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That’s The Spirit: Jakobs Jahresrückblick 2015

Das Jahr 2015 war ein glückliches für den Hard- und Metalcore in all seinen Facetten und damit auch für WS-Jakob. Wenngleich auch einige Enttäuschungen dabei waren. Aber was ist auch ein Jahresrückblick ohne Höhen und Tiefen, ohne Glücks- und Trauertränen?

The Mindsweep: Hospitalised

Selten hat eine Posthardcore-Band einen Remix ihres aktuellen Albums so wenig nötig gehabt wie Enter Shikari. Immerhin fehlt es dem Electronicore-Sound ihres vierten Album keineswegs an brummenden Bässen, bepackten Beats und saftigen synthetischen Klängen. Doch zu einem weiteren Leckerbissen sagt man nicht nein. Vor allem wenn er so gut angerichtet ist wie ‚The Mindsweep: Hospitalised‘. Krankenhausreif war das Album allerdings bei weitem nicht. Es lebte, es vibrierte und es wurde geliebt – sowohl von Kritikern als auch den Fans. Das war jedoch kein Grund für die Band, nicht noch einmal an den Songs herumzudoktern. Für diese Operation suchten sie sich die besten Experten: Das Londoner Label Hospital Records gehört seit seiner Gründung 1996 zu den führenden Drum&Bass-Labels weltweit und begeisterte auch schon Enter-Shikari-Frontmann Rou Reynolds lange Zeit.

Jeder Track von ‚The Mindsweep‘ wurde von einigen der angesehensten und innovativsten Drum&Bass-Künstler bearbeitet. Dazu zählen Größen wie Metrik, S.P.Y, Danny Byrd, London Elektricity und Keeno. Pünktlich zur Album-Ankündigung veröffentlichen Enter Shikari mit dem Reso Remix von ‚Anaesthetist‘ den ersten Song mit Video. Kein anderer Song hätte sich hier thematisch auch besser angeboten.

Der Vorgeschmack ließ bereits auf einen guten Ausgang der Operation hoffen. Und tatsächlich lautet die Diagnose, dass alle Songs noch erkennbar sind, aber noch mehr an Wucht gewonnen haben. Kam das Album quasi als gesunder Mensch in den OP-Saal, so verließ er es als kraftstrotzender Cyborg. Ein Cyborg, der alle um sich herum zum Tanz auffordert. Nach mehreren energiegeladenen Minuten bietet Track acht mit dem eher ruhigeren Stück ‚Interlude (The Erised Remix)‘ und einer wunderschönen Frauenstimme eine schöne, wenn auch kurze Verschnaufpause. Dann geht es weiter mit Drum&Bass.

‚The Mindsweep: Hospitalised‘ ist ein Muss für alle Fans der Briten, aber auch eine Möglichkeit für Fans der Drum & Bass Szene, einen Zugang zur Band zu finden, die nicht nur mit guter Musik besticht – sondern vielmehr auch mit ihren soziopolitisch-kritischen Texten.

WE CAME AS ROMANS im Dezember auf Tour

We Came As Romans veröffentlichten ihr aktuelles, selbstbetiteltes Album im Sommer diesen Jahres. Nun präsentieren sie es auch live in Deutschland. Hier sind die Dates: 12.12 – Köln – Live Music Hall 13.12 – Wiesbaden – Schlachthof 15.12 – Hamburg – Docks 16.12 – Berlin – Postbahnhof 17.12 – München – Theaterfabrik 20.12 – Zürich…

Venom

Heavy Metal geht auch mit kurzen Haaren. Von solchen Äußerlichkeiten sollte man sich generell nicht täuschen lassen. So wie sich jedoch die Haarpracht von Matthew Tuck über die Jahre verkürzte, so hat leider auch die Schlagkraft seiner Band abgenommen. Bullet For My Valentine sind mit ihrem fünften Album ‚Venom‘ zwar noch immer hart und – dem heiligen Plektrum sei Dank – auf jeden Fall auch härter als der Vorgänger ‚Temper Temper‘, schossen aber bei weitem schon einmal besser. Tatsächlich hatten die Waliser mit den Singles ‚No Way Out‘, ‚You Want A Battle? (Here’s A War)‘ und ‚Army Of Noise‘, die sie vorab im Frühjahr 2015 veröffentlicht hatten, bereits ihre schärfste Munition verballert, bevor die Platte überhaupt erschien. Bei den restlichen Tracks fehlt dann einfach das ‚Fever‘ ihres dritten Werks, von der bahnbrechenden Wucht ihres Debüts ‚The Poison‘ gar nicht zu reden.

Dabei wäre angesichts des Albumtitels ‚Venom‘, der übersetzt sowohl für Gehässigkeit als auch für Schlangengift stehen kann, ein Anknüpfen an ihr Erstlingswerk ‚The Poison‘ gar nicht weit hergeholt gewesen. Das Artwork ist in der Hinsicht zweifelsfrei gelungen: Geschickt steht das große ‚V‘, um das sich eine Schlange windet, gleichzeitig für den Titel und als lateinische Zahl für ihr fünftes Album. Das war’s dann aber auch schon mit der Kreativität. Von einer Rückkehr zu ihrem Ursprung sind die Waliser meilenweit entfernt. Wie ein aus der Bahn geworfenes Geschoss eiern sie herum und scheinen nicht so recht zu wissen, ob sie nun authentischen Metalcore machen wollen oder radiotaugliche Mainstreammusik mit Heavy-Metal-Anstrich. Auch ihr neuer Bassist, Jamie Mathias, der Jasons ‚Jay‘ James ersetzte, konnte offenbar auch nicht mehr viel reißen. Man nimmt sogar seine Arbeit kaum auf dem Album wahr.

Keine der Versprechen, die die Band gegeben hat, geht so richtig auf.

‚Es ist ganz bestimmt die aggressivste Platte, die wir bislang gemacht haben und die Texte werden bei den Leuten sicherlich einen Nerv treffen‘

, sagt Frontmann Matt Tuck. ‚Venom‘ schlägt jedoch bei weitem nicht ein wie ein Dum-Dum-Geschoss. Und auch von den Trash-Metal-Elementen von ‚Scream Aim Fire‘, die die Band zurückbringen wollte, ist abgesehen von ‚Army Of Noise‘ keine Spur, nicht mal ein Kratzer. Sie haben sich auch nicht ’neu erfunden‘, wie es Tuck behauptet. Die Zeiten, in denen Bullet For My Valentine Heavy Metal salonfähig gemacht haben, sind leider längst vorbei.

‚Venom‘ ist dennoch nicht komplett ‚Worthless‘, wie einer der wenigen guten Songs heißt. Stücke wie ‚No Way Out‘ geben den Fans einen faszinierenden Einblick in die düstere Vergangenheit von Sänger Tuck. Zu den Höhepunkten zählt neben den oben erwähnten Singles auch der Track ‚Skin‘, dessen Refrain tatsächlich einen der seltenen Ohrwürmer hinterlässt. Alles andere verschwimmt jedoch im undurchsichtigen Kugelhagel. Bullet For My Valentine sollten sich beim nächsten Mal einig sein, wohin sie zielen.

To Those Left Behind

Zurückgelassen, im Stich gelassen von Blessthefall dürften sich die Fans nicht fühlen, wenn sie ‚To Those Left Behind‘ lauschen, dem fünften Album des Quintetts aus Arizona. Die Platte ist die konsequente Weiterentwicklung ihres Vorgängers ‚Hollow Bodies‘. Sie hat nichts von der gewohnte Härte eingebüßt und trägt noch immer die Prägung von Sänger Beau Bokan, der den Screams und Shouts von Jared Warth einen cleanen Part mit zum Teil poppig-catchigen Refrains entgegensetzt. Das zeigt schon der bombastische Opener ‚Decayer‘.

Blessthefall bleiben sich treu, auch wenn sie im Studio mit neuen Elementen ein wenig geliebäugelt zu haben scheinen. Der Metalcore/Hardcore-Sound geht wesentlich klarer, beinahe schon ein wenig zu steril abgemischt, in die Ohren, während erstmals die Synthesizer als Unterstützung rausgeholt wurden – deutlich in der Bridge von ‚Against The Waves‘ zu hören, aber auch in den Klängen von ‚Condition // Comatose‘, ‚Decayer‘ und ‚Looking Down From The Edge‘. Im letztgenannten Track schimmern im Hintergrund sogar Tranceelemente durch. Die Anfang von ‚Keep What We Love & Burn The Rest‘ könnte fast schon als RnB-Nummer durchgehen, wenn dann nicht doch noch harte Riffs und knallende Bass Drums das Ganze vor der Pop-Müllhalde retten. Doch es bleibt alles im Rahmen.

Wovon sich Blessthefall leider wieder distanziert haben, sind die Gastbeiträge anderer Sänger bekannter Bands des Genres. Wirkten bei ‚Hollow Bodies‘ noch Vic Fuentes (Pierce The Veil) und Jake Luhrs (August Burns Red) mit, bleibt das Mikro nun nur noch den bandeigenen Sängern vorbehalten. Auch eine Fortsetzung des wundervollen Duetts von Beau Bokan und seiner Ehefrau, der Popmusikerin Valerie Anne Poxleitner (Lights) gibt es auf ‚To Those Left Behind‘ nicht mehr. Sie wurde tatsächlich zuhause gelassen. Schade eigentlich.

Auch wenn Beau Bokan und Jared Warth zwischen cleanem und harten Gesang einen einwandfreien, kontrastreichen Bogen zu spannen wissen, kommt doch das neue Album wesentlicher monotoner an als sein Vorgänger, der gerade durch die vielen Einflüsse spannend war. Tatsächlich bietet die Musik von Blessthefall jedoch weiterhin Halt für alle Fans, die sich mit alltäglichen, vor allem zwischenmenschlichen Problemen konfrontiert sehen, und richtet sich eben auch ‚to those left behind‘. Die Refrains wimmeln nur so von Hooks, an denen man sich beim Mitsingen festklammern kann, und die Themenvielfalt reicht von Lügenkonstrukten (‚Decayer‘), Heuchlerei (‚Walk On Water‘), dem Gefühl, ausgenutzt worden zu sein (‚Up In Flames‘), emotionalen Abgründen (‚Looking Down From The Edge‘) bis zu nagende Gewissensbissen (‚To Those Left Behind‘).

ENTER SHIKARI veröffentlichen Remix von ‚Mindsweep‘

Enter Shikari veröffentlichen am 30.10.2015 ‚The Mindsweep: Hospitalised‘ über Play It Again Sam. Darauf wurde in Zusammenarbeit mit dem Londoner Label Hospital Records jeder Track des im Januar erschienen Studioalbums von einigen der angesehensten und innovativsten Drum & Bass Künstler bearbeitet. Dazu zählen Größen wie Metrik, S.P.Y, Danny Byrd, London Elektricity und Keeno. Sänger Rou…

Reload Festival 2015: Feuer frei!

Zwei Äcker, zwei großartige Headliner, zwei Tage im Sommer und zwei Kanonen als Logo: Am 7. und 8. August feierte das Reload Festival im niedersächsischen Sulingen in der Nähe von Bremen sein zehnjähriges Jubiläum. Im letzten Jahr war es noch ausgefallen, da die ehrenamtlichen Veranstalter nicht genügend Unterstützer und Investoren gefunden hatten. Zwar konnte man dieses Mal an nur zwei anstatt wie gewohnt drei Festivaltagen auch entsprechend weniger Künstler sehen. Die Besucherzahlen zeigten jedoch, wie sehr sich die Fans über das Revival des Rockfestivals gefreut haben müssen.

We Came As Romans

Dass viele Sänger von Hard- und Metalcorebands, die anfänglich nur für ihr Shouts, Growls und Screams zuständig und bekannt waren, auch über die Jahre zu einer Stimmentwicklung fähig sind, haben viele vorgemacht. Anders Fridén von In Flames singt mittlerweile ebenso viel wie er schreit, und das hört sich auch noch gut an. Bei Danny Worsnop (bis vor kurzem Asking Alexandria, nun We Are Harlot), Austin Carlile (Of Mice & Men) und Caleb Shomo (früher Attack Attack!, jetzt Bearthooth) ist das genauso – um nur ein paar zu nennen. Am bemerkenswertesten ist wohl aktuell die Entwicklung von Oliver Sykes, Frontmann von Bring Me The Horizon, die man sehr wahrscheinlich auf dem nächsten Album im September in einer weiteren Phase bestaunen kann.

Es ist also nicht ungewöhnlich, dass Frontsänger solcher Bands über die Jahre ihre raue Seite ablegen. Zum Teil aus musikalisch-ästhetischen Gründen, zum anderen bestimmt aber auch um ihre Stimmbänder zu schonen. So konnte man es auch beim letzten Album von We Came As Romans beobachten, wo David Stephens, bisher zuständig für unclean vocals, zum ersten Mal gemeinsam Kyle Pavone sang, der bislang komplett die clean vocals übernommen hatte. Bis dahin alles in Ordnung. Komisch wird es nur, wenn der Sänger für die unclean voice den Sänger für die clean vocals fast vollständig ersetzt, obwohl dieser noch in der Band und nicht krank ist oder aus anderen Gründen seinen Part nicht leisten könnte. Und genau das ist auf dem vierten, selbstbetitelten Album von We Came As Romans passiert.

Dabei hat sich die Band gerade durch diese Stimmaufteilung bisher herausgehoben: Stephens‘ kraftvolle Shouts kombiniert mit Pavones eindringlicher, hoher, klarer Stimme. Paritätisch und harmonisch hat das bislang wunderbar funktioniert. Nun ist Stephens auf dem aktuellen Album bei den Songs 1, 5 und 8 ganz klar der Leadsänger und beherrscht auch sonst den Gesangsteil, etwa mit einem Verhältnis von 4:1 im Vergleich mit den Anteil von Pavone. Ihr Sound verliert damit deutlich an Schlagkraft, obwohl sich Stephens bei weitem nicht schlecht anstellt. Man hat allerdings auch nicht das Gefühl, dass sich Pavone nun mehr auf genial-ausgeklügelte Melodien auf dem Keyboard, Piano oder den Synthesizern konzentriere, was das Singen für ihn zweitrangig machen würde. Im Gegenteil: Das neue Album ist lange nicht so eingängig wie seine drei Vorgänger. leider hat es seinen Metalcore- / Post-Hardcore-Sound größtenteils zugunsten von Alternative-Rock aufgegeben. Dass viele Songs poppiger klingen, als es dem Image der Band gut tut, liegt wohl eben auch an dem größeren Anteil von clean vocals durch die erwähnte Umfunktionierung von Stephens‘ Gesang. Es bleibt zu hoffen, dass We Came As Romans den Titel ihres letzten Albums beim nächsten Mal wieder etwas ernster nehmen: ‚Tracing Back Roots‘.