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In Flames - Live im Finale mit Sepultura ohne Verlängerung

Die Tour von den Fußball-Narren Sepultura und In Flames mutet wie Finale an. Thrash Metal-Meister gegen Melodic Death-Champions stand im Columbia-Stadion in Berlin auf dem Programm. Die beiden Widersacher zeigten gewohnt hochklassige musikalische Kost, trotzdem kam das Berliner Publikum nicht in den Genuss einer Verlängerung oder Elfmeterschießens, um den Gewinner des Abends zu ermitteln.

Der Opener Dagoba aus Marseille konnte sich über ein sehr gut gefülltes Rund erfreuen, als man das erste Mal in Berlin gastierte. Das Publikum bekam eine gelungene Mischung aus Machine Head und Soilwork geboten, also stampfende Mammutriffs, aggressive Gesänge und massenkompatible klare Refrains von Sänger Shawter. Dagoba boten eine engagierte Leistung mit extrem schnellen Doublebass-Anschlägen und nicht minder hoch angesiedelte Freude auf der Bühne. Guter Einstand.

Die Thrash Metal-Heroen Sepultura mussten zwar auf ihren angestammten Schlagwerker Igor Calavera verzichten, der aus persönlichen Gründen der Tour fernblieb, aber mit dem Soilwork-Fellgerber vertrat ihn ein Mann, der nicht minder hart sein Instrument malträtieren kann. Das just erschienene Meisterwerk "Dante XXI", ein Konzeptalbum über die göttliche Komödie von Dante mit aktuellen Zeitbezügen bestimmte natürlich nicht komplett das Set, dafür ist der Hitfundus der Brasilianer einfach zu groß. So kamen neben einigen neuen Stücken etliche zeitlose Metal-Klassiker zu Gehör, die die zahllosen Fans, die nur wegen Sepultura anwesend waren (O-Ton eines Konzertbesuchers: "In Flames? Die kenn ich gar nicht...") zum ausrasten brachte. Sei es "Refuse Resist", "Arise", "Beneath The Remains", "Troops Of Doom" oder "Roots", die Rasta-Fraktion fraß der Band völlig zurecht aus der Hand, bemerkenswert auch, was Andreas Kisser als einziger Gitarrist für eine Soundwand erzeugte.

 

Derrick Green am Mikro dirigierte die Masse und hatte nicht nur aufgrund seiner hünenhaften Gestalt das Auditorium fest im Griff. Wenn er ebenso an die Gitarre wechselte wirkte diese wie ein Kinderspielzeug in seinen Händen. Nur einmal zogen Sepultura den Unmut des Publikums auf sich, als Andreas Kisser sich fast schon vorab entschuldigte, dass Brasilien wieder einmal die Fußball-WM gewinnen wird und den fünften Titel einkassiert.

Die Götheburger Death Metal-Lieblinge setzten im Gegensatz zu ihren brasilianischen Widersachern umgekehrt denn der Fußball-Realität auf technische Finesse und Schönspielerei statt wie Sepultura auf geradlinige, zielstrebige Songs, analog wie man den Skandinaviern das Kicken unterstellt. Somit gab es weder Kick and Rush noch lange weite Bälle in die Sturmspitze der Schweden, ein weißer Stoffwall verbarg die Bühne zu Beginn und poppige Melodien sollten auf den bevorstehenden Auftritt einstimmen. Dafür legte die Viererkette mit Abwehrchef Anders Frieden fulminant los, keine zuckersüßen Elemente, sondern knallharte und brachiale Rhythmen zu Beginn, für die In Flames seit den letzten drei Alben stehen.

Und nicht nur musikalisch gab es die Vollbedienung, auf der Bühne wurde aus allen Rohren gefeuert, Flammenwände, Pyro-Effekte und massive Knaller-Einsätze, die faszinierender Weise auf die Double Bass von Schlagzeuger Daniel Svensson abgestimmt waren und so noch effektiver erschienen. Anders Friden zeigte nicht nur stimmliche Präsenz, auch modisch gab der Frontmann alles. Weißes In Flames-Hemd mit Krawatte, das Bandmaskottchen auf dem Rücken sowie darunter bei jedem Bandmitglied ähnlich Fußballtrikots den Nachnamen des Protagonisten. Dazu brillierte Herr Friden mit geschmackvollen Ringel-Kniestrümpfen im Pippi Langstrumpf-Stil.

Ähnlich allen flammentechnischen Krachbums, die die Fans verzückte, auch wenn sich nun etwas bequemer stehen ließ, weil die Nur-Sepultura-Fans sich nach hinten zurückzogen, wurde songtechnisch ein Spektakel entfacht, welches den Explosionen in Nichts nach stand. Zwar wurden nur wenige richtig alte Songs dargeboten und vor allem die letzten Alben wurden bedacht, dennoch hatte man nie das Gefühl, als wäre hier die Vergangenheit ausgeblendet worden. Und neben der intensiven Bühnenshow war sogar noch Zeit, einem Fan aus der ersten Reihe den Fotoapparat aus der Hand zu nehmen und von sich selbst Nahaufnahmen zu machen und das Kleinod dem wahrscheinlich glücklichstem Menschen des Abends zurückzugeben. Neben den neuen "Take This Life" und "Crawling Through Knives" gab es "The Quiet Place", die Überhits "Trigger", "Cloud Connected" und "System", zudem "Black & White" und von den Uralt-Klassikern "Behind Space", "Episode 666" sowie die Hüpf-Hymne "Only For The Weak".

Bei "My Sweet Shadow" wurde noch einmal alles gegeben, es schien, als würde die komplette Halle pulverisiert werden, die Bühne stand (Achtung, Wortwitz!) wahrlich in Flammen, Rauchbomben und Konfetti-Kanonen komplettierten eine Atmosphäre, als wären soeben die Schweden zum Weltmeister gekrönt worden. Danach war ohne Zugabe Schluss, die Meisterfeiern wurde dann wohl unter sich ausgetragen. Zwar war die Spielzeit nicht wirklich üppig bemessen, doch intensiv genutzt wurde der Aufenthalt auf der Bühne allemal. Ganz so souverän wie die Feier ausfiel holten sich dann In Flames doch nicht den (Metal-)Weltmeister-Titel, doch für ein spielstarkes 2:1 mit Feldvorteilen reichte es dennoch. Schweden wird also nach dem Gesetz der Serie Weltmeister. Ich hätte damit überhaupt kein Problem...


 

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Ingo
© 03/2006 whiskey-soda.de
 


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