Schlagwort: Post-Punk

Beachheads II

Am 04. März erscheint das zweite Album der norwegischen Beachheads, passenderweise einfach „Beachheads II“ (Fysisk Format) betitelt. Das Quartett besteht aus den beiden Kvelertak-Mitgliedern Marvin Nygaard und Vidar Landa sowie ihrem Merchandiser Borild Haughom als Sänger und dem Schlagzeuger Espen Kvaloy. Der Erstling liegt fünf Jahre zurück und überraschte mit eingängigem Garagen-Power-Pop. Hier setzt auch…

MY BLOODY VALENTINE – Album-Reissues über Domino

Beim Domino in Berlin ist man ganz aus dem Häuschen, denn ab sofort gehören die legendären Shoegazer My Bloody Valentine zum Label-Portfolio. Zunächst werden nun alle drei Studioalben plus die Compilation „EP’s 1988-1991 and Rare Tracks“ neu veröffentlicht. Digital sind sie seit dem 31. März erhältlich, physisch wird am 21. Mai nachgeschoben. „Isn’t Anything“ und…

GRUNDEIS – Neue Single „Vain“

Grundeis aus Hamburg

Die Post-Punk-Formation Grundeis aus Hamburg präsentiert mit „Vain“ am 12. März ihre zweite Single. „Es geht um eine Person, die von schmerzhaften Erinnerungen überwältigt wird und auf gewisse Weise darin gefangen ist“, so Sängerin Laura Müller. „Der/die Protagonist:in ist unfähig, über eine verlorene Liebe hinwegzukommen und sich neu zu verlieben. Sie:Er trifft den Herzensmenschen wieder,…

unbedeutend ungenau

Ein Konzeptalbum ist auch eine Art, auf Corona zu reagieren. Und all die Veränderungen, die wir gerade erleben, komplett und allumfassend. So, wie es ein gutes Konzeptalbum eben auch ist.

Ob es bei „unbedeutend ungenau“ (Rookie Records) aber wirklich um Corona geht? Sicher nicht nur. Aber ebenso sicher sind die guten Texte immer die, die verschieden interpretiert werden können – und trotzdem funktionieren. Kann daher sein, dass es auch Leute gibt, die hierbei nicht an Lockdown denken:

Wirft es dich auf dich zurück
Von den Beinen auf den Rücken
Lässt dich weiter ratlos stehen
In den allerletzten Lücken
(…)
Es sind Wochen und Tage und Wochen und Tage…

In Wahrheit sind es schon Monate, und vielen kommt es vor wie Jahre – die Zeit und der Zustand, in der und dem alles anders ist. Also haben auch Illegale Farben ein Album gemacht, das ganz anders ist als seine beiden Vorgänger. Aber vermutlich sind die fünf Bandmitglieder in gewisser Weise auch andere Menschen, als sie es noch anno 2016 waren. Zumindest ist ihnen das, wie uns allen, zu wünschen.

Vielleicht ist aber „anders“ gar nicht das richtige Wort. „Besonders“ passt viel besser. Die Band jedenfalls hat alles getan, um „unbedeutend ungenau“ zu einem solchen zu machen. Nicht nur, weil die Platte physisch in streng limitierter Auflage von 100 Stück erscheint. Bis auf’s letzte Detail durchdacht ist außerdem die Songanordnung und die Bebilderung, eine Kurzgeschichte ist beigegeben, und die Veröffentlichung wird durch einen halbstündigen Film begleitet. Mehr Konzept geht kaum.

Illegale Farben verarbeiten den Lockdown nicht nur in Wort und Ton. Sie setzen zugleich die Abkehr von alten (zumeist schlechten) Gewohnheiten durch. Denn irgendwie hat uns doch die Pandemie gelehrt, dass im Leben mehr drin sein sollte als Tretmühle, Hetze, alltägliches Stückwerk. „unbedeutend ungenau“ jedenfalls ist und will das große Ganze. Es zu hören erfordert Konzentration und … Zeit. Es soll nicht zwischen Tür und Angel konsumiert, sondern als Kunstwerk erlebt werden.

Dabei geht es nicht um die einzelnen Songs. Wohl aber um die Musik. Und immer diese starken Worte. Wenn sie auch so manches Mal verklausuliert werden, sind die Beobachtungen doch immer ganz nah dran an der Situation und das Fazit daraus immer so verblüffend klar:

Die Wahrheit ist
Es muss einfach gehen

Eine fast genauso wichtige Rolle wie die sechs Songs spielen auf „unbedeutend ungenau“ die Zwischentöne. Soundfetzen lassen die Tracks gar nicht richtig enden, leiten von einem in den anderen über und machen aus dem Album ein in sich geschlossenes Element. Die Band will explizit, dass man es am Stück anhört. Und das ist genau richtig. Begleitet von Textlektüre und Film wird ein selten intensives Hör-, Seh- und vor allem Denkerlebnis geboten. An dieser Stelle kann nur empfohlen werden, auf diese Weise eine sehr bedeutsame Stunde, oder zwei, mit Illegale Farben zu verbringen. Das bringt die deprivierten Sinne auf Touren und macht Lust auf das Leben nach dem Lockdown, in dem so vieles besser werden könnte:

Bis ein neuer, schlichter Tag
Dich in die Arme nimmt
und zu den Anderen bringt

 

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Rookie Records

For The First Time

Was macht das mit einer Band, deren Mitglieder gerade einmal Anfang 20 sind und die nach der Veröffentlichung von nur zwei Singles als „beste Band der Welt“ (The Quietus) deklariert wird? Nun, Black Country, New Road haben zunächst in Ruhe ihr Debütalbum „For The First Time“ (Ninja Tune) fertiggestellt. In einem Interview für The Guardian geben sie sich zudem gelassen, dass wohl 30 Prozent derer, die es sich anhören, es absolut hassen. Und das ist keine bloße Attitüde. Denn wer sich die Texte des Albums genauer ansieht, versteht, dass die Londoner ganz andere Probleme haben als die Sorge darüber, ob ihre Musik irgendjemandem gefällt.

Denn so handwerklich großartig „For The First Time“ eingespielt ist, so uneitel ist sein ganzes Konzept. Radiotauglichkeit? Eignung für Streamingdienste? Ohrwurmmelodien? Darum geht es hier nun wirklich nicht. Mit gerade einmal sechs Songs kommt das Album auf ganze 41 Minuten Spiellänge. Und der Hörer weiß im besten Falle am Ende nicht, wohin mit seiner inneren Aufruhr. Die Texte – brutal ehrlich, sarkastisch, ekstatisch – finden ihre Vervollkommnung in einer Mischung aus Free Jazz, Post- und Art-Rock. So ernst, so reif, so abgeklärt reihen sich Newcomer ein zwischen ihre Kollegen von Fat White Family, Black Midi, Fontaines D.C. oder The Murder Capital.

Ohne Zweifel: Auf den britischen und irischen Inseln legt man gerade großen Wert auf Aussage und Attitüde. Grimmig heißt es dazu bei Black Country, New Road:

References, references, references
What are you on tonight?
I love this city
Despite the burden of preferences
What a time to be alive

„For The First Time“ bedient sich nicht nur angstlos an einer reichen musikalischen Tradition und hält unzählige Verweise auf die Popkultur bereit. Auch soziologisch ist es unglaublich interessant. Das Septett präsentiert ein ungeschminktes Bild seiner Generation Z, die – sehr bezeichnend und nicht zu beneiden – am Ende einer Skala steht. Schlau sind sie, diese Leute, und kennen kaum Grenzen. Die Songtexte sind ganze Elaborate und enthalten Bekenntnisse, die ihre Eltern sehr wahrscheinlich, ganz sicher aber ihre Großeltern nicht hören wollen. Wenn Sänger Isaac Woods ein bedrohliches Zittern in seine Stimme legt und dazu entrückt mit den Augen rollt, hat das durchaus etwas Psychopathisches:

OK today I hide away
But tomorrow I take the reins
Still living with my mother
As I move from one micro influencer to another

Es brodelt tief drinnen bei Black Country, New Road. Ihre Wildheit, die auf den ersten Blick erfolgreich hinter einer gutbürgerlichen Fassade verborgen wird, bricht sich mehrere Male auf „For The First Time“ rauschhaft Bahn. Ganz exemplarisch dafür steht „Sunglasses“, das in der zensierten Albumversion von unverblümten Zeilen wie „Just fuck me like you mean it this time, Isaac“ befreit wurde.

Müssen wir uns also Sorgen machen? Wohl kaum. Jede Generation macht in ihren frühen Twens eine erste Katharsis durch. Und diese sieben Londoner sind alles andere als kopflos. Vielmehr sind sie bemerkenswert reflektiert und haben die Fähigkeit, verwirrende Gefühle in kreative, nicht destruktive Bahnen zu lenken. So etwas wie Black Country, New Road passiert der Pop-Welt ziemlich selten. Die euphorische Betitelung als „beste Band der Welt“ ist da zwar nachvollziehbar, kann aber eigentlich nur schaden. Hingegen ist wahr, dass die Anziehungskraft von „For The First Time“ von der ersten bis zur letzten Note funktioniert. Nur schwer kann man sich dem entziehen. Black Country, New Road strahlen sowohl auf Platte als auch bei Live-Auftritten eine irre Präsenz aus. Das macht sie zu den perfekten Gefährten (nicht nur) im Lockdown.

 

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Drunk Tank Pink

Junge, rastlose Leute haben es gerade nicht leicht. Und junge, rastlose Musiker schon gar nicht. Im Falle von Shame stellt sich die erzwungene Konzertier-Pause irgendwie aber auch als Segen dar. Die hohe Taktzahl an absolvierten Gigs im Zuge ihres Debütalbums „Songs Of Praise“ war mit Sicherheit nicht gesund. Frontmann Charlie Sheen jedenfalls zog sich im Lockdown in sein Minizimmer zurück und musste sich erstmal mit sich selbst beschäftigen. „You become very aware of yourself and when all of the music stops, you’re left with the silence”, resümiert der Sänger und Texter.

Interessant, dass er als Stille interpretiert, was da eingesetzt hat, als die Musik aus war. In seinem Fall könnte man eher ein heftiges Nachrauschen, wenn nicht gar einen Tinitus erwarten. Der setzt zumindest ein, wenn man sich „Drunk Tank Pink“ (Dead Oceans) in einer anständigen Lautstärke gibt. Wenn es das ist, was die Corona-Krise aus Musikern im Hausarrest herauskitzelt, dann bitte schön, sehr gerne. Auf ihrem zweiten Album geben sich Shame sehr erregt bis jähzornig post-punkigen Ausbrüchen hin. Der Song „6/1“ ist da nur ein Beispiel von vielen: „I pray to no God, I am God. I am every thought your mind has ever had. (…) I hate myself and I love myself“, heißt es da, während Gitarren und Crash-Becken sich gegenseitig in den Exzess treiben, der die einzige Konsequenz aus dieser Schizophrenie sein kann.

„Drunk Tank Pink“ hat oft einen nervösen Beat und Sheen zumeist einen gereizten und unversöhnlichen Ton am Leib. Aber es gibt auch sanftere Momente à la „Human, For A Minute“ und seinem Geständnis „I never felt human before you arrived.“ Und richtiggehend traurig wird es mit „Born In Luton“: „When are you coming back, when are you coming home?“ Die Frage klingt so hoffnungslos, wie sich das aktuelle Lebensgefühl so Vieler, nicht nur der Altersgenossen der fünf jungen Londoner anfühlen dürfte. Mit dem pompösen Liedende breiten Shame dann doch kurz mal die Arme aus für Alle, die gerade sehr deprimiert sind.

Die Band mischt auf „Drunk Tank Pink“ das, was sehr weitläufig als Brit-Rock bezeichnet werden kann, ohne Angst mit noisigen oder auch modernen jazzigen Elementen – ähnlich wie es Black Country, New Road tun. Wenn wir außerdem noch die offensichtlichen Parallelen zu Fontaines D.C. und Black Midi benennen, wird deutlich, dass auf den Inseln gerade eine ganze Generation junger Bands aktiv und erfolgreich ist, für die Musik tatsächlich ein Ventil und womöglich der einzige Ausweg aus einer großen Misere ist. Sie meinen es ernst. Und es gibt massenhaft Leute, die das sehr gut verstehen können.

 

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Cargo Records

Holocene

Prahlt da jemand mit Schulwissen? Oder wollen uns die drei Herren Musiker von Statues mit ihrem zweiten Album „Holocene“ (Lövely Records) und dem Blick auf den zeitlichen Überbau die Hektik des Alltags nehmen? Das Holozän jedenfalls ist der geologische Zeitabschnitt, in dem sich Mutter Erde seit 11.700 Jahren befindet. So betrachtet, scheint es auf einen einzelnen Tag nicht anzukommen. Trotzdem konnten die Statues nicht an sich halten und haben ihre elf neuen Songs in nur drei Stunden im Studio runtergerattert.

Gut gehaushaltet, denn da gab es Geld zurück für die länger kalkulierte und bereits bezahlte Studiozeit. Musikalisch geben sich die Statues allerdings nicht so sparsam. Die Band aus Umeå, Schweden, führt Hüsker Dü als Referenz an und tut es ihnen in Sachen Übersteuerung fleißig nach. Etwas zeitgenössischer betrachtet fallen klare Parallelen zu den Japandroids auf, wenn die Statues ihre Songs auch mit offensiveren Rock-Riffs ausstatten. Will sagen: „Holocene“ ist laut, dicht und verzerrt.

Doch während bei den namhaften Bands, die hier Pate standen, klare Konzepte erkennbar sind, werden die Arrangements und Soundeffekte bei den Statues eher lieblos eingesetzt. Im Laufe des Albums wird langsam immer deutlicher, dass die dicke Produktion ein eher dünnes Songwriting kaschiert. Nach den ersten beiden Songs geht die Aufmerksamkeitskurve ziemlich rapide nach unten. Erst mit „Ending The Holocene“ vermag der Hörer wieder aufgerüttelt werden, aber da hat die Band schon einen Gutteil des anfänglichen Sympathiebonus wortwörtlich verspielt.

Um Ambitionen sind Statues nicht verlegen. Nur sind sie mit ihrer offenkundigen Verehrung für das SST-Label wohl um die 35 Jahre zu spät dran. Die Band rühmt sich selbst ihres impulsiven, aber einfachen Rocksounds, was ganz und gar nichts Schlechtes sein muss. Es bleibt nur irgendwie unklar, aus welcher tieferen Motivation heraus die einzelnen Songs von „Holocene“ entstanden sind und was sie im Heute verankert.

Nun ja, wenn wir in geologischen Erdzeitaltern rechnen, sind Statues brandaktuell. Aber machen wir uns nichts vor, Musikfans im gefühlt immer schneller fortschreitenden 21. Jahrhundert ticken einfach anders. In einer Band zu spielen, nur um des In-einer-Band-spielen-Willens, reicht da eben doch nicht aus.

 

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Cargo Records

Atlas Vending

Kaum einer Band merkt man so stark an, dass ihnen die Konzerte und das Publikum fehlen. Die kanadischen Metz sind auf ihrem neuen Album „Atlas Vending“ (Sub Pop) derart energisch, laut und rastlos, als wollten sie sich und ihre eigene Live-Performance selbst übertreffen. Ja, dem Hörer soll etwas geliefert werden, was ihn beim Hören an sich und letztlich auch beim Stream-Konzert flasht.

Aufgabe erfüllt. Die Platte ist nichts weniger als ein Wirbelsturm. Das Trio aus Toronto hat diesmal besonderen Wert auf einen vollen, vielschichtigen Sound gelegt. Ein wenig erinnert es an das kürzliche erschienene Spice-Album, nur dass hier noch beim Tempo angezogen wurde. Damit liefert „Atlas Vending“ ein Hörerlebnis, das wenig zu wünschen übrig lässt. Metz bewegen sich auf ihrem vierten Album wild, aber nicht unkontrolliert zwischen Post-Punk, sehr angepisstem Garage-Rock und melodischem Noise.

Schön, wie präsent dabei das Schlagzeug ist. Dringlich und ohne nachzugeben treibt es jeden der zehn Songs voran. Das hat – gemeinsam mit mehrfachen Refrain-Wiederholungen – etwas positiv Redundantes, ist berauschend und will Einem doch die Nerven rauben. Mitunter legen sich einnehmende, Metal-affine Melodien über das Gehämmer. Die sorgen für einen leicht versöhnlichen Ton auf „Atlas Vending“. Der bleibt zwar zielsicher, aber sehr sparsam dosiert. Denn das letzte, was Metz mit dem Album wollen, ist Wohlgefallen erzeugen. Dazu gibt sich Sänger Alex Edkins schlicht zu wütend bis angewidert und lässt das in seinem Gesang auch aus.

So eindringlich wie die Bassdrum gleich zum Albumbeginn hämmert sich „Atlas Vending“ in Gänze in den Kopf des Hörers. Es ruft eine große innere Unruhe, Ungeduld und Unmut hervor. Das sollten im Prinzip die ganz natürlichen Reaktionen auf den Zustand der Welt und die ihr eigene Zivilisation sein. Mit Metz im Ohr dreht man deswegen wenigstens nicht durch – oder gerade doch?

 

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Cargo Records

Plastic Drama

Wer gern selbst mal nachprüfen will, ob Belako – ein Viertel der Stadt Mungia – tatsächlich so aufregend ist, dass es als Bandname adaptiert eine spezielle Ehrung verdient, der muss sich wohl noch eine Weile gedulden. Corona will es, dass das Baskenland ebenso wie ganz Spanien als Risikogebiet gilt und sich Reisen dorthin derzeit nicht empfehlen. Andersrum dürften die Einschränkungen auch besagte Band hart treffen, denn Touren und Live-Konzerte sind des musikalischen Vierers täglich Brot.

Auch die Veröffentlichung ihres vierten Albums „Plastic Drama“ (BMG/Warner) wurde hinsichtlich der Pandemie vom Mai auf August verschoben. Ob jetzt ein günstigerer Zeitpunkt ist, sei dahingestellt. Ein Ereignis ist es für die Band allemal, ist es doch ihr erstes Album bei einem Majorlabel. Die großen Ambitionen von Belako springen einem aus dem begleitenden PR-Material samt Bildern förmlich entgegen. Die Latte der namhaften Bands und Festivals, mit und auf denen die ausgewiesene Post-Punk-Band schon gespielt hat, ist lang.

Um Punk geht es hier allerdings nur als nützliche, aber ausgelutschte Genreschublade, die mit dem obligatorischen Präfix Post- alle sich für hip und alternativ Haltenden anlocken soll.Will man den Verlautbarungen glauben, geht’s bei Belako-Konzerten auf der Bühne ordentlich ab. Fair enough, die Musik von „Plastic Drama“ hat stellenweise sogar das Potential dazu. Die übersteuerten und avantgardistischen Parts von „The Craft“, „All Nerve“ oder „AKLR“ sind Lichtblicke auf dem ansonsten sehr inkohärenten Album, bei dem auch die Dramaturgie nicht wirklich nachvollziehbar ist. Warum gerade das mäßig motivierte „Tie Me Up“ als Opener gewählt wurde, ist einfach ein Rätsel. Besonders der Gesang wirkt hier fast gelangweilt; andere Stücke wie etwa der Titelsong muten dann wieder geradezu exotisch an.

So bunt zusammengewürfelt bleibt am Ende unklar, was uns Belako mit dem Album sagen, welche Stimmung sie vermitteln wollen. Vielleicht sollten sie beim nächsten Mal auf die Eigenproduktion verzichten und sich von ihren Majorlabel-Gagen einen patenten Produzenten anheuern. „Plastic Drama“ ist nicht uninteressant, aber sehr unentschlossen.

 

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cmm

Spice

Die passionierten Hobbyköche unter uns wissen es: Erst die richtige Würze macht ein Gericht rund. Ähnlich haben es Spice geschafft, auf ihrem selbstbetitelten Debüt (DAIS Records) mit akkurat dosierten Zugaben ein stimmiges und gut verdauliches Stück Musik zu zaubern. Durch stundenlanges Probieren, Verfeinern und Abschmecken im Studio ist ein organisches Werk entstanden, dem die Band selbst das Label „the power of groupthink“ verleiht. Dem Hörer kredenzt sie unangepassten, aber trotzdem eingängigen Post-Punk, der viel Herz beweist, ohne sich in die Emo-Ecke zu stellen.

Damit bewahrt sich das Sextett aus Los Angeles den Spirit ihrer Roots, die einzelne Mitglieder in Bands wie Ceremony und Sabretooth Zombie haben. Ganz so rabiat und ungehalten wie in alten Zeiten geht es bei Spice zwar nicht mehr zu. Dennoch spricht aus jeder Note ein klares Bekenntnis zum Underground und die Ablehnung jeglichen Mainstreams. Das Album beherrschen Elemente von solidem Alternative-Rock der 90er Jahre; dank der Geige wird außerdem die Erinnerung an den New Wave der 80er wachgehalten. Und trotzdem hat es eine frische Energie, die es direkt ins Heute platziert.

Spice frönen einem angenehm unrein belassenen Garage-Sound mit Shoegaze-Attitüde und schaffen so eine äußerst dichte Atmosphäre. Garage meint in diesem Falle aber nicht spontanes Jammen oder gar low quality. Womöglich ist es der langjährigen Erfahrung der sechs Musiker geschuldet, dass alles unter genauer Kontrolle gehalten wird. Nichts wird dem Zufall überlassen. In der Verzerrung liegt hervorragende Handarbeit, jeder Effekt sitzt. Mit dem Ergebnis, dass die Rhythmen in ihrer Geradlinigkeit fast konventionell daherkommen und das Gesamtkonstrukt zwar noisy, aber doch straight ist.

Trotzdem, oder gerade deshalb: Die Rechnung geht auf. Spice’s Debüt ist unglaublich einnehmend und, ja, einfach sympathisch. Es ist eine Platte von und für Fourty-somethings, die gern ein wenig melancholisch zurückschauen, aber ganz im Heute leben und immer noch energisch vorwärts treiben. Für 90er-Jahre Kids eben, die erwachsen geworden sind. Und trotzdem hungrig bleiben.

 

Spice bei Bandcamp

Cargo Records