Lazuli

Saison 8

„Sad is happy for deep people“, proklamierte einst Sally Sparrow. Das könnte das Motto der Artrocker Lazuli sein: mit ihrem neuen Album „Saison 8“ kommen sie dem perfekten, traurig-schönen Wohlfühlalbum nämlich verflucht nahe. Auch wenn sich im Vergleich zum direkten Vorgänger „Nos Âmes Saoules“ musikalisch nicht viel geändert hat: vielleicht wurden die härteren Ausbrüche und die Pop-Elemente ein wenig in Richtung bodenständigerem, ja, „ungeschminkterem“ Rock verschoben, aber Lazuli bleiben sich ganz generell treu.

Wieso auch nicht? Die Mixtur aus Artrock, Alternative, Peter Gabriel-mäßigen World Music-Elementen und an jüngere Marillion (ca. ab ‚Marbles‘) angelehntem modernem Prog bietet genug Spielraum, dank dessen Langeweile oder Stagnation noch lange kein Thema sein dürften. So begeben wir uns diesmal zum Ende von ‚Un Linceul De Brume‘ gar in apokalyptische Opeth-Gefilde (post-„Heritage“, versteht sich), bevor ‚Mes Amis, Mes Frères‘ ein recht eingängiger Rocksong folgt, der in den Neunzigern wunderbar auf ein Live-Album gepasst hätte. Dem folgt ‚Les Côtes‘, ein seltsamer, atmosphärischer Walzer mit Danny Elfman-/Tim Burton-Flair – nein, über mangelnde Abwechslung oder fehlende Experimentierfreude dürfte sich hier niemand beschweren. Trotzdem schaffen es Lazuli, auf „Saison 8“ ein enorm kompaktes Gesamtbild abzugeben, das weder anstrengt noch verkopft wirkt. Neben den sehr eingängigen, aber nie platten Melodielinien ist auch das ein Verdienst von Sänger/Songwriter Dominique Leonetti. Der mag zwar aussehen, als sei er vor zwanzig Jahren bei einer Nu-Metal-Kapelle abgehauen, verfügt aber über eine höchst eindringliche, eher androgyn klingende Stimme, die genausoviel für den Wiedererkennungswert der Band tut wie das unkonventionelle Instrumentarium. Matt Bellamy, vielleicht auch Brian Molko könnte man als Vergleiche heranziehen, aber, gerade aufgrund der französischen Herkunft der Band naheliegend, auch die Folk-Avantgarde-Chanson-Sängerin Catherine Ribeiro. Die hat ihrerseits auch u.a. mit Peter Gabriel sowie der Band Alpes, welche wie Lazuli auch mit selbst erfundenen und gebauten Instrumenten experimentierte, gearbeitet – und wenn die Dame der Band beim atmosphärischen ‚Chronique Canine‘ nicht zumindest im Hinterkopf herumgespukt ist, wäre das schon ein kräftiger Zufall. Ja, und Marimbas und Waldhörner hört man auch nicht auf jedem Durchschnittsprogalbum – von der selbstgebauten Léode, optisch und soundtechnisch wohl eine Art Chapman Stick oder Touch Guitar, ganz zu schweigen.

Auch in technischer Hinsicht weiß „Saison 8“ durchweg zu gefallen. Die Produktion ist erstklassig ausgefallen, wunderbar warm, hochdetailliert, bei Bedarf aber enorm druckvoll, an anderer Stelle getragen, ohne zerbrechlich oder gar dünn zu wirken. Bedenkt man, wieviele mittelprächtige Produktionen bei Major-Labels herausgehauen werden, ist eine derart fantastisch klingende Eigenproduktion umso erfreulicher – und kommt ganz und gar ohne Surround-Schnickschnack aus. Auch das Artwork (die CD kommt als Digipack mit 18seitigem Booklet), für das ebenfalls Dominique Leonetti verantwortlich zeichnet, wirkt enorm hochwertig und unterstützt die Musik perfekt. Auch die Lyrics sind abgedruckt, doch ungeachtet der Tatsache, dass er gerade fünfzehn Kilometer von der französischen Grenze entfernt wohnt, versteht der ignorante Rezensent von denen kein Wort. So seltsam das klingt, das gibt der Musik nur noch mehr Reiz, da die Stimme zum reinen Instrument wird und die Emotionen rein von der Darbietung des Sängers ausgelöst werden.

Man könnte also sagen, ich bin ziemlich begeistert von Lazulis Neuer. Kurz, der Fünfer gehört zu den besten Prog-Bands unserer Zeit, gerade, weil sie sämtliche Genre-Klischees weiträumig umfahren. Ein Höhepunkt in einem an starken Releases wahrlich nicht armen Monat. Zu beziehen im Webshop der Spezis von Just For Kicks!

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