Schlagwort: Neo-Folk

ISGAARD goes Prog

Lange Jahre wurde das Projekt Isgaard von „seriösen Musikfans“ (pfff….) ein wenig belächelt und als Enya-Verschnitt zweiter Reihe abgetan. Die Kunst verkomme zur Künstlichkeit, so urteilten die Kollegen von laut.de gewohnt markig. Nachdem die Macher des Projektes, Komponist Jens Lueck und Sängerin Isgaard, vor Kurzem auch mit der Progressive-Rock-Band Syrinx Call aktiv waren, wird sich…

Everything Is Fine

Wer die letzten „American“ Veröffentlichungen von Johnny Cash für die Highlights dieses Küstlers hält und düsteren, melancholischen Folkrock mit überwiegend minimalistischer Instrumentation mag, sollte sich unbedingt einmal näher mit Danny Kiranos beschäftigen. Der US-Amerikaner liefert unter seinem Künstlernamen Amigo The Devil morbide Folk-Songs über Massenmörder, Pyromanen oder Selbstmörder ab und hat damit quasi sein eigenes Genre „Monster Folk“ erschaffen.

„Everything Is Fine“ , und auch wenn es düstere und traurige Themen gibt, mag man dem 30-Jährigen aus Florida voll und ganz zustimmen, denn hier gibt es nichts zu meckern. Nach der ruhigen stimmungsvollen Eröffnung ‚Cocaine And Abel‘ legt Amigo The Devil mit ‚If I’M Crazy‘ gleich mal eine treibende, abwechslungsreiche Rocknummer hin, deren leise, fast filigrane Parts im Refrain einer beeindruckenden, verzweifelten Stimme weichen, mit der Kiranos gegen das Übel auf der Welt anschreit. Unterstützt wird er dabei vom Rage Against The Machine Drummer Brad Wilk. Auch richtig stark: Die spätere Rocknummer ‚Everyone Gets Left Behind‘. Doch auch – und vielleicht gerade – die ruhigeren Songs überzeugen auf ganzer Linie. Akustische Gitarren, ab und zu ein Banjo, ein paar diffuse Elektrosounds im Hintergrund, und über allem schwebend Amigo The Devil mit einer rauen, faszinierenden Stimme. Das Album findet Zeit und Platz für düsteren Alternative- und Outlaw-Countrysongs wie ‚Preacher Feature‘, singende Sägen und das bös-ironische ‚I Hope Your Husband Dies‘. Schwarzer Humor trifft in den Texten immer wieder auf Melancholie, Traurigkeit oder Wut.

Mit dunkler Poesie in den Texten erzählt Amigo The Devil kleine Geschichten, die durch ihre minimalistische Instrumentierung oft umso intensiver wirken. Es lohnt sich hier auf jeden Fall, auf die Texte zu achten. Wenn es zwischendurch lauter wird, finden sich Streicher, Slidegitarre und die schon erwähnten Synthies im Mix und tragen viel zur Stimmung dieses großartigen Albums bei. ‚This Life Is A Joke / And Death Is The Punchline!‘ heißt es in ‚Hungover in Jonestown‘, einem weiteren Highlight des Albums. Trotz aller Melancholie schimmert immer wieder viel Humor durch, was sich auch bei der streckenweise sehr interessanten Instrumentierung zeigt. „Everything Is Fine“ ist die spannende, düstere Untermalung für lange Novemberabende. Amigo The Devil darf sich nach dieser Platte als legitimer Nachfolger des späten Johnny Cash ansehen, legt er doch hier eines der besten Alben des fast vergangenen Jahres vor. Dark Folk, Americana, Singer/Songwriter-Momente und ein paar anklagend-rotzige Rockspitzen verschmelzen zu einem atmosphärischem Gesamtkunstwerk. Unbedingt reinhören, oder am besten gleich mitnehmen!

To Wake A Dream In Moving Water

Mal wieder stehe ich vor dem Album einer Band, die bereits seit Jahren aktiv ist, mir aber bislang nicht einmal namentlich begegnet ist. Offenbar sind Echo Us ein Ableger von Greyhaven, die ich zumindest dem Namen nach (immerhin…) kenne. Das spricht entweder dafür, daß ich viel zu wenig mitkriege – oder, positiver gedacht, daß der Prog-Underground in den letzten Jahren ein höchst robustes und gesundes Eigenleben entwickelt hat, das eine längst nicht mehr zu zählende, aber offenbar funktionierende Schar an Bands trägt.

Echo Us präsentieren auf „To Wake A Dream In Moving Water“, ihrem dritten Album, Synthie-getragene, nun ja, New-Age-Mucke mit keltischen Einflüssen und ein paar Prog-Farbklecksen. Die Frühachtziger-Scheiben von Kitaro hört man da ein wenig heraus, beispielsweise bei ‚May Moring Dew‘, auch wenn der fernöstliche Klangcharacter dem erwähnten keltischen Einfluss weicht. Bei den Gesangspassagen erinnert das Ganze auch gerne mal an Clannad (‚Begin To Remember v1‘). Vor allem hört man aber sehr deutlich auch den Mike Oldfield der Mitt- bis Spätneunziger, der Alben wie „Tubular Bells III“ und insbesondere das ebenfalls keltisch inspirierte „Voyager“ veröffentlichte. Im fünfzehnminütigen ‚From The Highlands‘ wird ab 8:54 gar ausgiebig ‚Taurus‘ von Oldfields „Q.E.2“ „Tribut gezollt“ (beziehungsweise abgekupfert – je nach Sympathielevel). Ähnliches hat ja auch Magenta-Boss Robert Reed mit seinen „Sanctuary„-Alben gemacht, doch im Direktvergleich kleben Echo Us weniger an den „originalen“ Oldfield-Sounds. Doch, und das ist das große Manko der tendenziell durchaus gefälligen Scheibe, einen Originalitätspreis gewinnen Echo Us mit diesem Album auf keinen Fall. Man muss schon damit umgehen können, daß hier von Tangerine Dream, Schiller, Oldfield oder eben Kitaro bekannte Elemente und Sounds den Ton angeben und ein origineller, die Band definierender Stil eigentlich nicht wirklich zu erkennen ist.

Dennoch, da Album geht als leckere Zwischendurchmahlzeit allemal in Ordnung. Für Rockfans haben Echo Us freilich eher wenig Relevanz, wer aber auf die oben genannten Acts kann, sollte hier definitiv einmal eine Hörprobe wagen. Beziehen könnt Ihr die Scheibe im Webshop von Just For Kicks.

Psychonautika

Es ist schon eine Weile her, dass Nicholas erzählte, dass das neue Album in Arbeit sei und damals drehten sich erste Ideen noch um ein anderes Thema.

Nun, viele Jahre später, erblickt das neue Album „Psychonautika“ das Licht der Welt. Robert Taylor und Nicholas Tesluk haben die Zeit erkennbar gut genutzt. Nicht nur, dass das Album auf Vinyl mit Spezialdruck und beigelegter 3D-Brille erscheint um das Davontreiben des Geistes zu unterstreichen, das gleich mit dem ersten Ton der wie immer grandiosen akustischen Gitarrenarbeit einsetzt. Die Band existiert nun seit über 50 Jahren und die Musik hat nichts ihrer Schönheit eingebüßt. Vor Jahren wurden durch den Einsatz bekannterer und unbekannterer Größen des Neofolk-Genres die alten Alben der Band wiederentdeckt und die schillernde Lebensgeschichte der Mitglieder tat ihres dazu der Band in kurzer Zeit im Genre eine massive Fangemeinschaft zu erschaffen.

„Psychonautika“ beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Formen der Reisen des Geistes, induzierte, gefühlte oder natürliche. Dementsprechend geht es auch psychedelischer zu als auf bisherigen Changes – Releases. Natürlich dominieren wieder die mehrstimmigen Gesänge, wobei Robert und Nicholas auch mehrfach von Gastsängerinnen unterstütrzt werden. Ohnehin setzen Changes mehr Instrumente ein als früher, frühere Alben wie „Lament“ waren fast rein mit akustischen Gitarren eingespielt. Hier gibt es dezente Elektronik, Keyboards, Chöre, die insbesondere beim Genuß über Kopfhörer ihre Wirkung entfalten. Wer die Werke von Phase II, einem (sehr frühen) Ableger von Changes, kennt wird sich etwas darunter vorstellen können wenn man den Eindruck gewinnt, dass bei Phase II verwendete Elemente hier entfernt im Hintergrund auch zum Einsatz kommen. Dazu gibt es auch neue akustische Klänge von Gitarren, die bisher noch keine Verwendung fanden. Dadurch entstehen atmosphärisch extrem dichte Songs. Natürlich sind die wunderschönen Stimmen der Protagonisten immer noch das absolute Highlight der Band. Der Gesang legt sich wie ein wunderschöner, warmer Schleier aus Samt um den Geist des Hörers, lullt ihn ein, besänftigt ihn und läßt ihn fast umgehend anfangen davonzudriften. Spricht die Mythologie eigentlich auch irgendwo von männlichen Sirenen?

Das Album kommt mit Einleitung und Epilog, kurzen – stellenweise wirklich kurzen – Songs und einer Wärme die ihresgleichen heutzutage sucht als Gesamtkunstwerk daher, ohne dass es den einen Hit gibt, wie es bei „Deja Vu“ oder „Summer“ der Fall war. Die Highlights sind sicherlich das bereits bekannte, textlich aber zwingend passende und mit Keyboards dem Stil der Platte noch näher gebrachte „We Went To Find The Sun“ sowie das schon länger in die Livesets der Band integrierte „Chasing The Breath Of The Dragon“. Auch das mit seinem Glockenspiel so zarte „Rhapsody“ ragt heraus, sowie die sensationelle Melodieführung und die Orgeln die bei „Jekyll&Hyde“ (eine Story, die beim Thema „Geist“ natürlich zwingenderweise verabeitet wird) Düsternis verbreiten.
Changes machen wie Barden Musik aus einer anderen Welt, eine Welt voller Träume, Gefühle, Macht, Kraft und Schönheit und schaffen es dabei den klebrigen Kitsch der daraus entstehen könnte mit Leichtigkeit zu umschiffen.

„Psychonautika“ lässt einen für 40 Minuten vergessen, dass die Welt da draußen verroht und widerlich ist.

Runaljod – Ragnarok

Wardruna dürften mittlerweile einem jede Grenzen sprengenden Publikum bekannt sein: Egal ob Metaller, Folker, Weltmusiker, Mittelalterfreak oder Fernsehserienjunkie; Einar und Wardruna, die ja mittlerweile fest zu einer live performenden Band angewachsen sind, sind in verschiedensten Kreisen fester Bestandteil, und Jubelstürme kommen überallher.

Mit „Runaljod – Ragnarok“ beenden Wardruna ihre Runaljod-Trilogie, und wie schon die beiden ersten Teile ist auch „Ragnarok“ ein Werk voller Magie. Kopfhörermusik zum Abheben ist das, ein Geistestrip von einer Intensität, die ihresgleichen sucht. Von Baumstämmen über Feuer und Wasser bis hin zu originalen oder original nachgebauten Instrumenten reicht das Sammelsurium, das Einar, Graahl und Lindy eingesetzt haben, um eine mystische, alte Welt wiederzuerwecken – [i]A Demon from the Ancient World[/i].

Im Dunklen dem Beginn von „Urur“ über den Kopfhörer zu lauschen ist wohl das Gruseligste, was seit langem in Klang gefasst wurde. So ist der Trip durch die letzten acht Runen des älteren Futhark eine Reise, die von massiver, spiritueller, ritueller, hypnotischer Macht ist. Ziegenhautschlagwerk, Hörner, tranceähnlicher Gesang – „Ragnarok“ ist wie die beiden anderen Werke von Wardruna eine spiritistische Meisterleistung.

Anders als das vor kurzem erschienene, so brillante Album von Skuggsja, das sich tatsächlich noch Songstrukturen beugt ist die Musik von Wardruna ein Ganzes, ein Etwas, das lebt, knurrt, sich windet und schlängelt und durch die Nacht geistert wie der Rauch eines Feuers in der kalten Morgenbrise auf dem Fjord – mal filigran wie ein Irrlicht, mal so brutal wie ein riesiger Bär. Viele der langgezogenen Passagen sind instrumental, werden von Schlagwerk dominiert, aber nicht zerstört und der ausschließlich in altnorwegisch gehaltene Gesang ist ebenfalls „nur“ ein Instrument. Das sehr anklagend wirkende ‚Pertho‘ ist das einzige Stück, das wirklich von der Stimme getragen wird.

In keiner Weise ist dieses Album dafür da, zerrissen zu werden, in Teilstücken auf Iphones zerhackt. Das ist ein grandioses Gesamtwerk für die Dunkelheit, geschlossene Augen, für die Nacht und die mentale Reise in eine Anderswelt. Das ist mitnichten Weltmusik, hat mit weinerlichem Folk nichts zu tun und Metal ist es schon einmal gar nicht. Am ehesten passt, falls eine Kategorisierung nötig ist, diese Musik wohl am besten unter das Urfolk-Label, Drone/Dark Ambient mit rein natürlichen Instrumenten, ein düsteres, maximal atmosphärisches, extrem archaisches Etwas. Wardruna sind wohl der originellste, herausragendste Nischenfüller seit langer Zeit und für dunkle Herbsttage die mit Abstand beste Muik die man sich vorstellen kann.

Hitparade

Wieviele Genres wurden denn eigentlich schon als tot deklariert? Heavy Metal, natürlich. Death Metal. Black Metal. Metalcore. Punk.
Den Neofolk hat es nun vor kurzem auch erwischt. Gerade unter puristischen Erzkonservativen ist das allerdings nicht unbedingt etwas Schlechtes. Denn heutzutage ist in fast jedem eher anspruchsvollen Musikgenre die Definition „tot“ gleichbedeutend mit Stagnation. Stagnation ist allerdings etwas, das im kleinstmöglichst gefassten Kreis des „echten“ Neofolk stellenweise eher als Kompliment aufgefasst wird denn als Kritik. Das Genre wird seit Jahren von denselben Helden dominiert. Die Speerspitze, Jerome Reuter und Rome, sind mittlerweile schon so lange dabei, dass sie, die einst proaktiver Vorreiter für Neues waren, selbst zum Establishment gehören.

Das ist Stagnation auf allerhöchstem Niveau, ja, aber die neuen, andersartigen Ideen, die fehlen. Wenn man das Genre weiter fasst und all die folkloristischen Bands von Horse Cult bis Sangre De Muerdago mit ins Genre einbezieht mag die Sache anders aussehen. Der klassische Neofolk mit akustischen Gitarren, Samples und Gesang, den Death in June als Koryphäe so begeisternd machten hat jedenfalls schon länger nichts wirklich Kreatives hervorgebracht.

Umso seltsamer mag es anmuten, wenn man jetzt – und das sollte, nein, MUSS man – mit Death in Rome ein Zugpferd einer goldenen Zukunft sieht, das nicht einmal über eigene Songs verfügt. Wenn es im Neofolk nämlich etwas nicht gab, dann die übermäßige Abnutzung bekannter Genreperlen durch Coverversionen – geschweige denn das Nutzen weltweit berühmter Popsongs. Genau das ist es aber, was Death In Rome auf ihrem korrekterweise als „Hitparade“ betitelten Debutalbum tun. Nun gut mag man denken, ein Stück wie das – übrigens von den Fans per Voting durchgesetzte – traurige, langsame „Summertime Sadness“ von Lana Del Rey mag im neofolkloristischen Gewand sicherlich gut wirken – und das tut es auch, und wie! – wirklich grandios sind aber aber die Stücke, die weiter entfernt von Allem, wofür Neofolk steht, nicht sein könnten.

Zunächst muss man aber kurz auf den Stil von Death In Rome eingehen – wie der Name, so der Klang, eine Mischung aus tiefem, klaren, sehr vollen Gesang, düsteren Akustikgitarren, marschähnlicher Percussion und einigen genretypischen Sound-Elementen wie Schallplattenkratzen oder verzerrten Lautsprecheraufnahmen. So gut wie geniale Stücke von Rome, so herausragend wie Death in June zu besten „But, What Ends When The Symbols Shatter?“ – Zeiten.

Doch was machen Death In Rome mit dieser klassischen Ausrichtung? Sie brechen Konventionen auf, sie mischen Dinge, die sich abstoßen, sie bringen, und das ist gerade für dieses Genre so wichtig, ein Augenzwinkern mit. Sie schaffen es perfekt, die Balance zu halten zwischen ernsthaftem Herangehen an den Neofolk und dem Respekt für musikalische Originale, selbst für solche, die im Ohr anspruchsvoller Hörer eigentlich kaum Respekt verdient haben. Miley Cyrus‚ „Wrecking Ball““zum Beispiel klingt als wäre es nie anders gedacht als so, wie Death In Rome es machen.
Bei diesem Album bleibt einem der Mund offen stehen, mit einer kaum erklärbaren Mischung aus Freude, Respekt, Begeisterung und Unglauben, die vermutlich am Besten mit „Ja wie GEIL ist DAS denn??“ umschreibbar ist. Man hält sich an die Konvention der genreüblichen Getragenheit und der marschrhythmusdominierten Langsamkeit und wählt viele Originale aus passendem Geschwindigkeitsbereich.

Am unfassbarsten werden Death In Rome aber dann, wenn sie Originale nutzen, die weiter vom Genre nicht sein könnten, und schaffen es dabei mit einer Leichtigkeit die Könige des Aus-dem-Kontext-Reissens – Laibach – zu übertrumpfen. Death in Romes Version von „Barbie Girl“ jedenfalls erweitert das jawiegeil? um eine gehörige Portion kanndochgarnichtwahrsein. Haddaway und „What is Love“ steht dem wenig nach, und die Totenrunde „Destroy She Said“ (Murphy), „Wonderful Life“ (Black) und „Love Me Forever“ (Motörhead) zeigt Death In Rome auch bei Ehrerweisungen in Hochform. Was haben wir noch? Ein überragendes „Love Is a Battlefield“, A-ha und „Take On Me“, ein zum Heulen gutes „Careless Whisper“ von Wham, und die gestörteste Idee schlechthin – „Pump Up the Jam“, noch so ein kanndochgarnichtwahrsein-Track, der den Rhythmus über den Sound von Marschstiefeln trägt. Solche Elemente gibt es im Dutzend, wer gute Kopfhörer sein Eigen nennt, dem wird ein Panoptikum an Genialitäten eröffnet.
Einziger, wirklich einziger kleiner Wermutstropfen ist, dass die zu den Anschlägen in Paris veröffentlichte Version von Noir Desir’s „Le Vent Nous Portera“ den Weg nicht auf CD gefunden hat.
Ansonsten ist das hier klipp und klar das Album des Jahres.

Songs Of Flesh & Blood – In The Key Of Light

Thomas Jefferson „TJ“ Cowgill, besser bekannt als King Dude, kann mal wieder nicht vom Teufel lassen. Vielleicht hat er ihm aber auch – wie schon so mancher vor ihm – einfach seine Seele verkauft. Oder zu oft mit ihm in der Bar abgehangen? So oder so: Der Düsterfolk-Songwriter spielt weiterhin unbeirrt seinen größten Trumpf aus: seine Stimme. Zwischen Darkfolk und Rock’n’Roll und bis ganz, ganz hart die Grenze zur Übertreibung. Nicht nur Luzifer hat an sowas seine diebische Freude.

Das ständige Mäandrieren zwischen den Oktaven, das teils theatralische Vibrato, die bodenlose, kehlige Grabesstimme (wie viele Aschenbecher er dafür wohl auslecken musste?) – all das lässt einem diese Musik zu Kopfe steigen. Kaum mehr als umspielt wird die schaudrig sonore Sangeskunst von überschaubaren Akkordfolgen und verkürzten Motiven an elektrischer und akustischer Gitarre, Piano, einem Paukenschlag hier und da und vereinzelten koketten Kastagnetten. Dann: Reverb, Reverb, Reverb. Für die Gänsehaut. Der Fokus ist eingestellt, und Cowgill füllt ihn tadellos aus, ohne sich dabei zu verausgaben. Das fängt bei theatralischen Klageliedern an – allein ein Schwank wie ‚A Little Bit Of Baby Gonna Make Me Wanna Live Again‘ salbt ihn zum Schwerenöter des Monats –, und hört bei einer allem Anschein nach völlig ernst gemeinten Revolverhelden-Hymne namens ‚Holy Water‘ auf.

Daneben markiert ‚Songs of Flesh & Blood‘ – ein bisschen auf Kosten des Rocks – den Beginn einer vermutlich vertiefenswerten Liaison Cowgills mit Keyboard und Synthies. Ein Jahr nach ‚Fear‘ hat sich gerade genug getan, damit es interessant bleibt. Cowgill experimentiert in gesundem Maße mit Tempo, Instrument und Atmosphäre. Gerade letztere ist eine große Variable im Dude-Kosmos: Was gerade noch todtraurig erschien, kann sich im nächsten Moment schon mit einer ungeahnten Verwegenheit kreuzen, und auch die Grenze zwischen effektwütigem Macho und unverzerrtem Charmebolzen ist beim Singer-Songwriter aus Seattle fließend.

Soll bedeuten: Der King ist so wie immer, nur ein bisschen leichter zu haben. Aus Fleisch und Blut eben und mit Butter bei die Fische. Doch auch wenn er sich auf dem Cover-Artwork seiner neuen Platte billiger und aufpolierter verkauft denn je: Spirit und Substanz sind ungeschmälert. Wenn jemand eine volltätowierte Wampe spazieren führen und dazu den Mond anheulen darf, dann dieser Mann. Und Luzifer ist selbstverredlich immer noch das Licht der Welt. Wenn doch bloß alles Dunkel so geschmeidig wäre, wie es TJ Cowgill sich hier aus den Rippen leiert.