Slime

Hier und Jetzt

Mit alten Helden ist das so eine Sache. Einst haben sie unser Fühlen bestimmt, unser Sein geschärft und sich damit einen unauslöschlichen Platz in unserem Leben gesichert. Wenn sie sich zurückziehen, ist das schmerzhaft. Immer bleibt da der versteckte Wunsch, sie würden zurückkommen. Noch schmerzhafter kann es aber sein, wenn sie es wirklich tun.

Denn allzu oft verändern sich die Verhältnisse, die alten Helden jedoch nicht. In Bezug auf Slime hält sich ein mögliches Unbehagen über ihre Rückkehr zumindest dadurch in Grenzen, dass ersteres in diesem Falle schlicht nicht zutrifft. ‚Unsere Lieder‘, Single und Opener der vorliegenden Platte, handelt genau davon und liefert vorweg den Grund, warum die Band 23 Jahre nach ihrem letzten Album mit eigenen Texten neue Songs veröffentlicht. Und warum es die Leute immer noch auf ihre Konzerte zieht.

Ob sie wollen oder nicht, Slime sind für ganz viele ihrer Fans eben alte Helden. Und keine Deutschpunk-Band, die sich in den letzten Jahren wieder zusammengetan hat, hat so ein bedeutsames und daher schwer wiegendes Erbe zu wuchten. Nach sieben Jahren fast reiner Live-Tätigkeit (das 2012er Album ‚Sich Fügen Heißt Lügen‘ vertonter Mühsam-Texte soll hier mal geflissentlich ignoriert werden) soll nun aber nicht mehr nur aus alten Zeiten gschöpft werden. Fast trotzig wirkt daher der Albumtitel. Und wie um dem noch mehr Nachdruck zu verleihen, wurde ‚Hier und Jetzt‘ mit 16 Songs sehr lang gestaltet. Dabei hätte man der Prägnanz halber auf das eine oder andere Stück (‚Der 7. Kontinent‘ etwa) verzichten können.

All die Themen und Gedanken gelten allerdings wohl der Suche nach dem richtigen Kurs. Schließlich ist das Heute voller Probleme und verwirrend unübersichtlich:

‚Hier und jetzt sind wir immer noch da, auch wenn der Weg nie zuvor so im Dunkeln lag.‘

Es geht nicht mehr schnurstracks in eine klare Richtung. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht, ist das ein Grund dafür, dass Slime fünf Jahre gebraucht haben, um neue Songs zu erdenken. Und noch viel länger, wenn man bedenkt, dass sich auf ‚Sich fügen heißt lügen‘ keine bandeigenen Texte befanden. Musikalisch zumindest fand man für das neue Album inspirierende Unterstützung z.B. bei Frank Nowatzki (Beton Combo), Rod Gonzales (Die Ärzte), Paul von Wakes und Enrico von Los Fastidios, den Bläsern von Seeed bis hin zu den Rappern Swiss und Pablo von den Irie Révoltés.

Trotzdem wird sich auf ‚Hier und Jetzt‘ in musikalischer Hinsicht kaum mit Ruhm bekleckert. Viel Midtempo, kaum prägnante Melodien. Dafür viele bemühte Riffs und Gitarrensolos, was typisch anmutet für in die Jahre gekommenen, etwas nostalgische Punkrocker. Das Ende ist stark, ja (‚Für alle Zeit‘). Eh man dahin gelangt, muss man aber Einiges an Phrasen aushalten, die man doch schon so oft gehört hat:

‚Fünf Finger sind eine Faust.‘

(‚Hier und Jetzt‘),

‚Entweder bist du ein Teil der Lösung oder du bist Teil des Problems.‘

(‚Bekenntnis zu einem Paradoxon‘),

‚Doch es geht immer nur ums Geld in eurer ach so heilen Welt‘

(‚Spinner‘). Gemeinsamkeit schaffen und Zusammenhalt, alles schön und gut. Aber beflügelnder war es doch, als Slime noch ihre eigenen Worte gefunden haben und die Szene sich sloganmäßig an ihnen bediente – und nicht umgekehrt. But again: Die Legitimierung dazu liefern sie in ‚Spinner‘ selbst:

‚Und ziemlich krass ist, dass sich im Grunde wirklich nichts verändert hat.‘

Daran kann man fast verzweifeln. Darum: Ja, es ist gut, dass es Slime – wieder oder immer noch – gibt. Denn das eigentliche Problem ist ja schließlich, dass es kaum junge Bands gibt, die so klare Aussagen mit so einer Reichweite raushauen. Und dafür können Slime ja nun wirklich nichts. Aber einen Jeden prägt seine Vergangenheit, und ‚Hier und Jetzt‘ gereicht dem Gesamtwerk der Hamburger nun mal nicht wirklich zur Ehre.

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