FKA twigs und der Ernst des Handwerks

Köln, Bürgerhaus Stollwerck, Freitagabend, kurz nach 22 Uhr. Tahliah Barnett, besser bekannt als FKA twigs, wusste genau Bescheid, was zu tun war. Mehr als eine Stunde lang hatte ein DJ Bühne und Saal warmgespielt; Nebel war reichlich vorhanden und nur wenige Handgriffe vonnöten, der Sängerin das Gedeck zu richten. Zwischen übergroßen, auf Stäben montierten Glühbirnen und umrahmt von einer dreiköpfigen Band legt sie eine Vorstellung hin, die das Erleben ihrer Musik um mindestens eine Dimension erweitert.

Der überdrehte Jubel, mit dem das Kölner Publikum die 26-Jährige empfing, wäre einem Weltstar würdig gewesen. Nun ist FKA twigs zwar (noch) keine große Hausnummer. Vermutlich aber werden sich in ein paar Jahren noch viele daran zurückerinnern, wie sie die unsicheren ersten Schritte der Ausnahmemusikerin in einer kleinen Halle aus nächster Nähe mitverfolgten.

FKA twigs wurde an diesem Abend integraler Bestandteil eines mit allen Wassern gewaschenen, licht- und soundtechnisch hochprofessionellen Konzertkonzepts, das der Überladung fernblieb, allerdings immer wieder ein gewisses Gefälle offenbarte. Mit den aufgerissenen Kulleraugen eines Rehs im Scheinwerferlicht blickt das puppenhafte Persönchen in die sich bis dicht an den Bühnenrand drängende, allenthalben Smartphones zückende Publikumsmenge. Konzentriert hält sie ihr Mikrofon in ledernen Halbfingerhandschuhen, tanzt und nutzt dabei die ganze unbestellte Breite der Bühne wie auch den dunklen Vibe der saftigen Bass-Pfützen. Doch nicht immer sind ihre Bewegungen so fließend, als kämen sie aus ihrem Inneren. Vielmehr wirkt es oft, als flüchte sich die junge Künstlerin in einstudierte Abfolgen von Moves, um die hypnotische Wirkung ihres Neo-TripHops aufrecht zu erhalten. Um – so schizophren das auch klingen mag – ihrer Musik nicht im Wege zu stehen.

Demgemäß spielen sich die eindrucksvollsten Szenen des Abends im Zwielicht der Überblenden, Intros und Outros der einzelnen Stücke ab – wenn der nächste Applaus nur einen Atemzug entfernt liegt und die Frau des Abends letztmalig artistisch Richtung Bühnenboden abtaucht, um sich dort abermals zu verbiegen. Wenn für einen kurzen Moment das Licht ausgeht und der Druck des Stückes von FKA twigs abfällt wie ein Kettenhemd.

‚When I trust you we can do it with the lights on‘

, wiederholt sie manisch. In erster Linie der Refrain von ‚Lights On‘, vielleicht aber auch ein wenig mehr?

FKA twigs lächelt nicht, ist aber immer dann in ihrem Element, wenn der Rhythmus sich versprengt, verschleppt oder unvermittelt ganz ausbleibt. Die mechanische Choreografie zu ‚Water Me‘ lässt ihre Gelenke reihenweise zum Schein knacken, bei ‚How’s That‘ lässt Tahliah Barnett das Ploppen einer jeden platzenden synthetischen Seifenblase durch ihren Körper fahren, um sich allzu bald wieder von der rettenden Dunkelheit und der einhergehenden Stille zwischen den Stücken verschlucken zu lassen. So wie ihr erstes Album ein Tauziehen zwischen Stärke und Schwäche verklanglicht, so janusgesichtig setzt sich die Musikerin auch live in Szene, ob nun planmäßig oder unfreiwillig. Ihre schwarze Leder/Schleier-Kombo jedenfalls scheint dem Zwiespalt Nachdruck verleihen zu wollen.

Untergeben, aber in lässiger Körperhaltung verzögern, verdichten oder verstreuen die weiß gekleideten Live-Musiker den Beat. Alle drei bedienen in abgestimmter Unabgestimmtheit einen Satz Digitaldrums; einer wechselt nach Bedarf an Gitarre oder Bass, wagt zu ‚Video Girl‘ gar einen rollenspielhaften Engtanz mit der Sängerin. Noch immer leisten die Lichttechniker Maßarbeit. Mit ‚Papi Pacify‘ und ‚Two Weeks‘ stehen zwei letzte Stücke auf dem Programm, die nochmal alle Energie des Konzertabends bündeln sollen. Das Publikum wirft sich ihnen förmlich entgegen, FKA twigs absolviert mehr, als dass sie zelebriert – das erledigen die Konzertgäste derweil ganz vorzüglich -, und lässt doch zum Tadel keinen Raum. Alles gut gegangen, ‚LP1‘ würdig auf die Planken gebracht, Diskographie ausgeschöpft, Ziel erreicht. Livemusik ist Handwerk.

So ist es auch nicht weiter verwunderlich, als die vier Musiker ohne salbungsvolle Abschiedsgesten zugabenlos in den Katakomben verschwinden. Die Saalbeleuchtung tut ihr Übriges. Als hätten alle Beteiligten genau gewusst, dass keine Frage offen bleiben würde.

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