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Coldplay - Melancholie für die Massen

Nach langer Wartezeit kamen Coldplay nun endlich nach Berlin, um altes Material, vor allem aber die neuen Songs vom aktuellen Album "A Rush Of Blood To The Head" zum Besten zu geben. Wir (Birte und ich) sind voller Erwartung in die Arena gezogen, um dem Konzert beizuwohnen.

Ich gebe es ohne Umschweife zu: der Coldplay-Virus hat mich voll erwischt. Er ist zwar nicht direkt übertragbar und auch nicht pathogen, trotzdem sollte man ihn nicht unterschätzen. Es kann schon passieren, dass man auf offener Straße und in der Dusche sowieso unvermittelt anfängt eine Melodie vom neuen Album "A Rush Of Blood To The Head" zu summen, zu singen oder zu pfeifen. Die Irritation von Mitmenschen sollte man ignorieren. Nebenbei sei erwähnt, dass das Album mit jedem Hören besser wird.

Vom Virus nicht geschwächt, sondern eher beflügelt, machten wir uns auf in die Arena, um die vier Jungens aus England endlich einmal live zu sehen (die "Parachutes"-Tour mußte wegen Stimmbandproblemen von Chris Martin abgesagt werden). Exzellent unterstützt wurden Coldplay von Idlewild aus Schottland.

 



Vor einem riesigen Publikum in der ausverkauften Halle begannen die vier wie erwartet mit dem Paukenschlag "Politik". Chris Martin gab an Mikrophon und Klavier alles, während die restlichen Bandmitglieder sich professionell und unauffällig musizierend im Hintergrund hielten. Dies änderte sich zwar ein wenig, als nach ein paar Liedern Leinwände eingeschaltet wurden, von denen jeder Musiker jeweils eine eigene über-lebensgroß ausfüllte, aber Chris blieb stets im Mittelpunkt des Geschehens. Nicht zuletzt, weil er bemüht war, zwischen den Liedern Deutsch mit dem Publikum zu reden.

Die vier Leinwände in schwarz-weiß entwickelten durch das parallele Erleben von live-performance und verfälschter Bildschirmdarstellung eine ganz eigene Ästhetik. Zusätzlich gab es oberhalb des vorderen Bühnenrandes eine halbkreisförmige Leinwand mit verschiedenen Ansichten und Spielereien, die allerdings weitgehend von einem Stahlträger des Hallendachs verdeckt war. Überhaupt ist die Arena für meine Begriffe kein guter Ort für Konzerte - sie ist viel zu groß und viel zu breit für die schmale Bühne. Es ist alleine der extrem guten Performance der Band zu verdanken, dass Stimmung aufkam. Etwas überraschend war, dass sehr viele Leute die Texte kannten und ausgiebig mitsangen, tanzten und klatschten. Erwartet hatte ich eher, dass ein großer Teil der Leute Coldplay lediglich von den letzten Singleauskopplungen kennen, den Hype mitbekommen haben und sich dachten, man könne ja durchaus mal auf deren Konzert gehen.

Coldplay wußten zu fesseln und zu elektrisieren. Sowohl die wundervollen Nummern vom ersten Album wie "Yellow", "Shiver" oder "Everything´s Not Lost", als auch die neuen Stücke wie "God Put A Smile Upon Your Face", "The Scientist" oder "Daylight" wurden zu Gehör gebracht. In der Zugabe brachten sie dann mit der vorletzten Singleauskopplung "In My Place" Treptow endgültig zum beben und und hatten jeden einzelnen Zuhörer in der Tasche.

 



Schade allerdings, dass sie es nicht vermochten eine sanfte Landung hinzubekommen und mich mit dem gleichen großen Gefühl im Bauch nach Hause schweben zu lassen. Der vorletzte Song war eher unbekannt, der Letzte ein von Chris solo gespieltes und leider etwas belangloses Stück. Manchmal ist weniger mehr: sie hätten entweder nach "In My Place" gehen sollen, oder mit dem brillianten "Amsterdam", dem Abschluß des neuen Albums, ein furioses Konzert ausklingen lassen sollen.

Trotz der Kritik an der Songauswahl und dem Austragungsort bleibt unter dem Strich ein grandioses Konzerterlebnis, dass den endgültigen Aufstieg Coldplays von der kleinen melancholischen Band für Kenner in die Liga von Stadionrock für Massen treffend widerspiegelt. Einerseits funktionieren die ruhigen, tiefgehenden Stücke wie "Trouble" nach wie vor, andererseits ertappt man sich hin und wieder bei egoistischen Gedanken und möchte hinausschreien: "Was wollt Ihr bloß alle hier. Ich will meine Band zurück haben. Und zwar für mich ganz alleine".


 

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Tobiohnebo
© 11/2002 whiskey-soda.de
 


Kurzinfos: Coldplay

Homepage:
- Coldplay

Artikel:
- Coldplay - ehrlich währt am längsten?
- Coldplay - Melancholie für die Massen

Rezensionen:
- A Rush Of Blood To The Head
- Live 2003
- X & Y
- Mylo Xyloto
- Ghost Stories


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