R.E.M.

Automatic For The People – 25th Anniversary Edition

„Automatic For The People“ ist eines der Alben, das die Musikwelt in den 1990ern so richtig gnadenlos mitgeprägt hat. Man könnte gar argumentieren, außer Nirvanas „Nevermind“ habe es in der entsprechenden Phase kein ähnlich relevantes Album gegeben. Die beiden Scheiben veränderten sowohl Mainstream als auch Underground nachhaltig und sorgten dafür, daß selbst sogenannte „Classic Rock“-Bands heute nicht ohne schwere Einflüsse aus dem Alternative Rock auskommen.

Dabei könnten die beiden Scheiben musikalisch nicht unterschiedlicher sein. Wo Nirvana mit ihrem zweiten Album jugendliche Punk-Rebellion in MTV-taugliche Hymnen gossen, begingen R.E.M. mit ihrem achten Album eine höchst melancholische Nabelschau und beschäftigten sich mit Themen wie Sterblichkeit und Vergänglichkeit. Wie schon Pete Townshend stellten sich auch R.E.M. anläßlich ihrer dreißigsten Geburtstage die Frage nach ihrem Platz im Ganzen – und im Gegensatz zu „The Who Sell Out“ traf „Automatic For The People“ exakt den Nerv der Generation, die für den Grunge-Nihilismus schon zu alt, aber für die Nostalgietouren der Eagles (als Beispiel) noch zu jung war. Es mag bis heute niemand verstanden haben, um was es in ‚The Sidewinder Sleeps Tonight‘ geht, doch andere Songs wie ‚Everybody Hurts‘ oder ‚Nightswimming‘ sind nach wie vor perfekte Beispiele für Songs, die sich klar an ein nicht mehr ganz jugendliches Publikum richten und dennoch so intensiv und relevant tönen wie, sagen wir, ‚God Save The Queen‘, ‚Twist And Shout‘, ‚Smells Like Teen Spirit‘ oder, ähem, ‚Sexy And I Know It‘ zu ihrer Zeit. Da Menschen – suspekterweise! – im Schnitt alle eher älter als jünger werden, hat „Automatic For The People“ einen großen Vorteil gegenüber den Teen-Hymnen. Früher oder später kommen wir nämlich alle an den Punkt, an dem wir uns nicht mehr im aktuellen Radioprogramm wiedererkennen – und dann warten Alben wie „Blood On The Tracks“, „Together Alone“ oder eben das Vorliegende auf ihre Entdeckung.

Aber jenseits seiner historischen Bedeutung ist „Automatic For The People“ natürlich auch einfach eine klasse Scheibe. Der von Akustikgitarren dominierte Sound schließt an den Vorgänger „Out Of Time“ an, doch statt Popsongs wie ‚Shiny Happy People‘ und ‚Near Wild Heaven‘ macht man hier eher dort weiter, wo man mit ‚Country Feedback‘ begonnen hat: mehr Atmosphäre und Mut zum Experiment. Die folkbeeinflusste, laute Rockband, die man von 1981 bis 1987 war, ist freilich hier nicht mehr wahrzunehmen. Dennoch gelingen der Band sowohl Pophits wie ‚Man On The Moon‘ als auch Experimentelles wie ‚Star Me Kitten‘ mit einer dem düsteren Thema trotzenden spielerischen Leichtigkeit, so daß – natürlich! – auch MTV und Mainstream-Radio die Singleauskoppelungen des Albums aufsaugten und einem Publikum schmackhaft machte, daß per Plan überhaupt nicht Zielgruppe war. Als Bonus gibt es in der „25th Anniversary Edition“ ein ausklappbares Poster, ein erweitertes Booklet, drei Porträt-Fotokarten der Band – keine von Peter Buck! – und eine Extra-CD mit dem einzigen Livauftritt, den die Band 1992 gegeben hat. Der bietet neben einigen Songs von „Automatic“ und „Out Of Time“, die größtenteils hier erstmals live präsentiert wurden, auch ein paar ältere Songs wie ‚Begin The Begin‘ und die Debütsingle ‚Radio Free Europe‘ sowie Covers von ‚Love Is All Around‘ (The Troggs) und ‚Funtime‘ (Iggy Pop).

Unterm Strich: eine wertige Neuauflage eines großartigen Albums. Klarer Fall für den Weihnachts-Wunschzettel!

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