Galahad

Seas Of Change

Wer sich mit der gleichermaßen elektronisch wie metalbeeinflussten Ausrichtung der letzten paar Galahad-Alben schwertat, wird mit dem neuen Album „Seas Of Change“ wohl in begeisterten Applaus verfallen. Denn das aktuelle Album der Südengländer ist vielleicht so nahe am klassischen „Sleepers“-Sound wie keiner seiner Nachfolger. Sicher, die Produktion klingt natürlich nicht wie 1995, und den einen oder anderen Drumloop und Bratriff muss man nach wie vor wegstecken können, aber ganz generell ist das hier melodischer, eingängiger und urklassischer Neoprog höchster Güteklasse.

Dabei haben sich Galahad die Freiheit genommen, die zwölf Songs des Albums in eine einzige 43-Minuten-Suite zu arrangieren. Das hat schon vor dreißig Jahren bei Princes „Lovesexy“ genervt und entpuppt sich auch hier als der einzige Fehltritt der Scheibe. Nach dem floydianischen Opening der Scheibe inklusive gilmouresker Gitarre und Sprachsamples, die sich durch das komplette Album ziehen, darf man sich über Eingängiges wie ‚Seas Of Uncertainty‘ und ‚Dust‘ freuen, das, nun ja, tanzbare ‚A Sense Of Revolution‘ (mit clever verstecktem lyrischem Genesis-Tribute) und das Dream Theater-mäßige ‚Mare’s Nest‘ bedienen die Fans der letzten Alben, bevor es mit dem Finale ‚The Greater Unknown‘ und ‚Storms Ara A-Comin‘ (Reprise)‘ wieder in atmosphärische Gefilde geht. Im Laufe dieser Aktivitäten gibt’s durchweg großartige Gitarrenarbeit vom langjährigen Basser (!) Lee Abrahams, die gewohnt mit großen Emotionen spielenden Vocals von Stu Nicholson, klassische Prog-Synthies und Sequencer-Riffs von Dean Baker und eine kraftvolle Rhythmusgruppe, der mittlerweile auch wieder Tim Aston angehört, der auch 1990 auf dem (offiziellen) Debüt der Band spielte.

Nicht zum ersten Mal haben sich Galahad ein politisch motiviertes Konzeptalbum vorgenommen. Das Cover lässt bereits erahnen: auch hier regiert das Thema Brexit. Wie The Tangent nehmen sich Galahad dem Thema mit einem gewissen Galgenhumor an, ohne allerdings so bissig zu werden wie Andy Tillison. Das mag aber auch daran liegen, dass Stu Nicholson und Co ehedem etwas kühlere Persönlichkeiten sind. Auch wird die politische Entscheidung an sich nicht so stark attackiert wie vielmehr die Tatsache, dass der fehlende Plan zur Umsetzung mittlerweile einen permanenten Zustand der Unsicherheit zur Folge hat. Die Lyrics sind auf jeden Fall auch für Nicht-Briten höchst lesenswert, denn was passiert, wenn man die planlos-populistische Alternative wählt, sieht man auch in good old Germoney in den letzten Monaten nicht zu knapp…

Aber auch ohne politischen Hintergrund: Galahad beweisen mit „Seas Of Change“, dass Neoprog im klassischen Sinne nicht langweilig sein muss, solange die Band musikalisch etwas zu sagen hat. „Seas Of Change“ stellt – trotz meiner ungebrochenen Liebe zu „Sleepers“ – das reifste und geschlossenste Album der Band dar, eine Zusammenführung aller Facetten und Experimente der letzten 25 Jahre. Ach, und sowieso ist Galahads Neue wohl jetzt schon das beste Neoprogalbum, das wir in diesem Jahr zu hören bekommen. Zu beziehen ist die Scheibe – wie so ziemlich alles, was der Progger so braucht – im Webshop von Just For Kicks.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.