Elise Le Grow

Playing Chess

  • Artist: Elise Le Grow
  • Album: Elise Le Grow
  • Label: BMG / Warner
  • Release: 2018-02-15
  • Medium:

Elise LeGrow ist laut Auskunft eine kanadische Sängerin und Songschreiberin. Mit ihrem Debütalbum „Playing Chess“ veröffentlicht die Dreißigjährige nun aber ausgerechnet eine Sammlung von Coversongs, die, der Titel legt es nahe, allesamt aus dem Katalog des Chess-Labels stammen.

Wenn ein Newcomer sich gleich an Legenden wie Bo Diddley, Chuck Berry, Fontella Bass und Etta James versucht, rechnet man eigentlich nicht damit, daß das funktioniert. Doch Fräulein LeGrow hat sich mit Michael Mangini, Betty Wright und Steve Greenberg das Team an Bord geholt, das damals auch aus Joss Stone mit clever ausgewählten Coversongs einen veritablen Soul-Star machte. Elise (schon der Name suggeriert Stil!) posiert im Beatnik-Outfit mit Louise-Brooks-Haarschnitt und blickt den Käufer herausfordernd an, als wolle sie sagen, hier wird nicht einfach nur bewährtes Northern-Soul-Gold gecovert, hier gibt’s was Besonderes. Den größten Stich macht dabei die namensgebende Künstlerin selbst. Denn LeGrow wirft sich mit viel Schmelz, eindringlicher Phrasierung und einer Menge Sinnlichkeit bestens in Schale und macht sofort Lust auf mehr. Besonders positiv, daß LeGrow sich nicht dem Genrediktus unterwirft: trotz gelegentlicher Jazz- und Bluesanleihen (Chess eben!) ist das hier klar die Stimme einer jungen Frau. Wohl einer, die während eines Brunches mit Ginsberg und Kerouac in eine Zeitmaschine oder zumindest aus einem David Lynch-Film herausgestolpert ist, aber eben einer jungen Frau, die nicht mit im „modernen Soul“ oft anzutreffendem Pseudo-Gravitas, sondern voller Lebensfreude und reichlich lustvoll agiert. Eine wirklich begeisterungswürdige Stimme, die ein wenig an die mittlerweile völlig von der Bildfläche verschwundene Aimee Duffy erinnert.

Große Stimme, große Songs, große Namen – also alles bestens? Leider nicht. Denn wo an den ersten beiden Punkten nicht zu rütteln ist, bleiben die teilweise recht radikal uminterpretierten Covers hinter der Klasse der Originale – und der Sängerin! – zurück. Natürlich, es erfordert ein gewisses Mass an Chuzpe, Klassiker wie ‚You Never Can Tell‘ oder ‚Who Do You Love‘ komplett neu aufzuziehen, doch selbst die jederzeit faszinierende Stimme von LeGrow kann beispielsweise die mäandernde instrumentale Umsetzung des Chuck Berry-Hits nicht vor der Langeweile retten. Selten hat ein Ode an Jugendlichkeit und junge Liebe so unleidlich geklungen. ‚Who Do You Love‘ wird zur smoothen Nachtclubnummer und büßt dabei leider all die Kanten, die Gefährlichkeit von Diddleys Machogepöbel ein, ohne dem Song etwas Neues, gleich Intensives abzugewinnen. LeGrow legt sich mustergültig ins Zeug, doch die Musik ist einfach zu gefällig, zu reibungsfrei, zu sauber-professionell, um einen wirklich nachhaltigen Eindruck jenseits von „Hammerstimme!“ zu hinterlassen. So wurde in Etta James‘ Sonnenschein-Goldstück ‚Can’t Shake It‘, das LeGrow respekteinflößend mitreißend darbietet, ausgerechnet der beste Drumbreak der Welt (Fakt!) – der, mit dem der Song sich im Original endgültig gen Himmel schwingt – schlicht ausgelassen, stattdessen gibt’s dynamikfreies, aber unbedingt radiotaugliches 4/4-Getrommel ohne Fantasie. So, wie einst Mark Ronson mehrere Dutzend Acts produzierte. Das mag dem Radio-Programmdirektor gefallen, der Musikfan wünscht sich und LeGrow ein empathischeres Produzententeam.

Elise LeGrow ist definitiv eine beachtliche Neuentdeckung, die das Album fast im Alleingang dann doch zum Tipp für Neo-Northern-Soul-Fans macht – auch trotz der relativ beliebigen, auf Nettigkeit getrimmten musikalischen Umsetzung. Es bleibt zu hoffen, dass die Kanadierin sich zukünftig musikalisch etwas abenteuerlustiger präsentiert, denn das Charisma für eine lange und erfolgreiche Karriere hat sie auf jeden Fall. Gemessen an ihrer Leistung bei den nicht immer ideal umgesetzten Coversongs freue ich mich für meinen Teil jetzt schon darauf, ihre eigenen Songs zu hören – am Besten mit mehr Kanten und Herzblut und mit viel, viel weniger Studiofein.

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