Schlagwort: Prog

Exegi Monvmentvm Aere Perenniv

Vincenzo Ricca trifft mit seinem „The Rome Pro(g)ject“ so richtig ins Zentrum aller Italo-Prog-Klischees. Symphonisch, pompös, keyboardlastig, hochmelodisch, verspielt, oft haarscharf an der Kitschgrenze vorbei und gelegentlich auch mit voller Fahrt drüber hinaus – aber auch irgendwie ziemlich geil. Kein Wunder, daß sich hierfür gerne mal Gäste wie Steve Hackett einfinden – so auch auf dem dritten Album des Pro(g)jekts.

Erneut geht Vincenzo komplett instrumental zur Sache, und auch die getragene, konzertante Atmosphäre bleibt erhalten. Wer also die ersten beiden Scheiben mochte, kann hier bedenkenlos zugreifen. Auch David Cross greift wieder zur elektrischen Violine, und der nach wie vor bei Van Der Graaf Generator abtrünnige David Jackson sorgt für schickes, gerne auch mal angejazztes Getute. Das ist nun gar nicht despektierlich gemeint, das Booklet unterstellt ihm gar, nur „winds“ zu verbreiten. Hm. In Van Der Graaf-Paranoia schlägt hier aber nichts, keine Angst, selbst in den von Jackson geprägten Songs bleibt alles harmonieverliebt und im Fluss. Was soll man auch erwarten bei einem Album, dessen Songs zur Hälfte altrömische (!) Titel tragen und zur anderen Hälfte Titel wie ‚Of Myths And Gods‘? Dazu passt dann auch das mit diversen antiken Fresken, Reliefs, Gebäuden und sonstigen Relikten (nein, das durchaus rustikal anmutende Gesicht des Herrn Jackson meine ich damit nicht!) geschmückte Booklet, das im Zusammenklang mit der Musik wirklich das – für alle Nichtzeitreisenden freilich nur imaginäre – Flair des klassischen Rom einfängt. Lediglich zwei Songs verlassen den historischen Kontext: ‚476 A.C. (Song For Wetton)‘ erinnert ein wenig an dessen Unsterblichkeitserklärung ‚Starless‘, und ‚AERE PERENNIVS II (Song For Emerson)‘ hat sicher nicht ganz zufällig ein paar atmosphärische Gemeinsamkeiten (ohne tatsächlich Ideen zu mopsen) mit Passagen von ‚Tarkus‘ und ‚Pirates‘.

Wie alles in der Musik ist die Musik, die uns Vincenzo und seine Kollegen hier kredenzen, beinharte Geschmacksfrage. Wer die düster-harte, moderne Variante des Prog a la Riverside, Steven Wilson und Opeth bevorzugt, wird hier mit Sicherheit das kalte Grausen bekommen. Wer allerdings nach wie vor gerne die alten Genesis, ELP, PFM oder Anthony Phillips auflegt, wird sich hier bestens unterhalten fühlen. Eine wirklich schöne Scheibe, die einlädt, die Seele baumeln zu lassen und sich ins Reich der alten römischen Legenden versetzen zu lassen. Zu kaufen gibt’s das Teil im Webshop von Just For Kicks.

Kettlespider

Australien galt lange Zeit ausschließlich als Lieferant alkoholgetränkten Boogie-Hardrocks – die „Aussies“ haben in den letzten Jahren aber auch im Prog-Underground eine Menge interessanter neuer Acts ins Rennen geschickt. Neben Anubis oder Caligula’s Horse wurden in Insiderkreisen auch Kettlespider immer wieder gennannt, wenn es um neuen, unentdeckten Prog-Stoff aus Down Under ging.

Nun liegt mit „Kettlespider“ das zweite vollständige Album der Band vor, und wie bei Caligula’s Horse dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich eines der einschlägigen Labels die Band unter den Nagel reißt. Denn Kettlespider spielen modernen, kraftvollen Instrumentalprog, der trotz des Fehlens von Gesangslinien höchst eingängig und unverkopft klingt. Das liegt einerseits daran, daß die Band zwar die Härte des progressiven Metal bisweilen ausnutzt, aber kaum eins der stilistischen Merkmale – Kettlespider sind klar eine Rock- und keine Metalband. Andererseits erinnern viele der Kompositionen durch ihren kräftigen Fusion-Schlag an die Arbeiten von Jan Hammer mit Jeff Beck und dem Mahavishnu Orchestra – und auch die Gitarren scheinen mehr von Allan Holdsworth und Joe Satriani (man nehme nur das höchst satrianiesque ‚Samsara‘) beeinflusst als, sagen wir, von Petrucci oder Akerfeldt. Das bedeutet, daß sich Kettlespider vom Groß der Genre-Konkurrenz soundtechnisch also schon einmal deutlich abheben. Ein weiteres Plus der Band, das der Eingängigkeit des Materials sehr zugutekommt, ist ihre Fähigkeit, die Songideen nicht überzustrapazieren. Nur mit ‚Anubis‚ (ein Tribut an die Kollegen?), ‚Life‘ und ‚Rebirth‘ überschreitet die Band die Sechs-Minuten-Grenze, dafür schaffen es beispielsweise ‚The Climber‘ und ‚Samsara‘ in gerade einmal zweieinhalb Minuten, ihre Botschaft an den Mann zu bringen und dennoch vollständig ausgereifte Songs darzustellen, nicht nur Fragmente. Auch insgesamt kommt man mit 37 Minuten Albumlänge auf den Punkt und gönnt sich keinerlei Füllmaterial.

Lediglich die etwas matschige Produktion (auch aufgrund des dominanten, meist angezerrten Basssounds) verrät, daß man es hier mit einer Eigenprodukton zu tun hat. Ansonsten beeindrucken Kettlespider mit einer enormen Musikalität und Reife, die wohl auch daher kommt, daß die Band sich offensichtlich in den letzten Jahren sprichwörtlich den Allerwertesten abgespielt hat. Und auch im Prog gilt eben: eine eingespielte Band ist den meisten Ein-Mann-Projekten schon mal eine Nasenlänge voraus. Sehr empfehlenswert – und einmal mehr zu beziehen über den Webshop von Just For Kicks.

The Depths Of Winter

Je älter man wird, desto weniger sieht man in der Jahreszeit Winter etwas Schönes. Früher aufstehen, weil man Schnee schaufeln muss. Winterreifen kaufen. Ständig putzen, weil niemand die Füße abstreift und den ganzen Klumpatsch in die Wohnung schleift (potenziert sich mit jedem Kind im Haushalt). Da erscheint es sehr gewagt, sich wie Multi-Instrumentalist Peter Jones mit seinem Projekt Tiger Moth Tales an ein Konzeptalbum über die Schönheit des Winters zu machen – speziell, wenn man wie er im Genre des Progressive Rock zugange ist, deren Zielgruppe eher im erwachseneren Alter zu verorten sein dürfte.

Andereseits hat das fortgeschrittene Alter auch einen großen Vorteil: man weiß beispielsweise auch die dampfende Tasse Früchtetee mit dem Spatzi auf dem Sofa zu schätzen, wenn die Kinder bei ihren (potenziell mindestens kriminellen, aber sowieso mindestens unheimlichen) Freunden sind und draußen das Unwetter tobt. Und genau dieses wohlige Wintergefühl schafft es, „The Depths Of Winter“ von Tiger Moth Tales zu vermitteln. Falls man auf ruhigen, getragenen und höchst britischen Progressive Rock steht, versteht sich. Mal atmosphärisch-ruhig, mal mit Folk-Einschlag (‚The Ballad Of Longshanks John‘), mal subtil angejazzt, aber immer unaufgeregt und schön melodisch-eingängig kommt das Album daher. Klar, Genesis zu „Wind And Wuthering“-Zeiten und Steve Hackett sind mit Sicherheit eine Hauptinspiration von Peter Jones. Doch auch – und ganz besonders! – Big Big Train klingen immer wieder durch. Nicht nur, weil auf zwei Songs auch Jones Blechbläser einsetzt: auch die Songs mit ihren unaufgeregten, aber ausladenden Arrangements dürften jedem Fan der britischen Prog-Aufsteiger sofort gefallen – speziell denen, die auch auf ältere Alben wie „Gathering Speed“ und „The Difference Machine“ stehen. Apropos Maschine – deren Boss, The Tangent-Gitarrist Luke Machin absolviert im Quasi-Opener (nach einem 30-Sekunden-Intro) ‚Winter Maker‘ ebenfalls einen, wie üblich etwas „übermotivierten“ Gastauftritt. Dabei ist Jones selbst ein exzellenter Gitarrist, auch wenn die Keyboards klar im Zentrum des Sounds stehen. Wie bei Big Big Train bekommt man den Eindruck einer enorm organischen musikalischen Reise vermittelt, nichts wirkt gestückelt, und auch beim 13minütigen ‚Exposure‘ mit seinen patentierten Mike Rutherford-Gitarren (erinnert sich noch jemand an das göttliche „Smallcreep’s Day“?) fliest alles wunderbar. Apropos Mike Rutherford: das Peter Jones auch noch ein exzellenter Sänger ist, der gelegentlich an Paul Carrack und Ray Wilson (und David Longdon von Big Big Train) erinnert, schadet dem Album mit Sicherheit nicht. Die Stimme wirkt natürlich auch deshalb so mitreißend, weil, den progressiven Arrangements zum Trotz, hier ganz schlichte und bodenständige Songwriterkunst zugrunde liegt. Man kann sich jeden einzelnen Song auch solo am Piano vorgetragen vorstellen, ohne daß die Essenz verloren ginge.

Der einzige Grund, warum hier keine höhere Bewertung steht, ist ein leider in der Progszene immer öfter auftauchendes Problem. Vermutlich aus Budget-Gründen hat Peter Jones nämlich darauf verzichtet, einen Schlagzeuger zu engagieren und stattdessen die Drums selbst programmiert. Bei ‚Take The Memory‘, wo sie zu Beginn beispielsweise als ganz bewusstes elektronisches Element eingesetzt werden, ist das gar kein Problem, wenn aber bei ca. dreieinhalb Minuten die „Schlagzeug“-Spur einsetzt, zieht das die ganze Geschichte ein gutes Stück nach unten. Das ist besonders schade, weil „The Depths Of Winter“ ansonsten eigentlich alles richtig macht.

Trotz dieses Mankos ist „The Depths Of Winter“ aber eine wirklich schöne Scheibe geworden, die Fans der oben erwähnten Bands auf jeden Fall mindestens antesten sollten. Zu beziehen ist das Album bei den Undergrond-Spezis von Just For Kicks.

Wuthering Nights – Live In Birmingham

Ich gebe es zu: ich bin Genesis-Fan. So richtig, ob „Foxtrot“ oder „Abacab“, ob „Trespass“ oder „Calling All Stations“, ja, auch „From Genesis To Revelation“ und „Invisible Touch“ liebe ich.

Aber.

So willkommen die Idee von Steve Hackett vor fünf Jahren war, mit einem Set von Genesis-Songs auf Tour zu gehen, mittlerweile gibt es schon das dritte Livealbum mit Schwerpunkt auf Genesis-Songs in Folge, und so langsam hätte ich nun gerne „meinen“ Steve Hackett zurück. Den, der nämlich auch nach seiner Genesis-Zeit mehr als zwanzig größtenteils brilliante Alben mit einer enormen stilistischen Reichweite aufgenommen hat. Immerhin: das erste Drittel der aktuellen „Wuthering Nights“ widmet sich exakt diesem Solo-Hackett. Doch vom letzten Album „The Night Siren“ hätte man gerne noch mehr gehört als nur drei Songs: genau die kommen nämlich dank der echten Drums in der Livesituation deutlich organischer und rockiger als auf der Studioscheibe. Dazu kommen die Klassiker ‚The Steppes‘, ‚Every Day‘ und ‚Shadow Of The Hierophant‘ plus zwei willkommene, überraschende Ausgrabungen in Form von ‚Rise Again‘ (vom großartigen Darktown“-Album) und ‚Serpentine Song‘. Der Rest der Scheibe besteht einmal mehr aus Genesis-Songs – und, ganz ehrlich, nicht jeder davon löst ungeteilte Begeisterung aus.

Das liegt zum Einem an dem nach wie vor die Gemüter spaltenden Gesang von Nad Sylvan. Dessen Manierismen und Gesangsstil wirken bisweilen ein wenig arg gekünstelt, und in den höheren Lagen tendiert er bekanntlich ein wenig zum „Knödeln“. Klar, viele mögen genau das, doch Hand aufs Herz: wenn stattdessen Drummer Gary O’Toole mit seiner leicht an John Wetton erinnernden Stimme den Gesang übernimmt (‚Blood On The Rooftops‘) oder auch Amanda Lehmann auf ‚Shadow Of The Hierophant‘ wirkt das Ganze deutlich angenehmer und, nun ja, gefühliger. Selbst Hacketts eigener Gesang mag zweifelsohne eher etwas dünn sein, wirkt aber dennoch authentischer. Dazu kommt, dass die gesamte Performance ein wenig zu „schön“ klingt: das Schräge, Unkonventionelle, Bizarre, das Genesis auszeichnete, wurde den Songs nämlich weitgehend entzogen. So wirkt die viel zu verhalten gespielte, im Original wunderbar hübsch-häßliche „Enten-treten-im-Park“-Mittelstelle in ‚One For The Vine‘ in dieser Form nicht mehr richtig, und ‚Dance On A Volcano‘ kommt auch nicht so richtig vom Fleck. Dafür darf man sich aber über das schon von Genesis höchst selten gespielte ‚Inside And Out‘ (von der „Spot The Pigeon“-EP) freuen, das Sylvan auch wirklich überzeugend interpretiert.

Bevor das jetzt zu negativ klingt: natürlich ist das Gemoser auf hohem Niveau. Und natürlich ist Sylvan auch prinzipiell ein guter Sänger, wie er auf seinen Soloplatten beweist. Im Vergleich zum Feuerwerk, das die Solosongs in den ersten fünfzig Minuten abbrennen, wirkt aber eben ein Großteil der Genesis-Songs wie von einer (exzellenten) Coverband gespielt. Das kann man natürlich ohne Frage und auch mit ausreichend Unterhaltungswert genießen, wird dem eigenständigen Solo-Künstler Hackett nicht ganz gerecht.

STEVE HACKETT zeigt neues Livevideo

Nur noch zwei Wochen bis zur Veröffentlichung von Steve Hacketts neuem Livealbum „Wuthering Nights“ – ein Mitschnitt der letzten Tour des Ex-Genesis-Mannes, bei dem er speziell die Songs deren 1977er Albums „Wind And Wuthering“ in den Mittelpunkt stellte. Wer solange nicht mehr warten kann, darf sich mit den vorab veröffentlichten Ausschnitten zu den Songs ‚Il…

Grobschnitt – Wenn schon, dann aber auch richtig!

Die letzten Jahre haben im Hause Grobschnitt eine längst überfällige Aufarbeitung des Backkataloges dieser wohl wichtigsten deutschen Progressive Rock-Band erlebt. Wir haben Lupo und Eroc ein paar Fragen zu den aktuellen, höchst aufwändigen Vinyl-Remasters und der generellen Lage im Hause Grobschnitt gestellt.

Contact

Das Security Project ist eine dieser seltsamen Backkatalogverwaltungscombos, die in den letzten Jahren gerade im Prog vermehrt aufgetaucht sind, bei der eines oder mehrere Originalmitglieder einer Band ihrem einstigen Arbeitgeber Tribut zollen. Unter der Führung von Drummer Jerry Marotta (ex-Peter Gabriel), Shriekback-Gitarrist Michael Cozzi und Touch-Gitarrist und Basser Trey Gunn (ex-King Crimson) spielt das Projekt Songs von Peter Gabriel und tourt damit mehr oder minder erfolgreich. Bislang war am Mikro Brian Cummins zu finden. Der ist hauptberuflich Sänger der Genesis-Coverband Carpet Crawlers, war aber auch als Fish-Klon bei Mick Pointers eher alberner Marillion-Tribute-Tour aktiv – ein toller Sänger und ein sympathischer Typ, fraglos, aber eben auch ein reiner Coversänger ohne viel Eigencharisma. So blieb das Security Project eben eine fraglos musikalisch hochklassige, aber eben auch reine, ähem, Coverband.

Nun steht aber seit einer Weile statt Brian eine Dame namens Happy Rhodes am Mikro des Projektes, und die schafft es quasi im Alleingang, der Sache plötzlich Leben einzuhauchen. Nicht nur, weil sie über eine beeindruckende Vier-Oktaven-Stimme verfügt, die genauso souverän die tiefen Abgründe von Gabriels ‚Intruder‘ meistert wie die höchsten Noten von Kate Bushs ‚Mother Stands For Comfort‘ – sondern weil sie über eine Stimme verfügt, die zumindest dem Rezensenten bis ins tiefste Mark vordringt und trotz bisweilen eher minimalistischer Performance soviel Emotion versprüht, daß zumindest ich als Schreiber nicht kann als fasziniert und mit offenem Mund dieser Jahrhundertstimme zu lauschen. Obwohl die Songs natürlich immer noch aus dem Gabriel-Fundus stammen (plus das erwähnte Bush-Stück), klingt die Sache plötzlich nicht mehr wie Nachlassverwaltung – Gabriel ist ja ehedem noch unter den Lebenden. Auch dank der originelleren Arrangements als bisher wirkt das Security Project plötzlich wie eine legitime Band, die zwar die Musik eines Fremdkomponisten interpretiert, aber auch jenseits des Originals eine Berechtigung hat. Happy (die Dame heißt wirklich so!) schafft es, auch Songs wie ‚Lay Your Hands On Me‘ oder ‚No Self Control‘, die bislang untrennbar mit der Persönlichkeit Peter Gabriel verbunden waren, zu ihrem Eigenen zu machen und ihnen ganz neue Facetten und völlig anders als im Original verortete emotionale Tiefen abzugewinnen. Zusammen mit den unverwechselbaren weinenden Tönen von Trey Gunn – wie vermisse ich ihn und Adrian Belew bei King Crimson! – ergibt das ein höchst faszinierendes Gemisch, das nicht nur Gabriel-Fans, sondern allen Freunden eigenwilliger Randgruppen-Prog-Klänge ans Herz gelegt werden kann. Selten hat die Maxime „it’s the singer, not the song“ so ins Schwarze getroffen wie beim Security Project.

Für die Zukunft wäre nun zu hoffen, daß die Band bei ihren Arrangements noch etwas mutiger wird oder sich gar ans Schreiben eigener Songs macht – das kreative Potenzial dieser Musiker sollte nicht ungenutzt bleiben. Ich für meinen Teil durchforsche nun das Internet nach einer Bezugsquelle für Happys Alben, von denen sie seit 1986 satte elf Stück veröffentlicht hat… Für Tipps bin ich sehr dankbar! So lange könnt Ihr Euch von dieser unglaublichen Stimme mit „Contact“ überzeugen – zu beziehen im Webshop von Just For Kicks.

Delicate Sound Of Thunder

Nachdem schon in den letzten beiden Jahren der komplette Studio-Backkatalog von Pink Floyd nach und nach wieder auf Vinyl aufgelegt wurde, sind nun offenbar die Compilations und Livescheiben dran. Und auch mit denen lassen sich Pink Floyd Records keinerlei Vorwürfe machen: nach dem Motto „don’t fix it if it ain’t broke“ wurden auch die neuesten Ausgaben der Reissue-Reihe optisch identisch mit den Originalen und in exzellenter Qualität aufgelegt, so daß man sich nicht mehr auf Onlineportalen mit Anderen um eine angeblich NM+ erhaltene Scheibe prügeln muss, sondern ohne Gewissensbisse für weniger Geld einfach diese neuen Scheiben zulegen kann – auch, weil der Sound zwar behutsam remastert wurde, aber dabei den ursprünglichen Versionen sehr treu bleibt.

Im Falle „Delicate Sound Of Thunder“ bedeutet Authentizität aber natürlich auch, daß, wie bei allen Vinyl-Editinen des Albums, ‚Us And Them‘ im Gegensatz zur CD-Version hier fehlt und die Reihenfolge eine Andere ist. Ja, und das auf dem Cover immer noch behauptet wird, ‚Shine On You Crazy Diamond‘ sei von Part 1 bis 5 hier enthalten – tatsächlich handelt es sich um die aus Parts 1, 2, 4, 5 und 7 bestehende Version, die auf „A Collection Of Great Dance Songs“ erstmals vorgestellt wurde und im Prinzip ab da zur regulären Liveversion des Titels wurde. Das ist aber eben ausschließlich für Nerds interessant. Wichtiger ist natürlich, daß „Delicate Sound Of Thunder“ damals das erste vollständige Livealbum der Band darstellte und dementsprechend begeistert aufgenommen wurde. Neben jeder Menge Klassiker wie ‚Time‘, ‚Wish You Were Here‘ und ‚Comfortably Numb‘ wissen vor allem auch die Versionen der Songs vom damals gerade aktuellen Studioalbum „A Momentary Lapse Of Reason“ zu gefallen. Auf besagtem Studiowerk hatten nämlich statt Rick Wright und Nick Mason hautsächlich Studiomusiker deren Job übernommen. Wright war erst ab der Tour wieder offizielles Bandmitglied und Mason war nach eigener Meinung zu sehr außer Übung gewesen, um seinen Anforderungen an ein Studioalbum gerecht zu werden. Hier spielen sie nun beide, und trotz Unterstützung einer Busladung Extramusiker klingt das Ganze deutlich organischer. Klar, Siebziger- oder gar Sechziger-Fetischisten werden die Synthiedrums, Sequencer und Airbushangar-Hallsounds immer noch kräftig gegen den Strich gehen, aber so war das damals eben – was 1988 zeitgemäß klang, kann zwangsweise heute nicht mehr diesen Anspruch erfüllen. Damals waren nicht wenige Fans aber eben begeistert davon, wie staubfrei sich die Klassiker im modernisierten Soundgewand anhörten – und ja, natürlich ist der Sound der Scheibe dennoch exzellent.

Achtziger-Sound hin oder her, „Delicate Sound Of Thunder“ macht einfach Spaß. Natürlich kann man meckern, daß Roger Waters fehlt, aber wer das nach 32 Jahren noch nicht kapiert hat, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Alle Anderen bekommen hier die definitiven Versionen von ‚Sorrow‘ und dem völlig unterschätzten Geniestreich ‚On The Turning Away‘ sowie höchst gänsehautige Performances von vor allem ‚Time‘, ‚Comfortably Numb‘ und ‚One Of These Days‘ (mit Zitat des Titelthemas aus Doctor Who!). Das sieben Jahre später folgende „Pulse“ hatte zwar dank einer Stunde längerer Spielzeit die abwechslungsreichere Setlist, konnte aber in Sachen Spielfreude und Livefeeling seinem Vorgänger nicht das Wasser reichen.

Wie immer bei Pink Floyd Records ist auch die Pressung absolut vorbildlich ausgefallen, so daß eigentlich kein Vinylsammler zögern sollte, die Scheibe endlich in die Sammlung aufzunehmen. Wenn jetzt nur endlich die dazugehörige, gleichnamige VHS-Kassette endlich auf BluRay oder DVD erschiene und wir uns an Background-Schnuckel Rachel Fury in digitaler Qualität erfreuen könnten…

A Collection Of Great Dance Songs – 2017 Vinyl Remaster

Die Vinyl-Reissues des Pink Floyd-Backkataloges kann man getrost als vorbildliche Beispiele einer solchen Unternehmung werten. Erstklassige Pressqualität, originalgetreue und hochwertige Reproduktionen der ikonischen Artworks sowie erfreulich vernünftige Preisgestaltung sorgten dafür, daß die schwarzen Scheiben schlicht zu perfekten Alternativen für alle Vinylsammler wurden, die nicht gewillt waren, Fantasiepreise für eine halbwegs ordentlich erhaltene Originalauflage zu zahlen.

Nun gehen ca. ein Dreivierteljahr nach dem letzten Bündel Studioscheiben die ersten Floyd-Alben der „zweiten Reihe“ ins Rennen. Diesmal sind die Compilation „A Collection Of Great Dance Songs“ und das Livealbum „Delicate Sound Of Thunder“ dran. Bei „A Collection Of Great Dance Songs“ handelte es sich seinerzeit um die zweite Sammlung älteren Materials: 1971 war mit „Relics“ bereits eine Sammlung früher Single-Tracks und obskurerer Album-Songs erschienen, um die Wartezeit auf das „Meddle“-Album zu verkürzen. Mit „A Collection Of Great Dance Songs“ wählte die Band den konventionelleren Ansatz einer „Hit“-Zusammenstellung. ‚One Of These Days‘ von „Meddle“ (1971), ‚Money‘ von „Dark Side Of The Moon“, ‚Shine On You Crazy Diamond‘ und der Titelsong von „Wish You Were Here (1975), ‚Sheep‘ von „Animals“ (1977) und ‚Another Brick In The Wall Pt. 2‘ vom „The Wall“-Doppelalbum boten dem Interessierten einen kleinen, aber appetitanregenden Blick in die Welt der Band. Und, wie bei Pink Floyd nicht anders zu erwarten, gab es auch ein paar Schmankerl, die das Album auch für Fans lohnenswert machten. Ein Disput zwischen dem US-Label der Band und dem Label im Rest der Welt führte beispielsweise dazu, daß die Originalversion von ‚Money‘ nicht verwendet werden durfte – weshalb David Gilmour kurzerhand den Song fast im Alleingang für das Album neu einspielte. ‚Shine On You Crazy Diamond‘ kam als elfminütiger Edit, der erstmals die drei Gesangspassagen in einem Stück vereinte und als Basis für alle nachfolgenden Liveversionen des Songs diente. ‚Another Brick In The Wall Part 2‘ ist ebenfalls als Hybrid aus Single- und Albumversion vertreten: das Intro der Singleversion ist vorhanden, doch aders als bei dieser wird nicht im Gitarrensolo ausgefadet, sondern der komplette Originalschluß verwendet.

Natürlich ist es unmöglich, Pink Floyd auf nur sechs Songs zu reduzieren, aber dennoch ist „A Collection Of Great Dance Songs“ dank seines Schwerpunktes auf dem zugänglicheren und bekannteren Material der Band nach wie vor ein guter Einstiegspunkt. Die Ausstattung ist, wie oben erwähnt, völlig frei von Extras, eine schlichte, dem Original entsprechende Wiederveröffentlichung, hochglanzlackiert und farbecht. Auch der remasterte Klang versucht gar nicht erst, das Album neu aufzurollen, sondern ist nah an der Originalverion, lediglich im Bassbereich geht’s (zumindest gefühlt) ein wenig tiefer, aber hier gibt’s kein Zerren, keine schrillen Höhen, keine Kompressionsartefakte – so muss Vinyl 2017 einfach klingen. Punkt.

Symphonic Floyd

Warum rezensiert Whiskey-Soda nun den Livemitschnitt einer Hagener Coverband? Das kann man sich schon einmal fragen, aber die Band Green ist eben keine gewöhnliche Covertruppe. Das verrät alleine schon die Besetzung des vorliegenden Livealbums: gleich fünf der hier mitwirkenden Musiker waren nämlich Bestandteil des letzten aktiven Lineup der wohl besten deutschen Progressive-Rock-Band Grobschnitt.

„Symphonic Floyd“ ist ein Livemitschnitt einer Konzertreihe im Stadttheater Hagen, mit der die Band in Kombination mit dem lokalen Sinfonieorchester und einem Chor ihren Helden Pink Floyd Tribut zollte. Die Orchesterarrangements variieren dabei zwischen „sehr cool“, „angemessen“ und leider bisweilen (‚Us And Them‘, ‚Wish You Were Here‘) auch mal „zu kitschig“ – aber in jedem Fall unabhängig von Geschmacksfragen recht originell und kompetent umgesetzt. Auch der Sound der Scheibe ist für eine Eigenproduktion erfreulich gelungen, vielleicht hätte die Snare etwas weniger im Vordergrund stehen können, aber ansonsten gibt’s hier nichts zu meckern. Die Auswahl an Songs orientiert sich größtenteils an den Hits wie ‚Wish You Were Here‘, ‚Comfortably Numb‘ und ‚High Hopes‘, aber auch weniger abgenudelte Fan-Faves wie ‚Fat Old Sun‘ und ‚If‘ werden dargeboten. Beide stammen bekanntlich vom von Pink Floyd und ihren Mitgliedern gerne mal als Machwerk abgetanen „Atom Heart Mother“ – und dessen 23minütiges Titelstück, von den Originalen seit 1970 nicht mehr gespielt, ist auch Herzstück der Scheibe. Das Orchester orientiert sich dabei weitgehend am Originalscore von Ron Geesin – if it ain’t broke, don’t fix it.

Alles Top Sahne also? Nun, während instrumental trotz kleinerer Spielfehler alles in bester Ordnung ist, muss man leider beim Gesang einige Abstriche machen. Milla Kapolke ist eine coole Type, aber schon bei Grobschnitt waren seine Gesangsbeiträge nicht unbedingt Highlights. Und bei den emotionsgeladenen Vorlagen von Gilmour, Waters, Wright und – bei einem Song – Barrett kann sein holpriger Sprechgesang zu keiner Zeit mithalten. Das könnte dem Einen oder Anderen durchaus den Spass an dieser ansonsten sehr feinen Doppel-CD verleiden – eine Hörprobe zwecks Meinungsbildung sei vorher empfohlen.