HAGGARD, SOUND STORM, UNSHINE – Kuscheliges Familientreffen

Haggard-Konzerte haben immer was familiäres, egal wie groß das Auditorium ist. Das Publikum ist bunt gemischt, alle bekommen, was sie erwarten und die Band scheint irgendwie jedes Gesicht vor der Bühne zu kennen. Wenn dann noch mit Sound Storm alte Bekannte dabei sind und mit Unshine jemand neues dazukommt, fühlt es sich tatsächlich wie ein Familientreffen an. Entsprechend wohlig war es dann auch Ende September im Karlsruher Substage. 

Die Rolle der neuen Freundin haben die finnischen Gothic Metaller Unshine übernommen, die natürlich ihr aktuelles Werk „Astrala“ präsentierten und mit recht untypischen und schweren Songs wie Visionary’s Last Breath eine interessante Atmosphäre beschworen. Da die Band ihre Musik selbst Druid Metal tituliert, wogten spannende Gesangslinien über die Gitarrenwand, die in sphärische Refrains mündeten. Insgesamt ein spannender Auftritt, der nicht mit dem Attribut schmeichelnd, sondern sperrig beschrieben werden kann. 

Sound Storm sind bereits mehrfach mit Haggard auf Tour gewesen, somit wirkte das Package noch vertrauter, dennoch zeigten sich die Turiner grundverändert. Neue Songs, neuer Drummer und statt einem Sänger nun eine Doppelspitze aufbietend, ließ sich der Gig gegenüber Mastermind und Gitarrist Valerio Sbriglione nach dem Auftritt schlicht mit „It was a blast“ zusammenfassen. 

„Die Idee, mit Haggard zu touren entstand 2012, als wir die ersten Shows zusammen gespielt haben. Seitdem sind wir seit Jahren in Kontakt, die ersten Ausgaben der „Symphonic Blast“- und der „Dragonfest“ -Tour waren sehr erfolgreich. Wir haben uns sehr oft beieinander gemeldet und wenn die Touren sehr gut liefen, warum tust du es dann nicht wieder? So, hier sind wir“, erklärt Valerio die erneute gemeinsame Gastspielreise. Und obwohl Sound Storm und Haggard musikalisch recht weit auseinanderliegen, harmonierte die Zusammenstellung und Sound Storm konnten das Publikum mitreißen, was zum einen wohl daran liegt, dass Haggard-Fans sehr aufgeschlossene Gesellen sind, zum anderen auch, dass die Band sehr starke Songs extrem eingespielt und wuchtig präsentierte. „Ich muss sagen, dass sowohl Haggards Fans als auch unsere eigenen auf der Tour, die wir zusammen gemacht haben, unglaublich waren. Offensichtlich sind Haggard so eine wichtige Band, dass die meisten Leute kommen, um sie zu sehen. Aber ich muss sagen, dass wir auf dieser Tour einige Leute hatten, die für Sound Storm kamen und das war überraschend und aufregend. Wir hatten das Gefühl, dass diesmal alles einen Schritt weiter ging als zuvor, das neue Line-Up bekam eine erstaunliche Resonanz vom Publikum und die neue Single wurde abgefeiert.“ 

Neben dem spektakulären „To The Stars“, mit dem sich Sound Storm wieder mal grunderneuert haben und sehr melodischen, zweistimmigen Symphonic Metal mit leicht elektronischer Komponente präsentierten, gab es natürlich alle wichtigen Songs vom Überalbum „Vertigo“, für das natürlich die Gesangslinien von Vorgänger Fabio gesplittet werden mussten für Sänger Andrea und Frontfrau Chiara. Das Ergebnis zeigte sich in einer noch vielfältigeren und extremeren Version von Songs wie „The Dragonfly“, „Metamorphosis“, „Forsaken“, „Back To Life“, „The Portrait“ oder „Torqemada“, bei denen sich beide Fronter anschmachteten, growlten und großes Spektakel boten. Drummer Mattia sorgte mit seinem massiven Punch und gemeinsam mit Bassist Massimiliano für ordentlich Druck, Keyboarderin Elena mit ihren Klangteppichen für wundervolle Epik und Gitarrist Rocco neben Valerio für den Showfaktor. 

Auf diesen akustisch durchpflügten Acker konnten Haggard natürlich leicht ihre Saat ausbringen. Bandchef Asis Nasseri zeigte sich einmal mehr sympathisch, als er zu Beginn einen Song abstoppte, weil eine Nachwuchsmusikerin aus dem Bandtross sich vor der Bühne die Ohren zuhielt ob der Lautstärke und um ihre Gesundheit nicht zu gefährden Asis die Show stoppte, bis sich die Kleine dezibeltechnisch in Sicherheit brachte. Jubel brandete auf für diese Fürsorgegeste, Asis lobte das Publikum für viele bekannte Gesichter und die Band zeigte sich einmal mehr auf höchstem spielerischen Niveau, wenn derber Death Metal mit filigraner Klassik einher tanzt. 

Was macht man, wenn man seit gefühlt Ewigkeiten kein neues Material mehr veröffentlicht hat? Genau, man zelebriert die eigene Vergangenheit mit noch mehr Hingabe und Wucht und gibt den Fans, die das überhaupt nicht stört, was sie wollen: Die großen Hits der Band vom Schlage „The Final Victory“, „Awakening The Centurys“ oder „The Observer“, dazu euphorisch bangende Musiker und die perfekte Symbiose zwischen heftigen Riff-Attacken und gleichberechtigter Klassikpassagen. 

Das geplante Konzeptalbum zum Thema „Grimm“ lässt zwar weiterhin auf sich warten, aber die Zwischenzeit lässt sich so gut überbrücken. Wer den ersten Teil der Tour verpasst hat, kann sich von der Top-Form der Musiker hier überzeugen:

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