Schlagwort: Math Rock

Uncanny Valley

„File under: don’t file under“ steht in der Promoinfo zu „Uncanny Valley“ (Noisolution) von Kaskadeur, und wo sollte man einen elektrisierenden Mix aus Stoner, Psychedelic, Prog, Post-, Math- und Heavyrock auch einordnen? Aber Schubladen existieren nicht in diesem Tal, und so haben Kaskadeur freie Fahrt für eine wilde Reise immer am Abgrund entlang.

Ein „Uncanny Valley“ ist im englischen Sprachgebrauch nicht nur ein unheimliches Tal, sondern auch eine Akzeptanzlücke, die beschreibt, dass bei künstlichen Figuren bei steigendem Realismus ein Punkt erreicht wird, an dem diese Figur eben als nicht mehr realistisch angesehen wird und weniger real wirkende Charaktere, wie zum Beispiel ein einfach animierter Roboter, überzeugender wirken können als exakt menschenähnliche Nachbauten, die eher Unbehagen auslösen.

Unbehagen löst dieses „Uncanny Valley“ nicht aus, sondern tatsächlich sehr schnell eine Akzeptanz für diese wilde musikalische Mischung. Kaskadeur kreuzen wild durch die Genres. So wild offenbar, dass eine Neufindung der Band damit verbunden war, denn es handelt sich zwar um das Debüt unter diesem neuen Namen, aber die Jungs waren zuvor bereits als „Stonehenge“ unterwegs. Das Quartett aus Potsdam hat sich mit diversen Alben und unzähligen Live-Gigs einen Namen in der Szene gemacht. Alles auf Anfang, Neustart als Kaskadeur. Mutig ist das, aber wer sich „Uncanny Valley“ anhört, dürfte schnell davon überzeugt werden, dass die Neuausrichtung genau richtig war. Kurvenreiche, immer wieder psychedelisch anmutende Melodien mit knarzenden Gitarren, progressiver Rhythmik und jeder Menge Überraschungen.

‚Flashback Fatkids‘ bleibt rein instrumental, und zwischen den sechs Hauptsongs gibt es immer wieder kleine experimentelle Zwischensegmente mit außergewöhnlichen Titeln wie ‚Snarc ’51‘ oder ‚#Nearest_Neighbor‘. Diese Tracks sollten keineswegs übersprungen werden, denn sie sind die Würze in dieser Suppe und erfreuen nicht nur die Techniker, die sich an diesem kantig-sperrigen Mathrock ergötzen dürften. In den Hauptsong trifft Kunst auf Eingängigkeit, Melodien begegnen in diesem Tal starken Beats und Rhythmen, und über allem schwebt eine absolute Ungewöhnlichkeit, welche das „Uncanny Valley“ zu unserem Geheimtipp für Spezialisten macht.

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The Perfect Ending

Bist du aber groß geworden!

Wie die Brüder Beck wohl auf diese altbackene Begrüßung seitens der Journalistentante reagieren würden? Womöglich würden sie sich einfach unbeeindruckt abwenden und ihrer (musikalischen) Wege ziehen.

Nun ist aber die physische Weiterentwicklung so offenkundig bei einer Band, die im Teenager-Alter ihre Anfänge nimmt, dass die Gefahr groß ist, als Beobachter in eine gewisse Schrulligkeit zu verfallen. Glücklicherweise gibt es bei den Cassels aber anlässlich ihres zweiten Albums „The Perfect Ending“ (Big Scary Monsters) Anderes und viel Interessanteres festzustellen. War das Staunen anno 2015 ob der versierten und reflektierten Debüt-EP schon groß, kann den neusten neun Songs nicht weniger als bewundernde Anerkennung gezollt werden. Ins Jazzige geht nur einer der Wege, die in Weiterentwicklung eines sowieso schon außergewöhnlichen Sounds beschritten werden. Zudem geben sich die Brüder abgeklärter, was sie auch optisch in einer Reihe von vier vorab veröffentlichten, sich aufeinander beziehenden Videos umsetzen. Waren in ihren frühen Videos zu „Let“ oder „When Completing Handshakes“ noch leicht alberne Züge zu verzeichnen, umgibt das Duo jetzt ein fast toughes, in jedem Fall aber künstlerisches Image.

„The Perfect Ending“ gestaltet zwei Merkmale weiter aus, die die Musik der Cassels so charakteristisch machen: plötzliche Energieausbrüche und introvertierte avantgardistische Elemente. Beide werden deutlicher voneinander abgegrenzt, dabei sehr kontrolliert eingesetzt und meisterlich kombiniert. Dazwischen kommt es zu zahlreichen Mikro-Pausen und abrupten Taktwechseln. Jazzige Strukturen entstehen, wenn die Drumsticks dezent, aber dynamisch und präzise auf dem Snare-Rahmen wirbeln und sich mit den lakonischen, in kühler Erzählform vorgetragenen Texten verbinden.

Woher dieses Können der beiden Brüder stammt, ist leicht erklärt. Aufgewachsen in der ländlichen Provinz von Oxfordshire, war das musikalische Experimentieren nach eigenen Aussagen für sie schon früh „eine Ablenkung von der Langeweile, mitten im Nirgendwo zu leben“. Aber die Reife in ihren Songs, woher kommt die? Zumindest ihre Texte lassen auf zwei bemerkenswert eloquente, belesene und intelligente junge Männer schließen. Mitunter will das, was Sänger Jim uns in den Songs mitteilt, mindestens dreimal gehört bzw. gelesen werden, bevor es sich gänzlich erschließt. Und es zwingt wohl auch Muttersprachler, hin und wieder zum Wörterbuch zu greifen (gern auch digital).

Die Cassels präsentieren auf ihrem neuen Album Musik, für die auch die Hörer eine gewisse Reife mitbringen müssen. Dabei ist klar, dass das noch nicht das Ende ist (wenn auch nah dran an perfekt). Angesichts des jungen Alters der Beck-Brüder ist zu erwarten, dass „The Perfect Ending“ lediglich ein weiterer Entwicklungsabschnitt ist auf ihrem Weg nicht unbedingt zum Erwachsenwerden, sondern vielmehr der Ausformung und Festigung ihrer Persönlichkeiten.

Wir begleiten sie mit Freuden und lassen beim nächsten Mal auch die dummen Tanten-Sprüche.

 

casselstheband.com

fleetunion.com

Pantophobie

Für alle, die im Prog das Extreme suchen, hat die französische Band ni (nicht verwandt mit den gleichnamigen Rittern aus dem UK) mit „Pantophobie“ ein mit Sicherheit interessantes Album aufgenommen. Wenn Deine Lieblingsphase von King Crimson die Ära der „ProjeKcts“ ist und Du am liebsten zu Spastic Ink und, an besonderen Tagen, Converge Dein Frühstücksmüsli mümmelst, ist „Pantophobie“ ganz definitiv das Album für Dich.

Größtenteils instrumental, mit Ausnahme gelegentlicher, eher in den Hintergrund gemischter Dillinger Escape Plan-Screams, vertont das Album diverse Phobien – darunter ‚Alektorophobie‘, die Angst vor Hühnern, oder auch die ‚Lachanophobie‘, die Angst vor Gemüse, die für Veganer gar tödlich verlaufen kann. Naja, ganz so schlimm ist es dann doch nicht, ni spielen für Genreverhältnisse relativ „konventionellen“ Mathrock mit Progressive-Rock-Elementen, der zuvorderst exzellent produziert ist und ebendeshalb nie Gefahr läuft, in die pure Noise-Ecke abzurutschen. Dass das Ergebnis für zart besaitete Menschen dennoch nichts ist, sollte klar sein, aber gerade, wer die Double-Duo-Formation von King Crimson schätzt, wird hier viel Begeisterndes finden. ‚Leucoselophobie‘ (die Angst or einem weißen Blatt) hätte exakt so auch auf deren „The Power To Believe“ stehen können, ‚Catagelophobie‘ (Angst vor Verspottung) klingt zu Beginn wie eine von Mike Patton gesprengte Primus-Jam-Session, bevor die zweite Hälfte wieder sehr crimsonoid klingt. Die Sounds von ni sind eindeutig Metal-mäßiger als bei den Erwähnten, die Attitude „punkiger“ und im Vergleich zu King Crimson gibt’s weniger Atonales und weniger Avantgarde-Improvisation. Auch die elektronischen Elemente fallen hier vollkommen flach. Dennoch ist deutlich zu hören, dass die Crimson-Arbeiten von 1994 bis 2004 für das Album ganz klar stilprägend sind. Da Fripp als Nachlassverwalter derzeit kein Interesse zeigt, diesen Stil weiterzuverfolgen (und das ohne Trey Gunn und Adrian Belew wohl auch nicht möglich wäre), ist es durchaus legitim, dass sich andere Bands dieses Vokabulars bedienen.

Einziges Manko der Scheibe ist das völlige Fehlen von Abwechslung, die es trotz einiger durchaus eingängiger Riffs schwer macht, die einzelnen Songs zu unterscheiden und auf Dauer doch zur Eintönigkeit führt. Ist im Genre freilich weit verbreitet, aber die Königsklasse besteht eben daraus, trotz Dissonanzen und krummer Takte im Dauerwechsel verschiedene Stimmungen zu erzeugen. Hier dürften ni also gerne noch ein wenig experimentierfreudiger werden. Für Fans dieser speziellen King-Crimson-Phase und generell für Math-Rock-/-Metal-Enthusiasten ist „Pantophobie“ aber auf jeden Fall ein heißer Tipp. Die Scheibe bekommt Ihr am einfachsten im Webshop der Import-Experten von Just For Kicks.