Schlagwort: Jazzrock

Earthbound

Es ist das vierte Studioalbum innerhalb von vier Jahren Bandgeschichte. „Earthbound“ (Jansen Records) heißt der neue Output des norwegischen Trios Kanaan, das für alle Stoner- und Jazzheads mit unterschwelligem Hang zum psychedelischen Freejazz oder Fuzzgefrickel interessant sein dürfte. Die drei Musiker aus Oslo zaubern ganz klassisch mit Gitarre, Bass und Schlagzeug ein rein instrumentales Album aus dem Ärmel, das geschickt musikalisches Know-How und Spielfreudigkeit mit schwerem, teils improvisiert wirkenden Rock kombiniert. Gewichtige Bassläufe im Motorpsycho-Stil, wabernde, spacige Sounds im Hawkwind-Gewand, stampfende Stoner-Attitüde und einige nette Gitarrensoli erfreuen das psychedelische Herz.

Man merkt, dass die drei Bandmitglieder viel Erfahrung haben. In Norwegen sind sie Mitglieder diverser anderer Bands wie Mall Girl, Juno und Vegard & Ivar. Auf „Earthbound“ entwickeln sie ihren aus den Vorgängeralben bekannten eher jazzigen Stil konsequent weiter und steigen hinab in tiefe und ziemlich heavy daherkommende Krautrock- und Stoner-Gefilde. Nach einem Prelude geht es mit dem knarzenden ‚Return To The Tundrasphere‘ gleich in die Vollen. Manchmal fragt man sich, ob die Wirkung der Musik mit Gesang und düster-aggressiven Vocals vielleicht noch besser gewesen wäre, aber sei’s drum, auch instrumental überzeugen die Skandinavier und beschwören eben auch ohne Text stimmungsvolle, durch die Wolken wälzende Bilder im Kopf herauf.

Das ruhige ‚Mirage‘ lässt den Hörer Zeit zum Durchatmen, der Longtrack ‚Mudbound‘ verliert sich manchmal ein wenig auf der holperigen Wegstrecke. ‚No Star Left Unturned‘ beendet das Album mit einer Wand aus Noise. Wahrlich, die Sterne werden auf dieser Platte umgedreht, herumgewirbelt und neu angeordnet. „Earthbound“ ist ein treibendes, hin und wieder etwas sperriges Album geworden, das ein paar Durchgänge im Player benötigt, um den Hörer ganz einzufangen, aber wer Kanaan diese Chance einräumt, findet das Gelobte Land des Stoner-Psych-Jazz-Rocks, in dem zwar keine Milch und Honig, aber Gitarren, Bässe und Drums fließen.

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Speakin‘ Of The Devil

Acid Moon and the Pregnant Sun -ein ungewöhnlicher Bandname für eine ungewöhnliche Band. Dahinter stehen acht Musiker aus Israel, die mit „Speakin‘ Of The Devil“ (Soulfood / Noisolution) ihr Debütalbum vorlegen. Das Ehepaar Eden Leiberman und Aviran Haviv, das die Band gegründet hat, ist allerdings schon lange fester Bestandteil der Musikszene in Tel Aviv und in diversen Bands aktiv, so zum Beispiel bei den Stonerrockern von The Great Machine.

Auf „Speakin‘ Of The Devil“ geht es dem Bandnamen entsprechend ziemlich psychedelisch zu, aber es sind auch viele Anleihen beim Garagenrock, Folk und Classic Rock zu finden. Passend zur psychedelischen Grundausrichtung werden in sieben Tracks die klassischen Themen Freiheit, Liebe und Sex und Drugs und Rock’n’Roll heraufbeschworen. Dabei schwebt über allem stets greifbar der Geist von Woodstock. Ja, das ist moderne Hippie-Musik aber nicht nur darauf beschränkt. Im Song ‚Creatures Of The Abyss‘ sind nicht nur groovende Tribal-Percussions enthalten, sondern auch ein jazziger Mittelteil, der sich vor dem Standard ‚Take Five‘ verbeugt. Dezente elektronische Effekte setzen immer wieder Akzente, dazu kommen bis zur Unverständlichkeit durch die Effektprozessoren veränderte Vocals in einem Arrangement irgendwo zwischen Jazz, Gong und Frank Zappa. Viel psychedelischer kann es eigentlich gar nicht werden.

Darum wird auch der Classic Rock bedient in Nummern wie ‚Save Me‘, wo die Rolling Stones auf Jefferson Airplane treffen. In den langsameren Momenten wie bei ‚Bright Sky At Night‘ und ‚Sparrow‘ erinnert die Gesangsstimme in ihrer öligen, leicht nasalen Art oft an Bob Dylan. Mit dieser wunderbaren Mischung haben Acid Moon and the Pregnant Sun (wir müssen an dieser Stelle noch einmal betonen, wie cool der Bandname ist!) mit „Speakin‘ Of The Devil“ eins der spacigsten, psychedelischsten Alben des Jahres aufgenommen, das trotzt der „abgehobenen“ Parts auch Classic Rock Fans abholt und durch die Bank weg begeistern kann.

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Soundless Voice

„Soundless Voice“ (Triptonus Records / Noisolution)  der österreichischen Formation Triptonus segelt unter falscher Flagge – wäre für die rein instrumentale Mischung aus Pychedelic Rock, Metal, Jazz und Weltmusik doch eigentlich eher die Bezeichnung „Voiceless Sound“ angebracht. Aber sei’s drum, der Bandname ist durchaus passend. Einen Tritonus wird hoffentlich niemand nach dem Genuß der Musik bekommen, aber auf einen Trip nehmen uns die sechs Musiker/innen auf jeden Fall mit.

Das Werk wurde bereits im Jahre 2019 aufgenommen, aber ein paar Probleme und die fehlende Aussicht auf Livegigs haben die Veröffentlichung bis heute verzögern. Jetzt ist es zum Glück endlich soweit, denn schon der erste Track ‚Ikaros‘ entführt in wohlige Gefilde, wo groovende Rockgitarren, ausgefeilte Rhythmen und verschachtelte Songstrukturen aufeinander treffen und den Hörer zu einer faszinierenden, fast schon progressiven Reise einladen. Dabei überraschen die Arrangements und beweisen den Mut zu Außergewöhnlichem und die oben erwähnte Nähe zu Weltmusik und Folk. Mal sind es das Hackbrett, dann die Djembe Trommel, dezente, experimentelle Streicher oder ein Didgeridoo, die stets interessante Akzente setzen und der Musik trotz fehlendem Gesang zu spannenden Aussagen verhelfen. Oft geht es ziemlich progressiv zu, und mehr als einmal fühlt man sich an die Post-Rock-Frickeleien von Bands wie Long Distance Calling erinnert. Orientaler Flair wie im Track ‚B’har‘ verschmilzt mit präzisen Gitarrenwänden, treibend, massiv und doch brüchig. Erst ganz am Ende geht dem Album ein klein wenig die Puste aus, aber das spielt nach acht episch-vertrakten Meisterwerken eigentlich kaum noch eine Rolle.

Triptonus begeben sich mit „Soundless Voice“ wahrlich auf einen Trip, der absolut wiederholt werden muss. Also den Repeatknopf gedrückt und ab dafür! Nach diesem Album muss man die Österreicher definitiv auf dem Schirm haben.

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Prinzessin Teddymett

Ist Teddymett eigentlich vegan? Die titelgebende Prinzessin heißt gar nicht Teddymett, sondern Ausbau, und sie hat eine argwöhnische Ornithologie. Wer jetzt nur „Bahnhof“ versteht, den klärt das Hören der zweiten Platte „Prinzessin Teddymett“ (Noisolution) der Berliner Formation Tschaika 21/16 vermutlich auch nur bedingt weiter, Licht ins Dunkel zu bringen.

Mit Songs wie ‚Mutti ist vom Klettergerüst gefallen‘, ‚GoTTdzillas Allzweckwaffe‘ oder besagtem ‚Prinzessin Ausbau’s argwöhnische Ornithologie‘ gewinnt die Band auf jeden Fall schon einmal den Preis für die innovativsten (oder bescheuertsten?) Songtitel des Jahres 2021. Diese Titel werden allerdings in ein überraschend komplexes musikalisches Korsett gezwängt, dass weitab vom spaßigen Punkrock liegt, den man beim Albumtitel und -cover vielleicht hier erwarten möchte. Komplexe Rhythmen aus dem Underground, Jazz, Rock, Stoner, Alternative, brachiale Gitarren direkt vom Black Metal geschickt, schepperndes Schlagzeug und dazu immer wieder Trompeten und ein Quietscheentchen. Das klingt abgedreht – ist es auch, aber trotz allem überraschend anspruchsvoll. Progressive Parts treffen auf krachende Grooves, und das alles fügt sich zu einer spannenden Mischung, die Stoner, Jazzer, Metaller und Progheads begeistern dürfte – wenn sie denn Sinn für absurden Humor besitzen.

Zwischen den Songs gibt es kurze Ausschnitte aus dem Studio zu hören, mehr oder weniger sinnfreies Gelaber vom Hofe der mettigen Prinzessin, das nicht unbedingt nötig gewesen wäre, aber auch nicht allzu sehr stört. Verantwortlich für diese musikalische Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn ist zu einem Drittel der Gitarrist Tim Mentzel, bekannt durch die Berliner Stoner-Band Rotor. Gemeinsam mit Schlagzeuger „Onkel“ und dem Trompeter Sören, der ansonsten im Orchester des Berliner Konzerthauses tätig ist, erschafft der Musiker ein Album, das nun wirklich mal von vorne bis hinten außergewöhnlich ist. Wird es jedem gefallen? Ganz sicher nicht. Aber eine Chance geben sollte man der Prinzessin auf alle Fälle.

Offizielle Homepage des Drummers „Onkel“
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TSCHAIKA 21/16 – Prinzessin Teddymett kommt

Wenn eine Band ihr Album „Prinzessin Teddymett“ nennt, hat sie schon mal unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Musik von Tschaika 21/16 klingt genauso merkwürdig wie der Bandname. Der zweite Longplayer der drei Musiker erscheint am 28. Mai vbeim Underground-Label Noisolution. Der Wahnsinn des Debut-Albums wird auf der neuen Platte zum Kinderlied reduziert. Rhythmisch noch komplexer, im…

The All Is One

Motorpsycho setzen mit „The All Is One“ (Stickman Records) ihre lose zusammenhängende inoffizielle Gullvåg Trilogie fort, die 2017 mit „The Tower“ begonnen und letztes Jahr mit „The Crucible“ fortgesetzt wurde. Der namensgebende Künstler Håkon Gullvåg war auch jetzt wieder für das Covermotiv zuständig und steuerte zudem weiteres Artwork für die Discs des Doppelalbums und den Innendruck des Digipaks bei.

Die Norweger haben bei ihren Fans einen gewissen Kultstatus erworben, und nach „The All Is One“ kann man auch gut verstehen, warum das so ist, sollte es bisher da noch irgendwelche Unklarheiten gegeben haben.
Motorpsycho sind zurück und machen ihrem Namen wieder alle Ehre. Der eröffnende Titelsong ist wegweisend mit seinem psychedelischen Groove, und doch bereitet er die Hörer kaum vor auf das, was noch kommt.  Experimenteller Prog mit Jazzrockelementen trifft auf Psychedelic- und Stoner-Rock, Gitarrenwände werden von wabernden Elektrosounds durchbrochen, Saxophone gleiten irgendwo hoch über pulsierenden Mellotron-Sounds.

Zentralstück des Doppelalbums ist das insgesamt über 42 Minuten lange Stück ‚N.O.X.‘, das in fünf Parts und über zwei CD-Hälften aufgeteilt ist und gar sperrig daherkommt. Jazzige Saxophone, pochende Elektrobeats, düstere Streicher, lässige Bläsersätze. Es darf auch mal minutenlang repetitive Rhythmuskontrukte geben, sich langsam steigernde, pulsierende Synthiefiguren, die von diffus schwebenden Vocals zersetzt und schließlich von treibenden Beats überholt werden. Das ist Prog im feinsten Gewand mit langen instrumentalen Abschnitten, die Musik ist vollkommen unvorhersehbar, sperrig, jazzig, überraschend, ekstatisch, belebend, ja sogar tanzbar.

Rund um ‚N.O.X.‘ herum warten acht weitere Songs auf ihre Entdeckung, kürzer, handlicher, aber nicht weniger spannend, auch wenn sie nicht durchgängig das hohe Niveau des überragenden Longtracks halten können. „The All Is One“ ist ein spannendes Album für alle, die für experimentelle Musik aufgeschlossen sind, sich auf lange Tracks einlassen können (und welcher Progger kann das bitteschön nicht?) und für alle, die psychedelischen Stoner-Jazz der außergewöhnlichen Art abfeiern wollen.

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Noisolution (Vertrieb)

Terraformer


Auch wenn dem Genre gerne eine Stagnation vorgeworfen wird, gibt es im Progressive Rock immer noch viele spannende Ecken auszuloten. Thank You Scientist aus New Jersey haben auf ihren bisherigen beiden Alben launig und spannend Jazz, Prog, Funk, Pop und Rock verschwurbelt, so dass man sehr gespannt sein durfte auf das dritte Werk, welches jetzt unter dem Titel „Terraformer“ gleich als 84-minütiges Doppelalbum in den Regalen der Händler steht.

Auch auf „Terraformer“ basteln die sieben Amerikaner wieder poppige Vocals, teils richtig swinglastige Bläserparts, groovende Rhythmen und knackige Gitarrenriffs zusammen, das alles durchsetzt mit schrägem Humor. Das Ergebnis: Eine interessante Mischung, die tatsächlich eine gewisse Alleinstellung der Band in das Genre bringt, einen eigenen, wiedererkennbaren Sound. Das geht schon mit einem kurzen instrumentalen Appetitanreger namens ‚Wrinkle‘ los, und die folgende Nummer ‚FXMLDR‘ ist dann gleich mal eine 8-minütige Zusammenfassung von all dem, was Thank You Scientist oder auch kurz TYS ausmacht. Ob sich Gründungsmitglied Tom Monda an der Gitarre mit dem Violonisten Ben Karras musikalisch duellieren oder Sam Greenfield ein packendes Solo am Saxophon abliefert, das alles weckt Assoziationen an aktuelle Prog-Spezialisten wie Knifeworld oder die aktuellen Aufnahmen von Gong. Später wird es dann funkig, und immer wieder überzeugen insbesonders neben den Bläserparts auch die vielen wunderbaren Gitarrensoli.

Abwechslung wurde im Prog ja schon immer groß geschrieben, so auch hier. Bei ‚Birdwatching‘ gibt es darum zwischendurch coole elektrische Rhythmen, und mit ‚Everyday Ghosts‘ folgt ein weiteres Highlight direkt im Anschluß, das immer wieder geschickt alle Brücken zwischen Jazz, Fusion, Artrock und sogar Metal überwindet. Experimentell wird es auch immer wieder gerne einmal, unterm Strich überwiegen aber die schönen Melodien und klassischen Harmonien über technischem Gefrickel.

Der Titelsong ganz am Ende legt in Punkto Härte noch einmal etwas zu und groovt sich schwerlastig durch seine gut acht Minuten Laufzeit. „Terraformer“ ist natürlich hervorragend produziert und abgemischt, gerade bei der Vielzahl der oft gleichzeitig zu hörenden Instrumente eine wichtige Anforderung an ein solch komplexes Album. Die Scheibe erscheint beim Label „Evil Ink“, einem Projekt des Coheed And Cambria Frontmannes Claudio Sanchez. Herausgekommen ist eine der besten Progressive-Rock-Scheiben dieses Sommers. Dafür sagen wir: Thank You, Thank You Scientist!

Radio Days Vol. 1 – 4

„Radio Days“ ist ein vierteiliges Archiv-Projekt, das jeweils auf Doppel-CDs diverse Aufnahmen versammelt, die Manfred Mann in der Frühphase seiner Karriere für die BBC gemacht hat – plus ein paar weitere Ausgrabungen. Nun ist ja die BBC bekannt dafür, große Teile ihres Musik- und TV-Archivs in den 1960ern gelöscht zu haben, und Manfred Manns Workhouse-Studiokomplex brannte bekanntlich in den 1980ern ab und zerstörte sein bis dahin akribisch gesammeltes musikalisches Gesamtwerk. So ist die schiere Existenz der hier vorliegenden Aufnahmen ein wahres Wunder, das Fans des Südafrikaners mit Sicherheit begeistern wird.

Die erste Doppel-CD behandelt „The Paul Jones Era“. Wer den Art- und Progressive-Rock der Earth Band im Ohr hat, wird sich einigermaßen wundern, dass Manfred Manns Karriere eigentlich als Teil des British Blues Boom der 1960er mit ziemlich knackigem Rhythm’n’Blues begonnen hat. Ein gewisser Bruce Springsteen war beispielsweise ein großer Fan von vor allem Sänger/Harmonika-Spieler Paul Jones und coverte in seiner Frühphase oft und gerne das durch Manfred Mann bekannte ‚Pretty Flamingo‘. Mann bedankte sich später dadurch, dass er mit der Earth Band mehrere frühe Springsteen-Songs coverte und höher in den Charts platzierte als der Boss die Originalfassungen. Schon in der ersten Phase seiner Karriere nahm Mann viele Coversongs auf – er selbst sah sich nicht als Songschreiber, sondern als Musiker und Arrangeur. So finden sich auch einige im Vergleich zu späteren Aufnahmen relativ nah an den Originalen bleibende Mann-fizierte Stücke wie ‚I Put A Spell On You‘, ‚Still I’m Sad‘, ‚Oh No Not My Baby‘ oder Herbie Hancocks Jazz-Standard ‚Watermelon Man‘. Letzteres zeigt auch die Jazz-Affinität der Band, die sie schon früh von den Yardbirds oder Paul Butterfield unterschied. Die beiden größten Hits der ersten Ära, ‚Do Wah Diddy‘ und ‚5-4-3-2-1‘ fehlen zwar auf den BBC-Sessions – dafür gibt es ein paar (kurze) Interviews, und eine Handvoll Songs sind mehrfach zu hören. Dank der ausgeprägten Improvisationsfreude der Musiker macht es aber jede Menge Spaß, die teils sehr unterschiedlichen Takes zu vergleichen. Da sämtliche Songs von Transcription Discs stammen, ist die Soundqualität durchweg exzellent.

Das zweite Set trägt den Untertitel „The Mike D’Abo Era“ und sammelt die Aufnahmen der zweiten Ära nach Abgang von Paul Jones. Ohne den R’n’B-Fan Jones verwandelte sich die Band im Sog der Swingin‘ Sixties in eine reine Pop-Band, wenn auch mit recht experimentierfreudigen Arangements. – wie das aber damals so üblich war. Für ein schmieriges ‚Hoochie Coochie Man‘ war immer noch Zeit, aber hauptsächlich dominieren hier die Radiohits wie ‚My Name Is Jack‘, ‚Fox On The Run‘, ‚Semi-Detached Suburban Mr James‘, Ha Ha Said The Clown‘ oder natürlich ‚Mighty Quinn‘ – eins von vielen Dylan-Stücken, die Mann zum Hit machte. Speziell auf CD 2 beginnt man aber deutlich zu hören, dass die Band sich immer mehr zum Jazz und zum Progressiven hingezogen fühlte, so gibt es beispielsweise Elvis Presleys ‚Fever‘ in einer schleppenden Version, die klingt, als hätten die Moody Blues mit den frühen King Crimson eine Jamsession abgehalten. Auch hier ist die Qualität durchweg exzellent, nur die letzten vier Songs von Disc 2 können nicht mithalten und haben eher durchschnittliches Bootleg-Niveau – besonders schade, weil gerade da die Transition zur Fusion-Jazzrock-Band besonders deutlich wird.

Die Soundqualität von Set Drei ist leider über weite Strecken nur für harte Fans geeignet. Das ist besonders schade, da die darauf enthaltene, unter dem Namen Manfred Mann Chapter Three formierende Besetzung so etwas wie das „Dark Horse“ unter Manns Projekten darstellte. Von der ersten Besetzung war nur noch Drummer Mike Hugg übrig, und Chapter Three war eine pure progressive Jazzrock-Band. Zwar gab es in Songs wie ‚Sometimes‘ immer noch eine Menge Anleihen an den damals aktuellen Psychedelic Pop und den frühen Progressive Rock, aber das Feeling war ganz klar Jazz, durch die dominanten Bläserarrangements nochmals verstärkt. Die ersten paar Songs, für die BBC aufgenommen und die Studio-Outtakes klingen dabei exzellent, für das scheppernde „Bluesy Susie‘, eine fürs australische Radio aufgenommene Jam mit Interviewfetzen, braucht man hingegen schon gute Ohren, um die musikalischen Details wahrzunehmen. Schade besonders, weil viel des Materials von Chapter Three an Colosseum und Frank Zappas „Hot Rats“-/The Grand Wazoo“-Ära erinnert – wenn freilich auch weniger komplex als Letzterer. Auch der Soundtrack zu Jess Francos Softporno „Venus In Furs“, der den Großteil von CD 2 einnimmt, enthält lediglich die Film-Soundspur, aus der die Dialoge herausgeschnitten wurden und ist soundtechnisch nur für harte Fans zu empfehlen. Ein paar Werbejingles für Michelin und Maxwell-Kaffee sowie Outtakes vom nie erschienen dritten Album der Band sorgen aber dank ihrer guten Qualität wieder für Versöhnung.

Nachdem sich auch noch Mike Hugg musikalisch von ihm trennte, nahm Mann einen Schnitt vor. Mit der Gründung von Manfred Mann’s Earth Band schwor er (zunächst) sämtlichen Kompromissen ab und konzipierte das Projekt von vornherein als Live-Einheit. Mit Mick Rogers (gtr), Colin Pattenden (bs) und Drummer Chris Slade (später bei Uriah Heep und AC/DC) hatte er sich drei ebenso improvisationsfreudige Kollegen an Bord geholt, und wie großartig die Formation live klang, ist auch auf der ersten CD nachzuhören. Drei Livesongs von 1971 und vor allem die fünf Stücke von 1973, aufgenommen kurz vor Veröffentlichung des Klasikers „Solar Fire“, sollten jedem Earth Band-Fan die Freudentränen in die Augen treiben, vor allem, weil die Qualität in der Tat noch besser ist als die der bekannten Bootleg-Versionen. Die Achtzehn-Minuten-Version von ‚Father Of Day, Father Of Night‘, mit Auszügen aus ‚Captain Bobby Stout‘ und ‚Glorified Magnified‘ verziert, und das krachende Titelstück von „Messin'“, (ehedem einer der unterschätztesten Songs der Band) zeigen die Band kraftvoll, schweinetight und improvisationsfreudig. Da macht es auch wenig, das die zweite Disc nach den guten ersten drei Songs eine relativ schwache Soundqualität hat – die 77 Minuten der ersten CD machen die Ausgabe schon zum Pflichtkauf für alle Interessierten.

Unterm Strich also eine für alle Mann-Fans lohnende Zusammenstellung, die einen beinahe lückenlosen Überblick über die musikalische Entwicklung eines der kreativsten Musiker des letzten Jahrtausends bietet, auch wenn die (vermutlich von Kassetten stammenden) Off-Air-Mitschnitte natürlich soundtechnisch abfallen. Da die Originalmasters unwiederbringlich verloren sind, wird es mit Sicherheit auch nicht in ein paar Jahren ein „Upgrade“ geben – somit bietet „Radio Days“ in allen vier Ausgaben Rares, das Mann-Fans viele Stunden Freude bereiten wird.

Wired For Madness

„Widerstand ist Zwecklos!“ war der Leitspruch der alles assimilierenden Spezies „Borg“ aus dem Star Trek Universum. Irgendwie erinnert das Cover des neuen Solo-Albums „Wired For Madness“ des Dream Theater Tastenvirtuosos Jordan Rudess an das Outfit dieser Borg. Assimiliert der 62-jährige Amerikaner jetzt alles und jeden im Namen des Prog-Metals? Wir waren mutig und haben es gewagt, Jordan Rudess dahin zu folgen, wo noch kein Keyboarder zuvor gewesen ist.

Teilweise stimmt dieser Spruch sogar, denn neben den fast zu erwartenden musikalischen Gästen wie James LaBrie und DT-Gitarrist John Petrucci oder Prog-Kollegen wie Drummer Marco Minnemann (The Aristocrats, The Sea Within) ist beispielweise auch Blues-Spezialist Joe Bonamassa mit an Bord.

Rudess ist ein musikalischer Allrounder, der nicht nur bei Dream Theater spielt, sondern in den letzten 20 Jahren auch einige Solo-Projekte am Start hatte. Entsprechend ist streift das neue Album erwartungsgemäß eine Vielzahl musikalischer Genres: Progressive Rock und Metal treffen auf Blues, Jazz und beinahe avantgardistische Parts. Große Teile des Albums sind rein instrumental gehalten, so gibt es beim zweiteiligen, epischen Titeltrack nur ein wenig Vocals zwischendurch. Dieser Opener bildet mit insgesamt über 30 Minuten Länge das zentrale Herzstück des Albums und schwimmt mutig von Genre zu Genre. Jazzige Parts treffen auf knarzige Gitarrenriffs, fast schon Big-Band-artige Parts, epische symphonische Melodien und natürlich immer wieder auf die typischen verspielten Rudess’schen Keyboard-Attacken. Man hört, dass der Musiker hier keinerlei Kompromisse, wie sonst in einer Band üblich, eingehen musste, sondern eben völlig entfesselt loslegt.

Manchmal wirkt dieser unglaubliche Stilmix schon fast etwas zu viel des Guten, da folgen so viele sich abwechselnde Genres in kürzester Zeit aufeinander, dass man fast den Überblick verliert. Aber eben auch nur fast. Es gehört eine Menge musikalischer Offenheit dazu, um „Wired For Madness“ wirklich komplett genießen zu können. Aber wer auf verquere Prog-Jazz-Fusion-Big-Band-Blues-Metal-Pop-Eskapaden abfährt oder einfach nur einem Tastenvirtuosen lauschen mag, kommt bei den beiden Titeltracks Part 1 und 2 voll und ganz auf seine Kosten.

Die sechs weiteren, wesentlich kürzen Songs des Albums sind da griffiger, weitaus kompakter, aber ebenso von hoher Qualität. Sperrig wird es dennoch oft genug, abwechslungsreich ist das sowieso, und die Qualität der Performance ist über jeden Zweifel erhaben. Rudess wirkt komplett entfesselt. Wird er bei Dream Theater durch das Gesamtkonzept der Songs noch immer wieder gezügelt, kennt er hier keine Gnade mehr. Widerstand ist in der Tat vollkommen zwecklos.

Proxy

Es liegt perverserweise in der Natur der meisten Progfans, jegliche musikalische Veränderung oder gar Fortschritt erst einmal abzulehnen. Unter Anderem traf dieses Paradoxon auch The Tangent, die mit ihrem letzten Album „The Slow Rust Of Forgotten Machinery“ auf höchst geteilte Meinungen stießen. Wo einige wenige sich an der ungewohnt düsteren, bisweilen relativ aggressiven Stimmung des Albums, das sich mit den Folgen des Themas Brexit für Zwischenmenschliches beschäftigte, und den Experimenten mit Hip Hop (!), Punk und Spoken-Word-Performances erfreuten, war der Tenor der Stimmen doch eher negativ.

Mit „Proxy“ rudert unser aller Lieblingsquerdenker Andy Tillison nun zumindest auf den ersten Eindruck ein Stück zurück. Der eröffnende Titelsong gibt sich mit seiner klaren und hart formulierten Antikriegsmessage zwar textlich genauso unbequem wie der Vorgänger, bietet aber musikalisch perfektes Futter für all die, die The Tangent nach den ersten paar Alben eventuell aus den Augen verloren haben. Purer Jazzrock gemischt mit kauzigem Retro-Prog, quasi Soft Machine meets Steely Dan und The Flower Kings. Auch das nachfolgende ‚The Melting Andalusian Skies‘ zeigt sich sehr jazz-affin – in der Tat, beide Songs sind aufgrund der entspannten Performance definitiv näher am traditionellen Jazz als am Progressive Rock. Das gelingt dank der exzellenten Musiker (neben Andy himself u.a. Theo Travis, Jonas Reingold und Luke Machin) ganz hervorragend, lässt aber den widerborstigen Stachel der letzten paar The Tangent-Scheiben ein wenig vermissen. Apropos Steely Dan: Wenn Donald Fagen jemals einen neuen Partner suchen sollte, mit dem funkigen ‚A Case Of Misplaced Optimism‘ empfiehlt sich Andy Tillison schon einmal als einzig denkbarer Kandidat für den Job. Einen besseren Steely-Dan-Song haben wir seit (mindestens) 1977 nicht mehr gehört. Groovt, jazzt und proggt – nice!

Den experimentierfreudigen Andy gibt’s aber auch noch – im Albumhighlight ‚The Adulthood Lie‘. Da treffen nämlich die typischen The Tangent-Klänge auf tanzbare Elektronik, heruntergestimmte und bisweilen dissonante Bratgitarren, Double-Bass-Drums und dazu die für „Proxy“ dominierenden relaxten Jazz-Klänge, diesmal mit starkem Big-Band-Schlag – und ein klassisches Seventies-Prog-Finale in bester Yes-Manier gibt’s noch obendrauf, wenn auch hier in der Mitte des Songs – aber wer will es Andy verbieten, das Finale schon in der Mitte des Songs zu bringen? Viel Glück dabei! Dazu kommt eine höchst eingängige Gesangslinie, die sich beim ersten Durchgang bereits festhakt. Der Rausschmeißer ‚Supper’s Off‘, in einer Frühversion bereits auf dem Fanclub-Album ‚L’Étagère Du Travail‘ enthalten, ist eine rockige Uptempo-Nummer, die vordergründig ein wenig an Songs wie ‚GPS Culture‘ oder ‚A Spark In The Aether‘ erinnert, die aber in melodischer Hinsicht im Direktvergleich diesmal leider eher unspektakulär daherkommt.

Also, gute Nachrichten für all die, denen die letzten Alben von The Tangent zu verspielt und experimentell ausgefallen waren – Andy Tillison konzentriert sich mit „Proxy“ wieder auf den Jazzrock- und Canterbury-lastigen Sound der frühen Alben. Obwohl das natürlich auf nach wie vor enorm hohem Niveau passiert, muss man allerdings ein wenig bekritteln, das gerade dieses Unberechenbare, dieser Überraschungsfaktor den letzten Alben einen besonderen Kick verliehen hat, der diesmal nur auf ‚The Adulthood Lie‘ so wirklich zu verspüren ist. Aber auch ein „gewöhnliches“ Tangent-Album raucht eben immer noch 90 Prozent der Genrekollegen in der Pfeife…