ELEMENTS OF ROCK 2018: Familientreffen zum Geburtstag

Es dürfte eines der sympathischsten Indoor-Rock-Festivals der Schweiz sein: Das in diesem Jahr zum fünfzehnten Mal steigende Elements of Rock in Uster im Kanton Zürich. Jedes Frühjahr trifft sich eine besonders eingeschworene Clique von Langhaar- und Iro-Trägern aus ganz Europa in dem beschaulichen Schweizer Städtchen. Dann sind zwei Tage drei Dinge angesagt: Eine warme Atmosphäre, jede Menge internationale Bands der christlichen Rockmusikszene und ein unverkrampfter, authentischer Umgang mit dem Gott der Bibel, der hier mit Stromgitarren gelobt wird.

Die junge Metalcore-Truppe Before We Get Buried aus Österreich hat am späten Freitagnachmittag die nicht ganz einfache Aufgabe, das Festival zu eröffnen. Die Songs bieten gewohnte Genre-Kost mit den typischen Markenzeichen des Genres, inklusive energiegeladener Präsentation. Der Gesagng verteilt sich bei manchen Songs auf drei Sänger – und vor allem dann merkt man den Jungs an, daß sie noch am Beginn ihres Schaffens stehen. Doch was den Herren an Erfahrung, Routine und Coolness fehlt, machen sich mit Bodenständigkeit, Begeisterung und Power wett. Das erste Album ist aktuell in der Mache und vor allem „Core-Freunde“ dürfen gespannt sein auf eine neue Band in der kleinen Szene.

Das Prog-Metal-Quintett S91 aus der Toskana bietet anschliessend klassischen Prog-Metal mit Keyboard und frickeligen Gitarrensoli. Die Frontfrau Maria hat eine kräftige Stimme und auch sonst gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund, die Truppe nicht zu mögen. Das Publikum klatscht höflich, doch so richtiggehend will der Funke nicht überspringen. Zu elaboriert sind die Songs, ohne seine Hörer wirklich zu packen. Eher im Mitdtempo-Bereich und mit melancholischem Touch präsentiert, fehlt den Songs etwas der Fokus sowie Eingängigkeit und Pep, um beim Festivalpublikum frenetische Begeisterung auzszulösen. So bleibt ein solider, engagierter Auftritt, der freundlich beklatscht wird.

Nach dem Auftritt im letzten Herbst auf dem „befreundeten“ Festival Blast of Eternity (wir berichteten) ist Death Therapy aka Jason Wisdom gemeinsam mit seinem Schlagzeuger nun auf der größeren Bühne des EoR zu sehen. Und die metaphorischen Schuhe sind dem rotblonden Bartträger, der vor allem wegen seiner Mitgliedschaft bei den nicht mehr existierenden Becoming the Archetype bekannt ist, nicht zu groß. Man merkt dem Mann seine Erfahrung an, der Sound ist exzellent (weniger ist offenbar mehr) und die sympathischen Ansagen zwischendurch kommen ernsthaft aber dennoch locker und ungekünstelt rüber. Leider hat das Industrial-Duo erst ein Album am Gürtel, weshalb der Auftritt verhältnismässig kurz ausfällt. Doch das Publikum feiert das US-Duo, das den ersten richtigen Höhepunkt des Abends darstellt, richtiggehend ab und ist nicht bereit, den Abschied ohne lautstarke Rufe nach einem weiteren Song zu akzeptieren. Kein Wunder: Es ist unglaublich, mit wieviel Energie und Bühnenpräsenz Death Therapy ihren Auftritt absolvieren. Wisdom wirbelt hüpfend über die Bühne und lässt seine Growls dabei genauso rumpeln wie seinen Bass. Neben zwei Zugaben gibt es von Jason Wisdom noch eine dankbar-begeisterte Ansage über die lebendige Metalszene in Europa, der es in der amerikanischen Heimat abseits vom Mainstream sehr schwer habe.

Doom- und Thrashmetal miteinander zu kombinieren ist sicherlich keine völlige Neuerfindung, aber zumindest eine exotische Mischung, die den Schreiber dieser Zeilen zunächst eher skeptisch machte. Doch die clevere Art und Weise, wie die drei Alten Hasen von Adorned Graves aus Kaiserslautern ihre Songs arrangieren, sorgt dann überraschenderweise für ein Fazit daß dieser Skepsis absolut keine Berechtigung mehr gibt. Seit 1993 machen drei der vier Jungs gemeinsam Musik, im letzten Jahr hat man endlich das gelungene Debüt-Album auf die Beine gestellt. WENN man die beiden Stile miteinander kombinieren will, dann GENAU so. Die schleppend-langsamen Riffs sind meist nur die Grundlage oder der Ausgangspunkt für geschickt platzierte Tempowechsel bzw-steigerungen. Dann schaltet die Band ein paar Gänge hoch um Thrash-Metal-Vollgas zu geben. Die so entstehende Dynamik ist sehr cool, zudem kommt die Band bodenständig und auf gute Art und Weise routiniert rüber – ein weiterer, echter Höhepunkt des Festivals! Den Freitag beschliesst die regionale Nachwuchsband Unity zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Besucher die Halle schon verlassen, die jungen Zürcher Oberländer machten dennoch einen guten Job.

Nach einem soliden Einstieg am Freitag begann der zweite Tag des EoR 2018 bei strahlendem Frühlingssonnenschein. Der naheliegende Park wurde am frühen Nachmittag noch ausgiebig konsultiert, es sollen sogar grillende Metaller gesichtet worden sein. Los ging’s dann um 16.30 Uhr mit Post-Hardcore von In Oceans Deep, die für einen Opener eines kleinen Festivals ein wahres Brett ablieferten und kurz nach dem Startschuss erneut heftiges Tanzen und Hüpfen in den vorderen Reihen des Publikums provozierte.

Skald in Veum sind eine noch recht neue, jedoch keineswegs unerfahrene Unblack Metal Band aus Schweden. Ihre Identität verbergen die Musiker hinter Alias-Namen, Corpsepaint, Kapuzen und Gesichtsmasken. Die Gerüchteküche sagt, die fünf Schwarzen Gestalten kämen aus dem Umfeld von Pantokrator und Crimson Moonlight, was die Routine und Professionalität von Kompositionen und Gesang erklären würde und auch ansonsten nahe liegt. Die Metalszene mit christlichem Background ist schließlich weltweit eine kleine Subkultur. Letzlich ist es egal und ein bisschen Geheimniskrämerei ja auch legitim, vor allem, wenn das Gesamtpaket so überzeugen kann – und das tut es absolut. Gemeinsam mit dem Nebel, dem dunklen Licht und den schwarzen Silhouetten entstand auch die absolut passende Stimmung. Der ultrafette Live-Sound und die Bühnenpräsenz des Quintetts sorgten jedenfalls von Beginn an für offene Münder, die bereits beim Soundcheck zu erahnen waren. Das hier ist roher, hammerharter Black Metal im Stil von Marduk oder Dark Funeral und eine Band, die man definitiv im Auge behalten sollte.

Marhold aus Bern waren mit ihrem progressiven Metal bereits 2014 zu Gast beim Festival – und seither hat das junge Quartett um Sängerin und Violinistin Alexandra nochmals spür- und hörbar verbessert. Auf den ersten Blick ist natürlich die Geige das, was die Band vom Durchschnitt abhebt. Aber beim genaueren Hinhören gefallen auch die anspruchsvollen und vielseitigen Kompositionen sehr. Nach 4 EP’s ist endlich auch das erste Album in Arbeit, das schon sehr bald erscheinen soll. Within Silence aus der Slowakei mit Plattenvertrag bei Ulterium Records spielen Powermetal mit folkigem Einschlag und verbreiteten mit Power jede Menge gute Laune. Frontmann Martin Klein begeisterte mit seinem imposanten Stimmunmfang, die den klassisch-melodischen Metal unter grossen Applaus in hellem Licht erstrahlen liess.

Dann war es bereits Zeit für den Headliner Project 86, der vermutlich kommerziell erfolgreichsten Band des diesjährigen Festivals. Über 20 Jahre Bandgeschichte, zehn Studioalben und Plattenverträge bei Major-Labels haben die Kalifornier um Gründungsmitglied Aaron Schwab am Gürtel – wahrlich beeindruckend für eine Band der „christlichen Szene“. Der Sound irgendwo zwischen Alternative Metal, Post-Hardcore und Heavy Rock, hochenergetisch präsentiert und mal dreckig, mal massentauglich macht jede Menge Laune, auch wenn er den Geschmack des typischen Kutten-Metalheads wohl nur bedingt trifft. Als Co-Headliner standen dann einmal mehr die schwedischen Todesknüppler von Pantokrator auf der Bühne des Stadthofsaals, zum inzwischen vierten Mal in der Geschichte des Elements of Rock. Da kann wohl von einer Art Dauer-Freundschaft gesprochen werden und genau das brachte Sänger Karl Walfridson zu Beginn des Auftritts auch herzlich zum Ausdruck. Die anwesende Fangemeinde der Band war beachtlich und der Auftritt der Schweden wie immer gewaltig. Das letzte Album „Incarnate“ hat auch schon wieder 4 Jahre auf dem Buckel – aber keine Sorge. Auch Pantokrator feilen eifrig am Nachfolger.

Mit einem fetten Ausrufezeichen schlossen dann die Dänen von Unseen Faith das Festival mit progressivem Deathcore ab. Zu so später Stunde noch so fette Screams und heftige Riffs, was für ein Schlusspunkt! Wieder einmal war zwei Tage stilistisch für jeden was dabei – dem Booking-Team des EoR sei an dieser Stelle ausdrücklich zum wiederholten Mal für die Treffsicherheit bei der Bandauswahl gedankt. So viele Höhepunkte (mit Skald in Veum, Adorned Graves, Death Therapy und Pantokrator seien nur die offensichtlichsten genannt) an einem so kleinen, nicht-kommerziellen Festival zu vereinen verdient absoluten Respekt. Ebenso die Herzlichkeit des gesamten Festivalteams, egal ob beim Ausschank, der Security oder der Technik. Das EoR ist der perfekte Beweis, dass Metaller wahrhaftige eine länderübergreifende Familie sind!

Fotos mit freundlicher Erlaubnis von Michael Bolli.

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