Kategorie: review

Vervain

Liv Kristine ist zweifelslos eine Gothic Metal-Ikone. Mit Theatre Of Tradegy hat sie ein ganzes Genre geprägt, mit Leaves‘ Eyes den Weg fortgesetzt und auch bei ihren Atrocity-Beiträgen gepunktet. Anders sah es bei den Solowerken aus, die eher in poppigere Gefilde tendierten und die Gothic Metal-Fans meist wenig tangierten, auch wenn der Duett-Hit „3 A.M.“ mit Paradise Lost-Sänger Nick Holmes viel Beifall fand.

Das fünfte Soloalbum zeigt nun die Norwegerin von einer überraschend anderen und dennoch vertrauten Seite, denn „Vervain“ bietet keinen Pop, sondern Gothic Rock/Metal-Songs, die an „Aegis“ und noch ältere Sachen minus der Growls erinnern! Eine kleine Sensation…

„My Wilderness“ beginnt mit Lead-Gitarre und einem klassischem Gothic Metal-Riff, dazu diese engelsgleiche, immer wiedererkennbare Stimme, dass man denkt, man hat hier einen neuen Leaves‘ Eyes-Song im Ohr. Angenehm hart, dunkel-melodisch und erhaben, so will man Liv hören!

„Love Decay“ (feat. Michelle Darkness, End Of Green) überrascht nicht minder, dieses gefühlvolle Duett mit seiner prägnanten Bass-Linie versprüht einen derartigen Mittneunziger Gothic-Flair, dass man auf einmal diesen musikalischen Zeiten hinterher trauert. Ein effektives, traditionelles Gothic-Riff, schwarze Melodien und Klavierlinien lassen diesen Song zum nächsten Hit werden.

„Vervain“ beginnt elektronisch und wird zur flotten Gothic Rock-Hymne, „Stronghold As Angels“ feat. Doro lässt seelige „Velvet Darkness They Fear“-Zeiten aufleben und drosselt das Tempo. Beide Stimmen ergänzen sich und harmonieren überraschend gut, insgesamt eine schön dramatische, verzweifelte Atmosphäre.

„Hunters“ setzt den Fokus auf Bass und Elektronik, „Lotus“ auf schwere, balladeske Klänge, während „Two And A Heart“ wieder in alten TOT-Zeiten schwelgt. „Creeper“ klingt nicht minder Oldschool, aber weder verkrampft noch abgekupfert. Eine weitere tolle Nummer mit weiteren Elektronik-Tupfern.

Gedrosselt endet „Vervain“ mit „Oblivious“, dicke Moll-Gitarren, eine melancholische Lead-Gitarre, atmosphärische Keyboardwellen mit schwerem Bombast und die Überraschung ist perfekt.

„Vervain“ ist eine derartige Kehrtwende innerhalb der Solowerke, dass einem der Mund offen stehen bleibt, aber gleichzeitig auch der Sabber rausläuft. Ob die Solofans die „neue“ Ausrichtung befürworten? Keine Ahnung, die Fans der harten Sachen aber definitiv!

The Endless River

Wann kommt es schon einmal vor, dass man ein neues Album einer Band in den Händen halten kann, deren letzte Veröffentlichung 20 Jahre zurück liegt? Wenn es sich dann auch noch um eine legendäre Band handelt, die mit ihrer Musik ein Genre geprägt und eine ganze Generation beeinflusst hat, ist das schon etwas Besonderes. Hier ist also „The Endless River“ von Pink Floyd. Wenn es eine Legende im psychedelischen Progrock gibt, dann Pink Floyd. 260 bis 300 Millionen verkaufte Tonträger, acht Top-Eins-Alben und legendäre Longplayer wie „The Wall“ oder „Dark Side Of The Moon“ sprechen eine mehr als deutliche Sprache. „The Division Bell“ war 1994 das letzte Studio-Album dieser Ausnahmeband und wurde in der Besetzung David Gilmour, Nick Mason und Richard Wright eingespielt. Es verkaufte sich bis heute insgesamt zwölf Millionen Mal und stand in zehn Ländern auf Platz Eins der Charts. Richard „Rick“ Wright, Keyboarder und Songwriter von Pink Floyd, verstarb am 15.09.2008 überraschend an Krebs.

Damit ist die Erwartungshaltung an „The Endless River“ natürlich gleichzeitig auch immens, quasi unerreichbar hoch. Alles andere als ein Überflieger-Album wäre eine Enttäuschung nach all den Jahren, oder? Versuchen wir aber, einmal ganz realistisch an die Sache heran zu gehen und klären einmal die Fakten zum Hintergrund des neuen Albums. Zunächst ist wichtig zu wissen, dass es sich nicht um wirklich neues Material handelt. David Gilmour hat zum Konzept erklärt, dass „The Endless River“ auf der Musik basiert, die im Rahmen der 1993er ‚Division Bell‘-Sessions aufgenommen wurde. Aus über 20 Stunden Material, auf dem David Gilmour, Nick Mason und Richard Wright zu hören waren, wählten Gilmour und Mason passendes Material aus, das dann die Grundlage für das neue Album bildete. Neue Parts wurden hinzugefügt, andere ganz neu eingespielt. Moderne Studiotechnologie kam zum Einsatz, um aus dem alen Material etwas völlig Neues zu erschaffen. Nick Mason sieht die diese neu aufgegriffenen und umgearbeiteten Tracks als wichtigen Teil des Band-Repertoires. Sogesehen gibt es also überwiegend „altes Material“ auf „The Endless River“, das von David Gilmour, Phil Manzanera, Youth und Andy Jackson produziert wurde. Nick Mason bezeichnet „The Endless River“ als ein Tribut an Rick Wright und hält es für eine Anerkennung dessen, was der Keyboarder einst gewesen ist und getan hat.

Das Album besteht quasi aus vier Teilen bzw. „Seiten“, die jeweils zwischen drei und sieben vom letzten Titel einmal abgesehen rein instrumentale „Songs“ enthalten. Richtige Lieder im herkömmlichen Sinne sind es nicht, vielmehr Song-Fragmente, Melodienbögen oder auch lose Improvisationen. „The Endless River“ ist ein 53minütiger Melodienfluss, eine Soundcollage. Ein Fluss beginnt an seiner Quelle, und in diesem Fall heißt dieses Quelle ‚Things Left Unsaid‘. Unausgesprochen bleibt auf einem Instrumentalalbum naturgemäß eine ganze Menge, und so steigen wir langsam mit sphärischen Klängen und ein paar Samples (zusätzliche Keyboards von Bob Ezrin) in das Album ein, tauchen hinab in diesen endlosen Fluss. David Gilmour überrascht mit einigen fast ethnischen Klängen aus einem E-Bow, die sich fast wie eine Improvisation über Richard Wrights 1993 aufgenommene Hammond-, Keyboard- und Synthieflächen legen. Beim sich direkt anschließenden Track ‚It’s What We Do‘ setzt dann auch Nick Mason am Schlagzeug mit ein – allerdings relativ dezent. Sanft und immer noch relativ sphärisch, beinahe schwebend gleitet der Fluss durch die Weite und weckt Erinnerungen an Alben wie ‚Dark Side Of The Moon‘. Dominiert wird der Track von Gilmours typisch singender Gitarre und einigen Keyboard-Spielereien.

„Side 2“ beginnt mit einer längeren Soundcollage am VCS3 Synthesizer, in die sich schnell Orgelklänge mischen. Die Gitarren wird jetzt etwas härter und bietet uns auch ein paar schöne Soli. Wie schon zuvor bleibt die Musik in einem steten Fluss, und hier genau liegt auch das Problem des Albums: Immer wieder hat man den Eindruck, als seien verschiedene „Flicken“ bzw. vermutlich einst als Elemente noch zu schreibender Songs gedachte Passagen zu einem Ganzen zusammengebastelt worden, das zwar durchaus homogen ist und auch eindeutig nach Pink Floyd klingt, aber insgesamt mit leider zu wenig Höhepunkten vor sich hin plätschert. ‚Anisina‘ startet dann endlich mit Gilmour am Piano und Gastmusiker Gilad Atzmon an Saxophon und Klarinette richtig durch und kann auch außerhalb des Albumkontext für sich als wunderschönes Instrumental bestehen, auch wenn es mit drei Minuten wie die meisten der Titel etwas kurz geraten ist.

Der dritte Abschnitt ist mit sieben Tracks am längsten und beginnt wiederum mit sphärischen Klangteppichen und dezent im Hintergrund prasselndem Regen. Mit dem zweiteiligen ‚Allons-Y‘ folgt zum Glück wieder ein Highlight. Bob Ezrins Bass erinnert hier an den Klassiker ‚Another Brick In The Wall Pt. 2‘, und so lehnt man sich wohlig mit geschlossenen Augen zurück und genießt. Momente wie diese retten das Album vor der Durchschnittlichkeit. Das Finale des dritten Teils bildet der Song ‚Talkin‘ Hawkin‘. Damit ist das Physikgenie Stephen Hawking gemeint, dessen Stimme als Sample im Song Verwendung findet.

‚Calling‘ und ‚Eyes To Pearls‘ plätschern wiederum eher ruhig vor sich hin, bevor mit ‚Surfacing‘ etwas mehr Tempo aufkommt und wir den langsam und stetig fließenden Fluss verlassen. Als letzten Track gibt es dann noch ‚Louder Than Words‘, den einzigen Song mit Vocals (geschrieben von David Gilmours Ehefrau Polly Samson). Gilmour übernimmt hier den Vocalpart und kann Roger Waters zwar nicht ersetzen, macht seine Sache aber doch sehr gut. ‚Louder Than Words‘ ist das Highlight, auf das wir gewartet haben, das „The Endless River“ dann doch zu etwas ganz Besonderem macht.

Das Album erscheint in einer Vielzahl verschiedener Versionen, zum Beispiel als Doppel LP im Gatefold mit Fotobooklet und unveröffentlichten Bildern der 1993er Aufnahmesessions, oder auch als CD mit Hardcover-Leinenrücken. Weiterhin gibt es eine Special Edition, ein Box-Set inkl. 24-seitigem Hardcover-Booklet mit unveröffentlichten Fotos sowie einer DVD mit dem 5.1 Surround Mix des Albums plus Stereoversion. Hier ist ebenfalls „Non-Album-Audio-Visual-Bonusmaterial“ enthalten, das exklusiv im Rahmen dieser Edition veröffentlicht wird. Dabei handelt es sich um sechs Videos (neben einigen Tracks des Albums auch weitere – relativ unspektakuläre – Songs sowie drei zusätzliche Audiotracks. Das Videomaterial zeigt Nick Mason, David Gilmour und Richard Wright 1993 im Studio und wurde lediglich in Standard Definition gedreht, so dass sich der Mehrwert der ebenfalls erhältlichen Blu Ray lediglich im noch höher auflösenden Mehrkanalton findet. Die Surroundmischung kann absolut überzeugen und lässt den Hörer noch mehr in diesen Fluss eintauchen.

„The Endless River“ ist in der Tat ein Album zum Abtauchen geworden, das bei jedem Durchgang wächst und mehr zu Entdecken preis gibt. Nüchtern betrachtet ist es ein interessantes progressives und auch experimentelles Album geworden, das jedoch ein wenig die ganz großen Melodien vermissen lässt und streckenweise gar zur Hintergrundberieselung verkommt. Es gibt immer noch große Momente und Highlights, keine Frage, aber die Herren Gilmour und Mason müssen sich doch die Frage gefallen lassen, ob dieser Output als nunmehr wirklich letzes Album der Legende Pink Floyd mehr schadet als hilft. Das sind harsche Worte, und ganz so schlimm ist es ja wirklich nicht. Interessante Soundspielereien, extrem viel Sphärenklänge, einige schöne Gitarrensoli – im Grunde ist alles vorhanden und von technisch hoher Perfektion. Resteverwertung? Ja, größtenteils ist es das. Aber diese Reste sind bei einer Band wie Pink Floyd immer noch äußerst hörenswert und vielschichtig, nur eben nicht der erwartete Überflieger. Der Fluch sind die eingangs erwähnten extrem hohen Erwartungen, die letztendlich nicht alle erfüllt werden konnten. Löst man sich von dieser Erwartungshaltung, darf man eintauchen in eine zu großen Teilen faszinierende Platte, einen sphärischen Fluss und das Vermächtnis einer ganz großen Rocklegende.

Suneater

Metalcore ist für viele True-Metal-Fans immer noch ein rotes Tuch. Wie sieht es mit einer Metalcore bzw. Deathcore-Band aus, die sich wieder zurück in Richtung Metal bewegt und was dann von den PR-Leuten der Musikindustrie dann „Modern Metal“ genannt wird? Nun, die entscheidende Frage wäre dann wohl, ob die Musik eher nach Metal oder eher nach Metalcore klingt. Job for a Cowboy sind eine Band, deren musikalische Entwicklung so verlief. Job For A Cowboy, die recht erfolgreichen Herren aus Arizona. Die Band mit dem *-Bandnamen. (Für „*“ bitte wahlweise einsetzen: uramerikanischen, nach Rancharbeit klingenden, witzigen, rätselhaften, typisch metalcorigen, lächerlichen usw.)

Und ihr neues Album „Suneater“, obwohl mit hexenmäßig-metaligen Cover-Artwork, wird sich genau an dieser Frage messen lassen müssen. Die Mischung bzw. die Rückbesinnung klingt ja erstmal interessant. Ist sie. Nicht. Jedenfalls nicht besonders. Der geneigte Zuhörer bekommt genau das was er erwarten darf, aber leider auch nicht mehr. Der Auftakt ‚Eating The Visions Of God‘ klingt düster und bedrohlich, aber sonst genau nach dem, womit man rechnet. Eine Verknüpfung der beiden Genres, mit eindeutigen Kennzeichen beider verwandten Genres. Metalcoriger Metal. Oder so. ‚Sun Of Nihility‘ handelt dieses Schema im Midtempo ab, ‚The Stone Cross‘ einige Zacken schneller. Was man serviert bekommt, ist nicht schlecht. Die Screams und Growls sind böse, die Gitarren fräsen und die Drums brettern durch die Songs und es gibt sogar ab und an ein schickes, kleines Solo. Das Problem ist nur, daß nichts so richtig hängen bleibt. In Punkto Melodien ist man zu sehr an den Metalcore-Wurzeln orientiert, für interessanten, abwechslungsreichen Gesang zu sehr am Deathmetal. Vielen mag der beschriebene Mix gefallen, für mich dominiert eindeutig das „weder-Fleisch-noch-Fisch-Argument“.

Nobody Wants To Be Here And Nobody Wants To Leave

Erstmal tief durchatmen: The Twilight Sad sind gerettet. Nach dem Ausrutscher ‚No One Can Ever Know‘ von vor zwei Jahren holen die Verneiner vom Dienst mit ‚Nobody Wants To Be Here And Nobody Wants To Leave‘ das Kind aus dem Brunnen. Wie durch ein Wunder ist es unversehrt geblieben – auch wenn Keyboarder Martin Doherty (jetzt bei Chvrches – möge er dort selig werden) im ungünstigsten Moment losgelassen hat: Die ehemaligen Weggefährten haben ohne sein Zutun die bislang reifste Leistung der Bandkarriere erbracht.

Selbstredend hegen The Twilight Sad ihre grambeschwerten Harmonien auch weiterhin im Kellergeschoss des Genres. Eine stilistische Kehrtwende hin zu ihren Anfängen haben die Schotten gleichwohl nicht hingelegt: Die ungezügelten Distortionschwärme, mit denen sich The Twilight Sad dereinst ihre Unverwechselbarkeit erspielten, sind Geschichte. An ihre Stelle tritt die wohlbedachte Verteilung von Synthie- und Leadgitarren-Akzenten. The Twilight Sad gehen sauberer, zielgerichteter zu Werke als bislang; unter neuer Dosierung alter Mittel wissen sie ihre eigentümliche harmonische Bitterkeit mehr als bloß gleichwertig aufzugreifen und entfachen einen betrüblichen Shoegaze-Schwelbrand.

Hier hat eine ohnehin schon charakterstarke Band zu sich selbst gefunden: Inspiriert von den Stärken seiner Vorläufer – ‚No One Can Ever Know‘ allen Ernstes inbegriffen – steigt das Album in Gestalt von ‚There’s A Girl In The Corner‘ direkt mit einem Stück ein, das im instrumentalen Traurigkeitstaumel die stichhaltigsten klanglichen Erscheinungsformen der bisherigen The Twilight Sad miteinander vermengt – und tastet sich fortan sicheren Trittes durch die selbsterzeugte Finsternis. Mit dick aufgetragenem Reverb, versteht sich.

Machen wir uns nichts vor: Dieses Album schien schon seinen Eckdaten nach zum Erfolg verdammt, ließen doch der mit Peter Katis edel besetzte Regiestuhl und Mogwais ehrwürdiges Castle Of Doom als Aufnahmeort schon von Beginn an wenige Wünsche offen und keinerlei Ausflüchte zu. Auf solche ist die Band nach tadelloser Leistung allerdings auch gar nicht angewiesen. Der nicht zuletzt aufgrund des eigentümlichen schottischen Dialektes unnahbare Gesang James Grahams ist immer noch eine Macht in Blechgrau, doch strahlen die Songtitel bereits Kälte, die altbackenen Cover-Cartoonfiguren bereits Beklommenheit aus, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist.

Ähnlich verhält es sich auf instrumentaler Ebene: Schon für sich genommen erzählen ein unruhiges hintergründiges Pochen, irrlichternde Synthie-Motive, skelettierende Bassläufe und frostige Gitarrenschmirgeleien Geschichten schlafloser Nächte im ländlichen Spukhaus, die von Kapitel zu Kapitel tiefer in ihrem Hörer zu wühlen scheinen.

‚I see you at night and I stare at you / You don’t care for me / Move out of the light / Still glare at you / look away from me‘

, heißt es in ‚Last January‘. Hier bündelt sich sämtliches Unbehagen des Tonträgers auf engstem Raum. Dieses Album kennt dich nicht nur, es weiß auch, wo du wohnst.

LP3

Mit ihrem zweiten Album aus dem vergangenen Jahr vermochten Restorations noch nicht wirklich zu überzeugen. Zu unausgereift und unstet war der Sound von ‚LP2‘, auch wenn ein größeres Potential durchaus erkennbar war. Das scheint jetzt, nur eineinhalb Jahre später, ausgeschöpft worden zu sein. Denn was hörte man im Vorfeld des neuen Albums? Restorations seien mit Produzent Jonathan Low (u.a. The National, Surfjan Stevens) und der Vision ins Studio gegangen, ‚jedes Instrument größer, lauter und wagemutiger aufzunehmen‘.

So weit, so verheißungsvoll. Gar nicht wagemutig zeigt sich die Band aus Philadelphia wieder einmal mit der Benennung ihres neuen Werkes – ‚LP3‘ dürfte wohl nur die Statistiker unter uns entzücken. Aber ja, das kann als nebensächlich gelten, denn schließlich ist wichtig, was drin steckt. Und das, liebe Statistiker und Nicht-Statistiker, kann sich hören lassen. Mehr noch als auf ihrem zweiten Album pflegen Restorations hier die große Geste. Sie stricken dicke Soundteppiche, die voller Elan und – naja, klar – Emotionen stecken. Wieder prägt etwas sehr Urbanes ihren Sound. Besonders Tracks wie ‚Tiny Prayers‘ sind für lange, wache und bedeutende Nächte in den quirligen Straßen hell erleuchteter Großstädte gemacht. Für die Momente, wo alles plötzlich Sinn macht und die Zeit stillzustehen scheint.

Auf ‚LP3‘ legen Restorations ein wesentlich ausgefeilteres Songwriting an den Tag, das einen Hang zum Perfektionismus zeigt und von den bekannten Einflüssen zehrt: alles, was man zwischen Post-Hardcore und Indie-Rock zu umfassen vermag. Die rauchige Stimme sorgt für den nötigen Ausgleich, der Orgel, Hall und ausladende Riffs nicht in Kitsch abdriften lässt. Sänger Jon Loudon bringt eine angenehm dunkle Komponente in die sonst so offenherzigen Songs. Diese umarmen den Hörenden geradezu und werden umso intensiver in ihrer Wirkung, mit je mehr Seelenverwandten man sich das Album zu Gemüte führt.

Kommet also zusammen, Ihr Propheten des Rock, seid ausgelassen und amüsieret Euch und traget die Botschaft der Restorations in die Welt, dass Musik das Leben verändern kann!

Fistful Of Hollow

Die Punkrock-Euter aus Kalifornien schwingen wieder. Nur ein Jahr nach der Veröffentlichung von ‚Poorly Formed‘ legen die Swingin‘ Utters mit ‚Fistful Of Hollow‘ nach. Beim hören der neuen Scheibe wird mir schnell klar, dass ich diesen ersten Satz jedoch korriegieren muss: Swingin‘ Utters legen weniger nach, als dass sie anknüpfen, weitermachen, fortführen… Als Opener fliegt dem Hörer mit ‚Alice‘ ein klassischer Punkrocksong entgegen. Beim Sound scheint Star-Produzent Chris Dugan nicht viel verändert zu haben. Swingin‘ Utters sind laut, dreckig und vor allem eins: unterhaltsam. Gewohnt verwaschener Gitarrensound mit coolen, rock’n’rolligen Soloparts, treibende Drumbeats ohne viel Tam Tam und die rotzige Röhre von Sänger Johnny ‚Peebucks‘ Bonnel. Erstes Highlight der Platte ist Song Drei: ‚Tell Them Told You So‘. Johnny Bonnel versucht sich in den Strophen an Rap-Parts á la Tim Timebomb (Rancid). ‚From The Towers To The Tenements‘ ist der harmonischste Song des Albums und würde auch Bands wie No Use For A Name oder Lagwagon gut stehen. Das Album läuft so lang hin und ist zu keiner Sekunde aufdringlich oder unverständlich. Manche mögen diese Eigenschaften als Indizien für Langeweile ausmachen. Bei Swingin‘ Utters ist das Gegenteil der Fall. Diese Beständigkeit macht die Band aus. Swingin‘ Utters klingen roh, nicht überproduziert. Sie klingen ehrlich.

Auch ein weiteres Markenzeichen der Band ist schnell erkennbar: ‚Napalm South‘ schlägt in die Country-Kerbe, ohne die Eigenschaften eines Oldschool-Punkrocksongs zu verlieren. Quasi ein Punker mit Hut und Cowboyboots, deren Sporen ein Moped mit Fuchsschwanz antreiben. Lustige Vorstellung, aber bei den Gute-Laune-Songs auf der Scheibe sind solche Gedanken gar nicht mal abwegig, und was soll man bei dem Bandnamen auch unnötige Ernsthaftigkeit an den Tag legen!? Immer wieder verbinden Swingin‘ Utters ihren typischen leichten und dennoch druckvollen Sound mit verschiedenen Einflüssen. ‚I’m Not Coming Home‘ erinnert zunächst an einen Johnny-Cash-Song. Die Gitarre klingt nach Western, nach Whiskey und Linedance.

Die Platte läuft und läuft. Schwer, unter den 15 starken Songs Höhepunkte zu erkennen. Einer wäre dann da aber doch noch. ‚End Of The Weak‘, der letzte Song. Der Cowboy-Punker aus ‚Napalm South‘ hat nun sein Moped gegen einen echten Gaul eingetauscht. Kontrabass, Banjo, Geige, Mandoline – zum Ende der Platte fahren die Swingin‘ Utters alles auf, was man für einen richtigen Country-Folk-Song braucht und lassen damit das Album ruhig aber nicht übertrieben kitschig ausklingen. Die Kalifornier haben sich im Vergleich zum letzten Album nicht groß verändert. Das macht aber auch nichts, denn durch de kurze Pause klingen sie noch immer frisch und noch nicht satt. Swingin‘ Utters scheinen nun ihren Sound gefunden zu haben.

Rock Meets Classic

„Rock Meets Classic“ ist die seit Jahren erfolgreiche Live-Verbindung von Classic-Rock-Stars und klassischem Orchester. Die jährliche Tour mit wechselnder Besetzung hat inzwischen schon fast Tradition. Unter den Teilnehmern sind jedes Jahr renommierte Musiker wie Alice Cooper, Ian Gillan (Deep Purple), Steve Lukather (Toto) oder Rick Parfitt (Status Quo).

Anders als erwartet und vor allem anders als gewünscht bietet die neue Doppel-CD-Compilation „Rock Meets Classic“ aber nicht die großen Hits im bombastischen Orchester-Gewand. Der Zusatz „The Original“ vor dem Schriftzug „Rock Meets Classic“ auf dem Cover bedeutet nämlich, dass hier einfach die Original-Songs der Original-Bands zusammengeworfen wurden: „Smoke On The Water“, „Whatever You Want“, „Eye Of The Tiger“ oder „Lady In Black“.

Die Interpreten braucht man hier gar nicht zu nennen, so obligatorisch ist die Trackliste. Das macht die Doppel-CD zu einem Standard-Sampler: „Classic Rock“ statt „Rock Meets Classic“. In dieser Hinsicht ist die Zusammenstellung der mehr als 30 Songs zwar gelungen und fast schon definitiv. Aber es wäre natürlich viel spannender gewesen, ein Best-Of der tatsächlichen Live-Shows zu veröffentlichen. Warum gibt es das bisher nicht? Woran scheitert das bisher?

Die „Rock Orchestra Version“ von „Love Hurts“, natürlich von Nazareth, ist die einzige Ausnahme, aufgezeichnet allerdings schon 1995 und auch nicht live. Die beiden klassischen Stücke „In der Halle des Bergkönigs“ und „Boléro“ wirken fast schon alibimäßig.

Von Etikettenschwindel zu sprechen ginge wohl zu weit. Aber der Eindruck entsteht, dass man zum Weihnachtsgeschäft auf die Naivität einiger Käufer setzt. Die sollten sich lieber bis Februar 2015 gedulden, dann ist das echte „Rock Meets Classic“ wieder in 14 deutschen Städten auf Tour. Und die Karten machen sich unterm Weihnachtsbaum definitiv besser als diese Doppel-CD.

(R)Evolution

Puh, Hammerfall machen es einem nicht leicht. Sie haben den traditionellen Heavy Metal wiederbelebt und danach weitere bockstarke Alben veröffentlicht. In den letzten Jahren gab es mehrere Besetzungswechsel und irgendwie schien die totale Energie aus der Band raus zu sein, obwohl die Songs immer noch Klasse hatten, aber ohne die Magie der Anfangstage.

So richtig kommt das wohlige Gefühl von früher bei „Hectors Hymn“ auf, das mit ordentlich Geschwindigkeit und dem unwiderstehlichem Gesang von Joacim Cans loslegt und sofort ins Ohr geht.

„(R)evolution“ drosselt das Tempo und bietet Melodic Metal, wie man ihn von den letzten Alben kennt, „Bushido“ gibt auch nicht Vollgas, geht aber durch den Refrain ordentlich ins Ohr, „Live Life Loud“ versprüht Stadion-Atmosphäre, „Ex Infernis“ integriert Mönchschöre und „Origins“ schraubt die Geschwindigkeit endlich wieder nach oben.

„(R)evolution“ ist wieder typischer Hammerfall als der Vorgänger „Infected“, kann aber nicht immer voll zünden. Zumindest für Hammerfall-Verhältnisse, was bedeutet, dass wir hier über gute Songs reden, denen das letzte Quäntchen Magie fehlt.

Insgesamt ein gelungenes Werk, aber kein Höhepunkt im Bandkatalog.

Kiasmos

Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen sind nicht bloß Kiasmos, sondern machen’s konsequenterweise auch: Sie stellen sich überkreuz. Fast hätte man ahnen können, dass das nicht gänzlich glücken würde; schon dem Begriff nach fällt Überkreuzstellung doch unter die ungemütlicheren, wenig intuitiven Formen des Zusammenwirkens. Und das nicht nur in der Lyrik, wo Chiasmen zumeist Antithesen syntaktisch ausgestalten. Kennen wir ja noch aus dem Deutschunterricht. Hat daher ‚Kiasmos‘ wenigstens einen handfesten Spannungsbogen? Nein – stattdessen aber ziemlich viele viel zu kleine.

In einem Anflug von Ordnungswahn haben Kiasmos die Tracks ihres gemeinsamen Debüts ausnahmslos mit Verben im Partizip Perfekt betitelt. Was aber mundgerechte Futterhäppchen für die Vorstellungskraft hätten sein können, muss man sich erst passend denken, denn die nur sehr vage Differenziertheit der Stücke untereinander ist kaum mit einzelnen Schlagworten wettzumachen. ‚Held‘, ‚Dragged‘, ‚Burnt‘ – auch die kontrastierendsten Namen – beziehungsweise die minimalelektronischen Kompositionen dahinter – erweisen sich als zu beliebig und untereinander austauschbar. Sie täuschen Substanz, täuschen Vielfalt vor, die auf und mit diesem Album nicht erfahrbar, da zu stark verdünnt ist. Womit das Duo rein begrifflich dem Trance im Grunde alle Ehre macht. Worin sonst sollten die Überlängen der bis zu rund neun Minuten langen Tracks begründet sein als im Erstreben eines Dämmerzustands?

Na also. Kiasmos servieren in acht nur marginal variierenden Darreichungsformen etwas, das sich auf eine bescheidene Menge an Ideen eindampfen ließe, halten sich streng an den Waschzettel, ohne sich Ausfallschritte zu erlauben. Dabei waren es doch immer ebenjene Ausfallschritte, die zumindest Ólafur Arnalds bislang auf Höchstleistung eichten. Ausgerechnet der zeigt sich hier geradezu erschreckend uninspiriert. Mag die Entscheidung gegen ausführlichere kammermusikalische Anbauten auch sehr bewusst getroffen sein: Kiasmos-Album Nummer eins zieht nicht; sein Groove drückt sich an der ihn vom Hörer trennenden dicken Eisschicht die Nase platt. Kiasmos paddeln bis auf einige grimmige, forschere Passagen gegen Ende der Platte in sich selbst vertieft vorüber und lassen ihre HörerInnen so weitestgehend in Frieden. Seelenbalsam geht so, kongenial geht anders.

Was bleibt sind solide, nordisch-nüchterne Texturstreifen und Auslaufbahnen für „echte“ Tracks – siehe das unter der Oberfläche verheißungsvolle, aber bis zuletzt unerfüllt brodelnde ‚Swayed‘ – oder auch standesgemäße Untermalung für die Umbauphasen während der nächsten Tour eines Labelkollegen. Ein zweifellos nettes Gimmick für Diskographietreue (zumal das von Torsten Posselt gestaltete Cover zu den Artworks des Jahres zählen dürfte!) und Freunde des autogenen Trainings, mehr aber mangels Dynamik nicht. Leider.

Don’t Kill The Magic

Eine Plattenkritik trennt nicht selten ein schmaler Grat von einer platten Kritik. Ungefähr so schmal wie ein Leerzeichen, vielleicht aber auch noch schmaler. Es gibt Alben, die lassen einem schlichtweg die Lust vergehen, diesen Grat zu beschreiten. Hier kommt das nächste Beispiel.

Würden Magic! doch durch alle ihre Songs so hasten wie durch ‚Paradise‘. Wie entzückend schnell diese quietschgelbe Scheibe dann ausgelaufen wäre! Die Realität sieht anders aus, denn Magic! machen Reggae-Fusion. Reggae-Fusion ist metrisch ähnlich lame wie Reggae, allerdings mit noch bedeutend lameren „Rock“- und Pop-Elementen anbiedernd verzehrfertig aufbereitet, um ins Pokern um fette Platzierungen mit einzusteigen. Schwabbelige Hooks und an Belanglosigkeit kaum mehr zu überbietende Texte über Frauenhaar, Autofahren und pubertäre Anwandlungen. Gib ihm! Für immer dann, wenn die Musik egal ist. Montagmorgens mit Müsliresten zwischen den gebleachten Zähnen. Springbreak für Spießer und Ahnungslose. Hier rein, da raus. Aussteigen, vergessen, abperlen lassen. Malochen. Alles kaum der Rede wert.

‚Don’t Kill The Magic‘ ist nicht allein musikalisch anspruchslos, sondern noch dazu Ventil für die sexistische Ader seiner primitiven Schöpfer, für die eine Frau ein Gerät ist, dessen Knöpfe man lediglich in der richtigen Reihenfolge bedienen muss, um zu bekommen, was man will. Ein Butterbrot zum Beispiel.

‚All I wanted was a home-cooked sandwich / But your greedy little fingers couldn’t manage‘

, singt Nasri Atweh in ‚Little Girl Big World‘ und disqualifiziert sich sowohl künstlerisch als auch charakterlich. Nicht, dass seine Texte im Übrigen geistreicher wären. Nur: So tun sie besonders weh.

‚If I was your father I would spank you till you know what you did!‘

Und so doppelt. Ich möchte nicht Nasri Atwehs Vater sein wollen müssen.

In unermüdlichem Anwanzton fingert der Sänger immerfort wahllos nach seinen Hörern, will sie auf Teufel komm raus in seine kleine musikalische Plastikbutze locken, wo die Decken so tief hängen, dass der Kopf schon im Vorgarten vorm Anstoßen vom Anstoßen schmerzt. Die ehrbarste Mühe gibt sich auf dieser Platte Bassist Ben Spivak. Als hätte das noch einen Zweck.

‚Don’t Kill The Magic‘ will erhalten wissen, was längst verloren scheint. Nicht mehr als eine leblose Hülse setzen uns Magic! hier vor – Zombie-Pop ohne Botschaft, ohne Stil, ohne Substanz. Und ungefähr so magisch wie der Hotbutton bei 9Live. Ein Armutszeugnis.