Michael

Michael kam über die Konzertfotografie zu Whiskey-Soda und verbindet das Bildermachen gerne mit Konzertberichten und CD-Rezensionen. Als Chefredakteur für den Bereich Bluesrock mag er aber auch viele aus dem Blues entsprungene Genres wie diverse Metal-Spielarten. Daneben landen gerne Progressive- und Classic Rock und Americana auf seinem Drehteller, bevorzugt auf klassischem Vinyl. Wenn dann noch Zeit bleibt, findet ihr Michael bevorzugt im (Heim)Kino oder natürlich irgendwo da draußen zum Fotografieren.

Burn To Boogie

Es gibt vieles, das man mit einer Zeitmaschine anstellen könnte, und es muss gar nicht immer der Versuch sein, die Zukunft oder Vergangenheit zu verändern. So etwas geht meist nach hinten los. Besser, einfach nur zurück in die 70er zu reisen, um Musik zu hören. Retro, glitzernde Discokugeln, Kool & The Gang, Funkadelic, die Bee…

700 Seiten hellseatischer Blues – Michaels Jahr 2021

Das Jahr ist fast vorüber, und natürlich flattert da der obligatorische musikalische Jahresrückblick auf den Tisch. Wie soll man auf ein Jahr zurückschauen, das wieder überwiegend gekennzeichnet war vom Ausfall der Livekonzerte, von Verschiebungen und der Angst vor der Zukunft der gesamten Branche? Als jemand, der Konzerte liebt und ebendiese Konzerte noch viel lieber fotografisch…

Grunge Locomotive

Regen in der Wüste? Oder doch eine stampfende, tonnenschwere Dampflokomotive? Der Opener heißt Desert Rain, die Band Desertrain, das Album „Grunge Locomotive“ (Grimond). Das klassisch besetzte Quartett aus Wroclaw in Polen hat sein Debütalbum in der Heimat bereits im Jahre 2020 veröffentlicht und ist in der dortigen Grunge- und Stoner-Szene nicht mehr ganz unbekannt. Nach dem üblichen Virus-Break nimmt die Band jetzt neu Anlauf, und „Grunge Locomotive“ erscheint jetzt auch bei uns.

Das Debüt von Damian Kikola (Gesang), Piotr Piter Bielawski (Gitarre), Szymon Sajmoon Makowiecki (Bass) und Lukasz Roman Romanowski (Drums) ist durchaus mit der auf dem Cover abgebildeten schweren Lok vergleichbar: Stampfend, rüttelnd, voranpreschend. Desert Rock und Stoner treffen Grunge, und wer auf Soundgarden oder Alice In Chains steht, wird hier schon mal nicht schlecht bedient. Das ist nicht wirklich neu – okay, aus Polen hat man diesen Sound bisher nur selten gehört, zugegeben – aber macht durch die Bank weg Spaß. Frontman Kikola überzeugt mit einer rauen, passenden Stimme, und insbesondere die Gitarre setzt immer wieder schöne Akzente mit viel Kraft und Spielfreude. Dabei ist festzustellen, dass die erste Hälfte des Albums alle potentiellen Hits enthält und gegen Ende die Luft ein wenig ausgeht. Der Opener ‚Desert Rain‘ (diesmal wirklich der Regen!) groovt sich schnell ins Ohr, und das folgende ‚White Moon‘ sorgt für orgentlich Stimmung mit leicht psychedelischen Tendenzen.

Im letzten Drittel schwächelt die Platte etwas, und der über neun Minuten lange Track ‚No Name Moment‘ besticht zwar mit wuchtigten Bässen und waschechter Stoner Attitüde, weiß aber nicht so recht, wohin er eigentlich will. Nicht falsch verstehen: alle Tracks machen Laune, grooven und trotzen nur so von purer Spielfreude. Aber wenn das Album sein Ende erreicht hat, bleiben manche Stücke eben nicht unbedingt im Gedächtnis. Aber dennoch: die vier Polen haben ein spannendes Debüt erschaffen, und gerade die erste Handvoll Songs zeigt, dass hier viel Potential steckt. Die Grunge Lokomotive mit ihrem ganzen Zug ist noch lange nicht abgefahren, sondern setzt sich jetzt erst richtig in Bewegung. Wir sind gespannt auf mehr!

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VI

Als wäre die Info über die Veröffentlichung eines neuen Albums der norwegischen Kult-Combo Spidergawd nicht schon eine gute Nachricht, legen wir noch einen drauf. Nein, eigentlich sogar zwei. „VI“ (Crispin Glover Records) ist das erste Album mit doppelter Gitarrenbesetzung. Brynjar Takle Ohr hatte die Norweger schon live unterstützt und ist jetzt fest mit im Sattel. Außerdem ist Rolf Martin Snustad an sein Saxophon zurückgekehrt, nachdem er die Band kurzfristig verlassen hatte. Also: Volldampf voraus für das 2013 ursprünglich als Motorpsycho-Nebenprojekt gegründete Ensemble.

Nach dem Vorgänger „V“ kommt natürlich „VI“. Das Prinzip der Namensgebung ist bei Spidergawd so simpel wie hinlänglich bekannt. Bekannt ist natürlich auch der Sound. 70er Stoner-Prog, Psychedelic, immer rotzig und laut, massiv, und dieses Mal darf es immer noch ein Gitarrenschäufelchen mehr sein. Die Vocals von Per Borten sind gewohnt kraftvoll, es darf auch mal geschrien werden, was vielleicht auch nötig ist, um gegen die dicken Wände der beiden Gitarren anzukommen. Am Schlagzeug treibt Kenneth Kapstad weiterhin sein Unwesen., und rein musikalisch kann man den Norwegern auch dieses Mal eine durch die Bank weg hohe Qualität attestieren. Allerdings driften viele der acht Songs auf „VI“ ganz gehörig ab in die Classic-Rock Ecke. Sie sind eingängig, treibend, groovig, schnell, aber es fehlt doch das berühmte und eigentlich erwartete Quantum Sperrigkeit, das Überraschende, eben das, was Spidergawd bisher in erster Linie ausgemacht hat.

Eingangs erwähntes Saxophon hält sich auf „VI“ überraschend zurück. Leider. Es spielt zwar oft mit, geht aber fast immer im Mix unter und kann mehr erahnt als erhört werden. Erst am Ende des Albums kommt es zu kleinen Solo-Ehren. Das ist sehr schade und der Schwachpunkt eines ansonsten gelugenen Albums, denn gerade dieses Instrument hat Spidergawd immer einen ganz besonderen Sound verliehen. Ob man „VI“ also richtig mag oder nicht, hängt wieder einmal vom persönlichen Geschmack hab. Wer modernen klassischen Rock mit ein paar Stoner- und Psychedelic-Einflüssen mag, wir auch hier wieder gut bedient. Wer es lieber etwas experimentell haben möchte, sollte vorher auf jeden Fall in Release Nummer sechs reinhören. Es ist ein gutes, handweklich sauber gemachtes Album geworden, aber der letzte Funke totaler Begeisterung mag leider nicht überspringen.

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The Truth

Rock’n’Roll und Religion. Eine Geschichte voller Missverständnisse. Hier wird gepredigt, was das Zeug hält. Themen wie Klimawandel, Zukunftsängste und Digitalisierung stehen auf dem Programm dieser Kirche. Kurz gesagt: die Wahrheit also.

„The Truth“ (Niffa Records) ist das dritte Studioalbum des Leipziger Quartetts Church Of Mental Enlightment. Geistige Erleuchtung predigen die Musiker, und finden werden diese vor allen Dingen Fans von Classic Rock, Punkrock und Blues sowie deren Schnittmenge. Und sie werden begeistert in diese Kirche strömen, denn was in den Berliner Big Snuff Studios des Kadavar Live-Mixers Richard Behrens entstanden ist, kann sich absolut hören lassen. Man geht gleich in die Vollen. Schon der Opener ‚Mark My Words‘ hat genug Groove und musikalische Finesse für ein ganzes Album, packt den Hörer textlich gleich an der Kehle und lässt ihn nicht wieder los. Das gilt für alle zehn Titel auf „The Truth“ gleichermaßen. Schwere, bluesige Hardrock-Riffs, verspielte Gitarren in treibenden Rhythmen. Diese Kirche predigt den wahren Rock’n’Roll. Die klassische Rockbesetzung wird immer wieder ergänzt, so gibt es zum Beispiel auf ‚Forces Of The Underground‘ wunderbar rotzige Bluesharp-Einlagen, und im Titel ‚Slaves To The Screen‘ setzt die ölende Hammondorgel spannende Akzente. MIt ‚Aufstieg‘ und ‚Abstieg‘ finden sich zwei kleine Zwischenspiele auf der Akustikgitarre zwischen den ansonsten schwergewichtigen Songgiganten, auflockernd, entspannend. Diese wunderbare Mischung gibt dem Album eine ganz eigene Note und setzt es wohlig von der Einheitskost stilistisch ähnlicher Bands ab. Wenn die Church Of Mental Enlightment auf ‚No Time To Muse‘ so richtig aufdreht, fühlt man sich an die legendären Vorbilder Led Zeppelin erinnert. Das ist die Wahrheit.

Mit „The Truth“ haben die Leipziger mal eben leicht und locker eines der besten Rockalben des Jahres aus dem Ärmel geschüttelt. Mehr geht eigentlich nicht. Nach diesem Klassiker darf man die Jungs gerne im Auge behalten. ‚Money Is Their Religion‘ heißt es anklagend. Mag sein. Unserer Religion ist ganz klar die Church Of Mental Enlightment.

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God Of Spinoza

Große Gefühle, Schweiß, Ekstase, ein Höhepunkt nach dem anderen. Wir reden hier nicht vom Sex, sondern vom neuen Daily Thompson Album „God Of Spinoza“ (Noisolution). Wenn man aber bei dem Vergleich bleiben möchte: das Cover des fünften Studioalbums der Dortmunder Band trügt. Es geht hier nicht um Blümchensex.

Der jüdisch-niederländische Philosoph Baruch de Spinoza ist Namensgeber des Albums, dessen Titel sich auf das Albert Einstein-Zitat bezieht, er glaube nur an „Spinozas Gott“. Das Dortmunder Trio beschäftigt sich aber nicht nur mit Religion und Philosophie, sondern in erster Linie mit dem Musikmachen. Herausgekommen ist eine musikalische Zeitreise zurück in die 90er Jahre. Sonic Youth trifft auf die Pixies, Grunge und Alternative begegnen immer noch vorhandenen Elementen des psychedelischen Stoner-Rocks. All das und noch viel mehr ist „God Of Spinoza“ geworden. Ein ungewöhnlicher Titel für einen ungewöhnlichen Song für ein ungewöhnliches Album.

Das Album ist ohne jeden Zweifel das bisher reifste Werk der dreiköpfigen, nach dem britischen Zehnkämpfer Daily Thompson benannten Formation. In der Besetzung Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug legen Danny Zaremba, Mercedes Mephi Lalakakis und Matthias Glass acht Songs vor, die sich stilistisch auffallend von der Musik des Vorgängers abheben. Die fuzzigen Stoner-,  Spacerock- und Psychedelic-Attitüde treten etwas in den Hintergrund, präsenter werden nun Noise, Desertblues, und ganz besonders der 90er Grunge. Der Opener ‚Nimbus‘ verschwindet nicht in selbigem, sondern schlägt gekonnt die Brücke zwischen den eher psychedelischen Tönen des Vorgängers und dem Alternative Rock der neuen Platte. ‚Cantaloupe Melon‘ wirkt fast schon progressiv mit seinen wechselnden Stimmungen von zart und zerbrechlich bis hin zum aggressiven Höhepunkt mit dem wechselseitigen Gesang. Das stylische ‚Golden Desert Child‘ hingegen bezaubert das Stoner-Herz mit groovendem Desert-Blues.

Daily Thompson haben auf „God Of Spinoza“ ihre bisher stärksten Melodien geschrieben. ‚Midnight Soldier‘ hat nicht nur eine tolle Hookline, sondern auch treibende Gitarrenriffs, die zum Nackenschütteln einladen. Und dann sind da ja noch ‚Songs wie ‚Muaratic Acid‘ und ‚I Saw Jesus In A Taco Bell‘, für uns die beiden Highlights der an Höhepunkten nicht armen Platte. Um zum eingangs erwähnten Sex zurückzukommen: Daily Thompson schütteln und die ganze Nacht hindurch. Das sind nicht nur große Gefühle, das ist auch treibende Ekstase. „God Of Spinoza“ ist  musikalische Lust und Soundtrack für innige Begegnungen und vermutlich eines der ganz großen Genre-Sterne dieses Jahres. Blumen für Daily Thompson und ein dickes Dankeschön!

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DAILY THOMPSON – Volle Fahrt voraus zurück in die 90er

Daily Thompson sind schon lange keine Unbekannten mehr in der Szene irgendwo zwischen Stoner-, Desert- und Psychedelic Rock. Auf ihrem neuen Album „God Of Spinoza“ schlagen die Dortmunder auch grungige Töne an, bleiben ihrem Sound dabei aber immer noch treu und machen in der Entwicklung der Band einen weiteren großen Schritt nach vorne. Die Veröffentlichung…

Blood Moon Rising

Mit „Blood Moon Rising“ (InsideOut) meldet sich das kanadische Trio The Tea Party nach langer Pause endlich zurück.

In einer über 30-jährigen Karriere haben The Tea Party neun Alben veröfentlicht. Sänger und Gitarrist Jeff Martin, Bassist und Keyboarder Jeff Burrows und Stuart Chatwood am Schlagzeug sind erfahrene Musiker und haben sich mit ihrer elektrisierenden Mischung aus Rock, Folk, Blues und Prog insbesondere auch live viele Fans erspielt. Seit 2014 und dem letzten Release „The Ocean At The End“ veröffentlichen sie jetzt mit „Blood Moon Rising“ ihren ersten Longplayer seit sieben Jahren. Einige der Songs wurden bereits in der Vergangenheit auf einer EP veröffentlicht, so dass dem wahren Tea Party Fan eine Menge Déjà-vu erwartet. Da hätte man sich natürlich über mehr neue Songs gefreut, vielleicht in Gestalt eines Doppelalbums.

Aber sei’s drum, denn „Blood Moon Rising“ weiß natürlich dennoch zu gefallen. Die Arrangements sind großartig. Blues, Rock, akustische Parts im Titelsong, der durch den Einsatz von Gospelchor und Pedal Steel Guitar einen faszinierenden Knick in Richtung Countrysoul beschreibt. Auch sonst werden gerne mal die Mundharmonika oder lässige Slide-Gitarren bemüht. Gecovert werden darf auch, so gibt es stylische Neuinterpretationen von ‚Out On The Tiles‘ (Led Zeppelin) oder ‚Everyday Is Like Sunday‘, im Original von Morrissey. Außerdem gibt es noch den Joy Division Song ‚Isolation‘, der mit interessanten neuen Arrangements punkten kann und eine Menge Drive mitbringt.

Auf früheren Werken haben The Tea Party oftmals Einflüsse des Industrial oder aus dem Mittleren Osten in ihre Musik eingebaut. Dies vermisst man auf „Blood Moon Rising“ ein wenig, bleibt die Musik doch jetzt klkar in bluesigen Classic Rock Gefilden. Damit wirkt das neue Album ein wenig innovationslos, vielleicht hat man nach den legendären Vorgängern und der langen Wartezeit einfach zuviel Neues erwartet. Dennoch: das Gebotene ist hochklassig eingespielt und macht durchaus viel Spaß, ist aber eben nicht ganz der erwartete große Wurf einer einst legendären Band geworden.

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We Got Time To Waste

Die heutigen Zeiten sind nicht immer einfach. Gut, dass es da noch Musik gibt, die ohne großen Anspruch einfach nur Laune machen will, nach vorne prescht und die dazu einlädt, einfach die Zeit zu verschwenden und abzurocken. „We Got Time To Waste“ (Blues For The Red Sun) heißt dann auch der Erstling der White Trash Blues Band. Die Jungs haben ein bisschen Zeit zum Verplempern übrig und laden uns ein, doch einfach mal das gleiche zu tun.

„White Trash“ und „Blues“ sind zwei Begriffe, die man nicht unbedingt sofort mit dem kühlen Norwegen in Verbindung bringt. Und doch stammen die fünf Musiker der White Trash Blues Band aus Sykkylven, einer kleinen Stadt auf halber Strecke zwischen Oslo und Trondheim. Inzwischen wohnen und proben sie in der norwegischen Hauptstadt, wo auch das Debütalbum des Quintetts entstand. Es gab keinen Masterplan, man wollte einfach nur zusammen Musik machen und Bier trinken. Entsprechend gibt es auch keinen Anspruch auf Innovation. Aber was soll’s, wenn das Ergebnis Spaß macht?

Spaß machen die zwölf knackigen Tracks durchaus. Garagenrock, leicht bluesgetränkter Punk, punkiger Blues, verschwitze Songs mit hohem Spaß- und Mitgröhlfaktor. Der klassische Blues bleibt dabei definitiv eher auf der Strecke, hier gibt es höchstens noch ein paar Wurzeln, der Rest ist Garagenpunk. „We Got Time To Waste“ erfindet dabei nichts neu, wird irgendwann vermutlich auch wieder vergessen sein, aber solange es da ist, sorgt es für gute Laune. Die Songqualität ist durch die Bank weg gut mit ein paar richtigen Highlights wie ‚Mook City‘ oder ‚Mizz Mizzing‘, die durch ihre großartigen Hooklines bestechen und zum bierseeligen Mitsingen einladen. Erst im letzten Viertel verliert die Scheibe leider etwas an Fahrt, um mit ‚Undertow‘ noch einmal aufzudrehen, bevor der Rausschmeißer ‚Kept On Running‘ mit verzerrtem Gesang einen markanten Schlusspunkt setzt.

Wer also etwas Zeit zum Verschwenden übrig hat, verbringt sie in der Garage der White Trash Blues Band. Es gibt schlechtere Methoden, seine Zeit zu verplempern.

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