ERIC CLAYTON & SAVIOUR MACHINE – Eine Zeitreise von 1992 bis 2020

Die Geschichte der christlichen Gothic-Rock-Pioniere Saviour Machine ist zu großen Teilen die Geschichte von Sänger und Frontmann Eric Clayton. 1993 steht die 1989 gemeinsam mit seinem Bruder Jeff Clayton (Gitarre) gegründete Band mit ihrem Debütalbum an der Schwelle zum großen kommerziellen Durchbruch. Der Bandname ist vom gleichnamigen Song von David Bowies Album „The Man Who Sold the World“ abgeleitet, Bowie ist Claytons größter künstlerischer Einfluss. Die Musikpresse ist vom Debütalbum begeistert, die Fangemeinde wächst. „Saviour Machine I“ ist seiner Zeit voraus, die theatralische Inszenierung mit weißer Schminke und langem Gewand trifft einen Nerv, die Mischung aus Gothic Rock und Symphonic Metal ist emotional, melancholisch, mysteriös – fantastisch.

Die ersten Jahre – Begeisterung und Kontroversen

Zu einer Zeit, in der alles im Schatten von Grunge steht, nahezu alle berühmten Metalbands in einer tiefen Krise stecken, entwickeln sich mit einigen Jahren Verzögerung in der christlichen Rockmusik-Parallelkultur mit Bannerträger Stryper die ersten „extremen“ Metalbands. Die australischen Death-Metaller Mortification veröffentlichen 1992 ihr Magnus Opus „Scrolls of the Megilloth“, im Jahr darauf erscheint „Hellig Usvart“ von Horde, das erste christliche Black-Metal-Album. In konservativ-christlichen Kreisen in den USA finden sich solche Bands von allen Seiten angefeindet, so auch Saviour Machine. Die christliche Rechte stört sich an der theatralisch-düsteren Bühneninszenierung und den bildgewaltigen, teils erotischen Texten.

Legion moves over the land
Softly he whispers, his forces command
Naked she lies on the crucifix crying
The tears of the innocent die
The dragon slides between her thighs
The dragon breathes the fire
As blood drips from her eyes
Until delivered of the child

Saviour Machine – Textauszug aus „Legion“.

Konzerte werden abgebrochen, das Album aus den im Heimatmarkt wichtigen christlichen Buchläden verbannt. Mit der Veröffentlichung von „Saviour Machine II“ erfolgt ein erneuter Schub – in Europa und vor allem Deutschland wächst die Fangemeinde und man führt 1995 und 1996 erfolgreiche Touren durch. 1996 erscheint das fantastische „Live in Deutschland“, 1997 tritt die Band am Wacken Festival auf.

Legend – Ein folgenschwerer Stilwechsel

Mit dem ersten Teil der Legend Trilogie im Jahr 1997 trifft die Band eine in mehrerlei Hinsicht folgenschwere Richtungsentscheidung. Die musikalische Neuausrichtung als umfangreiche und alles andere als „leicht verdauliche“, stark an der Klassik orientierte Rock-Opera über die biblische Apokalypse wird von den Fans verhalten aufgenommen. Der Stilwechsel erfolgt für die meisten Metalheads in der Fangemeinde wohl zu abrupt, die Musik selbst ist zu progressiv oder schlicht nicht „metallisch“ genug. Die komplette Vertonung der Offenbarung des Johannes ist unglaublich ambitioniert, vom künstlerischen Standpunkt aus höchst progressiv und innovativ. 1998 erscheint „Legend Part II“.

In den folgenden Jahren führen ernste gesundheitliche Probleme (Bei Clayton wird das Barrett-Syndrom (Speiseröhrengeschwür mit erhöhtem Krebsrisiko) diagnostiziert) sowie Claytons Perfektionismus und die schiere Größe des Projekts zu langen Verzögerungen. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center im Jahr 2001 gerät Eric ob seiner inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Weltuntergang (Legend III.I erscheint 2001) sogar ins Visier des FBI! Erics Bruder Jeff steigt im gleichen Jahr ohne Angabe von Gründen aus der Band aus, was unter den Fans zu weiteren Spekulationen führt.

Saviour Machine Live in Deutschland 1995 – Ein legendäres Konzert.

Eric Clayton, Pressefoto, 2020

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Tausend Narben. Und "A New Man". 2020 ist Eric Clayton mit sich selbst und der Welt im Reinen.

2004 ist er auf dem Ayreon-Album „The Human Equation“ in der Gesangsrolle als „Reason“ (Vernunft) zu hören. Für den 7.7.2007 wird die Veröffentlichung von „Legend III.II“ angekündigt – das Datum verstreicht ohne Release. Saviour Machine sind inaktiv. Eric veröffentlicht 2010 die „Collective Journals (1997-2009), autobiografische Tagebücher, um seiner Fangemeinde mitzuteilen, was in der langen Zeit des alles passiert ist.

Saviour Machine „Unmasked & Unplugged“ (2010/2011)

Im Jahr 2011 und 2012 finden je eine Handvoll „Unmasked and Unplugged“ Konzerte in Holland und Deutschland statt. Die intimen Abende in ausgewählten, exklusiven Veranstaltungsorten werden von den Fans als willkommenes Lebenszeichen angesehen und sind in kurzer Zeit ausverkauft.

Die geschäftlich-rechtlichen Probleme erreichen mit der von Eric Clayton nicht autorisierten Veröffentlichung von „Legend III.II“ im Jahr 2011 durch Massacre Records ihren traurigen Höhepunkt und gipfeln in einem öffentlich ausgetragenen Streit. In der Folge brennt Eric aus, sein Leben ist ein Scherbenhaufen, seine langjährige Ehe scheitert. Eric zieht sich desillusioniert und erschöpft endgültig aus dem Musikgeschäft zurück. Saviour Machine sind tot und die Legend-Trilogie bleibt bis heute unvollendet. Mit ein paar Habseligkeiten und einem Baseballschläger zieht er sich in einen Wohnwagen in die Wüste von Utah zurück, fest entschlossen, von niemandem gefunden zu werden.

Ayreon ist „Schuld“ am Bühnencomeback 2015

2015 plant Ayreons Arjen Lucassen, „The Human Equation“ mit den Original-Sängern auf die Bühne zu bringen. Es bedarf langer Überzeugungsarbeit von Lucassen, Clayton für das Projekt zu gewinnen, der mit dem Musikgeschäft abgeschlossen hatte. Gleichzeitig ist es ein kleiner Funke, Eric steht wieder auf einer Bühne, die Aufführung ist ein Erfolg.

Eric Clayton als „Reason“ in „The Theater Equation“, Niederlande, 2015

Bowie Cover-Album und Eric Clayton & the Nine

2017 stirbt Erics großes Vorbild David Bowie. Über den Lauf eines Jahres beginnt er mit seinem Bruder Jeff an einem Tribute-Album zu arbeiten. Jeden Monat veröffentlicht er auf Bandcamp eine Interpretation eines Bowie-Songs. Zum 20. Jahrestag des Saviour-Machine-Auftritts auf dem Wacken Festival erfolgt im gleichen Jahr die völlig überraschende Ankündigung eines neuen Saviour Machine Albums, das sich musikalisch an den ersten beiden Alben orientieren soll. 2018 überrascht er mit seiner neuen Band „Eric Clayton & the Nine“, mit der er in Europa Konzerte mit Saviour Machine Songs und Rockklassikern wie „Helter Shelter“ oder „Sympathy for the Devil“ präsentiert. Die Fans fragen sich, was aus dem angekündigten Saviour Machine Album geworden ist.

2020 veröffentlicht Eric Clayton sein Solo-Debüt „A Thousand Scars“. Das neue Saviour Machine Album ist nicht vom Tisch.

Hier geht es zum Interview mit Eric Clayton von Mai 2020.

„A Thousand Scars“ Album Playlist. Was für ein Comeback!

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Fotos: Eric Clayton, Harry Heuts, Andreas Voßeler

Header: Sven Scheffel

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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