Schlagwort: Jazzrock

Electric Gypsy Live & More

Da hatte ich vor einigen Monaten noch angesichts des ruhigen letzten Album „Opus“ für Verständnis plädiert, dass Al Di Meola auf seine alten Tage eher ruhige und entspannte Ausdrucksformen bevorzugt. Schon kommt der Amerikaner mit einem Livealbum um die Ecke, das es so richtig kräftig rauchen lässt und so gar nicht nach Altersmilde klingt.

Der Titel „Elegant Gypsy & More Live“ täuscht dabei ein wenig. Denn es handelt sich hier keinesfalls um eine Komplettaufführung des 77er Jazzrock-Meilensteins, wie man dem Titel nach vermuten könnte. Aus „Elegant Gypsy“gibt es tatsächlich nur drei Songs, der Rest des Sets stammt aus allen möglichen Phasen der Karriere. Von „Kiss My Axe“ gibt’s beispielsweise den Opener ‚One Night Last June‘, von „Casino“ sind ‚Senor Mouse‘ und der Klassiker ‚Egyptian Danza‘ am Start und mit ‚Chiquilin De Bachin‘ ist auch ein – meines Wissens nach – unveröffentlichter Song vertreten. Einzige Auffälligkeit: keine Akustiksoli – Di Meola reisst hier über 64 Minuten ein pures, kraftvolles Fusion-Feuerwerk ab, immer dominiert von seiner Leidenschaft für lateinamerikanischen Grooves. Natürlich sollte man das Album nicht mit dem Liveklassiker „Tour De Force“ vergleichen – schon alleine aufgrund der komplett veränderten Bandbesetzung nicht. Auch wenn diesmal keine großen Namen wie Jan Hammer oder Steve Gadd neben Di Meola auf der Bühne standen, die aktuelle Liveband gibt sich zu keiner Sekunde eine Blöße und spielt, genau wie ihr Boss mit einer Rauheit und Energie, deren Wurzel ganz klar im knurrigen Rock zu verorten ist. Das macht sich auch beim Sound bemerkbar: alles klingt kantig, ungeschminkt, ja, bisweilen regelrecht dreckig, wie man es im Jazzrock nur selten hört. Da passt’s auch perfekt ins Bild, dass das geschmeidige ‚Midnight Tango‘ von einem kurzen Zitat aus Led Zeppelins ‚Black Dog‘ eingeleitet wird. Zum Abschluss gibt’s dann Di Meolas Meisterwerk ‚Racing With Devil On A Spanish Highway‘ – der Prototyp aller Progmetal-Instrumentals und einfach immer wieder ein richtiger Maulsperrenverpasser, auch wenn hier leider die getragene Coda des Songs gestrichen wurde.

Al Di Meola hat ja schon immer die Intellektualität des Jazz bemängelt, und wenn man den 64jährigen auf „Elegant Gypsy & More Live“ so hört, darf er das auch definitiv, denn hier gibt’s neben der unumgänglichen musikalischen Exzellenz eben auch jede Menge Seele, Feuer und Schmackes. Wer schon immer mal wissen wollte, warum Di Meola genreübergreifend als Gott gefeiert wird, findet hier einen perfekten Einstieg.

Annica

Lieber Freund der progressiven Instrumentalmusik, hast Du mittlerweile auch die Schnauze voll von ziellosem Post-Rock-Gewaber? Wie wär’s dann mal wieder mit ner schön melodischen, Fusion-beeinflussten Gitarrenscheibe garantiert ohne Trendanbiederung? Bitteschön, hier ist das neue Album von Travis Larson und Band.

Travis Larson und seine beiden Mitstreiter Jennifer Young (Bass) und Dale Moon (Drums) präsentieren mit „Annica“ bereits ihr siebtes (!) gemeinsames Album, und mir ist schleierhaft, warum die Band nicht bekannter ist. Der musikalische Mix aus den Eckbausteinen Jeff Beck, Dixie Dregs und Rush, gepaart mit dem sahnigen Leadsound des Mainman, irgendwo zwischen Joe Satriani, Steve Morse und dem Mitsiebziger-Ära-Megasustain von Robert Fripp sollte eigentlich allen Gitarrenfachblattabonnenten eine Abspritzgarantie geben. Travis Larson hält sich mit Highspeed-Gefrickel erfreulicherweise so gut wie gar nicht auf, stattdessen dominieren gefühlvolle Leads, Rush-mäßige Breitwand-Arpeggios und eingängige zweistimmige Melodielinien. Auch seine Mitstreiter können restlos begeistern. Gerade Jennifer Young setzt einige der gänsehautigsten Momente der Scheibe, wenn sie mit Stanley Clarke-mäßigen Melodielinien in den Vordergrund rücken darf, und Dale Moon hat ganz offensichtlich seinen Neil Peart auch gut studiert – verspielt und komplex, aber immer im Dienste des Songs. Und die machen auch richtig Spaß. Sei es das Satriani-mäßige Titelstück, ‚Snake Eyes‘ und ‚Distance Between‘ mit ihren Rush-Einflüssen (ca. „Presto“-Ära) oder das dezent Dixie Dregs-mäßige, schön vorwärts treibende ‚Autopilot‘ mit seinen genialen Flageolet-Spielereien, alles bleibt eingängig und melodisch, ohne in selbstgefällige Fahrstuhlmucke zu entgleisen. Dafür sind die drei nämlich zu sehr im Rock verwurzelt. Ja, immer wenn’s zu jazzig zu werden droht, gibt’s mal wieder ein knackiges Powerriff, und gut is‘.

Die vielen Vergleiche, die in dieser Rezi auftauchen, sollen übrigens keinesfalls Unoriginalität unterstellen, sondern lediglich für all die, die (wie ich!) bislang noch keinen Kontakt mit der Travis Larson Band hatten, grobe Anhaltspunkte liefern. Denn, und das muß man einfach klar sagen, die Travis Larson Band hat definitiv ihren eigenen Stil, und für alle Freunde rockiger Fusionmucke oder auch einfach nur instrumentalen Progrocks gibt es hiermit einen heißen Anspieltip!