BADEN IN BLUT FESTIVAL 2018 – Making America great again?

Wer schon einmal das all-sommerliche Baden in Blut Festival in Weil am Rhein besucht hat, weiß es. Es ist, als besuche man einmal im Jahr seine Lieblingstante auf dem Land. Vorfreude macht sich schon Tage vorher breit, die ganze Sippschaft inklusive dem versoffenen Onkel und der süßen Cousine, in die man ein bisschen verknallt ist, rücken an. Dieses Jahr hatten die Metalmaniacs Markgräflerland auch drei Cousins aus Amerika, aber auch jede Menge Verwandtschaft aus der näheren und weiteren Umgebung zum Metall-Tanze geladen. Und obwohl die Wettergötter eher durchwachsenes Festivalwetter angekündigt hatten, war es keine Frage, dass das Gesamtklima auf dem sympathischen, kleinen Metalfestival einmal mehr ein ganz Besonderes sein würde.

Kyler aus dem Ortenaukreis hatten sich beim Band-Contest im Frühjahr als Nachrücker zur großen Überraschung gegen etliche andere hochkarätige Bands durchgesetzt und sich mit ihrem „Black Forest Groove Metal“ als Preis den Opener-Slot der diesjährigen Ausgabe gesichert. Zur Eröffnung des Open-Air um die Mittagszeit zeigten die vier Jungs dann trotz wolkenverhangenem Himmel mit viel Energie, dass das absolut verdient war. Mit mächtig Groove, rhythmisch interessanten Stücken und sympathischer Power gab´s eine knappe halbe Stunde richtig auf die Mütze und die Nackenmuskulatur. Wer sich bei den vier Jungs an die 90er-Metal-Legenden Pantera erinnert fühlte, lag goldrichtig. Denn die appetitliche Weiterentwicklung des Thrash mit jeder Menge Hardcore-Punk-Attitüde ist genau das, was auch Kylers Sound ausmacht. Rund 200 Metalheads feierten die sympathischen Truppe trotz der recht frühen Stunde ausgiebig.

Als nächstes stand Black-Doom-Metal von Pillorian auf der Speisekarte der Metal-Gourmets. Dabei handelt es sich um die neue Band von John Haughm, dem Bandleader der bis 2016 existierenden Underground-Doom-Legende Agalloch, an Gitarre und Gesang und Drummer Trevor Matthews von Uada. Mit dem Debütalbum „Obsidian Arc“ im Gepäck starteten die Herren so düster durch, dass der immer noch bedeckte Himmel sich noch etwas mehr zu verdunkeln schien. Die verstörenden Klänge waren nicht angetan, um die Partylaune am Festival zu steigern, und dennoch sah man in den Gesichtern der Besucher mal abwesend-nachdenkliche, mal bewundernd-verträumte Ausdrücke – die Klasse und Erfahrung der Musiker war jederzeit spürbar und Freunde von Bands wie Katatonia oder Satyricon kamen voll auf ihre Kosten.

In der Umbaupause bildeten sich die ersten längeren Schlangen an den Getränke- und Essensständen und das Festivalgelände füllte sich merklich. Genau der richtige Zeitpunkt für die Thüringer Death-Metaller von Deserted Fear, um mit einer hochenergetischen Performance noch ein paar Schippchen auf das bereits lodernde Festivalfeuer drauf zu legen. Den auf der Bühne immer bestens gelaunten Jungs merkt man jede Sekunde an, dass sie genau für diese Momente leben, mehr noch wohl als viele andere Bands. Mit ihren eingängigen aber super-harten Songs, dem tighten Sound, den zufrieden grinsenden Gesichtern und den selbstironischen Ansagen in breitestem Thüringer Dialekt sind die vier Herren eine echte Bank auf jeder Festivalbühne. Seit ihrem dritten Album vom letzten Jahr haben Fabian, Manuel und Simon die Unterstützung des zum Sony-Konzern gehörenden Labels Century Media im Rücken und können nun auch international durchstarten. Die beste jüngere Death-Metal-Band aus Deutschland sind sie bereits, was sich in der riesigen Begeisterung im Festivalpublikum ganz praktisch zeigte. Es besteht kein Zweifel, dass ihr Stern weiter steigen wird.

Helheim gingen stilistisch in eine ähnliche Richtung wie Pillorian, auch wenn die Band aus Bergen im hohen Norden Norwegens neben etlichen typischen Merkmalen skandinavischer Black-Metal-Bands auch Viking- und Folk-Elemente in sich vereint. Dadurch sind die Norweger um einiges eingängiger als die Songs ihrer Bühnen-Vorgänger Pillorian, was sich auch deutlich in der größer werdenden Action VOR der Bühne bemerkbar machte. In diesen Jahr hatten die Metalmaniacs den mit Bauzäunen abgegrenzten Bühnenbereich etwas vergrößert und um eine rege genutzte Bier-Tankstelle ergänzt. Keine Notwendigkeit mehr, Augenkontakt mit seiner Lieblingsband zu verlieren, nur weil dummerweise das Bier zu schnell leer war. Es sind oft die kleinen Ideen, die den Unterschied machen und die Metalfreunde am meisten begeistern!

Mit Skeletonwitch stand dann bald darauf die zweite US-Band des Tages auf der Bühne, direkt am Vortag war das fünfte Studioalbum der Black-Thrasher aus dem nordöstlichen US-Bundesstaat Ohio erschienen. „Dreckig“ ist bei diesen Jungs Programm – und damit ist natürlich der Sound gemeint und nicht das ebenfalls „leicht“ verschmutzte Bühnen-Outfit des neuen Frontmanns Adam Clemans. Selten hat die Welt solch eine rotzig-böse Mischung aus Thrash- und Blackmetal erlebt, die so viel Laune macht, Mantar aus Hamburg kommen einem noch in den Sinn. Clemans keifte auf der Bühne in sein Mikrofon, als würde er das letzte Konzert seines Lebens spielen und das Tempo von Drums und Riffs machte es unmöglich, seinen Haare im tatsächlichen Takt der Musik kreisen zu lassen. Fazit: Zweites, echtes Highlight beim Baden in Blut 2018, und die wirklich großen Namen sollten erst noch kommen.

Asphyx aus den Niederlanden sind alte Bekannte für viele Metalheads und nicht nur für die Jungs von Deserted Fear eine prägende Band gewesen. Frontmann Martin van Drunen ist der Prototyp eines sympathischen Holländers und so plauderte der ergraute Frontmann zwischen den Songs mit flüssigem Deutsch launig mit der Menge. Ein fast ZU großer Gegensatz zu den derben Death-Doom-Songs, für die Band ansonsten steht und die natürlich auch auf dem Baden in Blut mit Vollgas auf die Fresse dargeboten wurden. Ein exzellenter Death-Metal-Auftritt einer absoluten Profi-Band.

Danach durfte es mit einem weiteren Sympathiebolzen energiegeladen weitergehen, nämlich niemand geringerem als den deutschen Thrash-Ikonen Tankard. Gerre von Tankard hat keinen so hübschen holländischen Akzent wie van Drunen, aber vermutlich kann er schneller einen Krug Gerstengebräu leeren. Zweifellos schwer rocken können beide. 36 Jahre stehen die Hessen auf den Bühnen der Welt und man glaubt Gerre jede Silbe, wenn er sagt, dass ihm inzwischen alles weh tut nach einem Auftritt. Aber genauso glaubt man, dass er jede Sekunde eines Auftritts genießt und feiert. Die Fans feierten (und sangen) mit. Kein Wunder, wurden doch Klassiker wie „The Morning After“, „Zombie Attack“ und „Chemical Invasion“ genauso dargeboten wie neueren Songs „One Foot in the Grave“ vom gleichnamigen aktuellen Album oder „A Girl Called Cerveza“ von dessen Vorgänger. Tankard mögen vielleicht nicht die besten Musiker sein, aber die Jungs verstehen es, abzurocken und Stimmung zu machen. Zudem: Selbstironie stand Metalbands schon immer viel besser zu Gesicht wie verkrampftes Metal-Pathos. Manch einer der Mittvierziger im Publikum dürfte sich nach „Chemical Invasion“ jedenfalls an die eigene Schulzeit erinnert haben. Das Ergebnis: Jede Menge Applaus und Gejohle, Tankard machen einfach Spaß und gehen immer!

Die Apokalyptischen Reiter hatten ebenfalls eine große Fangemeinde mitgebracht, ob die Band immer geht, wird wohl eine Streitfrage bleiben. Für die einen sind sie eine gruselige Mischung aus Rammstein und Unheilig, für die anderen absolute Helden. Zweifellos sind die Thüringer mit ihrem überwiegend deutschsprachigen Metal sehr beliebt. Wobei der Grad zu überfließendem Pathos bei deutschsprachigen Texten besonders schmal ist. Jedenfalls geht sie ins Ohr, die Kombination aus Todesmetall, Powermetal, Industrial und einigen anderen Zutaten, fast so sehr wie simple Popsongs, auch wenn die Growls und E-Gitarren-Riffs dem ganzen natürlich eine harte Schale verpassen. Der Auftritt des Co-Headliners dauert satte 80 Minuten, eine echte Hausnummer für einen Festivalauftritt und die fünf Herren wurden ordentlich abgefeiert.

Das Wetter hatte bis auf einen kleinen Schauer am Nachmittag entgegen der Vorhersagen auch gehalten und so hatte sich einmal mehr ein gemütliches Metal-Camp gebildet. Den Leckereien wurde ordentlich zugesprochen, dem Bier noch mehr. Dazwischen wurde geplaudert, auf den Merchandise-Ständen gestöbert, sich von seiner Lieblingsband die Pobacken signieren lassen oder man ließ sich mit dem berühmtesten Metal-Export der kleinen Gemeinde am Rhein fotografieren. Schmier von Destruction ist meist auf dem Baden in Blut anzutreffen und gibt sich als zugänglicher Rockstar, mit dem man auch mal ein bisschen „schwätze“ kann – denn in Südbaden wird nun mal nicht geplaudert sondern geschwätzt. Gegen halb elf begann die Festivalgemeinde dann wieder Richtung Bühne zu strömen, schließlich stand der Headliner Iced Earth noch aus. Die Metaller um Frontmann John Schaffer, den wohl bekanntesten Kopftuchträger der Metalwelt, haben beinahe so viele Jahre auf dem Rücken wie die Jungs von Tankard, wenn auch mit häufig wechselndem Line-Up – und ein Dutzend Studioalben herausgebracht. Nach jeder Menge Extreme-Metal zum Abschluss also eine klassische Heavy-Metal-Band mit einer großen Anhängerschaft und dementsprechenden Erwartungen. Und mit hohen Erwartungen ist das so eine Sache. Die fünf Herren eröffneten ihre Show eher routiniert als begeisternd, aber natürlich mit allem was sie als Musikgruppe ausmacht und wofür die Fans sie lieben: Die Stakkato-Riffs von Schaffer, die wirklich wunderbaren Soli vom erst 26-jährigen Jake Dreyer und nicht zu vergessen natürlich die High-Pitches vom inzwischen etablierten Frontmann Stu Block. Dennoch: So richtig sprang der Funke zum Publikum nicht über – und daran änderten auch die immer wieder etwas verkrampft daherkommenden Versuche nichts, das Publikum anzufeuern. Tiefpunkt: Ein auf die Bühne geschleuderter Bier-Becher aus dem Publikum, der nicht traf, aber den sowohl Schaffer als auch Block mit einer verschwurbelt-pathetischen „Asshole amongst Brothers and Sisters“ Ansage goutierten. Bei allem Ärger über so ein Verhalten – souverän sieht anders aus. Die Jungs spielten ihr Set wie Profis aber ohne Verve zu Ende, das Publikum klatschte eher höflich als begeistert und eine Zugabe forderte am Ende auch niemand.

Doch egal. Beim Baden in Blut Festival ist ohnehin keine der Bands der Höhepunkt, sondern das Festival im Grünen selbst. Mit seinen chilligen Helfern, seine gemütlichen Besuchern, der überschaubaren Größe und dem einmal mehr sehr gut durchmischten Line-Up haben die Metalmaniacs wieder ganze Arbeit geleistet. Von den amerikanischen Bands hatten Skeletonwitch am meisten überzeugt – außerdem hat das Festival wieder einmal belegt, das Deutschland ebenfalls viel an guten Bands zu bieten hat – auch wenn das natürlich Geschmackssache bleibt. Wer das hier liest und noch nicht dort war: Unbedingt nachholen, Datum vormerken, Ticketvorverkauf nutzen um das Veranstalterteam zu unterstützen. Das Baden in Blut ist auch eine etwas weitere Anreise wert. Wir danken dem Festival herzlich für die angenehme Atmosphäre und freuen uns schon auf das nächste Jahr!

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Martin Rahn. Verwendung nur mit Erlaubnis des Fotografen.

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