In Extremo – ‚Wir konnten einfach nicht mehr weggucken!‘

Mit 'Quid Pro Quo', zu Deutsch 'Geben und Nehmen', werfen In Extremo am 24. Juni ihr neues Album auf den Markt. Whiskey-Soda sprach im Vorfeld mit Percussion-Experte Florian Speckardt alias Specki über die politischen Dimensionen der ungewohnt kritischen Songtexte, die Liebe zu Russland und den aktuellen Geschichtsboom, auf dessen Welle die Mittelalterrocker reiten.


Kommen wir gleich zu eurem neuen Album ‚Quid Pro Quo‘, das am 24. Juni herauskommt. Wie kamt ihr auf den Titel?

Die Zeit hat uns einfach keine andere Wahl gelassen. Wir sind eigentlich überhaupt keine politische Band und wir sind auch keine Anscheißer, die immer nur versuchen, schlechte Stimmung zu verbreiten. Ganz im Gegenteil: Wir sind ja bekannt für unsere gute Laune, für unsere Entertainment-Qualitäten. Aber selbst eine Band wie wir, die seit 21 Jahren unterwegs ist, kann manchmal einfach nicht weggucken. Das ist der Grund, warum wir zwei politische Songs auf das neue Album bringen wollten.

Der Plattentitel ‚Quid Pro Quo‘, also übersetzt ‚Geben und Nehmen‘, stand schon sehr früh fest, was für uns sehr ungewöhnlich ist. Dadurch konnten wir aber Texte schreiben, die sich in diesen roten Faden einbinden ließen. Das sieht man ja schon beim Frontcover – da wird kräftig ausgeteilt. Da gibt’s auf die Zwölf. Auf dem Backcover, das kann ich hier schon verraten, wird sich aber dann wieder verbrüdert, da wird wieder gemeinsam gefeiert und getrunken. Also auch hier ein Geben und Nehmen. Das ist ein ganz normales Spiel des Lebens: Es muss auch mal rappeln im Karton, dass man hinterher auch wieder weiß, was wichtig ist.

Wenn man dann die Scheibe in den Player legt, kommt zuerst ein Song mit dem Titel ‚Störtebeker‘ – eine Figur, die auch für Geben und Nehmen steht. Er hat’s von den Reichen genommen und den Armen gegeben.

Quasi wie ein deutscher Robin Hood.

Genau! Der zweite Song ‚Roter Stern‘ ist dagegen unsere Liebeserklärung an Russland und die russische Mentalität. Wir singen da unter anderem: ‚…Verschenken selbst das letzte Hemd; Und teilen alles in der Not‘. Auch hier geht es wieder um das Hauptthema.

Woher kommt eure große Liebe zu Russland?

Wir fahren ja praktisch jedes Jahr auf Tournee nach Russland, das für uns nach Deutschland tatsächlich der zweitgrößte Markt ist. Anders als die meisten deutschen Bands spielen wir aber eben nicht nur in St. Petersburg und Moskau, sondern flächendeckend. Dieses Jahr im September nehmen wir sogar noch Weißrussland mit. Für viele Russen bzw. Osteuropäer ist es oft schwierig, mit dem geringen Einkommen für ein Konzert einfach mal nach Moskau zu fahren. Wir sind eine Band, die ganz genau darauf schaut, dass der preisliche Rahmen in Russland nicht gesprengt wird. Und die Dankbarkeit der Fans schlägt uns immer wieder entgegen. In Moskau spielen wir zum Beispiel vor 4.000 Leuten. Das ist für eine deutsche Band schon extrem beachtlich.

Sehr viele russische Fans sind zudem Studenten, die Deutsch lernen und aus deswegen gerne In Extremo hören. Wegen dieser großen Bindung haben wir auch mit dem Original-Kosakenchor aus Moskau zusammengearbeitet, der zwei Songs veredelt hat: Einmal Track Nr. 10, übersetzt ‚Schwarzer Rabe‘, also quasi der russische Sensenmann, und dann der erwähnte Track Nr. 2 ‚Roter Stern‘.

Es macht euch also auch nach all den erfolgreichen Jahren nichts aus, in kleineren Schuppen zu spielen?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Zum Veröffentlichungstermin der Platte machen wir eine Club-Tour, wo wir ganz absichtlich in kleine Clubs gehen. Das ist auch ein schönes Beispiel für das Motto des Albums: Wir können uns vor kleinem Publikum nach der langen Produktionszeit wieder warm spielen und gleichzeitig geben wir den Fans die Möglichkeit, ganz nah an uns heranzukommen, unseren Schweiß zu riechen und mitten dabei zu sein.

Welche Songs sind denn noch auf das Thema zugeschnitten?

Am Ende des Albums kommen wir zum Song ‚Sternhagelvoll‘. Man stelle sich Männer vor, die in der Kneipe sitzen, sich gegenseitig einen ausgeben und sich ihre Geschichten erzählen. Auch hier ein Geben und Nehmen. Das alltägliche Leben ist einfach ein Quid Pro Quo.

Da habt ihr auf jeden Fall den Nerv der Zeit getroffen. Welche persönlichen Ereignisse oder in der Welt oder haben euch denn hier besonders beeinflusst?

Bei mir war es eher etwas Persönliches. Das geht über den Vertrauensbruch durch den VW-Skandal, wegen dem ich mein Auto mittlerweile lieber zu kleinen Werkstätten bringe, bis hin zu meinem Mobilfunkanbieter, bei dem ich einfach keinen vertrauenswürdigen Ansprechpartner mehr habe. Da bekam ich irgendwann eine riesen Rechnung über Dienstleistungen, die ich nie wahrgenommen hatte. Und da kommt mir auf gut Deutsch einfach das Kotzen, weil man für blöd gehalten wird. Und das passiert überall. Aber ich lass mich nicht anlügen, vor allem nicht von denen, die nur scharf sind auf meine Kohle. ‚Quid Pro Quo‘ ist sozusagen auch meine Antwort auf solche Unverschämtheiten.



Der Song ‚Pikse Palve‘ erinnert stark an eure Anfangszeiten. Gab es eine Rückbesinnung auf die mittelalterlichen Klänge, die in den letzten Alben ein wenig in den Hintergrund getreten sind?

In Extremo ist meiner Meinung nach soweit gekommen, weil sie immer eine authentische Band war. Die mittelalterlichen Klänge gehören natürlich dazu. Die damalige Zeit, der Dreck, die Kälte, die Ängste und Krankheiten – all das steckt auch in unseren Instrumenten und in unserem Sound. Auf dem neuen Album ist es uns, glaube ich, sehr gut gelungen, die Quintessenz unseres Erfolges zu bündeln.

Auffällig ist ja auch die enorm hohe Anzahl von großartigen Gastauftritten bei den neuen Songs. Neben dem erwähnte Kosaken-Chor sind ja auch u.a. Blind‑Guardian-Sänger Hansi Kürsch sowie Marcus ‚Molle‘ Bischoff und Alexander ‚Ali‘ Dietz von Heaven Shall Burn dabei. Wie kamen die Kontakte zustande?

Wenn wir uns entschieden haben, dass bei einem Song ein Gastbeitrag gut passen würde, gehen natürlich die Freundschaften vor. Wir machen gemeinsam Musik auf Augenhöhe, ohne Zwänge, die einem irgendwelche Verträge der Musikindustrie aufdrücken. Mit den Jungs von Heaven Shall Burn, die uns beim Song ‚Flaschenteufel‘ unterstützen, sind beispielsweise mittlerweile echte Männerfreundschaften entstanden.

Bis man euch dann auf Festivals und Konzerten sehen kann, gibt es ja einige neue Videos von euch.

Richtig. Unser erstes zu ‚Sternhagelvoll‘ ist schon abgedreht. Es ist ein sehr launiges Trinkvideo, das wir in einer wunderschönen alten Kneipe in Berlin-Schöneberg mit einer 360-Grad-Kamera gedreht haben. Jeder kann also das Video aus immer neuen Perspektiven anschauen. Das Video zu Störtebeker kommt dann auch bald raus. Wir wollten das nicht so offensichtlich maritim drehen. Daher geht das Ganze eher in Richtung ‚Der Pate‘.

Eure Musik lebt ja von den mittelalterlichen Einflüssen. Beobachtet ihr denn auch gezielt den öffentlichen Geschichtsboom, den wir erleben? Den Trend zur Living History usw.?

Natürlich. Interessant ist ja auch, dass gerade in den Anfangsjahren viele Kritiker uns und unsere Musik immer wieder für tot erklärt haben. Aber es gibt uns immer noch nach 21 Jahren und das spricht ja auch für das große Interesse der Fans an der mittelalterlichen Geschichte. Das Schöne in Europa ist ja, dass die Geschichte allgegenwärtig ist. Erzähl mal einem Ami, dass wir in einer 700 Jahre alten Burg spielen – davon kann der nicht mal träumen.

Kannst du dir vorstellen, warum gerade jetzt dieser Geschichtsboom so groß ist?

Naja erstens weil es natürlich Spaß macht, sich mit der Historie zu beschäftigen, zu schauen, wo unsere kulturellen Wurzeln sind. Es hat eben auch seinen Reiz, das zu hinterfragen, was wir aus Filmen und Mythen kennen.

Wollt ihr euch damit auch explizit gegen die plakative Dämonisierung des ‚dunklen‘ Mittelalters stellen?

Auf jeden Fall. Viele Leute wissen ja nicht, dass es damals in unseren Breitengraden bis zu 1,7 Grad wärmer war. Das klingt nicht viel, hatte aber starke Auswirkungen beispielsweise auf den Ackerbau. Obwohl es natürlich nicht so dunkel war, wie es oft vermittelt wird, würde ich mich trotzdem nicht ins Mittelalter beamen wollen, ganz klar. Aber es kann nicht schaden, wenn man schaut, wo man herkommt.

Ein schönes Schlussplädoyer. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jakob Saß.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.