Realms of Odoric – Ein Abenteuer zwischen Metal und Klassik

Ein Metalmusiker, der anstatt Metal einen Soundtrack für ein Symphonie-Orchester komponiert und ein Illustrator, der statt Metal-Artworks seine selbst erdachte, epische Fantasygeschichte illustriert. Das sind die beiden Personen, die die Eckpfeiler des Soundtrack-Artwork-Projekts Realms of Odoric sind. Arkadius Antonik (SuidAkrA, Fall of Catharge) ist der Komponist, sein malender Parter bei diesem Projekt der belgische Künstler Kris Verwimp. Der ist nicht nur für Albencover von Antoniks Band bekannt, sondern seit einigen Jahren auch für die Texte von SuidAkrA zuständig. Wir fanden diese Idee in Zeiten eines Überangebots an Fantasyfilmen und -serien mutig, aussergewöhnlich und sehr interessant, weshalb wir Antonik zum Interview gebeten haben. Dabei nahm er nicht nur zur Entstehunggeschichte des Projekts und dessen Umsetzung Stellung, sondern gab auch einen sympathischen und persönlichen Ein- und Ausblick auf das Projekt und die damit verbundenen Träume.

Whiskey-Soda (WS): Hallo Arkadius. Glückwunsch zu deinem Projekt und der zweiten CD „Second Age“. Auf diese Art und Weise dürfte Realms of Odoric wohl ziemlich einzigartig sein, oder sind dir ähnliche internationale Projekte bekannt, die explizit Musik mit Kunst/Illustrationen verbinden?

Arkadius Antonik (AA): Um ehrlich zu sein, weiß ich bisher von keinen solcher Projekte. Und genau diese Einzigartigkeit hat mich besonders daran gereizt.

WS: Wie hat das Projekt denn genau begonnen? Ich habe gelesen, dass „Odoric“ auf der Graphic-Novel „Wall of Doom“ beruht, die Kris Verwimp mit einem Co-Autoren schon vor über 20 Jahren geschrieben hat. Kanntest du Kris schon, wie hat er dich überzeugt, die Sache zu vertonen?
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AA: Ich habe vor einigen Jahren angefangen, einige Soundtracks zu komponieren, nur für mich. Ein, zwei habe ich hochgeladen und als Kris diese hörte, hat er mir von seiner Idee erzählt, die Geschichte von Odoric wieder aufleben zu lassen. Ich war von seinem Konzept sofort begeistert, weil es mir als Komponisten eine musikalische Richtung vorgab. Endlich konnte ich zu einer illustrierten Geschichte komponieren. Das war genau das, was ich schon immer tun wollte. Ich muss zugeben, dass mir zu dieser Zeit die Geschichte um Odoric nicht so geläufig war, deswegen musste mir Kris einiges an Informationen zukommen lassen. Aber danach konnte es losgehen, der Beginn unseres Projekts war im Mai 2013.

WS: Wie kann man sich die konkrete Zusammenarbeit zwischen dir und Kris Verwimp vorstellen? Tagelange Abstimmungen oder habt ihr einen „groben Fahrplan“ und arbeitet weitgehend unabhängig voneinander?
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AA: Kris entwirft ähnlich wie bei den Konzeptalben von SuidAkrA zunächst ein Grundgerüst. Ich bekomme eine Zusammenfassung der Ereignisse und Vorschläge, wie man sie in Songs aufteilen könnte. Der Inhalt gibt mir schon eine genauere musikalische Richtung vor und ich kann gezielter komponieren. Manchmal habe ich allerdings eine Idee und komponiere einen Track, der nicht geplant war, aber dennoch zur Story passt. In so einem Fall erweitert Kris die Geschichte. Es ist wirklich unterschiedlich, wie wir uns gegenseitig inspirieren, manchmal habe ich eine Illustration von Kris, die mich sehr inspiriert und manchmal bekommt Kris eine Songidee von mir und legt dann mit neuen Sachen los. Es ist ein unheimlich kreativer Prozess, so mit Kris zusammen arbeiten zu können.

WS: Du hast auch mit SuidAkrA, deiner Hauptband, ein „Realms of Odoric“ Album gebracht. Das hat mich zuerst etwas verwirrt, auch wenn ich wusste, dass beides deine Projekte sind. Was unterscheidet sich denn da bzw. warum hast du dich entschieden, die Story mit beiden „Plattformen“ zu erzählen?

AA: Da ja bekannterweise Kris seit 2009 auch die lyrischen Konzepte für SuidAkrA schreibt, hatte ich die Idee, das Odoric Konzept in einer anderen Form auch für SuidAkrA zu nutzen. Ich hatte vor dem Songwriting zu SuidAkrAs „Realms Of Odoric“ Album einfach das Gefühl, schon genug Konzeptalben über geschichtliche Mythen etc. veröffentlicht zu haben. Die Tatsache, eine Fantasystory als Vorlage für SuidAkrA zu haben, gab mir viel mehr Freiheiten, mich musikalisch auszutoben und neue Sachen auszuprobieren. Der inhaltliche Unterschied zum Projekt ist, dass wir bei SuidAkrA auf die einzelnen Charaktere eingehen, was sie denken und fühlen, während wir beim Projekt mehr die Ereignisse schildern.

WS: Graphic Novels sind ja ein immer größer werdendes Phänomen der Popkultur, auch wenn Comics und Co hierzulande immer noch als „Kinderbücher“ unterschätzt werden. Wie waren denn die Rückmeldungen auf das Projekt im In- und Ausland bisher?

AA: Ich kann wirklich nichts Negatives sagen über das Feedback. Beim ersten Album spielten, verglichen zum neuen Release, die Illustrationen eine etwas untergeordnete Rolle. Es war mehr in Form eines Booklets veröffentlicht worden. Diesmal ist es ein hochwertiges 80-seitiges DIN-A4-Buch. Aber die Reaktionen schon beim ersten Release waren sowohl im In- als auch Ausland durchgehend positiv.

WS: Viele deiner Fans dürften Metalheads sein. Wie ist da die Akzeptanz für dein Nebenprojekt im Bezug auf die klassische Musik? Ablehnung? Unverständnis? Begeisterung?
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AA: Um ehrlich zu sein, haben wir bei Realms Of Odoric nie Werbung geschaltet oder versucht die Metalszene einzubinden. Das gesamte Projekt stand von vorne herein unter dem Motto „Musik für Liebhaber“. Umso erfreulicher war es, dass auch aus dem Metallager viele Fans das Album kauften. Mit Ablehnung oder Unverständnis bin ich nicht in Berührung gekommen. Ich denke Metaller, die mit dieser Art von Musik nichts anfangen können, beschäftigen sich nicht weiter damit, punkt.

2.1.jpg „WS: Wie stemmst du die logistischen Herausforderungen bei diesem Projekt? Gerade „Second Age“ hat sehr viele Gastmusiker, die bezahlt werden müssen, Partituren müssen geschrieben werden und so weiter. Trotzdem hast du den ersten Teil erst vor einem Jahr herausgebracht und das SuidAkrA Album zu Odoric im Frühsommer!

AA: Und mit meiner zweiten Band Fall Of Carthage hab ich dieses Jahr auch noch ein Album mit 18 Songs aufgenommen! Also ehrlich gesagt: Keine Ahnung, wie ich das geschafft habe! (Lacht) Das frage ich mich selbst, wenn ich auf dieses Jahr zurückschaue. Irgendwie hatte ich scheinbar einen Lauf und gerade die terminlichen Sachen haben komischerweise perfekt gepasst, so dass wir da nicht viel schieben mussten, trotz meiner Konzerte mit SuidAkrA und Fall Of Carthage. Es ist tatsächlich das erste Mal für mich, dass ich in einem Jahr drei Alben geschrieben und veröffentlicht habe. Ist ein tolles Gefühl…

WS: Unterscheidet sich deine Arbeitsweise, wenn du für Suidakra komponierst zu den Stücken für Realms of Odoric?3.jpg

AA: Ja klar, da die Songstrukturen völlig verschieden sind. Eine Soundtrack-Komposition unterscheidet sich völlig von einem Metalsong. Daher gehe ich kompositorisch auch anders heran. Alleine die Tatsache, dass du bei SuidAkrA Gesänge hast und bei Realms Of Odoric keine, macht schon einen großen Unterschied in der Arbeitsweise. Aber es ist genau dieser Unterschied, der es für mich so reizvoll macht. An zwei völlig verschiedenen Sachen arbeiten zu können, bereichert mich als Komponisten in vielerlei Hinsicht.

WS: Wie muss man sich das vorstellen, wenn du komponierst? Sitzt du da am Klavier mit Federkiel und Pergament, läuft das alles mit Software? Erzähl doch mal etwas davon.

AA:

Der Anfang ist immer das Schwerste. Die erste Grundidee, eine Melodie etc. Es gibt Tage da fällt mir nichts ein, ich komponiere und am Ende lösche ich wieder alles. Und es gibt Tage, da setz ich mich hin habe eine Melodie auf dem Klavier, fange an diese orchestral zu arrangieren und es entwickelt sich eine Eigendynamik. Oft lasse ich es mindestens einen Tag ruhen, höre dann nochmal rein und nehme Änderungen vor. Ich muss auch sagen: Durch mein paralleles Studium als Filmmusik-Komponist an der Audiocation Akademie konnte ich viele erlernte Sachen sofort bei Realms Of Odoric umsetzen. Das hat den Flow noch mehr am Leben gehalten, denn es ist immer sehr spannend, etwas Neues zu lernen. Wenn du es dann noch sofort anwenden kannst, ist es die geilste Sache überhaupt.

WS: Komponisten von Soundtracks sind ja vor allem in der Filmszene bekannt, es gibt natürlich Berühmtheiten wie Hans Zimmer, John Williams und so weiter. Aber Fantasy ist allgemein auf dem Höhenflug, vor 20 Jahren wurde man noch belächelt, wenn man sich als Fantasy-Fan outete. Hast du Ambitionen bzw. könntest du dir vorstellen, in diesem wachsenden Bereich (Trickfilme, Spiele, Filme etc.) eine Karriere zu forcieren?

AA: Oh sicher! Um ehrlich zu sein, ist das schon seit langer Zeit mein großer Traum. Ich konnte dieses Jahr zum ersten Mal für den deutschen TV-Sender NDR Musik für einen Dokumentarfilm schreiben und habe erfahren wie es ist, unter Zeitdruck zu arbeiten. Das war tatsächlich sehr spannend. Ich denke, ich brauche noch etwas Zeit, aber mein Plan ist es schon, mich hier und da in Zukunft für solche Projekte bewerben zu wollen. Mal sehen…

WS: „Der Herr der Ringe“ oder „Das Lied von Eis und Feuer“ („Game of Thrones“)? Welche Geschichte gefällt dir besser und warum?
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AA: Ganz klar Herr der Ringe. Sowohl als Film als auch musikalisch. Zwar hat Ramin Djawadi ein sehr schönes Hauptthema für Game Of Thrones geschrieben, aber meiner Meinung nach kommt es nicht an das Meisterwerk von Howard Shore heran. Versteh mich bitte nicht falsch, ich liebe beide Komponisten. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann ganz klar Herr der Ringe.

WS: Der Herr der Ringe wurde ja schon verfilmt und entsprechend vertont. „Das Lied von Eis und Feuer“ als Serie „Game of Thrones“ ebenfalls. Neulich wurde gerade ein Computerspiel (Markus Heitz „Die Zwerge“) veröffentlicht, zu dem deine Kollegen von Blind Guardian den Soundtrack beigetragen haben. Was würde dir im Kopf herumgehen, wenn die Produzenten eines „Eis und Feuer“ Spiels auf dich zukämen und dich für dessen Soundtrack gewinnen wollten?

AA: Nun ja, zunächst tausend musikalische Ideen. (lacht) Es wäre natürlich der Hammer, dafür Musik schreiben zu dürfen! Gerade bei solchen Fantasygeschichten habe ich zigtausend Ideen im Kopf, wie man es umsetzen könnte. Also ich würde nicht lange zögern mit meiner Antwort! (lacht)

WS: Wie stehen die Chancen, dass „Realms of Odoric“ in seiner ganzen Pracht oder zumindest mit echten Streichern eines Tages Live aufgeführt werden wird?

AA: Oh, das wäre schon eine kostspeilige Sache, deswegen realistisch betrachtet momentan eher schlecht. Aber ganz ehrlich? Ich hätte mir auch nie träumen lassen, einmal im Leben mit einem Symphonie-Orchester arbeiten zu dürfen und jetzt ist es auch Wirklichkeit geworden. Also wie du siehst, soll man nie „nie“ sagen (grinst).

WS: Geht das Projekt noch weiter? Die Geschichte ist ja offensichtlich noch nicht zu Ende erzählt? Was sind die Pläne? Und wird die nächste CD wieder über SuidAkrA als Metal-Album erscheinen?
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AA: Dieses Album erzählt die Geschichte des zweiten Zeitalters. Auch mit SuidAkrA werden wir auf dem kommenden Album dieses Zeitalter parallel aufgreifen und was mit dem Projekt folgt ist das finale dritte Zeitalter, das sogenannte „Cymbric Age“. Dann ist die Trilogie erzählt. Natürlich hat das Odoric Universum noch viel mehr zu bieten. Wir werden sehen, wohin uns die Reise führt.

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