind schon immer große Sympathie-Träger in der Szene und haben auf den einschlägigen Festivals hierzulande auch schon so manchen Kraftklub-Fan überrascht.

Songs wie ‚Shiloh‘ oder ‚Contrition‘ dürften wieder einige Fan-Herzen vor Freude hüpfen lassen. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun. Obwohl … ein bisschen schon, aber gleichzeitig ist es die Freude darüber, dass es etwas Neues von den alten Helden gibt. Good Riddance werden wegen ihrer Vergangenheit geliebt, aber auch für die Gegenwart, denn mit ‚Peace In Our Time‘ haben sie nicht nur ein Album abgeliefert, das Fans zufrieden stellen soll. Nach neun Jahren Aufnahmepause setzt die Band ein Zeichen. Sie sind wieder oder besser immer noch da und haben Bock. Bock auf Songs, die knapp zwei Minuten lang sind und keine Kompromisse zulassen. Die Segel sind gesetzt, zusätzlich der Motor angeworfen. Good Riddance sind bereit, die Bühnen mit neuen Songs im Gepäck zu entern und die Fans werden es ihnen danken. Die Platte als solide zu bezeichnen, weil kein einziger Ausfall, aber auch kein wirkliches Highlight heraus sticht, wäre untertrieben. Auch hat die Band kein Album nach dem Motto ‚gib dem Affen Zucker‘ gezaubert, um Kritikern oder sonst wem einen Gefallen zu tun. Man merkt, dass sich die Kalifornier treu bleiben, ohne dabei langweilig oder nostalgisch zu sein. Schuster, bleib bei deinen Leisten. In diesem Fall eine zutreffende und durchaus erfolgreiche Weisheit.

Modern Life Is War – 900 Dead Ramones in Leipzig

Nachdem sich Modern Life Is War anno 2008 aufgelöst hatten, stand ich dereinst erschüttert vor der Erkenntnis, dass ich eine der besten und wegweisendsten Bands des Melodic Hardcore nie live erleben durfte und dazu wohl auch keine Gelegenheit mehr bekommen würde. Als das Quintett dann 2013, zeitgleich mit der Veröffentlichung eines neuen Albums ihr Comeback bekanntgaben, machte mein Herz einen Freudensprung. Sollte es doch noch Hoffnung geben? Ja, sollte es. Auch wenn ich mich noch bis zu einem milden Apriltag im Jahr 2015 gedulden musste…

RAISED FIST – Neues Album im Januar

Der 16. Januar 2015 sollte bei jedem Hardcorer, Metaller und auch Punker rot im Kalender markiert sein, denn an diesem Tag wird das neue Werk der schwedischen Hardcore-Legenden Raised Fist erscheinen. ‚From The North‘ wirde das mittlerweile siebentes Album heißen. Nach fünf Jahren Studiopause wird ‚From The North‘ auf Epitaph erscheinen. Schützenhilfe für die neue…

The Negatives

Cruel Hand sind wieder da. Die New Yorker eroberten in den vergangenen Jahren so manchen Club in Deutschland mit fiesem und schwerem Oldschool-Hardcore. Meist als Vorband für größere Namen überraschten die New Yorker mit ihrer Energie und machten sich schnell einen namen. Nun steht „The Negatives“ in den Läden. Das mittlerweile vierte Studioalbum überrascht jedoch mit punkigen Klängen. Keine Angst, Cruel hand werden nun nicht zu Pop-Punkern à la Simple Plan. Härte und schwerer Gitarrensound sind noch immer die Markenzeichen der Band. Allerdings versucht sich Shouter Chris Linkovich immer wieder als Sänger, was ihm durchaus gelingt. Er bringt Melodie in die Hardcore-Songs. Dabei bleiben Cruel Hand oldschoolig und versuchen nicht, durch ausschweifende Clearvocal-Parts ihr Image zu ändern. Die Gesangsparts bleiben rau und lassen einen das ein oder andere Mal sogar an einen James Hetfield denken. Auch die Gitarrensoli tun den ansonsten fiesen und brutalen Songs gut. Sie schwächen die Songs nicht ab, sondern lassen Zeit zum durchatmen und bereichern das Album. Die Hardcorer beweisen auch bei der Struktur der einzelnen Songs Qualität. Nun ist nicht alles auf dem Album virtuos und unvorhersehbar, jedoch können Cruel Hand den Hörer doch ab und zu überraschen. Punk, Hardcore und eine Prise Thrash Metal machen „The Negatives“ abwechslungsreich. Am meisten überrascht wohl der Song ‚Unhinged – Unraveled‘, der die genannten Elemente des Albums wohl am deutlichsten verbindet. Metal-Refrain, Punk-Melodien in der Strophe und harte Bridges, die den Song durchweg funktionieren lassen.

Cruel Hand klingen auf „The Negatives“ neu, frisch und alles andere als langweilig. Sie experimentieren, ohne sich selbst neu zu erfinden und unglaubwürdig zu werden. Cruel Hand sind heutzutage eine der authentischsten Bands der New-York-Hardcoreszene. Weil sie anders klingen als Agnostic Front, Madball und Co, weil Cruel Hand es nicht nötig haben zwischen jedem Song fünfmal darauf hinzuweisen, dass sie aus New York kommen, weil sie sich was trauen und sich dadurch weiterentwickeln, statt sich auf alten Lorbeeren auszuruhen und musikalisch zu stagnieren. Vielleicht ist es Zeit für ein neues, zusätzliches Aushängeschild des New-York-Hardcore. Cruel Hand haben das Zeug zu diesem Aushängeschild.

Commuters

Coilguns ist so etwas wie die Resteverwertung des Musikerkollektivs The Ocean. Nee, das kann man so nicht sagen. Auf jeden Fall spielen drei der vier Eidgenossen in eben genannter Band und machen mit Coilguns einen ähnlich schwer verdaulichen Stilmix. Das 50-minütige Debüt „Commuters“ (Pelagic Records) ist mit vielen Gastmusikern live in einem Take eingespielt worden und entfacht daher eine ganz eigene Dynamik.

Schon der Opener geht nicht so leicht runter mit seinem wilden Psycho-Core, wohingegen der zweite Teil durch seine post-metallische Verzweiflung lebt, manische elfeinhalb Minuten lang. Wildes Mathcore-Geprügel schließt sich an, um von derbem Sludge ausgebremst zu werden, nur um wieder von Hektik abgelöst zu werden; alles in einem Song. Die verzweifelte Hast wird mit dem bedeutungsschwangeren ,Plug-in Citizens‘ fortgesetzt, während ,Submarine Warfare Anthem‘ sehr gradlinig, gar hardcorig mit nicht ganz so vielen Breaks ausfällt. ,Minkowski Manhattan Distance‘ ist wieder ein Bastard aus Hardcore und Sludge, der einen regelrecht mürbe macht mit seinen abrupten Übergängen.

Mit ,Blunderbuss Committee‘ lassen Coilguns ein ruhiges Zwischenspiel folgen, das in das schwerfällige und psychotische ,21 Almonds a Day’ überleitet. Schwer lastet einem die Musik auf dem Gemüt. Ein helles Licht am Ende des Tunnels sucht man vergebens. Zum Abschluss geleitet einen das mächtig treibende ,Earthians‘ in seine ganz eigenen post-metallischen Depressionen, die aus Unverständnis für unsere heutige Lebensweise erwachsen sind und sich in einem kranken Verständnis des Begriffs Zivilisation manifestiert haben.

Nach dem ersten Take ist man entweder verstört oder durchgeschwitzt von dem abwechslungsreichen Debüt der Eidgenossen von Coilguns, dem aufgrund eben dieser Abwechslung ein wenig der berühmte rote Faden fehlt. Mit der Zeit entfaltet sich aber eine erlesende Schwermut, die als eine Art Überbau zu den elf Stücken fungiert. Vielleicht hebt sich „Commuters“ gerade aufgrund seiner Sperrigkeit aus dem Meer an Standard-Releases ab.

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Offer Resistance

Mit fünf Longplayern und einer Split-Single mit der New Yorker Hardcore-Legende Cause For Alarm sind Miozän einer der langlebigsten und aktivsten Hardcore-Bands in diesem Land gewesen. Musikalisch stark vom US-Hardcore der frühen Tage beeinflusst, wussten die Jungs aus der Lüneburger Heide nicht nur Szene-immanente Kritik in ihre Musik einzubinden. Politik und der Kampf gegen Ungerechtigkeiten wie Rassismus, Sexismus und Speziesmus waren Selbstverständlichkeiten.

Zur Vervollständigung der Geschichte der Hardcore-Kämpfer wird posthum das „Offer Resistance“-Demo-Tape auf Vinyl mit Klappcover veröffentlicht. Die acht Hardcore-Kracher von 1992 bedeuten gleichzeitig das Highlight im Schaffen von Miozän, das nur noch von der „Nothing Remains“-10-Inch wieder erreicht wird. Nachfolgende Kapitel wie I Defy, Souls On Fire oder About Face können diesen Aufnahmen nicht das Wasser reichen. Die kämpferische und positive Ausstrahlung des Demos mündet in fast grenzenlose Energie, wie sie nur wenige Bands einfangen können.

Die Wiederveröffentlichung beinhaltet auf der ersten Seite die Demo-Tracks in sehr guter Soundqualität und auf der zweiten Seite präsentieren Miozän ihre Live-Qualitäten in adäquaten Sound. Die neun Live-Stücke sind roh und gehen ausschließlich nach vorne los. Darunter zwei Cover-Songs von Uniform Choice und Minor Threat, die verdeutlichen, was Miozän ausmachte und worum es ihnen ging. Sie wollten die einmalige Atmosphäre etlicher großartigen Hardcore-Bands der frühen Achtziger einzufangen.