Kategorie: review

Our Love

Neo-Flowerpower, schmierfreie Synthie-Farbkleckse und legerer Midtempo-Beat: Unter dem Deckmantel sanguiner Farbenfreude widmet sich Blumenmädchen Dan Snaith auf seinem neuen Album der einzig wahren Album-Thematik: der Liebe. Genauer: unserer Liebe. Aber welcher denn auch sonst? Der der Blattläuse?

Der Opener ‚Can’t Do Without You‘ hat es mit seinem überbeanspruchten Kehrvers längst unter die Nervensägen der Saison geschafft. Böse sein kann man dem Dancefloor-Doc mit dem schütteren Haar dafür irgendwie trotzdem nicht; Liebe nervt halt manchmal. Ganz nah ran an seine HörerInnen wollte der promovierte Mathematiker mit diesem Album, näher noch als Sven Plöger mit seinem integrativen Wetterbericht an die Fernsehzuschauer. Dazu reicht er ihnen freundlich die Hand mit im weiteren Sinne housigen, diskotauglichen Elektro-Beats, die sich aber schließlich als introspektiver und fordernder erweisen, als sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Die bunten Farbkleckse sind unter lauwarmem Wasser flott abgespült; zum Vorschein kommt schwierige Substanz. Ein Glück, denn so hat man an ‚Our Love‘ noch lange nach dem ersten Dreh sein Vergnügen. Beziehungsweise zu knabbern: Caribou beleuchtet die Chose ganzheitlich und – würde man auf seinem akademischen Hintergrund herumreiten wollen – mit mathematischer Genauigkeit.

Begonnen von den düsteren Bass-Loops und Owen Palletts Streichereinsätzen in ‚Silver‘ über die (im Grunde abkömmlichen) Gesangspassagen Jessy Lanzas in ‚Second Chance‘ bishin zu den aquatischen Klangfiguren von ‚Dive‘ haben auf ‚Our Love‘, das sich gelenkig in den Spalt zwischen Melancholie und Beschwingtheit lehnt, verblüffend viele Ideen ihren Platz. Bröckchenweise Gesangssamples piksen dem Hörer Mal für Mal in die Seite, Echos verpuffen im Rückraum, Synthie-Nebel verhüllen Snaiths fragile Vocals teils bis zu deren Entfremdung und reißen sie wie ein Krake mit in die Tiefe. ‚Back Home‘ betreibt angestrengt Fehleranalyse einer gescheiterten Beziehung, den exotischen Touch besorgt ‚Mars‘ mit Panflöten-Synths und Ethno-Drumming und ‚All I Ever Need‘ zeigt, wie sich aus einem Einsteigersatz synthetischer Bauklötzchen die großartigsten Aufbauten bewerkstelligen lassen. Und weil das so klasse klingt, greift Caribou es im letzten Track, ‚Your Love Will Set You Free‘, in einer nur leicht abgewandelten, gedrosselt-verdunkelten Reprise wieder auf. Auch sonst ist ‚Our Love‘ ein Album der Revisionen: kaum ein Stück, das nicht auf den zweiten oder dritten Blick seine Gestalt, Stimmung oder Farbe zu wandeln scheint.

Darin wird es seinem Gegenstand letztlich nur gerecht. Liebe ist nicht die Kristallsphäre, als die andere Künstler sie sich gern vorstellen, und genau deswegen hat Caribou Facetten drangeschliffen. Die lässt er gekonnt im Lichte rotieren: ‚Our Love‘ ist eine erfrischend unlogische Fortsetzung seines tollen Vorgängers ‚Swim‘ von vor vier Jahren; es ist konnex, in sich stimmig (aller Psychedelika zum Trotz), legt aber zugleich ob seiner Spannweite keine ausfüllenden oder sonst vernünftigen Anspieltipps nahe. Die Liebe, sie ist immer unterschiedlich. Und nimmt immer wieder von Neuem ihren Lauf.

‚All my life girl / people treat me bad / But my next love / will be the best I ever had‘

, sinniert der ironischer Weise seit Jahren glücklich verheiratete Musiker. Wollen wir es ihm noch mal durchgehen lassen.

Blood In Blood Out

Was für ein Brett! Exodus sind eine der wenigen Bands, die man immer nach wenigen Sekunden erkennt, egal, welcher Sänger gerade das Mikro zerlegt. Diese Drum-Philosophie mit den Gary Holt-Riffs sind unverwechselbar und trainieren automatisch den Nacken.

Zehn Jahre nach „Tempo of the Damned“ ist Steve Souza wieder da, der mit seinem fiesen Organ die Songs nach vorne peitscht und dem Material nochmal einen Kick verleiht. Die Produktion ist kraftvoll, aber nicht poliert und zeigt trotz jeder Menge Rotz die Feinheiten der Kompositionen.

Exodus liefern Geschwindigkeitsattacken oder schwere Riff-Monster, die trotz aller Härte und Aggressivität genügend Eingängigkeit besitzen, um als kleine Hits durchzugehen. So überzeugt der Titeltrack mit einem Mitgröhl-Refrain vorm Herrn, „Body Harvest“ mit seinen Gangshouts, „Collateral Damage“ und „Honor Killings“ durch kompromisslose Geschwindigkeit oder „Food For The Worms“ mit fetten Breaks. Ein weiterer Höhepunkt: Kirk Hammett von Metallica steuerte ein Solo zu „Salt The Wound“ bei und hat damit wohl einen der besten Songs, an dem er in den letzten Jahren mitgewirkt hat, gestaltet.

Exodus sind zwar die Urgesteine der Thrash-Szene, gehören mit Scheiben wie diesen aber noch lange nicht zum alten Eisen. Im Gegenteil: Viele Jungspunde werden einmal mehr staunen, dass die ergrauten Herren für eine Wand aufziehen.

Songs From The Big Chair (Deluxe Edition)

Wer „Songs From The Big Chair“ als Perle der Popmusik bezeichnet, liegt richtig. Curt Smith und Roland Orzabal ist mit dem Album ein unsterblicher Klassiker gelungen, der nun kurz vor seinem 30. Jubiläum steht. Auch drei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung sind die Megahits des Albums, „Shout“ und „Everybody Wants To Rule The World“, regelmäßig und häufig im Radio zu hören.

Neben den beiden Hitsingles erschien „Mothers Talk“ schon deutlich vor dem Album im August 1984. Im Folgejahr wurden noch das großartige „Head Over Heels“ und die supersofte, beinahe jazzige Ballade „I Believe“ ausgekoppelt, allerdings ohne eine vergleichbar nachhaltige Wirkung wie die anderen Singles. Nicht unbedingt radiokompatibel, aber gleichermaßen großartig sind „The Working Hour“ und „Listen“.

„Songs From The Big Chair“ erschien schon 2006 erstmals als „Deluxe Edition“. Für die Neuauflage der Neuauflage wurde das hervorragende Album noch mal remastert. Alles in allem eine ordentliche Sache, aber besonders audiophile Fans und Kenner werden feststellen, dass die Abmischung etwas zu laut geraten ist und damit leider dem umstrittenen Trend entstpricht.

Genau wie bei der ersten „Deluxe Edition“ ist auf zwei CDs reichlich Bonusmaterial zu finden. Und das unterscheidet sich sogar noch ein wenig von dem auf dem Vorgängermodell. Neu auf CD 1 ist „The Conflict“, das allerdings etwas fehl am Platz wirkt, denn es ist die B-Seite der Single „Change“. Die wiederum stammt vom Vorgängeralbum „The Hurting“ und ist auch auf dessen „30th Anniversary Edition“ drauf, hier also überflüssig.

Die zweite CD von 2006 enthielt zwölf Tracks, die neue enthält 16, teilweise auch anders angeordnet. Wesentliches Novum sind zwei Versionen von „Everybody Wants To Run The World“ (ja, „Run“ heißt es hier). Es handelt sich um die ’86er-Neuaufnahme von „… Rule The World“ anlässlich der „Sport Aid“-Kampagne. Roland Orzabal sagte einst, Tears For Fears hätten den Song aufgenommen, damit Bob Geldof endlich Ruhe gäbe. Er hatte es der Band offenbar sehr übel genommen, dass sie nicht bei Live Aid auftraten. Orzabal giftig: „Wir waren offenbar schuld, dass in Afrika Millionen starben.“

Extralange Mixes von „Mothers Talk“ oder „Shout“ sind auf der „Deluxe Edition“ leider nicht mehr dabei. Ihren Platz haben nun deutlich kürzere US-Versionen eingenommen. Obendrauf gibt es noch ein aktuelles Interview mit Roland und Curt, die derzeit übrigens an einem neuen Album arbeiten. Doch auf einer Doppel-CD wirkt so ein Wortbeitrag eher unpassend.

Wer die extralangen Versionen vermisst oder wem das Programm der „Deluxe Edition“ nicht genügt, der greift zur limitierten „Super Deluxe Edition“, die der eigentliche Anlass für die Neuveröffentlichung ist. Sie enthält auf sechs Bild- und Tonträgern unter Anderem einen 5.1-Mix des Albums von Mastermind Steven Wilson, der für seine Abmischungen inzwischen berühmt ist. Eine Live-DVD ist auch dabei, außerdem ein reproduziertes Tourprogramm und ein Booklet. Wahlweise gibt es auch noch Vinyl-Formate, alles natürlich in einer schicken Box.

Die „Deluxe Edition“ fällt damit in gewisser Weise dazwischen. Wer ein echter Fan von Tears For Fears ist, braucht die große Version. Wer sich nicht dazu zählt, aber etwas mehr als die Hits mag, der greift zum mittlerweile günstig erhältlichen Standardalbum (remastert natürlich auch als Download erhältlich). Fragt sich also: Wer kauft jetzt die normale „Deluxe Edition“ auf zwei CDs? Schade eigentlich, denn gelungen ist sie.

Sonic Highways

Da ist es nun also, das neue Foo Fighters Album. „Sonic Highways“ ist Studioalbum Nummer acht in der knapp 20-jährigen Bandgeschichte der Herren um Ex-Nirvana-Drummer Dave Grohl. Begleitet wurde die Veröffentlichung des Albums von einem wohl noch nie dagewesenen PR-Kreuzzug. Vor allem das Konzept, jeden der acht Songs in einem anderen Studio einer US-Metropole aufzunehmen und dies gleichzeitig noch mit einer vielbeworbenen achtteiligen Dokumentations-Serie zu verknüpfen, sorgte für Aufhorchen und teils für den Vorwurf des kommerziellen Ausverkaufs. Grohl, der sich spätestens seit seiner Musik-Dokumentation über das legendäre Sound-City-Studio nicht mehr nur als Musiker, sondern auch Regisseur sieht, ist jedoch zweifellos auch so etwas wie ein Music-Nerd. Und so scheint es recht weit hergeholt, Grohl zu unterstellen, das alles sei lediglich darauf ausgerichtet, das Album besser zu verkaufen. Abgesehen davon, daß das alleine ja noch nicht verwerflich ist, haben Grohl und seine Mannen das kaum nötig. Ausverkaufte Stadien weltweit, zig Millionen verkaufte Tonträger und elf Grammys sprechen eine klare Sprache. Die Foo Fighters sind eine kommerziell erfolgreiche Alternative-Rock-Band. So what? Die Energie der Live-Auftritte und die wundervollen Rock-Hymnen waren immer tadellos. So gesehen ist die ohnehin viel näherliegende und außerdem ungleich spannendere Frage die nach den Akzenten des neuen Albums. Wie sehr entfernen sich die Foo Fighters mit ihrem Städtekonzept und der Zusammenarbeit mit lokalen Musikgrößen von ihrem eigenen Stil? Und in diesem Zusammenhang stellt sich natürlich auch die Frage nach dem Unterschied zum grandiosen Vorgänger „Wasting Light“.

Die Foo Fighters haben es schon immer verstanden, jedes Album wieder etwas anders zu machen ohne dabei ihre Eigenständigkeit, ihren eigenen Sound zu verlieren. Große Melodien, harte Gitarren und die Powerröhre von Dave Grohl bildeten in der Vergangenheit immer das Fundament für all das. Und das ist auch auf „Sonic Highways“ nicht anders. Und trotzdem ist „Sonic Highways“ recht weit entfernt vom vierfach Grammy-gekrönten Vorgänger. Schon bei den ersten Tönen wird das deutlich: Kein astrein hochpolierter Sound, sondern etwas rauh und kantig ist der bereits vorab veröffentlichte Album-Opener ‚Something From Nothing‘. Ebenfalls ungewöhnlich: Der Rhythmus des prägenden Riffs, das sogar von einem Keyboard akzentuiert wird. Die Midtempo-Nummer macht Appetit, vor allem weil Grohl seine Power-Stimme im Laufe des Songs steigert. ‚The Feast And The Famine‘ ist mit seinem catchy Refrain und dem typischen Foo-Gitarrensound ein vertraut klingender Song – aber auch hier ist die Produktion kantiger als auf früheren Alben. ‚Congregation‘ ist ’ne launige Semi-Ballade – typisch Foo Fighters. Das kann man von der Doppelnummer ‚What Did I Do?/God As My Witness‘ nicht behaupten. Hier haben sich die Gentlemen einmal mehr vor allem was den Sound und die Produktion betrifft, weit von Bisherigem entfernt. Natürlich klingt Grohls Stimme unverkennbar und auch die wundervollen Harmonien erinnern an früheres, aber damit endet das Vertraute fast schon. Der Titel hat den charmanten Touch von Garagenrock – und das soll nicht despektiertlich gemeint sein. ‚Outsider‘ zelebriert ihn weiter, den rauhen, ungeschliffenen Sound – der nochmals etwas weniger nach den berühmten Herren klingt. Und der der erste Titel ist, der zumindest etwas dahinplätschert. Zumindest wenn man an frühere Power-Rock-Hymnen denkt. ‚In The Clear‘ ist beim Text einfach gestrickt – bei der Kurzweiligkeit ist der Song eindeutig wieder um einiges besser als die Nummer zuvor. ‚Subterranean‘ ist eine echte Vollblut-Ballade, mit Streichern oder Streichersamples und in dieser Art bisher von den Foos auch noch nicht gehört worden. Mit ‚I Am A River‘ endet das Album mit dem längsten Song mit über sieben Minuten und einer erneuten Überraschung. Der Song fließt mit Synthesizer-Klängen an, was dem Titel alle Ehre macht und transportiert eine Stimmung, die man bisher wohl kaum mit der Band verband. Mit zunehmender Länge wird eine gelungene symphonische Rock-Ballade daraus, die im Mainstream durchaus absolutes Hitpotential hat. Mit echten Streichern!

Ich kann verstehen, wenn Die-Hard-Fans der Band das neue Album enttäuschend finden. Nicht weil es ein schlechtes Album ist, sondern weil es bei allen Trademarks der Band ziemlich anders klingt als das bisher Dagewesene. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und möchte von seiner Lieblingsband eben immer wieder das gleiche tolle Album haben. Mehr ‚Learn To Fly‘, mehr ‚Monkey Wrench‘, mehr ‚Breakout‘, mehr ‚M.I.A.‘ und auch mehr ‚Walk‘. Obwohl die Band das Gefühl für die großen, gelungenen Rock-Kracher-Melodien deutlich erkennbar nicht verloren hat, variiert sie ihren Stil zumindest mit diesem Album weg von den großen Stadion-Rock-Nummern. Das dürfte bei dem eingangs erwähnten Konzept des Albums eignentlich keine allzu große Überraschung darstellen. Zudem ist der Band mit Sicherheit anzurechnen, daß sie sich weiterentwickeln will, und sei es nur aus bloßem Eigennutz. Ich persönlich finde es gar respektabel und auch couragiert. Trotzdem kommt „Sonic Highways“ für meinen subjektiven Geschmack nicht an den Vorgänger „Wasting Light“ heran, der zugegeben sehr, sehr groß war, für viele gar das beste Album der Band überhaupt. Eins ist sicher: Die Foo Fighters bleiben auch mit diesem Album eine der größten und besten Rockbands da draußen. Und wer das neue Album nicht mag, kann ja auf einen durchaus überragenden Backkatalog zurückgreifen. Oder die Herren live bewundern.

Massive Addictive

Man mag von Amaranthe halten, was man will: Plastik-Sound, Pop-Metal usw. Aber was die Schweden auf „Massive Addictive“ loslassen, kann man nur mit Hit-Alarm beschreiben.

Die Göteborger haben über einem Zeitraum von zwei Jahren an den Songs gearbeitet, die durchweg die Hitformel Perfekte Länge-Refrain nach spätestens einer Minute-flottes Tempo aber nicht zu schnell befolgen, aber dennoch Variabilität und sogar ein gesteigerten Härtegrad aufweisen.

So gibt es eine nahezu perfekte Symbiose aus Modern Metal-Riffs, Elektro-Beats und Pop-Refrains, die durchaus von derben Growls bekämpft werden. Sonic Syndicate trifft auf Roxette mit EDM.

„Dynamite“ ist vom Namen her Programm, Growls und wuchtiger Pop-Refrain werden mit Stakkato-Riffattacke veredelt. „Drop Dead Cynical“ beginnt eigenwillig und fast schon Marilyn Manson-Riffartig, bevor der nächste Hit-Chorus gezündet wird. „Trinity“ ist das nächste Beispiel für einen perfekten Growl-Pop-Radio-Hit, „Massive Addictive“ überrascht mit melancholischer, fast schon zurückhaltender Grundstimmung, was der Band sehr gut zu Gesicht steht.

„Digital World“ wird auf den nächsten Konzerten ein Mithüpfer, mit „True“ und „Over And Done“ werden gemäß „Digital World“ die Smartphones rausgeholt, um diese beiden Balladen zu ummalen. Amaranthe können auch ruhig, wenngleich das gewöhnungsbedürftig ist. Ein Highlight ist zwischen diesen ganzen Hits ist „Danger Zone“, der mehr als Alleskleber im Ohr hängen bleibt.

Natürlich ist alles perfekt und glatt produziert, Sängerin Eliza Ryd optimal in Szene gesetzt und die Songs deutlich auf Kommerz und Hitfaktor gebürstet. Na und? Das Ergebnis zählt und fällt hier mit 13 Volltreffern aus. Kritiker wird die Band sicher nicht bekehren, aber ob sie das überhaupt will? Und wie oft habe ich das Wort Hit in dieser Rezension benutzen müssen? Denn kein anderes ist passender zu dem, was Amaranthe abliefern.

Tellurian

Ruhig und ausgeglichen auf der einen Seite, chaotisch und emotional labil auf der Anderen. Polyrhythmik à la Tool trifft auf an System Of A Down erinnernden mehrstimmigen Gesang und beinahe romantische Ausuferungen bezüglich der musikalischen Konzeption verschiedener Lieder des Albums. Unglaublich dynamisch ist das Gesamtbild, hervorgerufen durch aberwitzig expressionistische, polyphone Melodiebögen im Gesang die eine sehr progressive, treibende Symbiose mit den stark variierenden Metren und Rhythmen eingeht und so für ein schwer zu beschreibendes Hörerlebnis sorgt.

Tatsächlich muss ich zugeben, dass diese Ausdrucksweise selbst mir als Autor starkes Stirnrunzeln bereitet. Hochgestochen und gleichzeitig nichtssagend. Andererseits habe ich keine Ahnung, wie ich das neue Soen-Album anders beschreiben soll. Wiederum, auf der nächst-verschiedenen Seite, frage ich mich, wie ich überhaupt eine realistische Chance haben soll, ein gut gelungenes progressives Produkt einer Metal-Supergroup desgleichen Kalibers, von dem Soen sind, treffend zu beschreiben. Es erscheint ein wenig unfair, vor allem deshalb, weil ich kein Musikprofessor bin und die Wenigsten eine musikalische Tiefenanalyse verstünden. Genug gesabbelt.

Soen sind eine Supergroup, sogar eine, die davon zu profitieren scheint, dass viele Köche im Brei rühren. Mit der aktuellen Besetzung bringt Martin Lopez, seineszeichens Drummer bei Amon Amarth, ordentlichen Bums in die Rhythmus-Sektion. Stünden die Drums für sich alleine und würden sie nicht die ruhig tragende Gangart der Musik begleiten, hätte man den Sound, die Bässe, die Höhen und das daraus resultierende Gesamtbild eher bei Kataklysm oder harten Death-Metal Bands vermutet. Der Gesang dagegen, praktiziert vom Willowtree-Sänger Joel Ekelöf, opponiert hierzu – antidrom zum starken Instrumental-Sound, läuft des Gesangs Melodiekurve gefühlt immer in die entgegengesetzte Richtung, die Bass, Schlagzeug und Gitarre vorgeben, ohne dabei in irgendeiner Weise an Bedeutung innerhalb der Musik zu verlieren.

Es ist wie ein knapp vierzigminütiges Tauziehen, bei dem beide Seiten ständig den Betrag ihrer Zugkraft variieren – und doch bleibt die Summe der Kräfte gleich Null.

Vervain

Liv Kristine ist zweifelslos eine Gothic Metal-Ikone. Mit Theatre Of Tradegy hat sie ein ganzes Genre geprägt, mit Leaves‘ Eyes den Weg fortgesetzt und auch bei ihren Atrocity-Beiträgen gepunktet. Anders sah es bei den Solowerken aus, die eher in poppigere Gefilde tendierten und die Gothic Metal-Fans meist wenig tangierten, auch wenn der Duett-Hit „3 A.M.“ mit Paradise Lost-Sänger Nick Holmes viel Beifall fand.

Das fünfte Soloalbum zeigt nun die Norwegerin von einer überraschend anderen und dennoch vertrauten Seite, denn „Vervain“ bietet keinen Pop, sondern Gothic Rock/Metal-Songs, die an „Aegis“ und noch ältere Sachen minus der Growls erinnern! Eine kleine Sensation…

„My Wilderness“ beginnt mit Lead-Gitarre und einem klassischem Gothic Metal-Riff, dazu diese engelsgleiche, immer wiedererkennbare Stimme, dass man denkt, man hat hier einen neuen Leaves‘ Eyes-Song im Ohr. Angenehm hart, dunkel-melodisch und erhaben, so will man Liv hören!

„Love Decay“ (feat. Michelle Darkness, End Of Green) überrascht nicht minder, dieses gefühlvolle Duett mit seiner prägnanten Bass-Linie versprüht einen derartigen Mittneunziger Gothic-Flair, dass man auf einmal diesen musikalischen Zeiten hinterher trauert. Ein effektives, traditionelles Gothic-Riff, schwarze Melodien und Klavierlinien lassen diesen Song zum nächsten Hit werden.

„Vervain“ beginnt elektronisch und wird zur flotten Gothic Rock-Hymne, „Stronghold As Angels“ feat. Doro lässt seelige „Velvet Darkness They Fear“-Zeiten aufleben und drosselt das Tempo. Beide Stimmen ergänzen sich und harmonieren überraschend gut, insgesamt eine schön dramatische, verzweifelte Atmosphäre.

„Hunters“ setzt den Fokus auf Bass und Elektronik, „Lotus“ auf schwere, balladeske Klänge, während „Two And A Heart“ wieder in alten TOT-Zeiten schwelgt. „Creeper“ klingt nicht minder Oldschool, aber weder verkrampft noch abgekupfert. Eine weitere tolle Nummer mit weiteren Elektronik-Tupfern.

Gedrosselt endet „Vervain“ mit „Oblivious“, dicke Moll-Gitarren, eine melancholische Lead-Gitarre, atmosphärische Keyboardwellen mit schwerem Bombast und die Überraschung ist perfekt.

„Vervain“ ist eine derartige Kehrtwende innerhalb der Solowerke, dass einem der Mund offen stehen bleibt, aber gleichzeitig auch der Sabber rausläuft. Ob die Solofans die „neue“ Ausrichtung befürworten? Keine Ahnung, die Fans der harten Sachen aber definitiv!

The Endless River

Wann kommt es schon einmal vor, dass man ein neues Album einer Band in den Händen halten kann, deren letzte Veröffentlichung 20 Jahre zurück liegt? Wenn es sich dann auch noch um eine legendäre Band handelt, die mit ihrer Musik ein Genre geprägt und eine ganze Generation beeinflusst hat, ist das schon etwas Besonderes. Hier ist also „The Endless River“ von Pink Floyd. Wenn es eine Legende im psychedelischen Progrock gibt, dann Pink Floyd. 260 bis 300 Millionen verkaufte Tonträger, acht Top-Eins-Alben und legendäre Longplayer wie „The Wall“ oder „Dark Side Of The Moon“ sprechen eine mehr als deutliche Sprache. „The Division Bell“ war 1994 das letzte Studio-Album dieser Ausnahmeband und wurde in der Besetzung David Gilmour, Nick Mason und Richard Wright eingespielt. Es verkaufte sich bis heute insgesamt zwölf Millionen Mal und stand in zehn Ländern auf Platz Eins der Charts. Richard „Rick“ Wright, Keyboarder und Songwriter von Pink Floyd, verstarb am 15.09.2008 überraschend an Krebs.

Damit ist die Erwartungshaltung an „The Endless River“ natürlich gleichzeitig auch immens, quasi unerreichbar hoch. Alles andere als ein Überflieger-Album wäre eine Enttäuschung nach all den Jahren, oder? Versuchen wir aber, einmal ganz realistisch an die Sache heran zu gehen und klären einmal die Fakten zum Hintergrund des neuen Albums. Zunächst ist wichtig zu wissen, dass es sich nicht um wirklich neues Material handelt. David Gilmour hat zum Konzept erklärt, dass „The Endless River“ auf der Musik basiert, die im Rahmen der 1993er ‚Division Bell‘-Sessions aufgenommen wurde. Aus über 20 Stunden Material, auf dem David Gilmour, Nick Mason und Richard Wright zu hören waren, wählten Gilmour und Mason passendes Material aus, das dann die Grundlage für das neue Album bildete. Neue Parts wurden hinzugefügt, andere ganz neu eingespielt. Moderne Studiotechnologie kam zum Einsatz, um aus dem alen Material etwas völlig Neues zu erschaffen. Nick Mason sieht die diese neu aufgegriffenen und umgearbeiteten Tracks als wichtigen Teil des Band-Repertoires. Sogesehen gibt es also überwiegend „altes Material“ auf „The Endless River“, das von David Gilmour, Phil Manzanera, Youth und Andy Jackson produziert wurde. Nick Mason bezeichnet „The Endless River“ als ein Tribut an Rick Wright und hält es für eine Anerkennung dessen, was der Keyboarder einst gewesen ist und getan hat.

Das Album besteht quasi aus vier Teilen bzw. „Seiten“, die jeweils zwischen drei und sieben vom letzten Titel einmal abgesehen rein instrumentale „Songs“ enthalten. Richtige Lieder im herkömmlichen Sinne sind es nicht, vielmehr Song-Fragmente, Melodienbögen oder auch lose Improvisationen. „The Endless River“ ist ein 53minütiger Melodienfluss, eine Soundcollage. Ein Fluss beginnt an seiner Quelle, und in diesem Fall heißt dieses Quelle ‚Things Left Unsaid‘. Unausgesprochen bleibt auf einem Instrumentalalbum naturgemäß eine ganze Menge, und so steigen wir langsam mit sphärischen Klängen und ein paar Samples (zusätzliche Keyboards von Bob Ezrin) in das Album ein, tauchen hinab in diesen endlosen Fluss. David Gilmour überrascht mit einigen fast ethnischen Klängen aus einem E-Bow, die sich fast wie eine Improvisation über Richard Wrights 1993 aufgenommene Hammond-, Keyboard- und Synthieflächen legen. Beim sich direkt anschließenden Track ‚It’s What We Do‘ setzt dann auch Nick Mason am Schlagzeug mit ein – allerdings relativ dezent. Sanft und immer noch relativ sphärisch, beinahe schwebend gleitet der Fluss durch die Weite und weckt Erinnerungen an Alben wie ‚Dark Side Of The Moon‘. Dominiert wird der Track von Gilmours typisch singender Gitarre und einigen Keyboard-Spielereien.

„Side 2“ beginnt mit einer längeren Soundcollage am VCS3 Synthesizer, in die sich schnell Orgelklänge mischen. Die Gitarren wird jetzt etwas härter und bietet uns auch ein paar schöne Soli. Wie schon zuvor bleibt die Musik in einem steten Fluss, und hier genau liegt auch das Problem des Albums: Immer wieder hat man den Eindruck, als seien verschiedene „Flicken“ bzw. vermutlich einst als Elemente noch zu schreibender Songs gedachte Passagen zu einem Ganzen zusammengebastelt worden, das zwar durchaus homogen ist und auch eindeutig nach Pink Floyd klingt, aber insgesamt mit leider zu wenig Höhepunkten vor sich hin plätschert. ‚Anisina‘ startet dann endlich mit Gilmour am Piano und Gastmusiker Gilad Atzmon an Saxophon und Klarinette richtig durch und kann auch außerhalb des Albumkontext für sich als wunderschönes Instrumental bestehen, auch wenn es mit drei Minuten wie die meisten der Titel etwas kurz geraten ist.

Der dritte Abschnitt ist mit sieben Tracks am längsten und beginnt wiederum mit sphärischen Klangteppichen und dezent im Hintergrund prasselndem Regen. Mit dem zweiteiligen ‚Allons-Y‘ folgt zum Glück wieder ein Highlight. Bob Ezrins Bass erinnert hier an den Klassiker ‚Another Brick In The Wall Pt. 2‘, und so lehnt man sich wohlig mit geschlossenen Augen zurück und genießt. Momente wie diese retten das Album vor der Durchschnittlichkeit. Das Finale des dritten Teils bildet der Song ‚Talkin‘ Hawkin‘. Damit ist das Physikgenie Stephen Hawking gemeint, dessen Stimme als Sample im Song Verwendung findet.

‚Calling‘ und ‚Eyes To Pearls‘ plätschern wiederum eher ruhig vor sich hin, bevor mit ‚Surfacing‘ etwas mehr Tempo aufkommt und wir den langsam und stetig fließenden Fluss verlassen. Als letzten Track gibt es dann noch ‚Louder Than Words‘, den einzigen Song mit Vocals (geschrieben von David Gilmours Ehefrau Polly Samson). Gilmour übernimmt hier den Vocalpart und kann Roger Waters zwar nicht ersetzen, macht seine Sache aber doch sehr gut. ‚Louder Than Words‘ ist das Highlight, auf das wir gewartet haben, das „The Endless River“ dann doch zu etwas ganz Besonderem macht.

Das Album erscheint in einer Vielzahl verschiedener Versionen, zum Beispiel als Doppel LP im Gatefold mit Fotobooklet und unveröffentlichten Bildern der 1993er Aufnahmesessions, oder auch als CD mit Hardcover-Leinenrücken. Weiterhin gibt es eine Special Edition, ein Box-Set inkl. 24-seitigem Hardcover-Booklet mit unveröffentlichten Fotos sowie einer DVD mit dem 5.1 Surround Mix des Albums plus Stereoversion. Hier ist ebenfalls „Non-Album-Audio-Visual-Bonusmaterial“ enthalten, das exklusiv im Rahmen dieser Edition veröffentlicht wird. Dabei handelt es sich um sechs Videos (neben einigen Tracks des Albums auch weitere – relativ unspektakuläre – Songs sowie drei zusätzliche Audiotracks. Das Videomaterial zeigt Nick Mason, David Gilmour und Richard Wright 1993 im Studio und wurde lediglich in Standard Definition gedreht, so dass sich der Mehrwert der ebenfalls erhältlichen Blu Ray lediglich im noch höher auflösenden Mehrkanalton findet. Die Surroundmischung kann absolut überzeugen und lässt den Hörer noch mehr in diesen Fluss eintauchen.

„The Endless River“ ist in der Tat ein Album zum Abtauchen geworden, das bei jedem Durchgang wächst und mehr zu Entdecken preis gibt. Nüchtern betrachtet ist es ein interessantes progressives und auch experimentelles Album geworden, das jedoch ein wenig die ganz großen Melodien vermissen lässt und streckenweise gar zur Hintergrundberieselung verkommt. Es gibt immer noch große Momente und Highlights, keine Frage, aber die Herren Gilmour und Mason müssen sich doch die Frage gefallen lassen, ob dieser Output als nunmehr wirklich letzes Album der Legende Pink Floyd mehr schadet als hilft. Das sind harsche Worte, und ganz so schlimm ist es ja wirklich nicht. Interessante Soundspielereien, extrem viel Sphärenklänge, einige schöne Gitarrensoli – im Grunde ist alles vorhanden und von technisch hoher Perfektion. Resteverwertung? Ja, größtenteils ist es das. Aber diese Reste sind bei einer Band wie Pink Floyd immer noch äußerst hörenswert und vielschichtig, nur eben nicht der erwartete Überflieger. Der Fluch sind die eingangs erwähnten extrem hohen Erwartungen, die letztendlich nicht alle erfüllt werden konnten. Löst man sich von dieser Erwartungshaltung, darf man eintauchen in eine zu großen Teilen faszinierende Platte, einen sphärischen Fluss und das Vermächtnis einer ganz großen Rocklegende.

Suneater

Metalcore ist für viele True-Metal-Fans immer noch ein rotes Tuch. Wie sieht es mit einer Metalcore bzw. Deathcore-Band aus, die sich wieder zurück in Richtung Metal bewegt und was dann von den PR-Leuten der Musikindustrie dann „Modern Metal“ genannt wird? Nun, die entscheidende Frage wäre dann wohl, ob die Musik eher nach Metal oder eher nach Metalcore klingt. Job for a Cowboy sind eine Band, deren musikalische Entwicklung so verlief. Job For A Cowboy, die recht erfolgreichen Herren aus Arizona. Die Band mit dem *-Bandnamen. (Für „*“ bitte wahlweise einsetzen: uramerikanischen, nach Rancharbeit klingenden, witzigen, rätselhaften, typisch metalcorigen, lächerlichen usw.)

Und ihr neues Album „Suneater“, obwohl mit hexenmäßig-metaligen Cover-Artwork, wird sich genau an dieser Frage messen lassen müssen. Die Mischung bzw. die Rückbesinnung klingt ja erstmal interessant. Ist sie. Nicht. Jedenfalls nicht besonders. Der geneigte Zuhörer bekommt genau das was er erwarten darf, aber leider auch nicht mehr. Der Auftakt ‚Eating The Visions Of God‘ klingt düster und bedrohlich, aber sonst genau nach dem, womit man rechnet. Eine Verknüpfung der beiden Genres, mit eindeutigen Kennzeichen beider verwandten Genres. Metalcoriger Metal. Oder so. ‚Sun Of Nihility‘ handelt dieses Schema im Midtempo ab, ‚The Stone Cross‘ einige Zacken schneller. Was man serviert bekommt, ist nicht schlecht. Die Screams und Growls sind böse, die Gitarren fräsen und die Drums brettern durch die Songs und es gibt sogar ab und an ein schickes, kleines Solo. Das Problem ist nur, daß nichts so richtig hängen bleibt. In Punkto Melodien ist man zu sehr an den Metalcore-Wurzeln orientiert, für interessanten, abwechslungsreichen Gesang zu sehr am Deathmetal. Vielen mag der beschriebene Mix gefallen, für mich dominiert eindeutig das „weder-Fleisch-noch-Fisch-Argument“.

Nobody Wants To Be Here And Nobody Wants To Leave

Erstmal tief durchatmen: The Twilight Sad sind gerettet. Nach dem Ausrutscher ‚No One Can Ever Know‘ von vor zwei Jahren holen die Verneiner vom Dienst mit ‚Nobody Wants To Be Here And Nobody Wants To Leave‘ das Kind aus dem Brunnen. Wie durch ein Wunder ist es unversehrt geblieben – auch wenn Keyboarder Martin Doherty (jetzt bei Chvrches – möge er dort selig werden) im ungünstigsten Moment losgelassen hat: Die ehemaligen Weggefährten haben ohne sein Zutun die bislang reifste Leistung der Bandkarriere erbracht.

Selbstredend hegen The Twilight Sad ihre grambeschwerten Harmonien auch weiterhin im Kellergeschoss des Genres. Eine stilistische Kehrtwende hin zu ihren Anfängen haben die Schotten gleichwohl nicht hingelegt: Die ungezügelten Distortionschwärme, mit denen sich The Twilight Sad dereinst ihre Unverwechselbarkeit erspielten, sind Geschichte. An ihre Stelle tritt die wohlbedachte Verteilung von Synthie- und Leadgitarren-Akzenten. The Twilight Sad gehen sauberer, zielgerichteter zu Werke als bislang; unter neuer Dosierung alter Mittel wissen sie ihre eigentümliche harmonische Bitterkeit mehr als bloß gleichwertig aufzugreifen und entfachen einen betrüblichen Shoegaze-Schwelbrand.

Hier hat eine ohnehin schon charakterstarke Band zu sich selbst gefunden: Inspiriert von den Stärken seiner Vorläufer – ‚No One Can Ever Know‘ allen Ernstes inbegriffen – steigt das Album in Gestalt von ‚There’s A Girl In The Corner‘ direkt mit einem Stück ein, das im instrumentalen Traurigkeitstaumel die stichhaltigsten klanglichen Erscheinungsformen der bisherigen The Twilight Sad miteinander vermengt – und tastet sich fortan sicheren Trittes durch die selbsterzeugte Finsternis. Mit dick aufgetragenem Reverb, versteht sich.

Machen wir uns nichts vor: Dieses Album schien schon seinen Eckdaten nach zum Erfolg verdammt, ließen doch der mit Peter Katis edel besetzte Regiestuhl und Mogwais ehrwürdiges Castle Of Doom als Aufnahmeort schon von Beginn an wenige Wünsche offen und keinerlei Ausflüchte zu. Auf solche ist die Band nach tadelloser Leistung allerdings auch gar nicht angewiesen. Der nicht zuletzt aufgrund des eigentümlichen schottischen Dialektes unnahbare Gesang James Grahams ist immer noch eine Macht in Blechgrau, doch strahlen die Songtitel bereits Kälte, die altbackenen Cover-Cartoonfiguren bereits Beklommenheit aus, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist.

Ähnlich verhält es sich auf instrumentaler Ebene: Schon für sich genommen erzählen ein unruhiges hintergründiges Pochen, irrlichternde Synthie-Motive, skelettierende Bassläufe und frostige Gitarrenschmirgeleien Geschichten schlafloser Nächte im ländlichen Spukhaus, die von Kapitel zu Kapitel tiefer in ihrem Hörer zu wühlen scheinen.

‚I see you at night and I stare at you / You don’t care for me / Move out of the light / Still glare at you / look away from me‘

, heißt es in ‚Last January‘. Hier bündelt sich sämtliches Unbehagen des Tonträgers auf engstem Raum. Dieses Album kennt dich nicht nur, es weiß auch, wo du wohnst.