Michael

Michael kam über die Konzertfotografie zu Whiskey-Soda und verbindet das Bildermachen gerne mit Konzertberichten und CD-Rezensionen. Als Chefredakteur für den Bereich Bluesrock mag er aber auch viele aus dem Blues entsprungene Genres wie diverse Metal-Spielarten. Daneben landen gerne Progressive- und Classic Rock und Americana auf seinem Drehteller, bevorzugt auf klassischem Vinyl. Wenn dann noch Zeit bleibt, findet ihr Michael bevorzugt im (Heim)Kino oder natürlich irgendwo da draußen zum Fotografieren.

Z2

Im Grunde ist die tatsächliche Zielgruppe für „Z2“, dem neuen Album des kanadischen Multitalentes Devin Townsend, schon relativ kompakt und überschaubar. Zunächst einmal solltet Ihr (natürlich) Metal mögen, am besten progressiven avantgardistischen Metal mit komplexen Melodien, wuchtigen Chören, brachialen Drum- und Gitarrenattacken und eingestreuten Power- und Symphonic-Metal-Elementen. Dazu seid Ihr dann bitte Science-Fiction-Fans mit Vorliebe für schräg-bizarre Geschichten über kühne Raumfahrer, böse Prinzessinnen, Weltenvernichter, Wurmlöcher und eigenartige Aliens. Haben wir das soweit? Auch gut! Trinkt Ihr außerdem auch noch gerne Kaffee? Oder mögt Musicals? Wenn Ihr zu den wenigen Menschen gehört, die wohl in eine Schnittmenge all dieser Gruppen fallen, dann ist „Z2“ ein absoluter Pflichtkauf für Euch. Und je weniger der Kategorien Ihr erfüllt, umso eher solltet Ihr zunächst einmal Probehören. Oder einfach hier weiterlesen.

Aber der Reihe nach. Devin Townsend veröffentlichte 2007 ein Konzeptalbum namens „Ziltoid The Omniscient“ über einen gleichnamigen Außerirdischen, ließ dazu auch eine Puppe bauen und spielte dieses Album mehr oder weniger im Alleingang ein. Ziltoid kam darin auf die Erde und hatte nur einen Wunsch. Er wollte weder nach Haus telefonieren noch die Katze fressen, nein, es ging ihm nur um Kaffee! Ja, das Album war genauso schräg, wie sich diese kurze Zusammenfassung anhört. Sieben Jahre später erscheint nun die Fortsetzung, Ziltoid wird quasi mit sich selbst multipliziert (‚Ziltoid Squared‘). Und so ist die neue Ziltoid-Geschichte auch ein höchst spannendes und abwechslungsreiches Doppelalbum geworden. Die beiden Discs auf „Z2“ sind individuell „Sky Blue“ (Devin Townsend Project) und „Dark Matters“ (Ziltoid) betitelt. Die erste Scheibe enthält überwiegend „richtige“ Songs, die alle ineinander über gehen und zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Dieser Teil des Doppelalbums ist auch für den „normalen“ Metal-Fan uneingeschränkt zu empfehlen. Disc 2 erzählt dann mit Songs, Instrumentalpassagen und Sprechern die Geschichte von Ziltoid, einer Invasion der Erde durch die böse Kriegsprinzessin und ihre Schergen und schließlich der Rettung des Planeten. Diese Geschichte wirkt wie eine Reminiszenz an die alten Sci-Fi-Radiohörspiele wie „Krieg der Welten“ oder trashige 50er-Jahre B-Movies. Das Ganze ist dann wirklich auch eher ein schräges Hörspiel mit Songs, ein Metal-Musical, eine durchgeknallte Geschichte, die das Leben der Erdenbürger, des spektakulären „Captain Spectacular“ und natürlich auch das des Aliens „Ziltoid“ für immer verändern wird. So etwas muss man wirklich mögen, um Spaß an der zweiten Disc zu haben. Wer sich jedoch auf diese Geschichte einlässt, wird mit innovativem Progressive Metal vom Feinsten belohnt, der nur so strotzt vor lauter musikalischer Ideen.

Beide CDs des Albums, das auch als Vinyl-Ausgabe und Special Edition erhältlich ist, sind aufwändig und hörbar teuer produziert. War Devin Townsend beim Vorgänger „Ziltoid“ noch mehr oder weniger Alleinunterhalter, hat er diesmal keine Kosten und Mühen gescheut, zwei sinfonische Orchester aufgefahren (die aber relativ im Hintergrund der Arrangements bleiben) und einen gewaltigen Fan-Chor organisiert. „Wir haben eine Website designt, auf der die Fans ihre eigenen Gesangsaufnahmen von Teilen des Albums hochladen konnten“, erklärt Townsend die Entstehung der Songs ‚Z2‘, ‚Dimension Z‘ und ‚Before We Die‘. Die von den Fans eingesungenen Dateien wurden im Studio schließlich zu einem 2000stimmigen Chor zusammengemischt. Das Ergebnis ist in der Tat beeindruckend. Weitere prominente Unterstützung holte sich der Kanadier bei der niederländischen Sängerin und Gitarristin Anneke van Giersbergen, die durch ihre frühere Zusammenarbeit mit der Band The Gathering sowie ihre Solo-Alben ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt in der Prog-Szene ist. Sie steuert für „Z2“ diverse Vocals bei, die gut zu den symphonisch-brachialen Ansätzen der Songs passen und teilweise ein wenig an Nightwish erinnern. Außerdem bietet sie mit ihrer weichen Stimme immer wieder einen Gegenpol zum aggressiven Townsend und seinen harten Gitarren. Selbst wenn die eigentliche Ziltoid-Geschichte der zweiten Disc vorenthalten ist, so sind auch die Songs des ersten „Sky Blue“-Albums spacig angehaucht, bieten teils sphärischen Gesang und sind generell von vielerlei Effekten verfremdet. Immer wieder werden Chöre verwendet, die den Songs etwas Großes Hymnenhaftes geben. Die häufig eingesetzten Gastvocals von Anneke van Giersbergen passen perfekt zu Devin Townsends eher aggressivem Gesangsstil. Wie aus einer anderen Dimension vermischen sich die Vocals, Chöre, harte Gitarren und treibende Drums mit orchestralen Elementen zu einem Gesamtkunstwerk, das überwiegend dem symphonischen Prog-Metal zuzuordnen ist, aber beispielsweise mit dem Song ‚Sky Blue‘ auch elektronische Gefilde streift. Bei’Silent Militia‘ fühlt man sich ob der brachialen Gitarren und eingestreuten Elektrobeats ein wenig an Rammstein erinnert. ‚Rain City‘ kommt dafür im Anschluß ungewöhnlich poppig daher. Aber Devin Townsend und seine Musiker finden immer wieder den Weg zurück zum eigenen vollkommen unnachahmlichen Stil, der wirklich so innovativ ist, dass er nur von Außerirdischen zu uns gebracht worden sein kann.

Ein interessantes abwechslungsreiches Doppelalbum, dessen erste Hälfte spannende und teils sphärische Prog-Metal-Klänge präsentiert, für dessen zweite Disc sich der Hörer aber schon einen besonderen Sinn für das Abstruse und Bizarre bewahrt haben sollte. Die Devise kann nur heißen: Kaffee kochen und dem großen Ziltoid folgen!

Kaliveoscope

Anfang diesen Jahres hat die Prog-Formation Transatlantic ihr aktuelles Album Kaleidoscope veröffentlicht. Es gab eine ausgedehnte Tour und unter anderem einen beeindruckenden Auftritt auf dem diesjährigen Night of the Prog Festival an der Loreley. Transatlantic ist eine „Super Group“, bestehend aus den Musikern Neal Morse (ex Spock’s Beard), Roine Stolt (The Flower Kings), Mike Portnoy (ex Dream Theater, Flying Colors, The Winery Dogs) und Pete Trewavas (Marillion). Im Rahmen der Kaleidoscope-Tour wurde ein umfangreiches Live-Paket aufgezeichnet: Zwei DVDs (sowie eine Blu Ray mit identischem Programm) und drei CDs umfasst das „KaLIVEoscope“-Set, wie die Box passenderweise betitelt ist. Die DVD / BluRay enthält ein vollständiges Konzert aus Köln sowie eine Reihe von Bonus-Tracks und Interviews sowie eine Tourdokumentation. Zusätzlich gibt es auf den CDs ein komplettes weiteres Konzert zu hören, das im niederländischen Tilburg aufgenommen wurde. Die Entscheidung, das Konzert in Köln zu filmen, begründet Neal Morse damit, dass der Auftritt relativ in der Mitte der Tour lag. „Wir wussten, dass wir zu diesem Zeitpunkt sehr viel entspannter waren, was unser Set anging. Außerdem musste auch die Location für die Filmaufnahmen geeignet sein.“ Und es hat sich gelohnt.

Die beiden Live-Sets aus Köln und Tilburg unterscheiden sich von den Songs her kaum, auf den CDs aus Tilburg gibt es gegen Konzertende noch ein paar Lieder mehr, aber im Großen und Ganzen wird musikalisch die gleiche Setliste abgearbeitet. Die zusätzlichen Songs aus den Niederlanden finden sich im Bonusmaterial der DVDs, so dass man wirklich nichts verpasst. Die CDs bieten das Konzert aus den Niederlanden in bester Tonqualität. Zwischen den Songs sind immer wieder einmal Ansagen und kleine Anekdoten zu hören („Wir spielen heute die längste Setlist dieser Tour, ich hoffe, Ihr wart alle noch einmal vorher auf der Toilette!“), und auch die gute Stimmmung im Publikum wurde passend eingefangen. So muss eine Live-Aufnahme klingen. Besonders interessant für Fans ist die Tatsache, dass kein Song live genau wie auf dem Studioalbum klingt. Immer wieder wird einmal das Arrangement oder Tempo leicht variiert, oder ein Solo wird verlängert und anders betont. Es gibt natürlich auch ein paar besondere Live-Momente, wie beispielsweise im epischen halbstündigen Titeltrack ‚Kaleidoscope‘, als im Segment ‚Ride The Lightning‘ plötzlich ein kleines Riff aus dem gleichnamigen Metallica-Song einbaut wird. In einer späteren Passage des gleichen Tracks darf sich Basser Pete Trewavas dann auch einmal im Singen versuchen und macht seine Sache sehr gut.

Der Schwerpunkt der Setlist liegt natürlich auf dem aktuellen Album „Kaleidoscope“, das auch komplett dargeboten wird. Unterstützt wird die Band live zudem noch von Ted Leonard (Gesang bei Spock’s Beard und Enchant). Zwischen den Kaleidoscope-Songs gibt es älteres Material, u. a. ‚My New World‘ vom allerersten Transatlantic-Album. Neal Morse singt ‚Beyond The Sun‘ als einfühlsame und äußerst intime Ballade, im ersten Teil sogar komplett á capella. Wie schon auf der Bonus-CD des Studioalbums wurden live auch einige Coverversionen gespielt, so zum Beispiel ‚Nights In White Satin‘ (Moody Blues) und als besondere Schmankerl die beiden Titel ‚Sylvia‘ und ‚Hocus Pocus‘ der holländischen Prog-Band Focus. Deren Sänger Thijs van Leer gesellt sich dann auch live dazu und überzeugt mit seiner einprägsamen Stimme und verursacht beim Hörer die Lust, sich doch einmal näher mit der Band zu beschäftigen.

Insgesamt bieten die drei CDs eine wunderbare Live-Show mit packender Atmosphäre und einer Band in hervorragender Spiellaune. Technisch wurde zudem alles richtig gemacht, die Aufnahmen klingen sauber und druckvoll und fangen die Live-Stimmung perfekt ein. Wer also schon immer einmal Transatlantic live hören und sehen wollte oder einfach eine Erinnerung an die letzte Tour benötigt, kann bei diesem Set unbedenklich zugreifen. Noch mehr Transatlantic live geht nur auf der nächsten Tour beim tatsächlichen Konzertbesuch. Bis dahin kann man es sich getrost zu Hause gemütlich machen und die Farbe des Kaleidoscopes immer wieder neu genießen.