Beim Blick durch ein Kaleidoskop erscheinen vor dem Auge faszinierende bunte Formen in einer symmetrischen Anordnung. Wenn man das kleine Rohr wendet, drehen sich diese Formen, fließen in andere Muster neu zusammen und erreichen schließlich wieder die ursprüngliche Erscheinung. Das Spannende an dieser Angelegenheit ist die seltsame Mischung aus Berechenbarkeit und Unverständlichkeit. Man weiß genau, dass immer wieder die gleichen Formen auftreten, aber wie sie sich zusammensetzen, kann man in der Kürze der Zeit nicht verfolgen. Viel zu verwirrt ist man von den psychedelisch umherschwirrenden Farben. Verantwortlich für diese besonderen Bilder in dem kleinen Rohr sind vier Spiegelstreifen innerhalb des Kaleidoskops. Diese verbinden die Abbildungen von ganz normalen farbigen Glasobjekten, die zwischen einer glatten und einer matten Glasscheibe befestigt sind, zu den wunderbaren Kunstwerken. In genau dieser kaleidoskopischen Art und Weise setzt sich auch das Cover des zweiten Albums der britischen Band Sky Larkin zusammen - und es heißt sogar so: 'Kaleide'. Im Gegensatz zu den Bildern aus dem Kaleidoskop fehlt allerdings auf diesem Album oft die Symmetrie, die dem Verstand noch einen Anhaltspunkt inmitten der vielen verwirrenden Formen bietet. Einer der drei Spiegelstreifen scheint hier defekt zu sein. Die Stimme von Sängerin Katie Harkin erinnert - was allein kein Problem bereitet - ein wenig an eine aufgedrehte Annika Norlin (Hello Saferide). Weil gleichzeitig aber auch die Musik oft ziemlich am Rad dreht, ist sie meistens einen Tick schneller unterwegs als die Hörer. Und wenn die Hörer meinen, sie eingeholt zu haben, dreht sie kurzerhand von der erwarteten Melodieführung ab und verschafft sich aus Versehen wieder einen Vorsprung. Das ist durchaus eine interessante Erfahrung des Musikhörens, aber auf Dauer ein wenig schwierig durchzuhalten. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass einige Songs zwar an bestimmten Stellen doch mal eine Pause einlegen, dann aber so gleichförmig sind, dass sie schnell auf die Nerven gehen. Wenn Katie Harkin in den beiden aufeinanderfolgenden Stücken 'Anjelika Huston' und 'Spooktacular' jeweils die titelgebenden Worte oft hintereinander mit schriller Stimme wiederholt, kommt es unglücklicherweise schnell einem anstrengendem Quietschen gleich. Allerdings enthält 'Kaleide' durchaus auch Momente, in denen sich Musiker und Hörer treffen, ohne dass es nervenaufreibend klingt. Das druckvolle Schlagzeug beispielsweise leitet in 'Tiny Heist' und 'Landlocked' gekonnt durch den Song. Es verhilft der typischen Strukturlosigkeit zu einem kleinen Gerüst, das es den Hörern ermöglicht, den Stücken zu folgen. Auf eine eher untypische Figur für ihre Musik greifen Sky Larkin in 'ATM' zurück, indem sie einen längeren, nicht durchbrochenen Aufgang zur Zeile 'A selfish heart is a truthful muscle.' entwickeln. Inmitten des vielen Gewusels auf dem Album wirkt dieser Part unglaublich erholsam, ohne die Energie abflachen zu lassen. Die Regellosigkeit und Experimentierfreude, die Sky Larkin zum Fundament ihrer Musik gemacht haben, ist an sich eine spannende Idee. Problematisch wird es allerdings, wenn die Hörer in der Unordnung den Faden verlieren und nicht mehr genießen können, was auf 'Kaleide' zu häufig der Fall ist. Natürlich sollten Sky Larkin nicht ihrem Prinzip den Rücken kehren. Aber ein paar kleine Ankerpunkte mehr könnten sie ihren Hörern bieten. Ein Kaleidoskop fasziniert ja auch gerade wegen der ungewöhnlichen Kombination aus Berechenbarkeit und Unverständlichkeit. Sky Larkin sollten ihren dritten Spiegelstreifen reparieren.