Falling In Reverse

Just Like You

  • Artist: Falling In Reverse
  • Album: Just Like You
  • Label: Epitaph
  • Release: 2015-02-20
  • Medium:
  • Bewertung:4+

Laut Kerrang! ist Ronnie Radke einer der 50 größten lebenden Rockstars. Was die berechtigte Frage aufwirft, welcher große Rockstar denn bitte überhaupt noch unter den Lebenden weilt. Und ob Verse wie

‚We’re rockin‘ and rollin‘ / we’re touchin‘ and moanin‘ / and makin‘ a mess of your bed‘

in Verbindung mit ein bisschen Leder, ein paar Nieten und einem Schluck vom gleichnamigen Energydrink heutzutage genügen, um sich als ebensolcher von anderen Musikern abzuheben.

Doch nehmen wir uns in Acht, Radkes Errungenschaften zu schmälern. In erster Linie nämlich ist Ronnie Radke – der tätowierte unbreakable-Schriftzug unter dem Haaransatz deutet’s an – die Schabe unter den „Rock“stars. Nicht kleinzukriegen, höchstens größer, und schlägt man ihm den Kopf ab, wachsen vermutlich auch drei nach. Im Anschluss an seine Inhaftierung, dem damit einhergehenden Rauswurf bei Escape The Fate und der feierlichen Wiederauferstehung mit neuer Band saugte er die ihm zuteil werdende Aufmerksamkeit gierig auf, sondierte, was darüber hinaus noch so rausspringen könnte für ihn und gründete in der Konsequenz eine Band. Falling In Reverse ist der Nährboden, der ihn funktionieren lässt – und der vermutlich ohne den strahlkräftigen Frontmann seinerseits schnell abgetragen wäre.

In dreieinhalb Jahren ist ‚Just Like You‘ das dritte Album. Es führt nach dem ungemein maßlosen ‚Fashionably Late‘ zwar nicht auf den Boden der Tatsachen, aber doch zumindest zu kleidsamerer Soundgarderobe zurück. Die Rap-Passagen jedenfalls haben Falling In Reverse fast restlos aus dem Programm gestrichen, und auch der überkandidelte Keyboard-Varnish ist nunmehr abgehobelt. Der ernstere Ernst scheint wieder einzukehren bei den Rückwärtsstürzern – beziehungsweise das, was cool-gefühlige Teenager hoch und heilig zum Ernst beschwören würden. Wozu wahrscheinlich auch das geifernde Gegrowle auf ‚Guillotine IV (the Final Chapter)‘ zählt. Ein Ohr auf die Texte hingegen offenbart: Falling In Reverse verkauft sich weiterhin als Schaf im Wolfspelz und schmuggelt kokettierend seine Metalcore-Attrappen an Großraumdissen und Radiostationen – und ganze Sätze als Verse durch die Tonspur, die dort nur kleben bleiben, weil sie platt genug sind. Welcher Nicht-Kleriker würde auch wagen, mit eitler Poesie vor den Herrgott zu treten? Na bitte. Hypotaxe gegen Segen lautet der Deal:

‚God, if you are real, I need your help because this girl has stolen my heart with her broken halo. And i can’t deny, she’s so damn fine. Gimme some advice.‘

(‚Sexy Drug‘) Der Liebe Gott als Wingman also. Als Bro aller Bros. Na, warum denn auch nicht?

Selbst der Quotensensor für die Missstände der Digitalgesellschaft ist mit verbaut. Komplexität: Stufe 1, von unten gezählt.

‚People using social media to hurt us, it’s stupid. And all these kids just feel the need to cut themselves on their wrist‘

, beklagt Ronnie – ganz der Theken-Nietzsche – in ‚Wait And See‘, hat Recht und belässt es glücklicherweise dabei, wie auch die Großraumdiskobagage es dabei belässt, wenn sie sich zu Stücken der Machart ‚My Heart’s To Blame‘ das Wochenende zu Kopf steigen lässt. Verblüffend, wie wenig so manchem Musiker das Nachdenkliche steht. Zum Glück ist Leadgitarrist Jacky Vincent da, wenn man ihn braucht. Plötzliche Riffs, die kunstfertigerer Spielarten würdig wären, ziehen den Karren so gerade eben noch aus dem Morast. Nur, damit sie an der nächsten – und letzten – Biege im Kitsch steckenbleibt: In ‚Brother‘ verabschiedet sich Radke per Piano-Ballade von seinem Bruder Anthony, der 2013 bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Tränenrührig und funkensprühend, hier sollen live dann wohl die Feuerzeuge raus. Grässlich. Ob ein Rezensent sich herausnehmen kann, ein Lied wie dieses zu beurteilen? Und dann auch noch so? Er kann. Womit wir dann auch pünktlich beim Sujet dieses Albums angekommen wären – zumindest dem vom Titeltrack, das da folgert: Alles Arschlöcher, außer… wobei nein, ich auch. Und der Rezensent als solcher sowieso. Das wusste schon Goethe. Deshalb auch der Rat: Geht für das Geld lieber zum Friseur. Es sei denn, ihr wollt Rockstars sein.

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