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I Forget Where We Were

Was tut ein Newcomer, der ein einschlagendes Debütalbum rausgebracht hat? So schnell wie möglich – auf Druck der Musikkonzerne hin – eine zweite Platte rausbringen, solange der Hype um einen noch anhält. Und diese ist dann in der Regel kommerzieller als beim ersten Mal produziert. In der Regel. Eben diese Formulierung existiert nur dank solcher genialer, unverformbarer Künstler wie Ben Howard. Denn statt nach seinem Glanzstück ‚Every Kingdom‘ erwartungsgemäß noch eine Schippe Pop drauf zulegen, schaltet er mit ‚I Forget Where We Were‘ eher einen Gang zurück und widmet sich einer düsteren Seite, die wir bislang von ihm nicht kannten. Nun erscheint der Vorgänger eher wie eine poppige Antwort auf seine neue Perle, und irgendwie hätte die verdrehte Reihenfolge der Veröffentlichungen Musikmarkt-technisch mehr Sinn ergeben. Nicht so für Ben Howard, der in seiner Musik einfach macht, was er will. Genau dieses entscheidende Element des Songwritings merkt man jedem seiner zehn Titel an.

Bereits mit seinem im Trailer benutzten Opener ‚Small Things‘ erzeugt er mit viel Hall und Delay in der wimmernden Gitarre eine enorme mysteriöse Spannung. Trotz geringer instrumentaler Besetzung schafft sein unverwechselbarer Sound ein Volumen, welches sofort ganze Stadien füllt. Auch ‚Rivers In Your Mouth‘, das vom Tempo und Strumming stark an ‚Keep Your Head Up‘ erinnert, klingt im Vergleich dazu betrübter. Dennoch hat man auch hier das Gefühl, als würde man in kaltes Wasser springen und komplett abtauchen. Was noch charakteristischer für ‚Every Kingdom‘ war. Auch ist es kein Zufall, dass dessen Cover einen Mann – vielleicht auch unseren Ben – in einem See tauchend zeigt, über ihm das Sonnenlicht schimmernd. Nicht wie jetzt, wo eine schwarz-weiße Silhouette des Mannes aus London die Hülle prägt und thematisch diese etwas farblosere, trostlosere Welt von ‚I Forget Where We Were‘ stimmig aufgreift.

Nachdem er dann in ‚In Dreams‘ seine einzigartigen virtuosen Fähigkeiten offenbart, bei denen technisch höchstens ein John Butler mithalten kann, kommt an Stelle sieben eines der Highlights des Albums: nur mit zarter Gitarre begleitet beginnt das knapp achtminütige ‚End Of The Affair‘ als ruhigster aller zehn Songs, ehe er den Hörer nach der Hälfte aus seinem Trance ähnlichem Dämmerzustand auf einmal mit ratterndem Drumbeat und geslapt klingender E-Gitarre in eine neue, sich viel zu schnell drehende Welt weckt. Auch der Gesang verändert sich vom verträumten Spiel mit geschlossenen Augen zu einem zornigen Fluchen (

‚This is it?

[…]

What the hell love‘

).

Und obwohl Ben Howard schon so einen Hammer liefert, ist der beste Song von ‚I Forget Where We Were‘ der gleichnamige Titel. Schon lange gab es keine so schöne, zu Herzen gehende Akustik-Pop-Ballade. Mit anfangs reduzierten Mitteln, aber einer bewegenden Melodie rührt diese Nummer wirklich zu Tränen. Die emotionale Wucht wird im Nachhinein von verspielten, aber nicht überladenen Tom-Drums, mehreren Gitarren und einer sich aufbrausenden Bridge mit angenehm [i]nicht [/i]hervorstechendem Solo komplettiert.

Der momentan beste Singer Songwriter öffnete somit erneut seine Pforten. Statt eines naturverbundenen Abtauchens gibt es diesmal ein Versinken in eine nächtliche Melancholie. Jeder, der Ben Howard schon mal live erlebt hat, weiß, wie einfach es ist, in seiner Musik unterzugehen. Es ist wie ein akustisches Kissen, das dich weich von Song zu Song trägt. So auch hier, vor allem in intimen Momenten, wenn man ‚I Forget Where We Were‘ fast schon introvertiert genießt. Es ist nach ‚Stadtrandlichter‘ von Clueso bereits das zweite packende Nachtalbum innerhalb kurzer Zeit. Und zum Glück werden die Nächte immer länger.

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