Grobschnitt – Zurück in die fetten Jahre

Die "Black And White"-Vinyl-Reihe von Grobschnitt war definitiv ein Highlight unter den Vinyl-Reissue-Kampagnen der letzten Jahre. Nicht nur aufgrund der enthaltenen Musik - sondern eben auch aufgrund der Mühe, die sich die Band mit den Neuausgaben gemacht hatte. Nun geht die "Black & White"-Serie also weiter - und diesmal sind die generell als Hochphase der Band betrachteten späten 1970er dran.

Neben der englischsprachigen Ausgabe von „Jumbo“ und dem Übergangswerk „Merry-Go-Round“, das wie die Alben vieler Kollegen den Weg in die kommerzielleren Achtziger und zu kürzeren Songs wies, sind mit „Rockpommel’s Land“ und „Solar Music Live“ die ziemlich diskussionslos besten deutschen Progscheiben überhaupt dran. Um das Fazit mal vorwegzunehmen, die beiden Scheiben muss man, wenn man sich für’s Genre interessiert, zumindest kennen. Alle vier Alben kommen natürlich wieder im Gatefold und als fette 180g-Pressung in Schwarz mit Bonus-Live-LP in weißem Vinyl (deshalb der Titel der Reihe). Die Bonus-Discs orientieren sich am Zusatzmaterial der „79:10“-Remasters, sind aber nicht komplett identisch. So wird teilweise auch auf Material der seit Jahren vergriffenen „Grobschnitt-Story“-Compilationreihe zurückgegriffen, und als Schmankerl gibt es noch die Lyrics sowie jede Menge zeitgenössisches Bild- und Textmaterial auf zwei vierseitigen, vollfarbigen 12“-Einlegern.

jumboe.jpg „Aber der Reihe nach. Wie erwähnt macht die englischsprachige Version von „Jumbo“ den chronologischen Anfang. Musikalisch gibt es hierbei keinen Unterschied zur deutschsprachigen Version – abgesehen natürlich von den Texten. Am deutlichsten fällt der Unterschied bei ‚Vater Schmidt’s Wandertag‘ beziehungsweise ‚The Excursion Of Father Smith‘ auf – nicht nur wegen des Zungenbrechertitels, sondern auch, weil der englische Text statt beißenden Spotts eher den moralischen Zeigefinger hebt. Als Fan muss man natürlich beide Versionen haben – auch, weil die Bonustracks sich unterscheiden. So gibt’s bei der englischen Version die Vinylpremiere des im Studio meines Wissens nie aufgenommenen „A.F. Song“, der in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern zum Standardrepertoire von Grobschnitt-Gigs zählte. Zwar sind auf beiden Versionen Livetakes von ‚Father Smith‘, ‚The Clown‘ und ‚Sunny Sunday’s Sunset‘ enthalten, aber aus verschiedenen Shows. Dem Gelegenheitsfan wird also eine Version reichen – die persönliche Präferenz des Rezensenten geht trotz des „A.F. Song“ zur deutschsprachigen Ausgabe.

rpl.jpg „Zehn Monate arbeitete die Band an ihrem vierten vollständig neuen Studioalbum – und das Endergebnis konnte sich sehen lassen. Wohl hatten auch die ersten drei Alben jeweils klare Weiterentwicklung erkennen gelassen, aber der Sprung zu „Rockpommel’s Land“ dürfte dann doch auch die härtesten Fans überrascht haben. Fast komplett weg waren die anarchischen Albernheiten, stattdessen erzählte das Album ein Märchen über den kleinen Jungen Ernie, der mit Hilfe des Zaubervogels Maraboo die Menschheit rettet und eine Bockwurst isst (ich sagte „fast“). Daß die Geschichte dabei atmosphärisch etwas an Michael Endes Romane „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ erinnert, die ebenfalls Gesellschaftskritik in märchenhaft-lyrischer Verpackung servierte, deutet weniger auf die Lesegewohnheiten der Groben hin als eher auf den Zeitgeist der Siebziger hin – „Die unendliche Geschichte“ erschien nämlich erst zwei Jahre später. Auch die psychedelischen und experimentellen Elemente fehlten vollkommen – stattdessen gab es reinen, bombastischen und getragenen Prog in der Manier entspannterer Yes-, Genesis– und Camel-Werke. Höchst eingängige Melodien, gefühlvolle Gitarren, getragene Synthie-Flächen und ausladende, bis ins Detail durchdachte Kompositionen sorgten dafür, daß Grobschnitt ohne Frage hier ihr Meisterwerk erschaffen hatten. Abgerundet wurde das Ganze von einer exzellenten Produktion, die auch heute noch transparent und dynamisch klingt – und dem wunderschönen, im Stil von Roger Dean (Yes, Camel, Asia) gehaltenen Artwork. Die Bonus-LP enthält das komplette Werk noch einmal als Live-Version – zwar wurden die bei den Shows und auf der CD-Fassung enthaltenen Spoken-Word-Passagen bei der Bonus-LP gestrichen, doch das sorgt tatsächlich in diesem Fall für einen Zugewinn, da man die Musik ungestört und „pur“ genießen kann und ‚Ernie’s Reise‘ ganz privat miterleben kann. Ein 12×12-Zoll-Print eines Bandfotos rundet die Sache ab – auch wenn das Frontover zum Einrahmen natürlich [i]noch[/i] coler gewesen wäre.

sml.jpg „Für die, die die psychedelischen Exzesse der Band auf „Rockpommel’s Land“ vermisst hatten, wurde im Folgejahr mit der ersten Live-LP der Band gesorgt. „Solar Music Live“ enthält denn auch, dem Titel entsprechend, nur einen einzigen Song: das vom „Ballermann“-Album stammende ‚Solar Music‘, das seit Veröffentlichung einer der Höhepunkte einer jeden Grobschnitt-Show war – und der Song, bei dem jeder der Instrumentalisten mal so richtig „die Sau raus lassen“ konnte. Von der Struktur der 33minütigen Studiofassung noch recht nahe, legte die Livefassung aber nochmals zwanzig Minuten Spielzeit zu. Daß das Ganze nicht langweilig wird, liegt hauptsächlich daran, daß bei Grobschnitt keinerlei virtuose Egobefriedigung a la Emerson, Lake & Palmer oder Deep Purple Mk.II betrieben wurde. Nein, die komplette Band steigert sich über die – gar nicht sonderlich komplexe – Struktur des Stückes in einen Spielrausch, der komplett als Mannschaftsleistung in einer fast körperlich spürbaren Energie und Kraft gipfelt, die den Hörer erst wieder zum getragenen Ende loslässt. „Bewusstseinserweiternd“ und wird in diesem Zusammenhang gerne als Beschreibung genutzt – na, ich weiß nicht. Denn seien wir ehrlich: wer bewusstseinserweiternde Drogen genommen hat, wird auch in der Windows-Startup-Musik eine unfassbar emotionale Klangwelt finden. Grobschnitt schaffen aber mit „Solar Music Live“ eben das Kunststück, den Zuhörer auch ohne Hilfsmittel für 53 Minuten „abfliegen“ (Zitat) zu lassen. Die Bonus-LP enthält eine weitere „Solar Music“-Liveversion, die ein gutes Stück aggressiver als die bekannte Fassung klingt, aber nicht ganz so intensiv. Dennoch, gerade im Direktvergleich eine schöne Zugabe.

mgr.jpg „Das 1979er „Merry-Go-Round“ war schießlich das erste Grobschnitt-Album seit „Ballermann“, das nicht mit Krautrock-Guru Conny Planck als Produzent aufgenommen worden war. Dahinter stand auch ein klarer Plan: die Band wollte sich bewusst aus ihren vertrauten Strukturen lösen und musikalisch weiterentwickeln. „Rockpommel’s Land“ hatte die lyrische Seite des Band-Sounds soweit getrieben wie möglich und „Solar Music Live“ hatte das Selbe für die psychedelisch-spacige Seite getan. Es musste also nach neuen Wegen gesucht werden. Deshalb gingen auch Grobschnitt den gleichen Schritt wie viele ihre britischen Prog-Zeitgenossen und widmeten sich einfacheren Strukturen, rockigeren Sounds und gar Popelementen. Ähnlich wie bei „And Then There Were Three“ (Genesis) war auch „Merry-Go-Round“ immer noch ein im Prog verwurzeltes Album, gar nicht soooo weit weg von den Vorgängern, aber eben auffallend weniger ausufernd. Dennoch, der kraftvolle Opener ‚Come On People‘ oder das atmosphärische, aber in typischem Grobschnitt-Klamauk endende ‚Du schaffst das nicht‘ sind natürlich großartige Songs und für alle Fans der Band unverzichtbar. Auch die Disco-Parodie ‚A.C.Y.M.‘ hat trotz einiger Längen auch ein paar typische Grobschnitt-Aha-Momente zu bieten. Die Fangemeinde spalten könnten hingegen Songs wie ‚May Day‘ oder ‚Coke Train‘, auf denen sich Grobschnitt eher in – relativ! – konventionelle Spätsiebziger-Mainstream-Rock-Gefilde begeben. Experimente, die zwar durchaus gelungen sind, aber für harte Grobschnitt-Fans womöglich etwas, nun ja, gewöhnlich tönen könnten. Als Bonus gibt’s hier vier Album-Tracks in raueren Livetakes, einen kurzen Sketch (dessen Pointe ohne die visuelle Komponente natürlich höchst rätselhaft bleibt) und die ‚Koblenzer Sinfonie‘, einer amüsanten Bandvorstellung zur Musik des Debütklassikers ‚Sinfonie‘, die bislang als ‚Zugabe Koblenz‘ auf einer Ausgabe der „History Of Solar Music“ erhältlich war. Auch hier gibt es wieder einen 12×12-Zoll-Print mit einem zum Jahrmarkt-Thema passenden Grobschnitt-Lebkuchenherz.

Auch die zweite Staffel der „Black & White“-Serie setzt also wieder Maßstäbe für Vinyl-Reissues. Man darf also gespannt sein auf die nächsten Scheiben der Reihe: schließlich folgen dem Gesetz der Chronologie nach als Nächstes die Alben der frühen Achtziger, mit denen Grobschnitt sich nicht nur personell veränderten, sondern auch musikalisch mit New-Wave- und Pop-Elementen experimentierten. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Bewertungen:

Jumbo (englisch): 2
Rockpommel’s Land: 1+ (Klassiker!)
Solar Music Live: 1+ (ditto!)
Merry-Go-Round: 2

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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